03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Kein anderes Team blieb auf amerikanischem Festland so lange ungeschlagen wie Purdue in der vergangenen Saison. Zwar kassierten die Boilermakers relativ früh zwei Niederlagen beim "Battle 4 Atlantis" auf den Bahamas, doch anschließend folgte eine sehr dominante Phase, in der das "andere Team aus Indiana" zwischenzeitlich wie das beste Team der NCAA aussah. Erst am 5. Februar gegen Ohio State erwischte es auch Purdue. Es folgte eine Schwächephase, die den Big Ten Titel kostete.

Ausgerechnet in der heißen Phase der Saison verletzte sich zudem Big Man Isaac Haas, Fixpunkt der Offense, unglücklich am Ellbogen und konnte nur mit Armschlinge zusehen, wie seine Boilermakers im Sweet Sixteen gegen Texas Tech ausschieden und so trotz 30 Siegen (neuer Bestwert der Schulhistorie) die antizipierte Final Four Teilnahme verpassten.

Abgänge
Vince Edwards (Wing, Starter, Graduation)
Isaac Haas (Big, Starter, Graduation)
Dakota Mathias (Guard, Starter, Graduation
PJ Thompson (Guard, Starter, Graduation)

Verbliebene
Ryan Cline (Wing, 6'6'', Senior)
Grady Eifert (Wing/Big, 6'6'', Senior)
Carsen Edwards (Guard, 6'1'', Junior)
Nojel Eastern (Guard, 6'6'', Sophomore)
Matt Haarms (Big, 7'2'', Sophomore)

Neulinge
Evan Boudreaux (Big, 6'8'', Junior)
Emmanuel Dowuona (Big, 6'10'', Freshman)
Eric Hunter Jr. (Guard, 6'3'', Freshman)
Sasha Stefanovic (Guard, 6'4'', Freshman)
Aaron Wheeler (Wing/Big, 6'9'', Freshman)
Trevion Williams (Big, 6'9'', Freshman)

Starter
Carsen Edwards, Ryan Cline, Nojel Eastern, Evan Boudreaux, Matt Haarms

Schon in der letzten Spielzeit war Carsen Edwards der Topscorer einer der besten Offensiven des Landes mit 18,5 Punkten pro Spiel. Viel wichtiger als dieser Wert war jedoch die Tatsache, dass Edwards immer dann das Heft des Handelns in die Hand nahm, wenn ein Spiel auf der Kippe stand und es einen Impuls zugunsten der Boilermakers brauchte.

Edwards ist ein ungemein bulliger Spieler, der zwar nicht sonderlich groß gewachsen ist, aber dennoch mit sehr viel Autorität in der Zone abschließt. Er absorbiert den Kontakt eines helfenden Bigs ungemein gut und ist dadurch in nahezu jeder Situation für ein Dreipunktespiel gut. Neben seinen Qualitäten als Slasher konnte Edwards in der vergangenen Saison einen sicheren Dreipunktewurf etablieren. Nach 49 Treffern bei einer Quote von 34 Prozent als Freshman verwandelte der Guard zuletzt 40,6 Prozent seiner Versuche bei fast verdoppelter Trefferzahl (97). Es wird kaum einen kompletteren Scorer in der kommenden NCAA Saison geben.

In einem letzten Schritt muss es Edwards jetzt noch gelingen, eine bessere Balance aus eigenem Abschluss und Auge für den Mitspieler zu finden. Edwards wird zwar nie ein Aufbauspieler sein, der in jedem Spiel mindestens ein halbes Dutzend Assists einheimst und als Floor General auftritt. Allerdings wäre es hin und wieder einfach sinnvoll, mal den Kickoutpass zu spielen, da er meist sogar drei Verteidiger auf sich zieht und die Schützen entlang der Dreierlinie komplett freistehen.

Mit Ryan Cline steht ein typischer Matt-Painter-Flügelspieler an der Seite von Edwards. Der Senior ist ein exzellenter Schütze, der gerade aus indirekten Blöcken heraus dank guter Fußarbeit immer brandgefährlich ist.

Nojel Eastern ist der vielleicht vielseitigste Akteur des Kaders. Knapp zwei Meter groß, kann Eastern den Ballvortrag übernehmen oder im Halbfeld seinen dynamischen ersten Schritt beim Drive präsentieren. Der größte Handlungsbedarf beim Point Forward besteht beim Wurf (drei von neun Dreiern in 2017/18), der ihn am ganz großen Durchbruch hindern könnte.

Evan Boudreaux setzte in der letzten Saison gemäß der NCAA Regularien als Transfer aus. Der ehemalige Dartmouth Topscorer legte in seinen ersten beiden Collegejahren jeweils über 17 Punkte und neun Rebounds pro Spiel auf. Zwar ist das Niveau in der Big Ten deutlich höher als in der Ivy League, allerdings baut die Fanbase in West Lafayette darauf, dass Boudreaux wieder ähnlich produktiv in der kommenden Saison unterwegs sein wird.

Zumindest offensiv wird Boudreaux Verantwortung übernehmen müssen. Dank seines Stretch Potenzials ergänzt er sich mit Frontcourt Partner Matt Haarms. Der Niederländer wird nach einer soliden Freshmansaison nun deutlich mehr Minuten sehen. Hierbei wird ihm der Balanceakt gelingen müssen, auf der einen Seite weiterhin so aggressiv den eigenen Korb zu schützen (fünf Blocks pro Spiel auf 40 Minuten hochgerechnet) und dabei zugleich sein Foulkonto sparsamer zu belasten (5,9 Fouls pro Spiel auf 40 Minuten).

Bank
Angesichts der Tatsache, dass Purdue in der Ära von Matt Painter schon immer von der Insidedominanz der Bigs geprägt war und Starter Haarms anfällig für Foulprobleme ist, sollten gerade die jungen Big Men auf der Bank in Habachtstellung verharren.

Mit besonderer Spannung darf die Premierensaison von Trevion Williams erwartet werden. Die oberflächlichen Parallelen zu Caleb Swanigan sind verblüffend. Beide waren während ihrer Highschool Zeit Double-Double-Maschinen mit unzähligen 20-20-Spielen, hatten aber auch mit starkem Übergewicht zu kämpfen. Beide besitzen aber nicht nur in der Zone Gefahrenpotential, sondern sind auch (im Falle von Williams in mittelfristiger Zukunft) entlang der Dreierlinie nicht zu vernachlässigen. Und scheinbar verbindet beide auch ein ähnlich hoher Arbeitsethos, traut man den Aussagen aus dem Lager der Boilermakers, nach denen Williams in den vergangenen Monaten bereits fast 20 Kilogramm abgespeckt hat.

Neben Williams ist Emmanuel Dowuona der zweite Freshman Big, der direkt zu Beginn seiner Karriere regelmäßig Minuten sehen wird. Er ist ein typischer Painter Big Man: Physisch imposant, reboundstark und mit Vorliebe für heiße Duelle in der Zone ausgestattet.

Auf den Flügelpositionen sticht zunächst Redshirt Freshman Aaron Wheeler ins Auge, der mit seiner Größe (6'9'') über viel Athletik verfügt und vielleicht mal wie Vince Edwards als Tweener auf der Vier für Probleme beim Gegner sorgt. Bis Edwards und er in einem Atemzug genannt werden sollten, muss Wheeler aber noch sehr viel Arbeit in seinen Wurf und weitere grundlegende Skills investieren.

Auf den Guard Positionen bringen Eric Hunter Jr. und Sasha Stefanovic jede Menge Firepower mit. Hunter ist dabei auch durchaus vielseitig als Scorer veranlagt, wird aber sicherlich auch Aufgaben im Spielaufbau übernehmen müssen, wann immer Edwards und Eastern gemeinsam auf der Bank sitzen. Hier wird der Freshman sicherlich noch nicht die nötige Ruhe ausstrahlen, die die Boilermakers in der vergangenen Saison besaßen.

Redshirt Freshman Stefanovic ist da schon eher ein reiner Shooter, der sich um Screens schlängeln und anschließend blitzschnell abdrücken soll.

Pros
Carsen Edwards hätte wahrscheinlich schon im diesjährigen Draft Chancen gehabt, zumindest in der zweiten Runde gedraftet zu werden. Eine dominante Junior Saison und ein insgesamt schwächer einzuschätzender Draft in 2019 könnten dafür sorgen, dass Edwards sich eine bessere Position erarbeitet. Als Scoring Guard mit Athletik, Shooting und Kreativität wird er seine Rolle in der NBA finden können.

Abseits von Edwards gibt es wenige Spieler, die bereits im kommenden Jahr in der NBA oder in Europa landen könnten. Mittelfristig sind Spieler wie Nojel Eastern (dafür muss der Wurf kommen), Matt Haarms (Physis) oder vielleicht auch Trevion Williams auf dem Radar der Talentspäher.

Coaching
Nach zwei aufeinanderfolgenden Jahren ohne Tournament Teilnahme stand Painter 2014 zumindest bei manchen Medien und Kritikern zur Disposition. Diese Stimmen haben sich in Wohlgefallen aufgelöst. 30 Siege in der vergangenen Saison und zwei Sweet Sixteen Teilnahmen in Serie lesen sich nicht schlecht.

Painters Grundüberzeugung ist es, eine gute Balance zwischen Inside- und Outsidespiel zu haben. Indirekte Blöcke, Misdirection, Screen-the-Screener und Handoffs werden in atemberaubender Frequenz aneinandergereiht. Kein anderes NCAA Team hat so ein ausgefeiltes Playbook, das derartig präzise auf bestimmte Optionen pocht und dafür sorgt, dass die Purdue Bigs ihre körperlich meist unterlegenen Gegner in perfekter Position abfrühstücken. Zugleich enthalten die Spielzüge viele Ausstiege für Schützen.

Die Kunst für Painter wird in diesem Jahr aber wohl vor allem darin liegen, sich ein wenig aus der Klammer der Systemstarre zu befreien und sich die Qualitäten von Edwards zu Nutze zu machen. Dieser muss de facto in jedem Angriff derjenige sein, welcher die entscheidende Aktion zum Abschluss einleitet oder gar selbst abschließt.

Best Case
Carsen Edwards erfüllt die exorbitant hohen Erwartungen an ihn persönlich und kann Purdue soweit tragen, dass auch der Teamerfolg eine Auszeichnung zum "Naismith Player of the Year" rechtfertigt (Trae Young kann ein Lied davon singen). Die Bigs lassen sich ihre Unerfahrenheit nicht anmerken, nutzen dafür aber ihre Unbekümmertheit, um ihre Gegenspieler zu kontrollieren und die Zone zu ihrem Refugium zu erklären. Painter findet den richtigen Mix aus Systemen und Spread Pick & Roll für Edwards.

Das Tournament sollte in diesem Fall gesichert sein. Selbst ein erneuter Einzug ins Sweet Sixteen erscheint möglich, da Edwards einfach auch mal Spiele im Alleingang gewinnen kann.

Worst Case 
Edwards bekommt nicht die notwendige Unterstützung seiner Mitspieler, die einfach ihre offenen Würfe nicht treffen oder am Zonenrand reihenweise Abschlüsse liegen lassen. Gleichzeitig bleibt Painter sturr und lässt seine Mannen weiterhin System an System reihen, obwohl die Qualität der Rollenspieler in der Offensive dafür in diesem Jahr (noch) nicht gut genug ist. Die Bigs manövrieren sich des öfteren in Foulprobleme. Edwards merkt all das und probiert zu viel auf eigene Faust.

Die Big Ten ist dieses Jahr wieder deutlich stärker und ausgeglichener, weswegen das relativ junge Team sich keine Durchhänger leisten darf, soll die Tournament Teilnahme nicht in Gefahr geraten. Sich nur auf Edwards' Qualitäten zu verlassen, könnte nach hinten losgehen.