03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
In vielen anderen Jahren wären Nevadas Auftritte eine der großen Geschichten des NCAA Tournaments gewesen. Doch in 2018, als plötzlich ein 16 Seed gewinnt und ein Mid-Major das Final Four erreicht, verkam der Einzug des Wolfsrudels ins Sweet Sixteen mittels zweier denkwürdiger Comebacksiege am ersten Wochenende zur Nebensache. Dabei gilt es zu erwähnen, dass Nevada zum ersten Mal seit 2004 und zum zweiten Mal in der gesamten Programmhistorie das Sweet Sixteen erreichen konnte. Auch die 29 Siege bedeuteten die Einstellung des Unirekords aus der Saison 2006/07.

Die Krönung lieferten die angeschlagenen Mannen von Eric Musselman allerdings erst in den ersten beiden Partien des Big Dance. Zunächst holte Nevada einen Rückstand von 14 Zählern in der zweiten Halbzeit gegen Texas auf und konnte sich nach Verlängerung knapp mit 87:83 durchsetzen. Gegen Cincinnati sah es zwei Tage später sogar noch fataler aus, als das Kollektiv der Wölfe gut zehn Minuten vor dem Ende mit 22 Punkten das Nachsehen hatte, dann aber doch noch sein heißes Händchen fand und mit 75:73 gewann. Gegen Loyola Chicago war dann das nötige Wurfglück in einem weiteren knappen Match endgültig verbraucht (68:69). 

Abgänge
Hallice Cooke (Guard, Rotation, Graduation)
Elijah Foster (Big, Rotation, Graduation)
Josh Hall (Wing, Rotation, Transfer)
Kendall Stephens (Guard, Starter, Graduation)

Verbliebene
Jordan Caroline (Big, 6'7'', Senior)
Lindsey Drew (Guard, 6'4'', Senior)
Caleb Martin (Guard/Wing, 6'7'', Senior)
Cody Martin (Guard, 6'7'', Senior)

Neulinge
Corey Henson (Guard, 6'3'', Senior)
Trey Porter (Big, 6'11'', Senior)
Tre'Shawn Thurman (Wing, 6'7'', Senior)
Jazz Johnson (Guard, 5'10'', Junior)
Nisre Zouzoua (Guard, 6'2'', Junior)
Jordan Brown (Big, 6'11'', Freshman)
K.J. Hymes (Big, 6'11'', Freshman)
Vincent Lee (Big, 6'9'', Freshman)

Starter
Cody Martin, Lindsey Drew, Caleb Martin, Jordan Caroline, Trey Porter
Die Achse der Positionslosigkeit ist zurück in Reno. Sowohl die Martin Twins als auch Jordan Caroline entschieden sich nach zum Teil länger andauernden Überlegungen dagegen, jetzt schon den Sprung in die NBA über den Draft zu wagen. Für Musselman bedeutet das die Rückkehr seiner drei wichtigsten Akteure der vergangenen Saison.

Cody Martin übernahm gegen Ende der Saison den Spielaufbau des Rudels. Zwar war er diese Rolle aus High School Tagen gewohnt, doch am College musste er diese Rolle in seinen ersten zweieinhalb Spieljahren kaum übernehmen. Doch mit jedem Spiel wuchs Martins Komfort mit dieser neuen Ausgangslage. Der große Vorteil, den der ältere Martin Zwilling hat, besteht darin, dass er mit seiner Größe von 6'7'' das ganze Spielfeld überblicken kann und so auch problemlos 4,7 Assists pro Spiel auflegen konnte.

Die große Schwachstelle in Codys Spiel ist nach wie vor der Distanzwurf. Abgesehen davon, dass Martin nun in drei Jahren gerade einmal 65 Dreier probierte, von denen er nur 18 traf, sieht sein Wurf technisch äußerst fragwürdig aus. Auch Martin selbst scheint sich seiner Mängel durchaus bewusst zu sein, da er oft zögert und freie Würfe verweigert. Am College ist er nicht als Scorer gefragt und wird notfalls dennoch andere Wege finden, seine Punkte zu erzielen. Hinsichtlich einer möglichen Profikarriere wird die Wurfschwäche aber noch ein erhebliches Hindernis darstellen.

Notwendig wurde die Umrüstung Martins zum Vollzeitaufbauspieler erst durch die Verletzung von Lindsey Drew. Der Sohn des derzeitigen Cavs Interimscoach Larry riss sich in der letzten Saison die Achillessehne und fiel im Anschluss aus. Von Drews Genesung kann eine ganze Menge abhängen, weswegen er im Vorhinein der Saison ein wenig als Schlüsselfigur oder gar X-Faktor ins Auge sticht. Zum einen war Drew bis zu seiner Verletzung ein verlässlicher Akteur im Ballvortrag, der zum zweiten Mal in Folge über vier Assists pro Spiel auflegte.

Auf der anderen Seite wird es spannend zu beobachten sein, ob Drew wirklich von Anfang an wieder in der Ersten Fünf stehen wird. Drew ist ein Allrounder, der gut zu den Martin Twins passt und nicht viel den Ball in den Händen halten muss, um einen Einfluss auf das Spiel zu haben, gleichzeitig aber weiß, was er machen muss, wenn er dann doch mal das Leder in den Händen hält. Ist er fit, sollte er als Starter gesetzt sein. Ist er es nicht, gibt es auf der Bank eine Menge Alternativen.

Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder definiert sich Caleb Martin über seinen Wurf. So sehr sich die beiden optisch ähneln, so unterscheiden sich optisch die beiden Wurfstile. Auch Calebs Wurf wird sicherlich niemals in einem Lehrbuch abgedruckt sein, doch Selbstvertrauen, Rhythmus und eben Resultate der Dreier sprechen eine ganz andere Sprache. 2,8 Dreier je Begegnung nagelte Caleb in der letzten Saison in den Korb - bei einer Quote von 40,3 Prozent.

Der Topscorer (18,9 Punkte pro Spiel) des Wolfrudels wird auch in der kommenden Saison wieder die unangefochtene erste Option des Angriffs sein. Martin nimmt sich sehr selbstbewusst seine Wurfsituationen heraus. Auch wenn die Auswahl nicht immer erste Sahne ist, reicht die Erfolgsquote aus, um Vorwürfe seines Coaches oder seiner Mitspieler zu verhindern. Oft sind es gerade die wilden Abschlüsse von Martin, die eine Aufholjagd einläuten.

Schon bevor die Martin Twins das Geschehen in Reno kontrollierten, patrouillierte Jordan Caroline in der Zone und entlang der Dreierlinie. Eine klare Positionsbezeichnung gibt es für den angehenden Senior nicht. Einerseits ist Caroline der klassische Power Forward, mit der Betonung auf Power. Nur um die zwei Meter groß und trotzdem enorm durchsetzungsstark in der Zone - das ist die Grundeigenschaft, die Caroline ausmacht. 8,6 Rebounds krallt sich das Kraftpaket in seinen Minuten auf dem Feld.

Auf der anderen Seite hat sich Caroline in jedem Jahr spielerisch verbessert. Mittlerweile kann er problemlos am Perimeter eingesetzt werden und wie ein Guard an seinen Gegenspielern vorbeiziehen oder auch mal einen Pullup-Jumper treffen. Offensiv ist er damit auf den Positionen Drei bis Fünf einsetzbar und besonders als Blocksteller im Pick & Pop extrem effektiv. Defensiv kann Caroline am College alle fünf Positionen kontrollieren und damit auch gerne mal nach Switches gegnerische Aufbauspieler zu schwierigen Würfen verleiten.

Komplettiert wird die Starting Five voraussichtlich von Trey Porter. Der Graduate Transfer von Old Dominion liefert Dimensionen körperlicher und athletischer Art, die Nevada in der vergangenen Saison im Vergleich zu den Top Colleges der NCAA noch fehlten. Porter zeigte sein Sprungvermögen jüngst als er im Dunk Contest anlässlich der Fannacht über seinen Coach dunkte.

Doch Porter ist nich nur ein spektakulärer Finisher in der Offense. In der Verteidigung kann er durch seinen Ringschutz ein Gamechanger sein. Außerdem hat Porter im Angriff durchaus Skills, die er auch im Eins-gegen-Eins am Zonenrand zeigen kann. Insgesamt passt Porter hervorragend zur Spielweise Nevadas und den anderen Spielertypen der Starting Five. Seine Ankunft kann sich für Nevada gegen die erfahrenen oder hochtalentierten Topteams noch massiv auszahlen.

Bank
Für den Fall, dass Drew wirklich nicht so schnell und vor allem nicht in gewohnter Form auf das Parkett zurückkehren sollte, stehen Musselman - anders als in der letzten Saison - nun mehrere Optionen zur Verfügung. Da ein Redshirtjahr für Drew nach wie vor im Raum steht, kann Musselman die kommenden Wochen entspannter angehen, auch wenn er sicherlich gerne auf die Qualitäten des dienstältesten Wolfs zurückgreifen würde.

Der interessanteste Kandidat für einen Platz in der Ersten Fünf ist Jazz Johnson. Auch wenn der Guard klein gewachsen ist, sollte sein möglicher Einfluss auf ein Basketballspiel nicht unterschätzt werden. In seinen ersten beiden Saisons in der NCAA spielte Johnson für die Portland Pilots. Johnson verfügt über eine bullige Statur und weiß, wie er in die Zone vordringen kann. Er zieht viele Fouls, hatte aber bislang Probleme beim Finish.

Neben Johnson ist Corey Henson eine weitere Addition im Backcourt. Genau wie Johnson hatte Henson nach seinem Wechsel von Wagner ein Jahr Zeit, um sich im Training zu empfehlen. Henson ist die größere und wurfstärkere Alternative zu Johnson. Im Idealfall kann Henson auch als Organisator Verantwortung übernehmen und damit Cody Martin entlasten.

Der dritte neue Guard in der kommenden Saison ist Nisré Zouzoua. Von den dreien ist Zouzoua derjenige, bei dem das Scorergen am heftigsten eingeimpft wurde. Der Bryant Transfer legte dort in seiner Sophomore Saison über 20 Punkte pro Spiel auf. Zwar ist die NEC eine der schwächsten Conferences der NCAA, doch auch dort muss ein junger Spieler erstmal so konstant als Scorer in Erscheinung treten.

Insgesamt bringen also alle drei neuen Gesichter im Backcourt jeweils leicht unterschiedliche Qualitäten mit, sorgen jedoch allein mit ihrer Anwesenheit schon dafür, dass sich Tiefe und Qualität im Kader erhöhen und der Genesungsdruck auf Drew entscheidend abgeschwächt wird. Selbst wenn Drew nicht zurückkehren sollte, wird sich ein passabler Ersatz finden lassen.

Der vielleicht interessanteste Neuzugang nach Porter ist Tre'Shawn Thurman. Wie die meisten anderen Spieler des Kaders auch transferierte Thurman von einer anderen Uni nach Nevada. Im Falle des Tweeners steht auch Omaha in der Vita. Thurman bringt ein interessantes Skillset mit. Mit einer Größe von knapp zwei Metern ist er offensiv ähnlich variabel wie Caroline, wenn auch nicht auf dessen hohem Niveau.

Für verhältnismäßig viele Schlagzeilen sorgte Jordan Brown im Sommer, der als einer der letzten Top Freshmen des Jahrgangs seine Collegewahl bekanntgab und sich für Nevada entschied. Während der Big Man als eines der besten 25 Talente des Jahrgangs gilt und die NBA oft in einem Atemzug mit seinem Namen genannt wird, muss Brown erst den Beweis antreten, dass er wirklich so viel Aufmerksamkeit verdient. Es wäre nicht überraschend, wenn der schlaksige Big über die Bankrolle nicht hinauskommen und erst als Sophomore eine dominante Rolle einnehmen würde.

Für Tiefe auf der Position Fünf sorgen die beiden anderen Freshmen K.J. Hymes und Vincent Lee, die über vereinzelte Minuten kaum hinauskommen werden. Musselman bevorzugt kleine Lineups und hat viel Erfahrung im Backcourt. Bei Foulproblemen ist es dennoch praktisch, zwei ernsthafte Alternativen auf der Bank zu wissen.

Pros
Es ist schwierig zu prognostizieren, welcher Spieler aus dem Wolfsrudel in fünf Jahren am ehesten in einer bedeutungsvollen Rolle in der NBA anzutreffen sein könnte. Als Topscorer erfährt Caleb Martin die größte Aufmerksamkeit. Sein Dreier wird auch dafür sorgen, dass er seine Chancen in der NBA erhalten wird. Ob ein solider, aber auch wechselhafter Wurf auf Dauer ausreicht, wird sich zeigen. Jordan Caroline ist ein weiterer Kandidat für die NBA. Vielseitige Bigs mit seiner Physis sind nicht unbedingt häufig anzutreffen. Die Frage wird sein, ob seine Skills auch in der NBA Anwendung finden und wie er sich physisch im Vergleich zu anderen Playmaking Vierern schlägt.

Außenseiterchancen haben sicher auch Cody Martin und Trey Porter. Codys Größe macht ihn attraktiv. Notfalls landet der Aufbauspieler in Europa. Porter könnte sich mit seiner Mixtur aus Länge und Ahletik in der NBA halten. Eine Saison auf höherem Collegelevel erlaubt in dieser Hinsicht präzisere Annahmen. Spannend wird der Werdegang von Jordan Brown sein. NBA Talent hat der Youngster. Die Frage ist eher, wie schnell er es abrufen kann.

Coaching
Als Motivator und Entertainer muss sich Eric Musselman vor den Koryphäen des Collegesports nicht verstecken. Seine Jubelarien im vergangenen März, als er oberkörperfrei mitten im Lockerroom stand und beim Feiern jugendlicher wirkte als seine Spieler, haben ihm bereits einen gewissen Kultstatus in Reno, aber auch in den Kreisen des gesamten Collegebasketballs beschert. Die jüngsten Auftritte (u.a. im Maskottchenkostüm auf einem Motorrad in die Halle fahrend) bei den Eröffnungsevents für die Fans lassen vermuten, dass Musselman auch in der kommenden Saison für unterhaltsame Anekdoten sorgen wird.

Abseits dieses Personenkults gilt festzuhalten, dass Musselman gerade die erfolgreichste Zeit in Nevadas Geschichte verantwortet. Er übernahm nach einer Saison mit neun Siegen und führt das Wolfsrudel zu 24, 28 und 29 Siegen sowie zwei aufeinanderfolgenden NCAA Tournaments. Die Handschrift ist klar: Musselman sucht Spieler, die sich an anderen Universitäten in einer Sackgasse befinden, lotst sie nach Reno und profitiert von ihrer Erfahrung und ihrem Drang nach einer neuen Herausforderung. Abseits der drei Freshmen ist Lindsey Drew der einzige Spieler der Rotation, der seine Karriere für Nevada begann. Taktisch lässt Musselman seinem Team viele Freiheiten, schätzt den Dreier und speist Einflüsse aus der NBA mit ein.

Best Case
Lindsey Drew kehrt zurück in den Kader, erfreut sich bester Gesundheit und findet relativ schnell wieder zu alter Form zurück. Dadurch gewinnt das Spiel an Struktur und die Erfahrung ist in den entscheidenden Saisonmomenten Gold wert. Trey Porter ist die erhoffte Verstärkung und kann tatsächlich den Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Nevada Team ausmachen. Auch die anderen Transfers, die allerdings jeweils ein Jahr der Eingewöhnung hatten, finden schnell ihre Rolle und so Wege, dem Team zu Siegen zu verhelfen. Jordan Brown fasst schnell Fuß und trägt im Rahmen seiner Möglichkeiten zum Teamerfolg bei.

Der erste Platz in der Mountain West Conference sollte ein absolut realistisches Ziel sein. Auch wenn die Conference ihre Tücken hat und einige unangenehme Gegner bereithält, wird sich das Wolf Pack keine Blöße geben. Spannend wird es dann vor allem im März. Nach so knappen Siegen wäre es in der kommenden Saison an der Zeit, mit mehr Souveränität das erste Wochenende zu überstehen und sogar auf mehr zu schielen. Das Team kann bei optimaler Entwicklung sehr gefährlich werden und gar das Final Four anpeilen. Tiefe, Erfahrung, Physis und Qualität sind vergleichbar mit anderen Aspiranten.

Worst Case 
Drew muss doch das Redshirtjahr einlegen, wodurch Nevada massiv an Erfahrung und Spielkontrolle einbüßt. Zugleich ergeben sich viele Kämpfe um Minuten und Rollen, um die sich Musselman in der abgelaufenen Saison überhaupt nicht kümmern müsste. Sein Umgang mit der Minuten- und Rollenverteilung der Spieler kann der entscheidende Punkte in dieser Saison werden. Die Transfers hinterlassen nicht die erwünschten Eindrücke und kochen allesamt ein eigenes Süppchen. Durch die größere Rotation verlieren die letztjährigen Dauerbrenner, namentlich die Martin Twins und Caroline, ihren Rhythmus und treten nicht mehr so dominant auf.

Das absolute GAU wäre natürlich, dass Nevada das NCAA Tournament verpassen würde. Das sollte aber nicht mal dann passieren, wenn Nevada das Conference Tournament nicht gewinnen kann. Um die 25 Siege wird das Wolf Pack sicherlich einfahren und dabei genug Chancen auf qualitativ hochwertige Siege erhalten. Doch auch diese vermeintlich sichere Teilnahme an der March Madness bringt relativ wenig, wenn Nevada im März wieder zu sehr auf die eigenen Comebackfähigkeiten setzt. Ein Aus in der ersten Runde wäre ernüchternd und sollte angesichts der Qualität des Kaders nicht passieren. Doch über nennenswerte Erfahrung auf der großen Bühne und im Rampenlicht verfügen eigentlich nur die drei Rückkehrer, die das Saisonende auf dem Court miterlebten.