11 November 2018

11. Nov, 2018


Tis' the Trade Season. Sechs Wochen vor dem Fest der Liebe, zwölf Wochen vor der Deadline wurden die Pforten zum Tauschmarkt aufgestoßen. In der Cucina del NBA Chefkoch braten wir die Deals der Saison 18/19 in gehabter Manier. Heute: Rocky Balbutler.

von ANNO HAAK @kemperboyd | 11. Nov, 2018

Start

Gibt es eine Situation, die Jimmy Butler, den Dritten glücklich macht? Man darf die Frage nach Dauerrind (verstehen Sie?) mit Rajon Rondo und/oder Dwyane Wade und/oder den jungen Spielern in Chicago sowie den beiden vermeintlichen Co-Stars in Minnesota wohl aufwerfen. Klar ist nur: das „nicht Fisch, nicht Fleisch“-Gehänge in der windigen Stadt stellte ihn so wenig zufrieden wie die Lage in Minnesota.

Am Absturz auf die fehlende Mentalität der jungen Defensivallergiker neben ihm in der nordischen Kälte konnte auch sein erklärter Lieblingstrainer nichts ändern, der ihn von einem obskuren 30. Pick zum Top-10-Spieler ligaweit gecoacht hatte. Jenem personalunionierten Trainer und Manager hatte er bereits vor Wochen die Tradeforderung ins Stammbuch geschrieben.


Dass die krisengeplagten Waldanrainer überhaupt mit dem dauerunzufriedenen Star in die Saison gehen würden, schien ein – mindestens gefährlicher – Gamble zu sein. Kann doch Minnesotas summa summarum immer noch bester Spieler 2019 aus seinem Vertrag hinaus in die Freiheit spazieren. Der ununterbrochen wabernde Talkitalk über Streiks, generelle „Verspanntheit“ und sonstigen Mumpitz überschattete dann auch die gesamte bisherige Timberwolves-Saison.

Die 76ers galten zuletzt dank der Assetsammlung aus den Tagen des Prozesshansels als Kandidat für jeden tradewütigen oder freien Star, der zu haben war (und das waren in den vergangenen Monaten bekanntlich einige), um mit Ben Simmons und Joel Embiid die Tankversion von BIG3 zu bauen. Doch die Schultern, die Paul George, LeBron James oder die Kawhi-Leonard-verdealenden Spurs den Sixers entgegenreckten, waren kälter als das Klima in den Zwillingsstädten.


Schuss

Die Wolves erhalten Dario Šarić, Robert Covington, Jerryd Bayless und einen Zweitrunden-Pick 2022, Butler und als Füller Justin Patton ziehen ostwärts.

76ers: Jimmy Butler, Justin Patton
Timberwolves: Dario Šarić, Robert Covington, Jerryd Bayless, 2022 2nd Round Pick (PHI)



Timberwolves

Machen wir das kurz, machen wir das bündig: Thibs ist wieder da. Oder noch kürzer: Thibs ist da. Bisher war der größte Reibeisenbrüllhans der Trainergilde diesseits von Stan van Gundy als GM irgendwas zwischen Totalausfall und wandelnder „Timberbulls“-Punchline. Einzig, artig und dürftig. Auch wenn die Eigentümer, wie der Schöpfer des Woj-Universums zu berichten wusste, angesichts des Front Office Chaos in Minneapolis eingebunden werden mussten, bleibe ich dabei: Thibs ist da.

Denn dieser Trade geht aus Sicht der Timberwolves mehr als klar. Bevor wir den Rahmen weiter ziehen, ist es Zeit, mal deutlich zu texten: Lustlosigkeit hin oder her, Jimmy Butler III ist ein Minusspieler. Die Timberwolves sind Butler, Karl-Anthony Towns und Andrew Wiggins zum Trotz netto ohnehin eins der schlechtesten Teams der Liga (NetRtg -7,2 laut NBA Stats). Nur die kollossal fehlgestarteten Cavs und Wizards sowie die Rebuildkatastrophen aus Arizona und Atlanta sind schlechter.

Mit dem vermeintlichen Franchisespieler Jimmy Quadrathaarschnitt aber wurde es schlimmer statt besser (On/Off netto: minus 3,2, wow). Nochmal: es mag der Lustlosigkeit geschuldet gewesen sein. Dafür spricht neben Augentest, der generellen „Soreness“ auch das mit Butler auf dem Feld übermiese Defensivrating. Nur sind die Gründe bedeutsam wie ein Novemberspiel der regulären NBA-Saison: Butler musste weg, und zwar zügig.

Das größere Bild ließ, auch wenn Thibodeau das tatsächlich bis zum Schluss anders gesehen haben soll (s!m!h!), ohnehin keine andere Wahl. Butler hatte in der ganzen Metropolregion Minneapolis/St. Paul wohl neben dem vasallentreuen Cheftrainer nur noch einen einzigen Freund...


Sein Vertrag läuft 2019 (ziemlich sicher) aus. Eine im Raum stehende Tradeforderung mit Spieleroption voraus hat dem Marktwert noch nie geholfen. Einen Spieler der Qualität von Butler gegenwertfrei ziehen zu lassen, war für einen der unattraktivsten Märkte der NBA absolut keine Option. Jeder Tag seit der Tradeforderung kostete die Wölfe bigtime. Es wurde Zeit.

Unter diesen Bedingungen hat das Front Office der T-Wolves – man traut sich das kaum zu schreiben – binnen 15 Monaten zum zweiten Mal einen Trade zumindest nicht verloren. Über Covington heulte Sixers Twitter lauter als Wölfe auf der Jagd (ja, nun komm, den kann ich nicht liegen lassen). Das hat sicher in erster Linie emotionale Gründe.


Doch ist der Aufschrei nicht allein der Symbolmonumenteneigenschaft des Flügels betreffend den Weg von Lachnummerhinkieglocken zum Contender im Osten geschuldet. Covington hat sich für vergleichsweise moderates Geld (10,5 bis 13 Mio. $ p. a. bis 2022) zu einem der besten Flügelverteidiger der Liga entwickelt, lässt in der laufenden Saison vier von zehn Dreier durch die Reuse flutschen und gilt als in Sachen Einstellung und Teamchemie buchstäblich tadellos.

Šarić ist als Dreingabe mehr als nice to have. Auch er weiß, wo der Korb hängt, wenn er ihn aus der Innenstadt in der Ferne sieht, läuft auf Wunsch des Teams noch zwei Jahre auf dem Rookiedeal herum und kann das Plätzchen zusätzlich breiter machen als ein Bäcker mit Vorliebe für autobahnbreiten Süßkram. Was alles andere als unnütz ist mit Wurfallergikern wie Wiggins und Rose neben sich.

Bayless' Hauptwert dürfte im Auslaufdatum des Arbeitsvertrags liegen. Das lautet auf den 30.06.2019. Der Zweitrundenpick ist... in Bayern hieße es wohl „ja, mei“. Einen Star darf man wohl ohne Collegespielerwahlrecht nicht mehr hergeben. Ist buchstäblich und im übertragenen Sinne geschenkt.

Unter dem Strich haben die Wolves aus Kris Dunn, Zach LaVine und Lauri Markkanen ein Leasingjahr mit Butler, eine damit verbundene Playofferscheinung sowie Covington und Šarić gemacht. Letztere passen besser zu Towns und Wiggins, die nolens volens die Stars der nächsten Jahre bleiben; sie (also Covington und Saric) sind billiger und weniger verletzt als der 14er und der 16er Lotterie Pick der Wolves. Minnesota hatte schlechtere Stretches in Sachen Trades.




Ein Beitrag geteilt von Rob Covington (@atf_33) am

Bleiben die Alternativen aus den Paralleluniversen. Die Phantasie-Milchstraßen enden in Miami und Houston. Pat Riley und seine Entourage sollen Josh Richardson, (den Vertrag von) Kelly Olynyk und einen Erstrunden-Pick, die Rockets irgendwas plus vier, ja VIER(!) künftige Erstrunden-Picks geboten haben.

Der Miami-Deal (wenn er denn so auf dem Tisch lag) erscheint mir bedenkenswert. Der Vertrag von Olynyk indes wäre eine laut quäkende, zu schluckende Kröte gewesen. Richardson sieht inzwischen wie eine erste Option aus. Nur ist fraglich, ob er das perpetuieren kann. Im Übrigen brauchen die Wolves, die letzten 12 Monate sind beredter Beleg dafür, keinen weiteren Spieler, der gerne 20 Würfe pro Abend hätte.

Rockets? Oh, bitte! Abgesehen davon, dass ich eine weitere Stärkung der Sixers im Spannungskontext der Liga für deutlich sinnvoller halte als eine der Rockets, deren Nadel Butler sicher nicht an den Warriors vorbeibewegt hätte: was zum Aas fressenden Greifvogel sollen die Wolves denn mit Draft Picks? Die in der Regel geldblutende Franchise hat in den vergangenen beiden Jahren 350 Mio. $(!) in Towns und Wiggins festgelegt. Und jetzt soll man Draftwahlrechte einsammeln, deren Ergebnisse dann wieder drei bis vier Jahre Entwicklungszeit brauchen?!?

Draft Picks eines Top Teams im Übrigen, die Morey – selbst Lotteriestatus der Rox in der Zukunft, in der sie sich materialisieren, unterstellt – gewiss nicht ungeschützt verramscht hätte. Man kann ja auch in Ruhe sprechen, aber mittlerweile ehrlich: Draft Picks, wenn ich das schon höre.


76ers

Zuerstsachen zuerst: können wir Wunschlisten auf den Müllhaufen der Trade- und Basketballgeschichte legen? Jedenfalls die kolportierten Listen aus dem Woj, Shams- und Co-Universum? Clippers, Nets, Heat bitte (Copyright Jimmy B.). L.A. wäre nett (Copyright Lachhorrorclown Kawhi L.). Spurs, Knicks oder Heat, wenn es keine Umstände machen sollte (Copyright Kyrie Flat). Lakers, biyatch! (Paul „Magic wollte nicht den Safe ausräumen für mich, mimimi“ G.). Nein, nein, nein und äh... NEIN!

Stattdessen darf ich höflich bitten, auf die Knie zu gehen vor dem Orakel aus der Küche, Daniel, der Rakete:


Anders als der geschätzteste Kollege finde ich das indes für beide Seiten mehr als in Ordnung.

Ja, Philadelphia dünnt damit auf dem Flügel nach dem Sommer, als man Veteranen wie Rocky und Illy verlor, weiter aus.

Ja, Butler ist nicht der Schütze, der Covington war und Šarić hätte werden können. Ja, Butler kostet viel Geld und wird ab dem kommenden Jahr noch mehr kosten. Der auslaufende Deal allerdings wird wohl kaum zum Problem werden. Die Berichte häufen sich, dass man weitgehend einig über eine Verlängerung kommenden Sommer ist und anderenfalls hätte Brand wohl auch kaum den Abzug bedient.

Doch die BIG3 war nur noch jetzt und nur noch mit Butler zu realisieren. Fultz droht, insbesondere vor dem Hintergrund des de-facto-Tatum-Trades, zum Vollbust zu werden. James, Leonard und George respektive ihre Teams wollten nicht. Anders als Ainge, der (zu) lange nicht all-in gehen wollte, KONNTEN die Sixers wohl lange nicht, wie sie gewollt hätten, hätte man sie gelassen.

Dass es nun ausgerechnet der durch Wiggins, zu Beginn des Panzermarathons 2013 einst als Topziel von Hinkie gehandelt, befremdete Mitspieler wurde, der die große Drei komplettieren soll, ist ein Kuriosum. Auch passt er mit zu Beginn der kommenden Saison dann 30 Jahren nicht wirklich ins Altersraster.

Dennoch: in Laune und Topform kann Butler einer der sechs Top-Flügel und einer der 20 besten Spieler der Liga sein. Mit Einhörnern wie Embiid und Simmons bereits im Roster muss man den Versuch machen. Irgendwann, es hat lange genug gedauert, muss das Feld bestellt werden statt ständig darauf zu bauen, dass noch viele tolle Samen in der Vorratskammer stehen.


Die Risiken allerdings sind nicht zu leugnen. Neben Alter von Butler und Verletzungsanfälligkeit aller Protagonisten sei beim Neusechser auch die Charakterfrage erlaubt. Der Dauerärger der letzten 14 Monate mag ein Zufall und von zwei mies gemanageten Franchises getriggert sein. Aber als mindestens „outspoken“ wird man Butler auch aus der Ferne charakterisieren dürfen, ohne ihm zu nahe zu treten. Ben „Donovan Who?“ Simmons und Joel „Kommt alle ran, ja auch Du Andre D., ich will beef“ Embiid gelten ebenfalls nicht eben als Leisetreter ihrer Zunft. Man nennt eine solche Zusammenstellung wohl explosiv.

Im Fazit aber bleibt es dabei: einen Allaroundperformer wie Butler für zwei Rollenspieler und einen Zweitrunden-Pick zu tauschen, bleibt – Verlängerung vorausgesetzt – ein Nobrainer.

Justin Patton ist – das Orakel trug mir den Hinweis auf – groß und hat einen gebrochenen Fuß. Die Pointe erklärt sich wohl von selbst. Alles Weitere ist egal wie Jahlil Okafor.


Die Rechnung, bitte

Ich hätte nicht gedacht, dass ich es nochmal schreibe: ein Trade, der unter den gegebenen Umständen und dem Strich für beide Seiten Sinn ergibt. Die Sixers, kurz vor Contenderstatus, haben ihre große Drei plus die Hoffnung auf Fultz. Die Wolves werden Teil eins ihrer Dysfunktionalität los und tauschen sie gegen langfristige Tiefe.

Vorteil: Sixers und Wolves