03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Wie immer gingen die Blue Devils in die vergangene Saison mit den ganz großen Erwartungen. Mit viel Talent im Kader sollte ein ähnlicher Run wie 2015 zur Meisterschaft gestartet werden. Nach Jahren mit dünnem Frontcourt und Lineups mit vier Guards zur gleichen Zeit auf dem Feld, verfügten die Blue Devils in der vergangenen Saison wieder über zwei dominante Bigs, die Erinnerungen an alte Zeiten wie zu Beginn des Jahrtausends bei der Anhängerschaft aufkommen ließen.

Allerdings wirkte es sehr oft so, als würden sich die Bigs eher gegenseitig auf den Füßen stehen, als die Spielweise des jeweils anderen zu befruchten. Zudem zeigten sich die Jungspunde des Kaders nicht unbedingt interessiert in der Verteidigung, weswegen Mike Krzyzewski gegen Mitte der Saison mal wieder die Entscheidung traf, ausschließlich auf eine Zonenverteidigung zurückzugreifen. Dadurch ersparten sich die jungen Dukies viel Arbeit und noch mehr Fehler. 29 Siege und ein zweiter Platz in der ACC sorgten dafür, dass die Ambitionen bis zum März eher nach oben geschraubt wurden. Duke begann das NCAA Tournament mit einem souveränen Auftaktwochenende, das zwei Siege mit jeweils über 20 Punkten beinhaltete. Es folgte eine Zonenschlacht mit Syracuse, in der Duke das größere Team war und deswegen gewann. Gegen Kansas brauchte es schließlich eine Verlängerung, um eine Final Four Teilnahme doch noch knapp (81:85) zu verhindern. 

Abgänge
Grayson Allen (Guard, Starter, Graduation)
Marvin Bagley III (Big, Starter, Draft)
Wendell Carter Jr. (Big, Starter, Draft)
Trevon Duval (Guard, Starter, Draft)
Gary Trent Jr. (Wing, Starter, Draft)

Verbliebene
Antonio Vrankovic (Big, 7'0'', Senior)
Marques Bolden (Big, 6'11'', Junior)
Javin DeLaurier (Big, 6'10'', Junior)
Jack White (Wing, 6'7'', Junior)
Jordan Goldwire (Guard, 6'2'', Sophomore)
Alex O'Connell (Wing, 6'6'', Sophomore)

Neulinge
Joey Baker (Wing, 6'7'', Freshman)
RJ Barrett (Wing, 6'7'', Freshman)
Tre Jones (Guard, 6'2'', Freshman)
Cam Reddish (Wing, 6'8'', Freshman)
Zion Williamson (Wing/Big, 6'7'', Freshman)

Starter
Tre Jones, RJ Barrett, Cam Reddish, Zion Williamson, Javin DeLaurier
Fünf neue Gesichter werden die Fans in Durham in der kommenden Saison zu Beginn der Partien begrüßen dürfen - so viel ist sicher. Auch der Freshmananteil dürfte mal wieder sehr hoch sein und damit an die vergangene Saison anknüpfen. Der Fokus hat sich allerdings wieder vom Frontcourt zu den Forward Positionen verschoben.

Auch wenn andere Freshmen des Teams den ganz großen Hype erfahren und für Schlagzeilen sorgen werden, ist Tre Jones der vielleicht wichtigste Neuzugang für den Teamerfolg. In der vergangenen Saison war Trevon Duval der Aufbauspieler und hatte enorme Probleme bei der Spielorganisation. Zudem machte sich der fehlende Wurf bemerkbar. Gegnerische Verteidiger sanken sehr weit vom Aufbauspieler ab und sorgten damit für noch mehr Tohuwabohu in der Zone, worunter die Bigs offensiv zu leiden hatten.

Das dürfte bei Jones ganz anders aussehen. Der jüngere Bruder von Tyus gilt als ähnlicher Spielertyp. Er bringt einen sehr soliden Wurf aus der Distanz mit und ist ein enormer spielintelligenter Organisator. Gerade als Ballverteiler und Pick & Roll Ballhandler ist Jones für sein Alter schon sehr weit. Auf lange Sicht schlummert in Tre vielleicht sogar mehr Talent als in seinem älteren Bruder. Defensiv ist Jones ebenfalls nicht zu verachten.

Eine der Hauptattraktionen im diesjährigen Zirkus ist RJ Barrett. Der Kanadier nutzt die letzten Jahre schon, um sich eine beachtliche Reputation aufzubauen und die Vita mit Auszeichnungen en masse zu füllen. Der eindrucksvollste Erfolg bleibt der Gewinn der Trophäe bei der U19 Weltmeisterschaft 2017 mit Kanada. Im Halbfinale gegen die hochfavorisierten US-Amerikaner wuchs Barrett über sich hinaus, dominierte die Partie und war von keinem Gegner zu halten. Das Resultat waren 38 Punkte, 13 Rebounds, 5 Assists und ein prestigeträchtiger 99:87-Erfolg für die Ahornblätter.

Doch schon ein Jahr zuvor bei der U17 Weltmeisterschaft machte Barrett von sich reden und spielte sich erstmals auf großer Bühne in die Notizbücher der Scouts. Der Sohn des ehemaligen Profis Rowan Barrett, der eine lange Karriere in Frankreich und Europa hinlegte, ist ein dynamischer Scorer, der gerade im Eins-gegen-Eins nur schwer zu beirren ist. Fällt der Wurf von außen, kann die Verteidigung eigentlich gleich die Flinte ins Korn werfen. Allerdings sind die Konstanz beim Wurf und die damit verbundene Effizienz seiner Offense noch die beiden Fragezeichen in Barretts Scoutingakte.

Während Barrett sich über die Goldmedaillie freuen durfte, war Cameron Reddish Bestandteil des Team USA, das sich letztlich enttäuschend mit Bronze begnügen musste. Reddish war damals der zweitjüngste Spieler des Teams und trotzdem als Starter gesetzt, was ein erstes Indiz für das Basketballtalent des schlaksigen Small Forwards ist. Um das Talent sollte man sich bei Reddish auch wirklich keine Sorgen machen. Ähnlich wie Barrett ist Reddish mit sehr vielen Waffen in der Offensive ausgestattet und bietet vielleicht sogar etwas mehr Potential durch seine Länge.

Auf der anderen Seite ist der stotternde Motor des Forwards ein Problem. Während Barrett immer produziert und dafür manchmal die Quote in Mitleidenschaft gerät, hat Reddish bisweilen die Tendenz, sich aus einer Partie auszuklinken und anderen Spielern die Bühne zu überlassen. Das kann eine gute Eigenschaft sein, allerdings werden NBA GMs wohl eher sehen wollen, wie Reddish dauerhaft den Ball fordert und mit einer Anführermentalität auftritt. Ob das innerhalb dieses Teamgefüges so clever wäre, muss ein Praxistest zeigen.

In der jüngeren Vergangenheit gab es höchstwahrscheinlich keinen Spieler, der bei Fans, Medien und Scouts gleichermaßen in diesem Ausmaß Vorfreude auslösen konnte, wie Zion Williamson es derzeit mit der Öffentlichkeit anstellt. Endlich ergibt sich die Chance zu sehen, ob Williamson ein High School Phänomen bleibt oder als physisches Wunderwerk auch die NCAA im Sturm erobert und nebenbei noch Basketballskills aufleuchten lässt.

Gelistet ist Williamson nun offiziell mit 6'7'' und 285 Pfund. Williamsons Gewichtsangabe ist die unglaubliche Maßgabe, die es ihm eigentlich verbieten sollte mit einer derartigen Sprungkraft für Highlight Dunks und Monsterblocks zu sorgen. Zum Vergleich: Boban Marjanovic ist derzeit der einzige NBA Spieler, der mit 290 Pfund ein höheres Gewicht auf die Waage bringt. Der Serbe ist allerdings auch 20 Zentimeter größer und ein wahrer Titan. Selbst Andre Drummond wiegt "nur" 279 Pfund und ist damit der zweitschwerste Spieler der NBA. Es bleibt ein Rätsel, wie Williamson so viel geballte Power in sich vereinen kann, und nur zu hoffen, dass die Gelenke da auf Dauer standhalten.

Neben seinen physischen und athletischen Ausbrüchen, die ihm alleine einen Platz in der NBA bescheren werden, ist die interessanteste Frage, was für Skills mit dem Leder Williamson auf dem Kasten hat. Gänzlich untalentiert scheint er als Schütze nicht zu sein und auch Ballhandling, Timing und grundlegendes Spielverständnis bieten erfreuliche Ansätze.

Als fünfter Starter wird sich der Sieger aus dem Duell Marques Bolden und Javin DeLaurier entpuppen. Beide Juniors sind Bigs, bieten aber ansonsten gänzlich unterschiedliche Profile. In Hinsicht auf die Komplementarität sollte DeLaurier relativ klar die Nase vorne haben. Der bewegliche Big ist der vielleicht beste Verteidiger des Teams und ein exzellenter Rebounder, wodurch er an diesem Ende des Feldes den Ton angeben kann.

In der Offense spielt DeLaurier mit ähnlich viel Energie und braucht keine Sets oder Posttouches, um einen Effekt auf das Spiel auszuüben. Entweder hilft der Power Forward seinen Mitspielern, indem er gute Screens stellt, oder aber er erarbeitet sich seine Punkte durch Putbacks und gute Cuts vor Durchsteckern selbst.

Bank
Abseits einer starken, talentierten und variablen Starting Five bietet der Kader der Blue Devils zwar einige Optionen, doch keine davon ist so vielversprechend, dass Coach K bedenkenlos in die Saison gehen wird. Unerfahrenheit und Verletzungsanfälligkeit sind hier die beiden Stichworte, an denen Krzyzewski vor der Saison kaum etwas verändern kann.

Gerade im Backcourt und auf den Guard Positionen sind die Optionen rar und selbst die größten Optimisten werden Probleme haben, hier kampferprobte und halbwegs verlässliche Alternativen zu finden. Eine geschickte Staffelung der Starter in der Rotation scheint daher unausweichlich. Die erste Alternative als Backup Ballhandler ist Jordan Goldwire. Der sah als Freshman zu Beginn der vergangenen Saison durchaus Minuten, wurde aber in der zweiten Hälfte der Spielzeit nur noch sporadisch eingesetzt. Ein technisch solider Dreier und eine gewisse Ruhe beim Ballvortrag sind die Ansatzpunkte.

Ein kleiner Hoffnungsträger sollte Alex O'Connell werden. Der athletische Flügelspieler geht ebenfalls in seine Sophomore Saison und konnte in seiner ersten Spielzeit im Cameron Indoor Stadium immer wieder rotzfreche Aktionen hinlegen. Hier sehen die Optimisten einen zweiten Grayson Allen. Doch das ist dann einfach zu hoch gegriffen. Gerade körperlich ist O'Connell noch viel zu schlaksig, um offensiv verlässlich zu liefern. Mit seinem Shooting kann O'Connell, der sich bei der Vorbereitungstour in Kanada im Gesicht verletzte und die anschließende Operation gut verkraftete, den Dukies aber auf jeden Fall helfen.

Jack White und Joey Baker sind die Alternativen, die Coach K auf dem Flügel zur Verfügung hat. Der Australier White wartet seit Jahren auf seine Chance auf konstante Minuten, die er nun erhalten könnte. Er bringt eine gute Physis sowie einen soliden Wurf und das Erfahrungsplus mit. Baker ist auf lange Sicht der vielleicht talentiertere Spieler und kann für einen Freshman körperlich auch schon ganz gut mithalten.

Als Backups auf den Big Man Positionen sind der bereits erwähnte Bolden und Antonio Vrankovic zwei physische Zeitgenossen, die Krzyzewski immer mal reinwerfen kann, wenn er der Meinung ist, dass Größe und Masse notwendig wären. Bolden konnte bislang in keinster Weise die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen. Zwar wurde er auch von Verletzungen ausgebremst, doch oft scheinen ihm schlicht Touch und Basketballverständnis sowie die notwendige Mobilität zum modernen Big abhanden zu gehen.

Pros
Kein anderes NCAA Team wird so kritisch in der Analyse stehen wie Duke. Gleich drei Spieler könnten im kommenden Juni mit dem ersten Pick des Drafts gezogen werden. Das ist selbst für Duke eine seltene Situation. Allerdings wird es spannend zu beobachten sein, wie nah die drei wirklich beieinander sind. Mit dem größten Vorsprung steigt RJ Barrett in den Draftzyklus durch seine Auftritte bei den FIBA Events ein. Doch die Lücke ist gar nicht so groß, da die körperlichen Besonderheiten von Zion Williamson mittlerweile einfach ein allgemeines Gesprächsthema sind und Cam Reddish ein großes Basketballtalent ist.

Neben den drei Toptalenten ist Tre Jones ein weiterer Name, der in der Draftkonversation nicht unter den Tisch fallen sollte. Die Ähnlichkeiten zu seinem Bruder, einem soliden NBA Backup, sind offenkundig und die Chance, dass Tre der bessere Spieler wird, durchaus gegeben. Alle anderen Spieler sind wieder für NBA noch für europäische Teams interessant - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt.

Coaching
Die wichtigsten Siege hat Mike Krzyzewski schon längst eingefahren. Wie schon in den vergangenen Jahren öfter der Fall konnte sich Coach K die besten Talente des High School Jahrgangs sichern und in vielen Fällen Kentuckys John Calipari, den propagierten Talentmogul des One-and-Done-Systems, ausstechen. Der talentierte Kern der Mannschaft wird Krzyzewski eine weitere Tournament Teilnahme sichern und einen weiteren Anlauf in Richtung Final Four und Meisterschaft unternehmen.

Interessant dürften für Krzyzewski viele Entscheidungen sein, die einen signifikanten Einfluss auf den Teamerfolg ausüben werden. Das fängt schon bei der Rotation an. Wie viel Spielzeit vertraut er seinen Bankspielern an? Wie staffelt er Minuten zwischen den drei Top Freshmen so geschickt, dass alle ihre Schokoladenseite präsentieren können und Defizite der Bankspieler überdecken? Die nächste und damit auch verbundene Frage wird sich in der Defense stellen. Spielt Duke wieder viel Zone? Je dünner die Rotation ist, desto wahrscheinlicher könnte ein solches Szenario werden. Und zu guter letzt muss sich Krzyzewski überlegen, wer die erste, zweite und dritte Option sein soll. Reddish könnte sich in der Rolle eins Brandon Ingram oder Jayson Tatum wiederfinden. Barretts Einsatzweise könnte an die von Grayson Allen angelehnt werden.

Best Case
Die Freshmen finden sich schnell zurecht, entwickeln untereinander eine fabelhafte Chemie und befruchten die Spielweise des jeweils anderen. RJ Barrett zeigt einen halbwegs verlässlichen Jumper, Cam Reddish verlässt oft genug sein Schneckenhaus und Zion Williamson beweist, dass er mehr als das athletische Wunderkind aus den YouTube Clips ist. Zusätzlich dirigiert Tre Jones das ganze ungemein clever und beweist mal wieder, wie wichtig ein guter Aufbauspieler für ein Topteam ist. Die Rollen- und Bankspieler ordnen sich nicht bloß unter, sondern entwickeln sich im Rahmen ihrer teils limitierten Möglichkeiten weiter.

Wie in den Vorjahren auch werden die Blue Devils um die Meisterschaft in der ACC mitspielen und die Marke von 30 Siegen in der Saison anpeilen. Die großen und übergeordneten Ziele werden jedoch das Final Four und schließlich die Meisterschaft sein. Beide Ziele sind absolut realistisch. Es wird kaum ein Team geben, das eine qualitativ ebenbürtige Erste Fünf auf den Court schicken kann. Die Frage ist, wie sehr die Freshmen schon tragen können und wie viel Unterstützung sie vom Rest erhalten. Doch gerade Barrett kennt die Rolle des Anführers schon und sollte (nicht nur) in dieser Hinsicht ungemein wertvoll sein.

Worst Case 
Die drei Freshmen bekommen den Druck der gesamten Collegemedien zu spüren. Alle drei Galionsfiguren haben ihre Wachstumsschmerzen, die sie mal mehr und mal weniger in ihrer Leistungsfähigkeit einschränken. Barrett kann sich nicht als der glasklare Leader etablieren und will zu oft zu viel. Reddish verschwindet zu oft im Schatten des Kanadiers und scheint gemessen an seinen Möglichkeiten nur einen geringen Einfluss auf den Teamerfolg haben zu können. Williamson fühlt den plötzlichen Zwang, sehr viele Dreier nehmen zu müssen und lässt seine Athletik viel zu häufig ungenutzt. Die Bank kann kaum Impulse setzen.

So oder so werden Blue Devils eines der besseren Teams der ACC sein. Das pure Talent des Teams wird dafür sorgen, dass Duke wieder unter den ersten fünf der eigenen Conference rangiert. Auch das NCAA Tournament sollte nur eine reine Formsache sein. Im März können fehlende Hierarchien, Unerfahrenheit und mangelnde Tiefe dafür sorgen, dass sich die Blue Devils schnell wieder aus dem Titelrennen verabschieden müssen. Die Saison 2013/14 mit dem Upset im ersten Spiel gegen Mercer sollte ein Mahnmal bleiben. Allerdings scheint das Talentlevel in der Spitze dieses Jahr höher und auch breiter auszufallen.