03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Ein richtiges Gespür dafür zu bekommen, was genau die Tar Heels in der vergangenen Saison letztlich zu Stande bringen konnten oder hätten können, war auch nach Saisonende eigentlich unmöglich. Zwar rechnete vor der Saison eigentlich niemand damit, dass die Tar Heels Favoriten zur Titelverteidigung sein könnten, da vom meisterschaftsentscheidenden Frontcourt kaum jemand übrig blieb, doch gerade Luke Maye legte als einziger Rückkehrer in diesem Mannschaftsteil eine Leistungssteigerung an den Tag, die so nicht vorherzusehen war.

26 Siege, eine solide ACC Saison samt drittem Platz und das Seeding an zweiter Stelle der eigenen Bracket Region ließen dann doch wieder altbekannte Denkstrukturen aufkommen und sorgten dafür, dass UNC als heißer Final Four Contender galt. Allerdings erwischten die Tar Heels einen rabenschwarzen Tag in der zweiten Runde und wurden von Texas A&M, einem gefährlichen Team, das eigentlich die ganze Saison über den eigenen Ansprüche hinterher hechelte, regelrecht deklassiert (65:86).

Abgänge
Joel Berry II (Guard, Starter, Graduation)
Theo Pinson (Guard, Starter, Graduation)

Verbliebene
Cam Johnson (Wing, 6'9'', Senior)
Luke Maye (Big, 6'8'', Senior)
Kenny Williams (Guard, 6'4'', Senior)
Brandon Robinson (Guard, 6'4'', Junior)
Seventh Woods (Guard, 6'2'', Junior)
Garrison Brooks (Big, 6'9'', Sophomore)
Brandon Huffman (Big, 6'10'', Sophomore)
Sterling Manley (Big, 6'11'', Sophomore)
Andrew Platek (Wing, 6'3'', Sophomore)

Neulinge
Leaky Black (Guard, 6'7'', Freshman)
Nassir Little (Wing, 6'6'', Freshman)
Coby White (Guard, 6'5'', Freshman)

Starter
Coby White, Kenny Williams, Nassir Little, Cam Johnson, Luke Maye
Vorab: Die hier als Starting Five präsentierten fünf Spieler werden wohl eher die fünf Jungs sein, die am Ende das Spiel beenden werden. Normalerweise handelt Roy Williams eher traditionell und hat klare Starter, die ein Spiel beginnen und beenden und von denen mindestens zwei Bigs sind. In der vergangenen Saison zeigte Williams, dass er durchaus bereits ist, vom herkömmlichen Schema abzuweichen, wenn es die Situation erfordert.

Coby White ist der neue Aufbauspieler der Tar Heels, nachdem die letzten vier Jahre die Organisation und Tempokontrolle in den Händen von Joel Berry II lag. Dessen Fußstapfen sind nur schwer zu füllen, doch White wird sein Bestes geben, die Rolle als Playmaker auf seine eigene Art zu interpretieren.

White ist ein sehr großer Guard, dessen Natur im eigenen Scoring liegt. Durch seine Mixtur aus Körperlänge und Athletik kann sich der Freshman problemlos seinen eigenen Abschluss kreieren. Außerdem sollte er sich auch mit der schnellen Spielweise der Tar Heels sehr wohl fühlen. Die entscheidende Frage dürfte eher sein, wie gut White trotz hohen Tempos die Kontrolle über das Geschehen behält und nicht überdreht.

An der Seite von White steht mit Kenny Williams ein erfahrenener Veteran in den Startlöchern, der bereits in den letzten beiden Saisons als Starter glänzen konnte. Williams konnte sich in der letzten Saison besonders dadurch auszeichnen, dass er endlich die ihm angedachte Rolle maßgenau ausfüllte. Williams ist ein designierter Scharfschütze, der in seinen ersten beiden Jahren allerdings nur steigerungsbedürftige 28 von 93 Dreiern verwandelte.

In der letzten Saison ergab sich dann ein ganz anderes Bild. 72 Treffer bei einer Quote von 40,2 Prozent entsprachen viel mehr den Erwartungen, die Williams' technisch hervorragender Wurf hervorrief. Auch das Selbstverständnis war ein ganz anderes bei dem Shooting Guard. Viele schwierige Würfe - auch in spielentscheidenden Phasen - fanden plötzlich ihr Ziel.

Auf Nassir Little werden viele Augenpaare gerichtet sein. Der Freshman gilt gemeinhin als der talentierteste der Neulinge mit dem Potential zum Erstrundenpick im kommenden Draft. Little ist ein wurftalentierter Flügelspieler, der allerdings viele verschiedene Eigenschaften auf das Parkett bringen kann.

Gerade die Vielseitigkeit Littles kann möglicherweise dafür sorgen, dass er Spiele als sechster Mann von der Bank beginnt. Abhängig davon, wie schnell er sich körperlich in der ACC und auf höchstem Collegeniveau akklimatisieren kann, ist er ein variabler Verteidiger auf vier Positionen.

Vielseitigkeit ist auch für Cam Johnson in vielerlei Hinsicht ein Stichwort. Zum einen ist der Pitt Transfer, der einst bei den Panthers als Shooting Guard startete, mittlerweile ein perfekter Stretch Vierer auf dem College. Johnson wird mittlerweile mit 6'9'' gelistet, hat dazu noch sehr lange Arme und kann dadurch körperlich auch Power Forwards vor Herausforderungen stellen.

Neben der positionellen Vielseitigkeit muss Johnson nun allerdings spielerisch noch neue Facetten konstant in sein Spiel einbringen. Bisweilen tendierte der Graduate Student, der momentan an seinem Master in Sportadministration werkelt, in seinen ersten drei Spieljahren dazu, sich zu sehr auf seinen Sprungwurf zu verlassen. Diesen muss Johnson zunächst wieder besser treffen (büßte sieben Prozentpunkte im Vergleich zu seiner Sophomore Saison in Pittsburgh ein). Gleichzeitig sollte er sein ordentliches Ballhandling und seine Athletik vermehrt zum Drive nutzen.

Wie schon im Saisonrüblick kurz beschrieben, verzeichnete Luke Maye in der letzten Saison eine derartige Leistungsexplosion, dass sie zur Einordnung wesentlich ausführlicherer Worte bedarf. Die Anstiege des Scoring um durchschnittlich 11,4 Punkte sowie des Reboundings um 6,2 Abpraller mehr pro Spiel rechtfertigten die Auszeichnung zum MIP der ACC. Außerdem wurde Maye mit seinem Double-Double im Schnitt auch ins All ACC First Team gewählt.

Angesichts des rasanten Aufstiegs vom Walk-On zu einem der besten Spieler der besten Basketball Conference scheint der Raum für weitere Verbesserungen erstmal nur gering auszufallen. Allerdings gibt es schon noch die eine oder andere Komponente, die Maye steigern muss, wenn er sich auf eine Profikarriere vorbereiten möchte. Aufgrund seiner geringen Körpergröße finisht Maye in Brettnähe nicht annähernd so, wie er es müsste, um auch gegen erfahrenere und zum Teil noch athletischere Kontrahenten eine Chance zu haben.

Bank
Auch wenn es quasi als Naturgesetz anerkannt werden sollte, dass die Tar Heels immer über sehr tief besetzte Teams verfügen, sticht das diesjährige Team in dieser Hinsicht vielleicht nochmal heraus. Qualitativ mag vielleicht ein deutliches Gefälle zwischen der ersten fünf Spielern des Kaders und den folgenden Bankspielern geben. Doch bei den Backups sind die Unterschiede so marginal, dass der Konkurrenzkampf extrem dramatisch ablaufen wird. Auch die Mischung ist interessant: Einerseits Juniors, die auf Breakoutsaisons warten; andererseits Sophomores und ein Freshman, die sich in der Rotation etablieren möchten.

Seventh Woods war bereits als 14-Jähriger eine YouTube Sensation, da er mit seinen spektakulären Dunks für Klicks und Aufmerksamkeit sorgte. Doch spielerisch verlief die Entwicklung deutlich zurückhaltender. Nach dem Abgang von Berry wird Woods zwar White den Vortritt lassen müssen, allerdings sollte er sich deutlich mehr Minuten sichern und auch mal Spiele mitentscheiden dürfen.

Gleichzeitig sitzt ihm schon das nächste Talent im Nacken. Rechon Malik, genannt "Leaky", Black ist der dritte Freshman der Recruiting Class und derjenige, der immer ein wenig unterschlagen wird. Doch Black gilt ebenfalls als spannender Spieler - zumindest auf lange Sicht. Mit über zwei Metern Körpergröße ist Black ein Aufbauspieler mit absolutem Gardemaß und einem NBA Spot in weiter Ferne. Körperlich wird Black noch zulegen müssen, doch das Organisationstalent ist schon jetzt erkennbar.

Auf dem Flügel muss Brandon Robinson in seiner dritten Saison bei den Tar Heels nun etwas aus sich herauskommen. 1,8 Punkte pro Spiel verzeichnete der schlaksige Shooting Guard in seinen ersten beiden Jahren. Will er in seiner Seniorsaison das Erbe von Kenny Williams als Shooter auf der Zwei antreten, muss Robinson in der kommenden Saison stärker den Eindruck erwecken, dass er wirklich Korbgefahr ausstrahlen kann und somit auch längere Einsatzzeit rechtfertigen würde. Andrew Platek wird von Williams immer dann ins kalte Wasser geworfen, wenn ihm der Einsatz der anderen Rotationsspieler nicht passt.

Auf den großen Positionen ist das Gedrängel besonders hart umkämpft. Das liegt daran, dass sich keiner der drei Bigs in der Freshman Saison besonders empfehlen konnte. Alle drei bringen unterschiedliche Anlagen mit. Garrison Brooks ist eher ein Power Forward und ähnelt körperlich Brice Johnson, auch wenn er nicht dessen Athletik besitzt. Brooks ist außerdem der offensiv talentierste, der vielleicht mal ein konstanter Eins-gegen-Eins-Scorer vom Low- oder Highpost werden könnte. Er wird vermutlich starten und Maye im Frontcourt unterstützen.

Sterling Manley ist im Gegensatz dazu vor allem jemand, der sich gut als Blocksteller im Pick & Roll bewegt und sich dadurch eine Menge Punkte selbst erarbeiten kann. Zudem ist er körperlich schon wesentlich weiter als Brooks. Das gilt ohnehin für Brandon Huffman, dessen Statur schon in der letzten Saison eher in einer Football Mannschaft zu verorten gewesen wäre. Huffman ist in seiner Spielweise kompromisslos und reboundet und blockt, was kühn genug ist, in seine Reichweite zu gelangen.

Pros
Den größten Hype erfährt momentan noch Nassir Little. Dank seiner interessanten Anlagen ist Little als spielstarker Flügelspieler jemand, der gut ins Beuteschema erfolgreicher NBA Teams passt und daher irgendeine NBA Nische auf jeden Fall besetzen kann. Gleichzeitig könnte sich Coby White in einigen Jahren als der bessere NBA Spieler herausstellen. Je nach dem wie gut sein Wurf fällt, bringt White alles mit, was ein Point Guard in der NBA braucht.

Abseits dieser beiden One-and-Done-Kandidaten ist Cam Johnson derjenige, der sich die größten Hoffnungen auf einen NBA Vertrag ausrechnen kann. Shooting ist in der NBA das gefragte Gut und genau dieses kann Johnson liefern. Dazu bringt er körperlich interessante Voraussetzungen mit und sollte seinen letzten Entwicklungssprung noch vor sich haben. Bei Luke Maye gilt abzuwarten, ob er sich nochmals steigern kann. Zu klein und unathletisch für die NBA - das sind die Kritikpunkte an Maye, die er wohl nicht mehr los wird. Zumindest in Europa dürfte seine Leistungsexplosion nicht unbemerkt geblieben sein. Hier könnte auch Kenny Williams sein Glück als 3-and-D-Spieler versuchen.

Coaching
Dean Smith wird in Chapel Hill eine unerreichte Legende bleiben, aber in den vergangenen Jahren hat Roy Williams genug Erfolge feiern können, um seine Platzierung an zweiter Stelle auf der Beliebtheitsskala zu zementieren. Zwei Meisterschaften konnte Williams nun schon mit den Tar Heels feiern und wird auch in der kommenden Saison wieder zum engeren Favoritenkreis zählen. Nachdem der Skandal um Scheinkurse auch keinerlei Auswirkungen auf das Basketballprogramm hat, kann Williams künftig wieder die Top Freshmen auf den Campus lotsen.

Die Spielweise wird die gleiche sein wie schon im vergangenen Jahrzehnt. Die Tar Heels wollen den Gegner in Grund und Boden rennen, da sie fast immer über die tiefere Bank verfügen und sowohl Transition als auch zweite Welle zu den Spezialitäten von Williams gehören. Neben der Transition ist Rebounding das zweite große Thema bei UNC. Defensive Mängel sind zu akzeptieren, wenn das Tempo stimmt.

Best Case
Cameron Johnson findet seinen Wurf wieder und tritt dominanter in der Offensive auf. Die Freshmen Nassir Little und Coby White erfüllen die in sie gesetzten Erwartungen und können mit starken Saison auch ihre Draftaktien im Wert erheblich steigern. Luke Maye agiert weiter auf konstant hohem Niveau und wird der Anführer des Teams. Die Bankspieler finden ihre Rollen und Wege, dem Team zum Sieg mitzuverhelfen. Wenn tatsächlich mehrere oder gar alle dieser Punkte zutreffen, wird zudem auch entscheidend sein, dass Williams die richtigen Wechselentscheidungen trifft und clever seine Spieler durchrrotiert.

Auch in dieser Saison wird die ACC die beste Conference der NCAA sein. In dieser ausgeglichenen und gerade in der Spitze stark besetzten Conference sollten die Tar Heels erneut wieder unter den ersten drei Teams in der Tabelle landen. Für das NCAA Tournament wird viel darauf ankommen, wie gut sich die jungen Spieler entwickeln. Grundsätzlich stimmt die Mischung bei den Tar Heels und eine Final Four Teilnahme oder sogar die Meisterschaft sind realistische Ambitionen.

Worst Case 
Williams besteht darauf, Maye größtenteils als Power Forward neben einem traditionellen Backcourt aufzustellen, weswegen zu wenig Minuten im Backcourt für die vielen talentierten Spieler übrig bleiben. Dadurch gelingt es den Bankspielern im Backcourt nicht, einen Rhythmus zu entwickeln und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu finden. Johnson hat wieder Probleme mit seinem Wurf und auch bei einigen anderen Guards bleibt die Quote auf beschaulichem Niveau. Maye verliert den Überraschungseffekt der letzten Saison und rutscht in seinem Einfluss auf das Spiel etwas ab.

Alleine die Tiefe und das Talent des Kaders werden dafür sorgen, dass die Tar Heels in der oberen Hälfte der ACC zu verorten sein werden. Spannend wird es dann erst im März so richtig. Hier könnte sich die Jugend auf den Backcourt Positionen rächen. Gutes Guardplay ist im März entscheidend. Doch wie das letzte Tournament erst zeigte, kann auch manchmal ein schlechtes Los, gute Tagesform des Gegners oder ein eigener Blackout dafür sorgen, dass am ersten Wochenende direkt Schluss ist.