03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
"Ein junges Team, das einen guten ersten Eindruck hinterlässt" - so hätte John Caliparis Fazit nach den ersten zehn Saisonspielen sicher lauten können. Neun Siege sowie eine knappe Niederlage gegen Kansas war eine solide Zwischenbilanz für ein derartig junges Team. Calipari ist es mittlerweile gewohnt, so junge Teams in Empfang nehmen zu müssen und dabei nie genau zu wissen, was die Talente überhaupt können und wie schnell sie ihre Künste tatsächlich dann auch in sinnvolle Aktionen auf dem Court umsetzen. Insofern dürfte Calipari vom Start in die vergangene Saison wirklich angetan gewesen sein.

Allerdings folgte im Laufe der SEC Saison ein längerer Durchhänger und konstante Leistungen waren bis Anfang März dann auch eher Mangelware. Einen toughen, hart erkämpften 83:76-Sieg gegen West Virginia in Morgantown Ende Januar quittierten die jungen Wildkatzen mit einer Niederlagenserie von vier verlorenen Matchups zu Beginn des Februars. 26 Siege, eine 10-8 Bilanz in der wiedererstarkten SEC und die Tournament Teilnahme waren die Ausgangslage vor der heißen Phase der Saison. Im Big Dance traten die Wildcats als 5 Seed in einer ausgeglichenen Region an, sahen aber nach etlichen Favoritenstürzen am ersten Wochenende vor dem Sweet Sixteen Spiel wie der klare Final Four Anwärter im verbliebenen Bracket aus. Kansas State machte jedoch direkt einen Strich durch diese Rechnung und konnte sich dabei auch auf einen rabenschwarzen Tag PJ Washingtons von der Freiwurflinie verlassen (8/20).

Abgänge
Hamidou Diallo (Guard, Starter, Draft)
Wenyen Gabriel (Big, Starter, Draft)
Shai Gilgeous-Alexander (Guard, Starter, Draft)
Sasha Killeya-Jones (Big, Rotation, Transfer)
Kevin Knox (Wing, Starter, Draft)
Jarred Vanderbilt (Wing/Big, Teilzeit-Rotation, Draft)

Verbliebene
Quade Green (Guard, 6'0'', Sophomore)
Nick Richards (Big, 6'11'', Sophomore)
PJ Washington (Big, 6'8'', Sophomore)

Neulinge
Travis Reid (Big, 6'8'', Senior)
Jemarl Baker Jr. (Guard, 6'4'', Freshman)
Ashton Hagans (Guard, 6'3'', Freshman)
Tyler Herro (Wing, 6'5'', Freshman)
Keldon Johnson (Wing, 6'6'', Freshman)
EJ Montgomery (Big, 6'10'', Freshman)
Immanuel Quickley (Guard, 6'3'', Freshman)

Starter
Quade Green, Immanuel Quickley, Keldon Johnson, PJ Washington, Travis Reid
Es ist ein seltenes Bild, wenn Spieler für Calipari nach ihrer Freshman Saison zurückkehren. Doch im Falle von Quade Green war das ein wenig absehbar. Zwar startete er zu Beginn der Saison ebenfalls in die Spiele der Wildcats, allerdings war das eher als Denkzettel an den wesentlich talentierteren Shai Gilgeous-Alexander zu interpretieren, der einige Wochen brauchte, um sich in der NCAA zu akklimatisieren. Sobald dieser Prozess abgeschlossen war, musste sich Green wieder mit der Rolle als Backup begnügen.

Doch auch in der letzten Phase der vergangenen Saison konnte Green immer wieder starke Spiele abliefern. Besonders mit seiner Gefahr von der Dreierlinie (37,6 Prozent Erfolgsquote) war Green jemand, der seinen Mitspielern Freiräume eröffnen konnte und gleichzeitig auch das Spiel zu organisieren wusste. In der kommenden Saison soll Green nun den Schritt zum Anführer im Backcourt vollziehen. Zwar mögen andere Guards über mehr Potential verfügen, da Green einfach körperlich limitiert ist, doch gewisse Parallelen zu Tyler Ulis sind nicht von der Hand zu weisen.

Wer neben Green starten wird, dürfte einer der interessanteren Entscheidungen für Calipari und den Trainerstab werden. Die Vergangenheit mit Green als Beispiel zeigte ja bereits, dass Cal nicht davor zurückschreckt, sich auch mal spontan zu entscheiden und während der Saison auf Leistungen seiner Schützlinge durch die Vergabe von Minuten zu reagieren. Auf den Bahamas im August war Immanuel Quickley noch der Starter. Dieser dürfte auch den Vorteil haben, dass er schon länger Teil der Planungen für die kommende Saison war und sich relativ früh für Kentucky entschied.

Quickley ist ein athletischer Spieler, der besonders defensiv über eine Menge Potenzial verfügt. Er kann Gegenspieler über das ganze Feld aufnehmen und beim Ballvortrag unter Druck setzen. Die Mischung aus Geschwindigkeit, Armspannweite und Reaktionsschnelligkeit passt hervorragend. Am anderen Ende des Feldes wird abzuwarten sein, wie gut Quickley liefern kann. An der Dreierlinie gilt er als Wackelkandidat und konnte sich nie sonderlich als Schütze hervortun. Auch ein klassischer Aufbauspieler ist Quickley nicht. Am liebsten ist er der Slasher auf dem Weg zum Korb.

Auf dem Flügel ist Keldon Johnson dieses Jahr der Starter für Kentucky. Johnson ist der wohl kompletteste Spieler des Kaders. Mit einer Bezeichnung des NBA Sprech versehen, träfe auf Johnson wohl die Deklarierung als Two-Way-Player zu. Johnson kann defensiv mehrere Positionen verteidigen. Dadurch kann er Pick & Rolls switchen und auch mal mit Bigs um die bessere Ausgangslage in Brettnähe zetern. Gleichzeitig verteidigt Johnson im Eins-gegen-Eins auf hohem Niveau. Als Rebounder ist der bullige Wing ebenfalls nicht zu unterschätzen.

Offensiv macht Johnson genau das, was der Coach gerade von ihm verlangt oder braucht. Johnson ist spielintelligent genug zu erkennen, welche Qualitäten er gerade beweisen muss, um eine Hilfe auf dem Feld zu sein. Beim Wurf legte Johnson zuletzt eine positive Entwicklung hin und konnte sich wesentlich stabilisieren. Nach wie vor ist Johnson aber besonders beim Zug zum Korb ein gefährlicher Angreifer, der nicht die Übersicht verliert und auch mal gute Kickouts spielt.

Die größte mediale Aufmerksamkeit erfährt PJ Washington. Der Sophomore überlegte lange, ob er im Draft bleiben sollte oder nicht. Letztlich erhielt er wohl das allgemeine Feedback, dass ein heutiger NBA Spieler auf seiner Position und in seiner Rolle ohne verlässlichen Wurf kaum dauerhaft existieren kann. Das wird also die Aufgabe für Washington in der kommenden Saison - und zwar keine kleine.

Schließlich war Washington in der Spielzeit 2017/18 der schlechteste Schütze des Teams mit einer Quote von fünf Treffern aus 21 Versuchen. Ob Washington jemals ein guter Schütze werden kann, wird sich in einigen Monaten ein wenig besser prognostizieren lassen. Gänzlich unrund sah die Bewegung nie aus, allerdings enthielt sie auch viele Ungereimtheiten. Abseits des Wurfes ist Washington ein weiterer Allrounder, der verteidigen, rebounden und finishen kann.

Für Schlagzeilen und Umschreibungen bei der Saisonprognose sorgte im Sommer die Nachricht, dass Reid Travis relativ überraschend nach drei Spieljahren für Stanford als Graduate Transfer nach Kentucky wechseln würde. Interessant ist bei den Aussagen bezüglich Travis wieder einmal, wie wenig Kenntnis viele Basketballschreiber in den USA über das Geschehen westlich von Kansas besitzen. Denn in vielen Aussagen wurde Travis rein aufgrund seiner Boxscore Stats als solide Verstärkung mit fragwürdiger Kombinierbarkeit mit Washington angesehen.

Doch genau genommen passen Washington und Travis sehr gut zueinander und werden eines der besten Frontcourt Duos auf der Vier und Fünf der NCAA bilden. Travis konnte sich während seiner Zeit an der kalifornischen Eliteuniversität jährlich - wenn auch teils durch Verletzungen ausgebremst - verbessern. Travis ist ein solider Passgeber, der sich in der letzten Saison einen akzeptablen, wenn auch nicht berauschenden Dreier antrainierte. In Ergänzung zu seiner schieren Power, die der von Washington in nichts nachsteht und eher nochmals neue Maßstäbe setzt, hat Travis ein brandgefährliches Repertoire für die NCAA.

Bank
Der Konkurrent von Quickley und Backup von Quickley und Green ist derzeit Ashton Hagans. Der Linkshänder hatte eigentlich schon Georgia seine Zusage gegeben. Allerdings entschied er sich im späten Frühjahr doch nochmal um und verkündete neben seiner Wahl für die Wildcats auch noch, dass er per Reclassifying schon in dieser Saison auf dem Campus auftauchen werden. Der Plan war ursprünglich, erst 2019 von der High School abzugehen.

Hagans ist ein schlaksiger Combo Guard, der mal den Spielaufbau übernehmen und für andere kreieren kann, sich aber in der Rolle als Scorer dann doch ein wenig wohler fühlt. Die Fehleranfälligkeit ist neben der mangelhaften Physis der große Kritikpunkt im Spiel von Hagans. Angesichts seiner Jugend sollte er beide Problemfelder in den Griff bekommen können. Die Frage ist wie so oft: Wie schnell wird Hagans sich in dieser Hinsicht verbessern?

Auf den Flügelpositionen sorgen Jemarl Baker Jr. und Tyler Herro dafür, dass Kentucky dieses Jahr mehr Gefahr von außen ausstrahlen sollte. Baker wurde beispielsweise schon vor der vergangenen Saison als bester Schütze des Teams angepriesen, verletzte sich jedoch in der Vorbereitung so schwer, dass er die gesamte Saison als Zuschauer vom Seitenrand verfolgen musste. Das Werfen sollte Baker in diesem Zeitraum aber nicht verlernt haben.

Bei Herro fragten sich viele Anhänger der Wildcats zunächst ein wenig, was sie mit der Nachricht seiner Zusage anfangen sollten. So richtig ins Beuteschema schien der Shooter aus Wisconsin nicht zu passen. Doch spätestens mit seinen Auftritten auf den Bahamas, die natürlich mit der gebotenen Nüchternheit relativ betrachtet werden sollten, werden sich die Fans in Lexington auf die Ankunft ihres Neulings freuen.

Eine weitere interessante Geschichte der Bahamas war das Lebenszeichen von Nick Richards, wenn man es denn so dramatisch formulieren möchte. Der Center wirkte als Freshman sehr oft deplatziert und bereits aus High School Tagen kursieren Gerüchte, dass der Big eigentlich gar nicht so gerne Basketball spielt und diesen Weg nur des Geldes wegen gehen würde. Im August dominierte Richards dann das Geschehen. Es wird spannend zu beobachten sein, ob er so ein Niveau wieder erreichen kann.

Als vierter Big droht EJ Montgomery ein wenig in Vergessenheit zu geraten. Der Power Forward hat jedoch das vielleicht beste Offensivrepertoire aller vier Bigs. Wenn er die Chancen erhalten sollte, seine Werkzeuge auch mal tatsächlich im Spiel zu nutzen, wird es spannend zu beobachten sein, ob er ein wenig eigene Propaganda betreiben kann.

Pros
Wie immer ist die Auswahl potentieller NBA Kandidaten sehr groß bei den Wildcats. Der spannendste Kandidat dürfte zunächst Keldon Johnson sein, da er einfach in jeden NBA Roster reinpassen würde und Starterformat bietet. Dahinter wird es dann interessant. PJ Washington erfährt viel Anerkennung und wäre als NBA Spieler gesetzt, wenn sein Wurf denn fallen würde. Immanuel Quickley ist ein weiterer Spieler, der mit einem konstanten Dreier sicher über eine Draftanmeldung nachdenken könnte.

Reid Travis wird als Senior sein Glück ohnehin versuchen. Kann er die Entwicklungen bei Wurf und Faceup Game fortsetzen, wäre er der ideale Small Ball Big mit vielen Skills in der Offense und einer Menge Physis für die Defense. Weitere Kandidaten sind Ashton Haggins, Tyler Herro und EJ Montgomery - zumindest mittelfristig.

Coaching
In der vergangenen Saison war John Calipari mit der Verteidigungsleistung seines Teams des öfteren nicht einverstanden und bisweilen in gewohnter Manier äußerst erbost. In dieser Saison könnte sich das Bild in dieser Hinsicht ändern. Mit Johnson und Quickley verfügt Calipari endlich wieder über zwei sehr gute Verteidiger am Perimeter. Wenn zusätzlich auch noch Richards als Rimprotector erwachen sollte, wird die Defense wohl kein Problem mehr darstellen.

Spannender könnte da schon die Offensive werden. Zwar haben die Wildcats einige talentierte Jungs im Kader, doch noch ist nicht so ganz ersichtlich, wie sich die Rollen verteilen werden und wo die besten Optionen im Angriff liegen. Viele Spieler sind Kandidaten, um erste oder zweite Option im Angriff zu werden, haben aber dann doch irgendwelche kleinen Einschränkungen in ihrem Profil, die dafür sorgen, dass ihnen das Label als Scorer nicht so wirklich angeheftet werden kann. Hier wird Calipari zeigen müssen, dass er ein Kollektiv formen kann, das das Optimum aus sich herausholt. Die Tendenz geht zum Insidespiel mit Washington und Reid. Gerade letztgenannter ist zumindest schon gewohnt, Verantwortung Schultern zu müssen.

Best Case
Die Defense der Wildcats ist in der kommenden Saison wieder auf einem Niveau, das Vergleich zu Jahren zulässt, als Gegner scheinbar um jeden offenen Wurf erbittert kämpfen mussten. Daraus ergeben sich viele Gelegenheiten für einfache Punkte in der Transition. Angesichts der Athletik im Team können dadurch viele Spiele schon in den ersten zehn Minuten entschieden werden. In der Offense übernehmen PJ Washington und Travis Reid das Kommando und werden so dominant, wie es sich der Trainerstab momentan vermutlich erhofft. Die Guards feuern den internen Konkurrenzkampf ordentlich an und werden defensiv zur Pest. Grundsätzlich fallen bei den Außenspielern die Würfe verlässlich.

Die SEC muss in der kommenden Saison wieder zum Wildkatzenreservat erklärt werden. Alles andere wäre eine Enttäuschung angesichts der schwächeren Konkurrenz und des hohen Talentlevels im eigenen Kader. Auch landesweit werden die Wildcats wieder zu den besten und dominantesten Teams der NCAA gehören. Sie sind einer der ganz heißen Meisterschaftskandidaten, die sogar mit einer gewissen Sicherheit das Final Four erreichen sollten.

Worst Case 
Die Offense entwickelt sich nur spärlich im Laufe der Saison und ist zu oft dem puren Zufall unterlegen. Die Spielertypen sind sich teils zu ähnlich, können sich teils aber auch nicht wirklich ergänzen, selbst wenn das Skillset von Grund auf verschieden ist. Die Guards bleiben von der Dreierlinie unter ihren Möglichkeiten, nehmen sich jedoch zu viele Freiheiten heraus und vernachlässigen ihre Bigs, die zu wenig Touches bekommen. Gerade die Integration von Travis läuft nicht so übergangslos wie propagiert. Auch die fehlende Erfahrung sollte bei allem Talent nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Ähnlich wie in der vergangenen Saison werden die Wildkatzen ihrer Konstanz hinterherlaufen und sich viele unnötige Niederlagen im Januar und Februar bei Auswärtsreisen in der SEC einhandeln. Dadurch wird der Druck im März ungleich höher, sich noch schneller zu entwickeln, um dann im March Madness für alle Fälle gewappnet zu sein. Ein junges Team, ohne Struktur im Angriff ist immer ein möglicher Fall für ein relativ frühes Ausscheiden. Andererseits sind die Wildcats körperlich und defensiv so stark einzuschätzen, dass zumindest ein Erstrundenaus zu verhindern sein sollte.