03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Die letzte Saison wird für Virginia für immer unvergessen bleiben - allerdings aus dem wohl schlimmsten Grund, der einem Topprogramm passieren könnte. Zum allerersten Mal verlor Virginia als 1 Seed im Tournament die Auftaktpartie gegen 16 Seed UMBC. Dieser historische Moment per se wird die beteiligten Akteure wohl für den Rest ihres Lebens heimsuchen. Gleichzeitig muss aber auch nochmal klar festgehalten werden, dass Virginia das Spiel nicht einfach verlor, sondern in der zweiten Halbzeit gegen den Underdog keine wirkliche Chance hatte, das Spiel noch zu drehen. Auch wenn sich das 54:74 deutlicher liest, als die Partie dann doch über weite Strecken war, gingen die Retrievers als verdienter Sieger vom Feld.

Obwohl dieses Saisonende die Geschichte der jüngeren Historie in der NCAA war und das Narrativ der Saison bestimmen wird, da im Sport mehr auf Ergebnisse als auf Prozesse wertgelegt wird, sollte nicht unterschlagen werden, dass Virginia bis zum 16. März die beste Saison der Programmhistorie ablieferte. 31 Siege (bei zwei Niederlagen bis zum Tournamentaus) waren ein neuer Bestwert. Die Cavs gewannen die stärkste Conference der NCAA mit 17:1 Siegen souverän und waren das erste Team seit Maryland 2001/02, das im Rahmen der regulären ACC Saison nur eine Niederlage einstecken musste (damals allerdings bei nur 16 Conference Spielen). 

Abgänge
Devon Hall (Guard, Starter, Graduation)
Nigel Johnson (Guard, Rotation, Graduation)
Isaiah Wilkins (Big, Starter, Graduation)

Verbliebene
Jack Salt (Big, 6'11'', Senior)
Mamadi Diakite (Big, 6'9'', Junior)
Kyle Guy (Guard, 6'2'', Junior)
Ty Jerome (Guard, 6'5'', Junior)
Marco Anthony (Guard, 6'4'', Sophomore)
Jay Huff (Big, 7'1'', Sophomore)
De'Andre Hunter (Wing/Big, 6'7'', Sophomore)

Neulinge
Braxton Key (Wing/Big, 6'8'', Junior)
Francesco Badocchi (Wing, 6'7'', Freshman)
Kihei Clark (Guard, 5'9'', Freshman)
Kody Stattman (Wing, 6'7'', Freshman)

Starter
Ty Jerome, Kyle Guy, De'Andre Hunter, Braxton Key, Jack Salt
Viele bekannte Gesichter kehren bei den Cavaliers zurück und sorgen dafür, dass das Team wieder oben angreifen möchte und die Scharte des vergangenen Tournaments mehr als nur auswetzen will. Besonders im Backcourt ist die Kontinuität klar ersichtlich. Spannend ist hingegen die Konstellation auf den Positionen Drei und Vier.

Der Anführer der Cavaliers ist nach wie vor Ty Jerome. Der Aufbauspieler geht in seine dritte Saison in Charlottesville. Schon in der abgelaufenen Spielzeit war Jerome der Floor General und trat das Erbe vom langjährigen Starter London Perrantes hervorragend an. Zwar stechen seine Werte auf dem Stat Sheet nicht unbedingt heraus (das ist bei den Cavaliers und ihrer Pace ohnehin schwierig), doch Jerome hat die Kontrolle über das Geschehen und ist damit enorm wichtig für die Funktionalität des Systems "Virginia", das auf betonartiger Defense und absoluter Tempokontrolle fußt.

Jerome vereint hohe Spielintelligenz, eine enorme Körpergröße und ein gutes Entscheidungsverhalten in sich. Jerome kann am Ende der Angriffszeit im Pick & Roll solide Entscheidungen treffen und auch mal selbst scoren, wenn es sein muss. In der kommenden Saison wäre es sicherlich angebracht, hier einerseits noch häufiger eigene Abschlüsse zu suchen und andererseits wieder die Effizienz dieser Versuche zu verbessern.

An der Seite von Jerome hat sich Kyle Guy als Topscorer der Cavaliers (14,1 Punkte pro Spiel) etabliert. Die beiden ergänzen sich gut, da Jerome mehr der Organisator sein kann, während sich Guy voll und ganz auf das Scoring konzentriert. Guy hat einen lehrbuchnahen Sprungwurf, den er besonders aus indirekten Blöcken sehr gut einzusetzen weiß. Seine Fußarbeit ist exzellent, weshalb er nur einen halbwegs guten Pass und eine halbe Sekunde Freiraum braucht, um seinen Jumper einzunetzen. Eine Erfolgsquote von 39,2 Prozent bei 2,4 Treffern pro Partie aus der Distanz sollten auch in der kommenden Saison wieder locker zu erreichen sein.

Als neue Facette entdeckte Guy im Laufe der vergangenen Saison auch den Floater und Drive aus Curl-Situationen immer mehr für sich. Zwar sind das keine gänzlich neuen Elementen, da Guy diese auch schon in AAU Spielen zeigte, doch auf dem physischeren Collegelevel blieb er beim Zug in die Zone bis dahin eher zurückhaltend. Guy muss in dieser Hinsicht noch wesentlich an Aggressivität zulegen und sich mehr Freiwürfe erarbeiten, damit sein Scoring nicht zu sehr vom Wurf abhängt.

Hinsichtlich Aggressivität wird De'Andre Hunter wieder der Spieler des Kaders sein, der offensiv jederzeit mal seinen eigenen Wurf kreieren kann und somit auch viele Freiwürfe zieht. In der letzten Saison entwickelte sich der damalige Redshirt Freshman zum sechsten Mann und schulterte das Team teilweise. Beim Auswärtssieg gegen Duke erzielte Hunter beispielsweise zwölf Punkte, einige davon in der spielentscheidenden Phase.

Ausgerechnet im März verletzte sich Hunter dann am Handgelenk und fiel für das Spiel gegen UMBC aus. Nicht Wenige behaupten, dass Virginia dieses Spiel mit Hunter gewonnen hätte. Da das Leben aber nicht im Konjunktiv stattfindet, ist eine solche Diskussion müßig. Fakt ist, dass Hunter in der kommenden Saison offensiv noch mehr Verantwortung erhalten sollte. Entscheidend für seinen und auch den Teamerfolg wird sein, dass Hunter sich von der Dreierlinie verbessert. Die Quote ist zwar gut (38,2 Prozent), doch so richtig Zutrauen hat Hunter bislang noch nicht in den Distanzwurf gefunden.

Daher wird auch sehr interessant zu beobachten sein, ob Hunter wirklich als Small Forward startet und wenn ja, wer der neue Starter auf der Vier sein wird. Erstens ist Hunter am College der ideale Small Ball Vierer, da er Physis und Playmaking verbindet. Auf der Drei könnten sein Ballhandling und der Wurf nicht ausreichend sein. Zweitens muss Tony Bennett sich genau überlegen, ob eher Mamadi Diakite oder Braxton Key zu Hunters Skillset passen.

Gerade die Situation rund um Key ist sehr spannend. Im Sommer wechselte der Forward aus Alabama nach Virginia. Mitte Oktober wurde bekannt, dass Key nicht aussetzen muss, sondern dank einer Ausnahmeregelung direkt spielen darf. Key hat theoretisch einen ordentlichen Schuss, den er bei Alabama allerdings nicht in Quoten umsetzen konnte. Sollte er das besser hingekommen, kann er mit Hunter auf den Positionen Drei und Vier ein sehr variables Gespann bilden.

Auf der Fünf ist Jack Salt als Starter gesetzt. Der Neuseeländer ist besonders defensiv eine Bank und verleiht dem ganzen Konstrukt eine Menge Stabilität. Er kommuniziert gut, kann trotz seiner massiven Statur bei der Pick & Roll Defense hedgen und beschützt den Ring vorbildlich. Die Offense kommt und geht, doch solange Salt gute Screens stellt und defensiv seine Aufgaben erledigt, interessiert sich Bennett herzlich wenig für Salts Offense.

Bank
Sollte Key tatsächlich zum Starter aufsteigen, wäre Mamadi Diakite der sechste Mann von der Bank. Dem Redshirt Junior wird großes Potential bescheinigt. Seth Greenberg von ESPN lehnte sich bereits vor eineinhalb Jahren weit aus dem Fenster, als er sagte, dass Diakite in naher Zukunft zum besten Verteidiger der ACC ausgezeichnet werden würde. Sicherlich ist Diakite ein guter Verteidiger, doch ganz so euphorisch sollte Diakite in der Defense nicht betrachtet werden. Momentan hat beispielsweise ein Salt mindestens genauso viel Einfluss auf Virginias Defense.

Diakite muss in der kommenden Saison aber definitiv den nächsten Schritt in seiner Entwicklung hinlegen. Nach dem Abgang von Isaiah Wilkins brauchen die Cavs Diakite vor allem als aktiven Rebounder und Rimprotector. In beiderlei Hinsicht machte Diakite bislang zu wenig aus seinen vorhandenen Möglichkeiten.

Abseits von Diakite haben die Cavs relativ wenig Erfahrung auf der Bank sitzen. Dafür werden viele Sophomores und Freshmen versuchen, Bennett von ihren Talenten zu überzeugen. Auf den Guardpositionen ist Marco Anthony ein kleiner Breakout-Kandidat. Hinter Jerome und Guy werden zwar nicht sonderlich viele Minuten abfallen, doch Anthony sollte sich zumindest als erster Backup etablieren und einen gewissen Druck auf die Starter ausüben.

Physisch ist er von allen Guards am besten aufgestellt und sollte daher vor allem defensiv einen Einfluss auf die Partie ausüben können. Er reiht sich ein in die Riege der physisch starken Combo Guards vergangener Jahre (Malcolm Brogdon, Devon Hall). Ob er allerdings spielerisch auch nur annähernd in deren Reichweite kommen kann, wird er erst im Rahmen verlässlicher Spielzeitverteilung andeuten können.

Das Gegenmodell zu Anthony ist Freshman Kihei Clark. Der kleine, aber dafür sehr flinke Guard soll direkt Backup Minuten auf der Aufbauposition erhalten. Gerade in der Verteidigung ist Clark jemand, der seinen Gegenspieler über das gesamte Feld hetzen kann und ihm dabei nicht eine Sekunde zum Verschnaufen lässt. Zudem könnte er offensiv jemand sein, der nach Belieben in die Zone vordringen und damit für seine Mitspieler kreieren kann. Das fehlte in der vergangenen Saison bisweilen.

Auf den Flügelpositionen werden sich die Freshmen Kody Stattman und Francesco Badocchi um Minuten zanken. Badocchi ist schon seit einem Jahr vor Ort, legte aber ein Redshirtjahr ein, um seine Kniebeschwerden auszukurieren. Auch den Saisonbeginn der diesjährigen Spielzeit wird Badocchi aus gesundheitlichen Gründen zunächst verpassen. Stattman trifft frisch aus Australien in Charlottesville ein. Der Neuzugang gilt als talentierter Scorer und einer der besten Australier seines Jahrgangs.

Komplettiert wird die Rotation von Jay Huff, einem riesigen Big, der für seine Ausmaße über extrem viel Mobilität und Athletik verfügt. Nach einer verhaltenden Saison als Redshirt Freshman wird Huff in der kommenden Saison mehr Minuten sehen und vor allem auf Diakite sehr viel Druck ausüben.

Pros
Mit Blick auf die NBA ist De'Andre Hunter der am häufigsten genannte Name. Hunter hatte schon in dieser Offseason mit einem Wechsel geliebäugelt, kam aber dann doch lieber ans College zurück. Für einen Sophomore ist Hunter schon relativ alt und muss daher spielerisch enorme Fortschritte hinlegen, um einen möglichen Status als Erstrundenwahl zu legitimieren. Ein zweiter Name, der in Draftkreisen an Popularität gewinnt, ist der von Ty Jerome. Auf den ersten Blick wirkt Jerome nicht wie ein NBA Spieler, doch seine Spielintelligenz gepaart mit seiner Größe sowie seiner unterschätzten Defense machen ihn für NBA Teams dann doch wieder interessant.

Jack Salt ist der einzige Senior des Teams. Ob seine basketballerischen Fähigkeiten ausreichen, um eine Profikarriere in Europa zu starten, müsste ein Praxisexperiment beweisen. Zumindest defensiv kann er Teams für sich gewinnen.

Coaching
Die Kritik an Tony Bennett und seiner Spielweise war erdrückend nach der Niederlage gegen UMBC. Seit Jahren spaltet Virginia mit der sehr speziellen Basketballart das Publikum in zwei Lager. Das eine Lager verweist auf Bennetts Erfolge (unter anderem drei ACC Meisterschaften in den letzten fünf Jahren) und die Tatsache, dass kaum ein Team so gut Fundamentals vermittels wie die Cavs. Die Gegenseite argumentiert hingegen, dass der langsame Spielstil nicht mehr zeitgemäß sei und nicht besonders telegen. Erneut waren die Cavs das langsamste Team der NCAA mit einem bereinigten Tempo von 59,4 Ballbesitzen pro Spiel laut KenPom. Zudem fühlt sich die Anhängerschaft dieser These durch die Niederlage gegen UMBC darin bestätigt, dass Virginia anfällig für Upsets und Aussetzer im März sei.

Diese Debatte schwelte den ganzen Sommer über und alle Augen werden auf Bennett gerichtet sein. Grundsätzlich sollte allerdings nicht damit zu rechnen sein, dass es zu einem Systemumsturz kommt. Bennett lernte die Packline Defense durch seinen Vater kennen und schätzen und wird sich davon niemals komplett abwenden. Laut KenPom stellte Virginia letzte Saison die beste Defense seit Kentucky 2014/15, obwohl die einzelnen Spieler der beiden Teams in ihrem individuellen Verteidigungsvermögen nicht ansatzweise zu vergleichen sind. Eine klare Identität zu haben, ist gerade in der NCAA sehr wichtig. Die Frage sollte eher sein, ob Bennett durch geschickte Rotationen, die Wahl der richtigen Lineups und leichten Anpassungen im Setplay für mehr Gefahr in der Offense sorgen kann.

Best Case
Die Defense pendelt sich in dieser Saison wieder auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr ein. Dafür müssen auch die neuen Spieler ihren Beitrag leisten. Spieler wie Marco Anthony oder auch Kihei Clark liefern von der Bank frische Impulse und erhöhen den defensiven Druck im Backcourt. Offensiv entwickelt Kyle Guy einen stärkeren Drive zum Korb und Ty Jerome entschließt sich grundsätzlich zu mehr eigenen Abschlüssen. De'Andre Hunter und Braxton Key können ihr jeweiliges Spiel endlich stabilisieren und Gefahr von der Dreierlinie ausstrahlen. Unter den Körben räumen die Bigs ordentlich auf, wobei gerade die Backups Mamadi Diakite und Jay Huff einen Entwicklungssprung hinlegen.

Die Titelverteidigung in der ACC ist ein realistisches Ziel. Zwar ist die Konkurrenz mal wieder groß und Teams wie Duke verfügen vielleicht über mehr reines Basketballtalent, doch die Maschinerie in Virginia ist eingespielt und fest etabliert. Insofern werden die Cavs konstanter auftreten können und ihre Erfahrung ausspielen. Allerdings ist es mittlerweile fast schon zweitrangig, wie gut Virginia während der regulären Saison auftritt. Allmählich kehrt Unruhe, auch von den amerikanischen Leitmedien gestreut, ein und alles wartet darauf, dass Virginia unter Bennett die entscheidende Hürde nimmt und endlich ins Final Four einzieht. Sowohl dieser Schritt als auch die Meisterschaft können die Cavaliers realistisch anpeilen.

Worst Case 
Nach wie vor ist die Offensive von Virginia ein Problem - wenngleich sich die Kritik auf sehr hohem Niveau bewegt. Jerome und Guy halten ihr Niveau, können aber nicht die entscheidende nächste Stufe an der Sprossenwand ihrer Entwicklung erklimmen. Ähnliches gilt für Hunter, dessen Skillset sich über den Sommer nicht großartig erweitern ließ. Haben dann auch noch die Freshmen und vielen unerfahrenen Bankspieler eine etwas längere Eingewöhnungsphase, kann die Verteidigung zu allem Überfluss nicht das erforderliche Niveau für die absolute Spitze der NCAA erreichen.

Statt erneut die ACC zu gewinnen, kann es durchaus passieren, dass die Cavaliers "nur" unter den ersten fünf Mannschaften in der Tabelle landen. Das wäre sicherlich nicht das, was sich Bennett erhoffen mag, allerdings würde er eine solche Platzierung sicherlich in Kauf nehmen, wenn er dafür im Gegenzug im NCAA Tournament mehr Erfolg einstreichen könnte. Doch genau hier liegt der Knackpunkt. Sicherlich war die Kritik an Bennett zum Teil überzogen und durchsetzt von Häme, doch im Kern ist sie gerechtfertigt. Bei einem ungünstigen Matchup kann Virginia ganz schnell aus dem Tournament ausscheiden, da sie zu sehr von ihrer defensiven Leistung zehren und sich offensiv schnell passiv erscheinen und sich in ihrer Motion Offense bestehend aus diversen Down- und Flarescreens verlieren. Ein Aus am ersten Wochenende ist daher nie so ganz auszuschließen.