03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Der Weg war scheinbar geebnet für einen Run auf den Titel und die erste Final Four Teilnahme der Spartans seit 2015. Miles Bridges wurde prominent als Posterboy der Collegesaison aufgebaut, nachdem er überraschend seine Rückkehr bekannt gab und sich gegen das beliebte One-and-Done-Modell entschied. Zusätzlich sorgte Jaren Jackson Jr. für gerechtfertigte Vorfreude. Insgesamt vielleicht das tiefste Team der NCAA - wirkten die Spartans lange dominant und konnten die Big Ten Saison mit einer 16-2-Bilanz auf dem ersten Platz abschließen.

Allerdings wurden die Leistungen gegen Ende der Saison eher schwächer als besser. Zusätzlich wurden Ende Januar Vergewaltigungsvorwürfe bekannt, die Basketballer der Spartans aus dem Jahr 2015 betrafen. Tom Izzo vergrößerte die Unruhe dadurch, dass er sich zunächst nicht äußerte und erst Aufbauspieler Cassius Winston sich klar gegen solche Gewalttaten aussprach. Auch sonst kam die Saison zu einem jähen Ende, als Michigan State in der zweiten Runde gegen Syracuse ausschied. Gegen die Orange Zone fiel den Spartanern nichts besseres ein, als 37 Dreier zu werfen, von denen nur acht ihr Ziel fanden.

Abgänge
Ben Carter (Big, Rotation, Graduation)
Lourawls "Tum-Tum" Nairn Jr. (Guard, Starter, Graduation)
Gavin Schilling (Big, Rotation, Graduation)
Miles Bridges (Wing, Starter, Draft)
Jaren Jackson Jr. (Big, Starter, Draft)

Verbliebene
Kenny Goins (Big, 6'7'', Senior)
Matt McQuaid (Wing, 6'5'', Senior)
Kyle Ahrens (Wing, 6'6'', Junior)
Josh Langford (Guard, 6'5'', Junior)
Nick Ward (Big, 6'9'', Junior)
Cassius Winston (Guard, 6'1'', Junior)
Xavier Tillman (Big, 6'8'', Sophomore)

Neulinge
Marcus Bingham Jr. (Big, 6'11'', Freshman)
Gabe Brown (Wing/Big, 6'7'', Freshman)
Aaron Henry (Wing, 6'6'', Freshman)
Foster Loyer (Guard, 6'0'', Freshman)

Starter
Cassius Winston, Josh Langford, Matt McQuaid, Xavier Tillman, Nick Ward
Teilte sich Cassius Winston in der vergangenen Saison die Rolle als Anführer auf- und abseits des Courts noch mit Point Guard Nummer zwei "Tum-Tum" Nairn, ist Winston in der kommenden Saison nun der unbestrittene Anführer, der mit seinen Leadershipskills dafür sorgen soll, dass die Spartaner auf Kurs bleiben.

Winston ist aber nicht nur jemand, der Kommandos gibt, sondern eben mindestens genauso auch mit gutem Beispiel voranschreitet. Winston ist einer dieser Spieler, den jeder Titelanwärter im Kader haben muss, wenn es im März klappen soll. Als Freshman war Winston noch etwas zurückhaltend und beschränkte sich rein auf die Spielorganisation und Tempokontrolle. In der vergangenen Saison nahm er auch mal Scorer die Sache in die eigene Hand. 12,6 Punkte pro Spiel (teamintern Platz zwei), dazu noch durchschnittlich fast sieben Vorlagen und eine imposante Dreierquote von 49,7 Prozent bei über zwei Treffern pro Spiel sind Werte, die Winston im Idealfall in der kommenden Saison noch etwas ausbauen oder zumindest auf diesem hohen Niveau stabilisieren kann.

Während Winston seinen Leistungssprung schon hingelegt hat und zur NCAA Elite auf seiner Position nicht mehr viel Rückstand hat, ist die Sache bei Josh Langford etwas anders gelagert. Nach wie vor lässt der Shooting Guard die Konstanz in seinen Leistungen vermissen und zeigt nur an manchen Abenden, zu welch spielentscheidenden Scoring Ausbrüchen er eigentlich im Stande ist.

In den letzten neun Spielen blieb Langford insgesamt sieben Mal einstellig in seiner Punktausbeute. Zwischendrin standen dann aber auch mal effiziente 22 Punkte in der ersten Runde des Tournaments gegen Bucknell zu Buche. Diese Schwankungen muss Langford aus seinem Spiel herausbekommen. Will Michigan State erfolgreich sein, muss Langford mindestens 15 Zähler pro Begegnung auflegen und gezielter Spiele an sich reißen.

Ähnliche Zeilen ließen sich auch zu Matt McQuaid verfassen, auch wenn sich die im Kern selbe Kritik auf anderen Spielniveaus bewegt. Bei McQuaid schwingt mit, dass er in einem seiner ersten Spiele für die Spartans als Freshman drei wichtige Dreier bei einem knappen Sieg gegen Kansas traf und damit für Aufsehen sorgte. McQuaid erzielte in der vergangenen Saison sechs Punkte pro Partie und konnte sich damit leicht steigern.

Grundsätzlich ist McQuaid ein klassischer 3-and-D-Wing mit einer großen Vorliebe für Offensivfouls, die er seinen überforderten Gegenspielern clever anhängt. Alleine für diese Eigenschaft hat er sich bei Izzo ein gewisse Minutenzahl gesichert. Nun wird es darum gehen, dass der Senior in seinem letzten Jahr fit bleibt und offensiv vielleicht nochmal einen Entwicklungssprung hinlegt.

Im Schatten von Jaren Jackson Jr. geriet in der letzten Saison ein wenig in Vergessenheit, dass sich Izzo mit Xavier Tillman einen interessanten zweiten Freshman Big angelacht hatte. In seiner begrenzten Einsatzzeit erwies sich Tillman als durchaus effektiv. Besonders 2,6 Rebounds und 0,7 Blocks in weniger als zehn Minuten pro Partie sind beachtliche Werte. Skills konnte Tillman noch nicht großartig beweisen, doch diesen Nachweis kann er in der kommenden Saison nachreichen, sofern die Skills vorhanden sind.

Zumindest war die klare Ansage an Tillman und Junior Big Nick Ward, dass sie ihr Spiel im Sommer so überarbeiten sollten, dass beide nebeneinander koexistieren können. Da Ward ein klassischer Brettcenter ist, der es in der letzten Saison zumindest geschafft hat, sich eine rechte Hand bei seinen Abschlüssen in Zonenähe anzugewöhnen, wäre es nun an Tillman einen zumindest verlässlichen Mitteldistanzwurf zu etablieren.

Für Ward sollte der Fokus in der weiteren Entwicklung ohnehin auf der Verteidigung liegen. Hier ist Ward nach wie vor am anfälligsten. Pick & Roll Defense, Rimprotection und seine gelegentlichen Leak-outs zum Fastbreak nach gegnerischen Wurfversuchen bereiten Izzo Kummer. Ersteres und Letzteres wird Ward nur über gute Gewohnheiten verändern. Bei der Rimprotection ist Ward mit seiner geringen Größe sowie mäßigen Athletik und trotz seiner ordentlichen Spannweite einfach nicht entsprechend ausgestattet. Das leidige Thema Foulprobleme ist sowieso ein andauernder Prozess.

Bank
Die Bank besteht in dieser Saisons aus Freshmen und Walk-Ons - einen größeren Kontrast hat es unter Izzo schon lange nicht mehr gegeben. Dennoch könnte sich gerade diese Mixtur als überaus nährhaft entpuppen.

Der neue Backup Point Guard ist ein unscheinbarer Freshman namens Foster Loyer. Auch wenn er auf den ersten Blick nicht unbedingt den Anschein erwecken mag, dass er bereit für bedeutungsschwangere Minuten in der toughen Big Ten ist, sollte der junge Guard nicht unterschätzt werden. Loyer ist ein guter Schütze mit Sachverstand, der sich nach einer Eingewöhnungsphase ab Januar für die Big Ten gewappnet sehen sollte.

Auf den Flügelpositionen ist Aaron Henry derzeit derjenige, der von den Coaches in East Lansing am meisten mit Lob überschüttet wird. Im Vergleich zu den anderen Freshmen ist Henry vor allem physisch und athletisch schon jetzt bereit für eine ordentliche Collegerolle. Selbst Izzo zeigte sich nach den ersten Einheiten überrascht davon, wie problemlos der Übergang für Henry war. Er wird der sechste Mann sein und könnte sich sogar zum Starter hocharbeiten.

Kyle Ahrens verpasste die vergangene Saison verletzungsbedingt und ist gefühlt schon seit einem Jahrzehnt Bestandteil des Kaders. Der Walk-On ist vielleicht der beste Athlet des Kaders und kann besonders als Verteidiger viel Toughness auf den Court bringen. Izzo liebt diese kompromisslosen Spielertypen, die gerne mal Footballhärte in die Geschichte reinbringen.

Der zweite Walk-On, der durchaus auch Spiele starten wird, ist Kenny Goins. Glue Guy ist die Beschreibung, die für Goins oft gewählt wird und sehr zutreffend ist. Zwei Knieverletzungen konnten den toughen Power Forward nicht ausbremsen, der sich im Sommer fest vornahm, seine letzte Saison am College als Starter zu beenden. Rebounding, Defense und eine harte Spielweise sind die Trumpfkarten im Ärmel des Seniors.

Für Gabe Brown und Marcus Bingham Jr. wird es in der kommenden Saison darum gehen, sich einigermaßen zügig in der neuen Umgebung einzufinden. Gerade Bingham hat langfristig sicher noch viel unausgeschöpftes Potential in sich schlummern, das auf einen Reifeprozess wartet. Seine Entwicklung, speziell physisch, wird interessant zu beobachten sein. Brown ist eher ein Tweener, der sich spielerisch noch klar definieren muss.

Pros
Der einzige Senior des Kaders, der ein Stipendium besitzt, ist Matt McQuaid. Der Spezialist strahlt für die NBA zu wenig Gefahr aus. Ob er sich in Europa durchboxen kann und möchte, werden wohl die kommenden Jahre zeigen. Neben McQuaid besteht sonst bei keinem Spieler eine Garantie, dass er sich vorzeitig zum Draft anmeldet.

Mittelfristig werden Nick Ward und Cassius Winston irgendwann in NBA oder Europa durch die Arenen der Welt jagen und ihre Alma Mater würdig vertreten. Langfristig haben Aaron Henry und Marcus Bingham Jr. wahrscheinlich das größte Potenzial des Kaders. One-and-Done-Verläufe sind bei denen eher nicht zu erwarten, aber in einem Jahr kann viel passieren.

Coaching
Izzo ist eine Instanz im College Basketball, weshalb seine misslungene PR-Strategie Anfang des Jahres vermutlich ein zusätzlicher Ansporn sein dürfte, aus Fehlern zu lernen und mit mehr Sensibilität und Eifer an das Thema heranzugehen. Außerdem war Izzo nun schon ungewöhnlich lange nicht mehr im Final Four und musste sich zum Teil auf sehr bittere Arten am ersten Wochenende des Tournament verabschieden, obwohl er talentierte Teams zur Verfügung hatte.

Prinzipiell wird sich wenig an Izzos Philosophie ändern. Noch immer werden sich seine Spieler regelmäßig wundern, ob sie sich gerade wirklich in einer Basketballhalle oder auf dem Footballgrün befinden, wenn sie sich in den legendären "War Drills" um Rebounds prügeln müssen. Offensiv werden die Spartans wieder versuchen, ihre Stärke von der Dreierlinie (40 Prozent als Team, NCAA Rang 17) zu beweisen und mit viel Zug in der Transition agieren.

Best Case
Cassius Winston und Nick Ward sind nach wie vor das eingespielte Gespann, um das sich alles dreht. Das Zusammenspiel der beiden hat schon an Tag eins wunderbar funktioniert und wird sich nicht über einen Sommer verschlechtert haben. Solange Ward sich im Griff hat und weniger unnötige Fouls begeht, kann dieses Traumpaar wenig auseinander zerren. Ein weiterer Schlüssel wird wie immer sein, dass die Spartans ihre Würfe treffen, gleichzeitig aber nicht nur ihr Glück aus der Ferne versuchen. Denn gerade am Brett sind sie gut besetzt. Hier müssen auch die Freshmen direkt ihren Beitrag leisten, damit die nötige Tiefe in der Rotation gegeben ist.

Die Big Ten wird dieses Jahr breiter aufgestellt sein und ein erneuter Durchmarsch mit 16 Siegen sollte daher nicht möglich sein. Dennoch gehen die Spartans wieder als Favorit in die Meisterschaftsrunde und sind der heißeste Anwärter der Conference, wenn es um eine mögliche Final Four Teilnahme geht - Michigan vielleicht mal außen vor. Nach 2015 werden die Spartans diese Saison erstmals wieder das erste Tournament Wochenende überstehen. Dass es danach wieder bis ins Final Four geht, ist nicht ausgeschlossen. Mit einem Josh Langford in Breakout-Laune ist ohnehin sehr viel möglich.

Worst Case 
Ward hadert wieder mehr mit den Schiedsrichtern als mit seiner Einstellung zum Reingreifen im hohen Pick & Roll zehn Meter vom Korb entfernt. Die Rotation auf den großen Positionen lässt solche Undiszipliniertheiten in diesem Jahr allerdings nicht mehr straffrei zu, weswegen darunter das ganze Team leidet. Die Freshman Bigs brauchen länger als erhofft, um konstant Rebounds zu sichern und auch offensiv Akzente zu setzten. Langford bleibt ein wankelmütiger Scorer, der mal mit dem richtigen, mal mit dem falschen Bein zuerst aufsteht.

Es ist grundsätzlich nicht wirklich plausibel davon zu reden, dass es Teams gibt, die immer heiße Kandidaten für ein Erstrundenaus sind - besonders in einer Saisonvorschau. Dafür unterliegt der Collegesport einfach zu sehr dem Zufall. Gleichzeitig gibt es Spielweisen, die sich als problematisch herausstellen können. Kommen dann auch noch Fragezeichen bei den potentiell besten Spielern (Ward und Langford) hinzu, erhärtet sich der Eindruck, dass Michigan State mal wieder nicht das erste Wochenende übersteht.