03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Vor der vergangenen Saison war bereits klar, dass nach der Final Four Teilnahme in 2017 ein Rückschritt erfolgen würde. Immerhin waren gleich vier Starter zu ersetzen und jede Menge neue Gesichter, darunter auch einige Graduate Transfers, neu in das System zu implementieren. Dennoch waren die allgemeinen Erwartungshaltungen schon dahingehend ausgerichtet, dass die sechste Tournament Teilnahme in Folge nur eine Formsache sei.

Dieser Anspruch erwies sich jedoch als Trugschluss. Auch wenn die Ducks 23 Spiele gewannen und in der PAC-12 ebenfalls in zehn von 18 Fällen als Sieger den Gang in die Kabine antraten, war dies nicht ausreichend. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zu Beginn der Saison brauchten die Ducks sichtlich, um sich aneinander zu gewöhnen. Dass sie ausgerechnet beim PK80, dem am besten besetzten Turnier der Saison zu Ehren des 80. Geburtstags von Nike Gründer und Oregon Alumnus Phil Knight, eine beschauliche Leistung mit zwei Niederlagen lieferten, blieb im kollektiven Gedächtnis haften. Über die ganze Saison gewannen die Ducks nicht ein einziges Spiel gegen einen starken Gegner, der gerade in voller Leistungsstärke antreten konnte.

Abgänge
Elijah Brown (Wing, Starter, Graduation)
MiKyle McIntosh (Big, Starter, Graduation)
Keith Smith (Wing, Rotation, Transfer)
Troy Brown Jr. (Guard, Starter, Draft)

Verbliebene
Paul White (Wing/Big, 6'9'', Senior)
Payton Prichtard (Guard, 6'2'', Junior)
Victor Bailey Jr. (Guard, 6'4'', Sophomore)
Abu Kigab (Wing, 6'7'', Sophomore)
Kenny Wooten (Big, 6'9'', Sophomore)

Neulinge
Ehab Amin (Guard, 6'4'', Senior)
Bol Bol (Big, 7'2'', Freshman)
Louis King (Wing, 6'9'', Freshman)
Miles Norris (Big, 6'10'', Freshman)
Will Richardson (Guard, 6'5'', Freshman)

Starter
Ehab Amin, Payton Pritchard, Will Richardson, Bol Bol, Kenny Wooten
Ähnlich wie zu Beginn der vergangenen Saison werden die Karten neu gemischt und es dürfte dauern, bis sich eine feste Rotation und gewohnte Abläufe etablieren können. Der Unterschied sollte allerdings sein, dass der erhaltende Nukleus größer ist und die Neuzugänge talentierter sind.

Ein relativ kurzfristig dazugestoßener Neuling könnte am Ende vielleicht den entscheidenden Unterschied ausmachen, wenn sich entscheidet, ob die Saison ein Erfolg wird oder nicht. Ehab Amin ist ein Grad Transfer, der zuletzt seinen Business Major an der Texas A&M Corpus Christi abschloss, die letzte Saison wegen einer Hüftverletzung verpasste. Seine letzte Saison am College wollte der Ägypter dann nochmal auf höchst möglichem Niveau verbringen. Eigentlich hatte er Nevada seine Zusage schon gegeben, entschied sich nach der Rückkehr der Martin Twins jedoch nochmal um.

Für Oregon passt Amin aus zwei Gründen perfekt in die Kaderstruktur. Zum einen ist Amin ein groß gewachsener Guard, der die gesamte NCAA 2016/17 mit 124 Steals in dieser Kategorie anführte. Da die Ducks sich defensiv wieder verbessern müssen und viel pressen werden, ist die Kombination an diesem Ende schon vortrefflich. Zweitens ist Amin ein Aufbauspieler, der sich wirklich um den Ballvortrag kümmern kann, wodurch Combo Guard Payton Pritchard wieder mehr als Scorer in Erscheinung treten kann.

Ebenjener Prichtard hatte letzte Saison einen relativ schweren Stand, da er mehrere Aufgaben, die er zum Teil so noch nie zuvor ausführen müsste, gleichzeitig auszuüben hatte. Neben dem Scoring, das von ihm fest eingeplant war und das er auch lieferte (Topscorer mit 14,5 Punkten pro Spiel), musste Pritchard plötzlich auch noch das Spiel organisieren und den klassischen Aufbauspieler geben.

Zwar konnte er 4,8 Vorlagen im Schnitt verteilen, doch diese Zahl täuscht ein wenig darüber hinweg, dass die Offense der Ducks mehr oder weniger erfolgreiches Chaos war. Gerade die letztjährigen Grad Transfers MiKyle McIntosh und Elijah Brown kannten keine schlechten Würfe und feuerten aus allen Lagen. Das sollte in dieser Saison hoffentlich wieder anders werden. Nichtsdestotrotz wird Pritchard persönlich sehr viel aus der vergangenen Saison mitgenommen haben.

Der dritte Starter im Backcourt ist Will Richardson. Der Freshman mit der eindrucksvollen Haarpracht ist ein Allrounder, der grundsätzlich von Point Guard bis Small Forward alle Positionen des klassisch angehauchten Positionsspektrums ausfüllen kann. Richardson dürfte sich daher nicht nur als nomineller Starter auf der Drei wiederfinden, sondern auch eine gewichtige Minutenanzahl als Backup Point Guard sehen. Momentan ist er noch von einer Fußverletzung gehandicapt.

Die vielleicht wichtigste Entscheidung der Rotationsgestaltung hat Altman vermutlich im Frontcourt zu treffen. Wer startet hier in welcher Kombination und welche Partner profitieren am meisten voneinander? Als Starter kommen drei Spieler in Frage: Bol Bol, Kenny Wooten und Paul White.

Bol ist der Sohn von Manute Bol und einer der polarisierendsten Spieler in der kommenden NCAA Saison. Das beginnt schon bei seiner Körpersprache, die zum Teil als desinteressiert und gelangweilt interpretiert wird. Da jedoch niemand in den Kopf des Freshman hineinsehen kann und er in einem College Setting womöglich ganz anders auftreten wird, sollte zumindest diese Diskussion erstmal hinten angestellt werden.

Viel mehr Aufmerksamkeit verdient die Frage, welche Rolle er für die Ducks spielen kann. Trotz seiner enormen Größe ist Bol mit einem weichen Handgelenk ausgestattet und treibt sich gerne an der Dreierlinie herum. Gerade in Kombination mit Wooten könnte das zu einer ansprechenden Mixtur führen. Offensiv könnte Bol die Vier spielen, defensiv die Fünf, da er mit seiner Länge in der Matchup Zone der perfekte Rimprotector sein kann.

Auch Wooten könnte seinen Teil zur funktionalen Anwendung dieses Gespanns beitragen. Die Bezeichnung "Sprungfedern unter den Schuhen haben" wird für gute Athleten mit viel Höhe beim Absprung gerne genutzt und birgt immer Inflationsgefahr. Doch bei Wooden ist diese Beschreibung angemessen. Wooten hat nicht nur eine enorme Höhe in seinen Hopsern, sondern reißt sich auch noch explosionsartig - gerne auch zwei oder drei Mal in kurzer Abfolge - vom Boden hoch.

Diese besondere Eigenschaft führt dazu, dass Wooten defensiv über enorm hohes Potential verfügt und in nicht allzu ferner Zukunft mal alle fünf Positionen verteidigen können sollte. Zur Zeit scheitert dieser Versuch noch an seiner Naivität, die sich besonders am Perimeter bemerkbar macht, wo er auf jeden Fake hereinfällt und sich viele Fehler leistet. Unter dem Korb läuft hingegen schon sehr ordentlich (2,6 Blocks pro Spiel in gerade mal 19 Minuten pro Spiel).

Bank
Durch die hohe Variabilität der Ersten Fünf auf den Guardpositionen kommt von der Bank noch Victor Bailey als weitere Option. Bailey ist noch sehr roh als Spieler, kann aber physisch und daher besonders defensiv den anderen Enten unter die Flügel greifen.

Offensiv war er mit 6,7 Punkten pro Spiel als Freshman ebenfalls überraschend produktiv. Allerdings sollte dieser Wert nicht zu hoch gehandelt werden. Bailey muss noch verstehen, wann er seine Aktionen starten und speziell wie er sie beenden sollte. Außerhalb von Transition und klaren Drives nach Closeouts hatte der Linkshänder noch deutliche Probleme im Angriff,

Ein Spieler, über den im Vorfeld relativ wenig gesprochen wird, der jedoch ein sehr interessantes Paket anbietet, ist Freshman Louis King. Mit einem Gardemaß von mindestens 6'8'' kann er aber am College und gerade unter Altman mehrere Positionen gleichermaßen abdecken. Altman liebt genau diese Art Tweener auf dem Flügel und hatte den größten Erfolg bisher mit solchen Spielertypen.

Momentan laboriert King noch an den letzten Auswirkungen eines gerissenen Meniskus aus dem Januar 2018. Den Saisonstart wird der talentierte Freshman daher auf jeden Fall verpassen. Sein Einstand ist für Anfang Dezember vorgesehen und dieser Plan scheint auch in die Realität umgesetzt werden zu können.

Paul White hat eigentlich Starterformat und sollte als Senior auch entsprechende Minuten sehen. Allerdings könnte er seiner eigenen Variabilität zum Opfer fallen. Sowohl neben Bol als auch neben Wooten kann White seine Qualitäten perfekt einbringen. Offensiv hat White das komplette Paket: Er trifft den Dreier (35,2 Prozent), sieht seine Mitspieler wie ein Guard, zieht gerne mal zum Korb oder gehts ins Postup. Zudem reboundet und verteidigt er solide. Je nach Leistungen und Konstanz von Bol und Wooten wird White auch anstelle eines der beiden starten.

Was Bailey auf den Guardpositionen ist, verkörpert Abu Kigab auf den Forward Positionen. Der Kanadier ist ein Energiebündel, das gar nicht weiß, was er mit all seiner Elektrizität anstellen soll und sich in einer Kurzschlussreaktion meist selbst in Brand steckt. Sobald Kigab lernt, seine Zündungen zu kontrollieren, ist er mit seiner Kombination aus Athletik und Physis kaum noch aufzuhalten - weder offensiv noch defensiv.

Tiefe hat der Frontcourt dieses Jahr auch noch durch Miles Norris, der in dieser starken Freshman Class immer ein wenig unter den Tisch zu fallen gerät. Norris wird vielleicht nicht vom ersten Tag an den gleichen Einfluss wie ein Bol ausüben, kann sich aber langfristig als ähnlich wertvoll erweisen.

Pros
Bol Bol wird im Sommer dieser eine Spieler sein, der zwischen Draft Experten und solchen, die es sein möchten, wieder mal hitzige Diskussionen entfacht. Ist er ein Einhorn, wie es sich NBA GMs wünschen würden, und sollte daher unter den ersten fünf Namen des Drafts gesetzt sein? Oder ist er doch eine Nebelkerze, der auf den ersten Blick viel Aufmerksamkeit erregt, aber nach genauerer Betrachtung dann doch gar nicht so viel zu bieten hat, wie eingangs vermutet.

Neben Bol sind Louis King und Will Richardson in Abhängigkeit von ihrer Saisonleistung Sleeper Kandidaten für eine vorzeitige Draftanmeldung. Ähnliches gilt für Kenny Wooten, die er langfristig enormes Potential besitzt. Paul White könnte durch seine Vielseitigkeit ebenfalls einen Spot in der NBA finden. Spätestens in Europa wird er eine Anstellung finden.

Coaching
In der vergangenen Saison war Dana Altman natürlich alles andere als zufrieden mit dem Abschneiden seiner Ducks. Zugleich waren es jedoch weniger die Resultate, die ihm abwechselnd Zornesröte und Sorgenfalten im Gesicht bescherten. Viel schlimmer waren aus Sicht des Übungsleiters die defensiven Aussetzer und Verfehlungen, die sich in unangenehmer Regelmäßigkeit häuften. Wenn es in der vergangenen Saison eine Konstante gab, dann war es die Inkonstanz in der Verteidigung.

In der kommenden Saison hat Altman aber wieder einen Kader versammelt, der viel besser zur eigenen Marschrichtung passt. Länge, Athletik und Energie sind auf allen Positionen und größtenteils auch in zweifacher Ausführung vorhanden. Die typische 1-2-2-Zonenpresse, die ihm Halbfeld in eine Matchup Zone übergeht, wird aufgrund der Länge des Teams einen Effekt haben. Mit zunehmender Abstimmung kann Oregon wieder eines der defensivstärksten Teams der NCAA werden.

Best Case
Die Rollen innerhalb des Teams finden sich schnell, jeder akzeptiert seine Aufgabe und führt diese mit größtmöglicher Vielfalt aus. Defensiv legen die Ducks ein ganzes Stück an Konstanz zu und werden ein sehr unangenehmer Gegner, da immer irgendeine Hand am Ball den Pass entscheidend abfälscht und in der Zone sowieso kein Durchkommen für das Gros der Wurfversuche besteht. Im Angriff profitieren die Ducks davon, dass Prichtard nicht mehr als halber Aufbauspieler alles organisieren muss, wodurch die Struktur in die Setoffense zurückkehrt.

Zu schreiben, dass die Ducks vermutlich die PAC-12 gewinnen werden, ist erstens keine besonders mutige Prognose meinerseits und zweitens auch nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal für die Ducks. Denn in dieser Saison wird die beste Conference westlich von Kansas vermutlich wieder eine Enttäuschung nach der nächsten am Selection Sunday erleben. Erfahrung und zum Teil Talentlevel sind nicht an einem Punkt, der für vielfache Tournament Teilnahmen notwendig wäre. Gleichzeitig haben die Ducks aber auch gute Chancen, im nationalen Diskurs wieder relativ weit vorne dabei zu sein. Läuft alles nach Plan und können die Ducks ansatzweise ihr defensives Potential realiter übertragen, ist möglicherweise sogar wieder ein Elite Eight oder ein Final Four drin, auch wenn zu den Topteams sicherlich doch noch einiges an Erfahrung und Qualität fehlt.

Worst Case 
Die drei Bigs entwickeln untereinander keine Chemie und für Altman ergibt sich dadurch keine klare Hierarchie, die es ihm vereinfachen würde, eine effiziente Rotation zu entwickeln. Die Befürchtungen bezüglich Bol Bols Antriebslosigkeit bewahrheiten sich und auch die anderen Freshmen können aus unterschiedlichen Gründen nicht die Leistung abrufen, die sich die Anhänger der "Quack Attack" von ihren Neulingen erhoffen. Die Entwicklungsspirale nach unten könnte ihren Höhepunkt darin finden, dass sich die Sophomores nicht wie erwartet entwickeln. Zwar ist keiner von ihnen als wirklich integraler Bestandteil vorgesehen, der direkt über Sieg oder Niederlage entscheiden könnte, dennoch würde das der Tiefe einen empfindlichen Dämpfer verpassen.

Ein erneutes Verpassen des NCAA Tournaments ist in diesem Jahr aber sehr unrealistisch. Dafür werden die Jungs der letzten Saison und die neuen Freshmen zu viel Ehrgeiz an den Tag legen. Zudem ist die Point Guard Problematik einigermaßen gelöst, womit neben der Defensive das größte Problem beseitigt ist. Gleichzeitig könnte es passieren, dass sich die Ducks relativ schnell im Tournament wieder verabschieden müssen. Fehlende Erfahrung und wackelige Quoten von außen sind immer Gefahrensymbole.