12 Dezember 2018

12. Dez, 2018


Trotz der Abgänge von Moritz Wagner, Duncan Robinson und Muhammad-Ali Abdur-Rahkman spielen die Michigan Wolverines zu Saisonbeginn ganz befreit auf und präsentieren sich schon jetzt in bester Märzmanier. Nach zehn Spielen sind die Studenten aus Ann Arbor noch ungeschlagen. Höchste Zeit also für einen Blick auf die nächste Generation fähiger Basketballer!

von AXEL BABST @BabstMadness | 12. Dez., 2018

Defense
Nicht gerade häufig bringt der Spielplan in der NCAA normalerweise eine Konstellation zustande, bei der sich die beiden Kontrahenten des Meisterschaftsspiels aus dem Vorjahr direkt schon in der zweiten Saisonwoche direkt wieder gegenüberstehen. Umso interessanter war da natürlich die Finalneuauflage am 15. November, wenngleich beide Teams sich im Vergleich zum April in stark veränderter Besetzung präsentierten.

Bemerkenswert an diesem Spiel, das Michigan 73:46 für sich entscheiden konnte und somit Revanche nahm, war neben diesem beeindruckenden Statement zu Saisonbeginn allerdings besonders die Perzeption des Resultats. Denn in den folgenden Tagen und Wochen wurde zumeist Villanovas mangelnde Schlagkraft statt Michigans bärenstarker Verteidigung für die 46 Punkte verantwortlich gemacht oder zumindest zuerst als Begründung angeführt.


Doch nach mittlerweile zehn Spielen zeigt sich relativ deutlich, dass Michigan endgültig die Entwicklung zu einem der besten Defensivteams der NCAA vollzogen hat. Galten die Teams von John Beilein vor vier, fünf Jahren immer als zu soft oder unengagiert an diesem Ende des Feldes, lässt sich diese Einschätzung heute nicht mehr streuen. Dass die Verpflichtung von Defensivkoordinator Luke Yaklich in der Offseason 2017 dafür die entscheidende Handlung war, dürfte sich selbst in Deutschland nach Michigans Finaleinzug herumgesprochen haben.

Im zweiten Jahr unter Yaklichs Regide haben die Rückkehrer verinnerlicht, was in der Verteidigung von ihnen verlangt wird. Entsprechend ist die Defense schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Saison mindestens auf Vorjahresniveau - eher sogar noch besser.

Die Besonderheit in Michigans Verteidigung liegt darin, dass die Spieler mit höchster Präzision die detailorientierten Anweisungen vom Coaching Staff umsetzen. Diese Vorgaben beginnen meist damit, bereits einfache Swingpässe zu unterbinden, mit denen viele Teams ihre Setoffense initiieren. Das sorgt einerseits dafür, dass sich die Aktionen der Offense weiter vom Korb entfernen und der Ball andererseits länger auf einer Seite des Feldes hängen bleibt, wodurch weniger Rotationen erforderlich sind. Im angefügten Zusammenschnitt einiger Defensivsequenzen verteidigt Michigan binnen weniger Sekunden drei Backdoorcuts und einen Handoff vorbildlich.

Neben solch harter Deny Defense stellen sich die Wolverines auch sehr geschickt an, wenn es darum geht, sich um indirekte Blöcke zu kämpfen. Durch gute Kommunikation entstehen selten Missverständnisse und besonders die Verteidiger der jeweiligen Blocksteller beweisen in der Regel eine gute Übersicht. Michigan switcht clever, dort wo es möglich ist. Doch gerade die Guards - im Speziellen Zavier Simpson - treten häufig den Beweis an, dass sie sich auch mal um einen Block herum kämpfen können, wenn es die Situation erfordert.

All diese Agendapunkte sind auf das Ziel ausgerichtet, einen Wurf erst gar nicht entstehen zu lassen. Sollte es dennoch passieren, dass sich das gegnerische Team für einen Abschluss entscheidet, liegt der zweite wesentliche Fokus darauf, den Wurf so schwierig wie möglich zu gestalten. Harte Closeouts mit erhobenen Armen sind dafür eine wesentliche Voraussetzungen. Alle fünf Verteidiger haben daher meist den Ball sehr genau im Auge und scheuen auch nicht, weite Wege zu gehen, um einen Schützen an der Dreierlinie abzulaufen und ihm die freie Sicht zu nehmen.


Das sind allesamt keine großen Geheimnisse, die zuvor unentdeckt unter dem Radar der Basketballwelt geflogen wären. Die Besonderheit bei den Wolverines besteht darin, wie wenig Fehler sowohl die einzelnen Individuen bei ihren jeweiligen Aufgaben begehen als auch dem Kollektiv unterlaufen. Gerade in letzterer Hinsicht profitieren die Wolverines davon, dass die meisten Spieler der Rotation schon ein Jahr unter Yaklich lernen konnten und nicht wieder bei null anfangen.

Offense
Der Angriff ist wiederum das Steckenpferd von John Beilein. Der ausgefuchste Taktiker ist mit seinen Read-and-react-Prinzipien sowie seiner soliden Pick & Roll Offense seit Jahrzehnten eine Inspiration für das Playbook vieler anderer Coaches. Auch in dieser Saison dürfte sich daran relativ wenig ändern.

Zu Saisonbeginn zeigten die Wolverines bereits wieder sehr ansehnlichen Basketball. Im Vergleich zu vielen anderen NCAA Teams lief der Ball im ersten Saisonmonat schon sehr flüssig durch mehrere Hände. Dragscreens in der Early Offense sind für Michigan bislang besonders reizvoll. Ist die Defense noch nicht standfest, kann ein solch früher Block für viel Verwirrung sorgen und Rotationen erfordern, die vom amtierenden Vizemeister mit nett anzuschauender Ballbewegung umkurvt.

Bringt ein erstes Pick & Roll nicht den gewünschten Erfolg, beweisen die Guards in der Regel eine Menge Geduld und verbessern den Winkel solange, bis sich ihnen ein Weg in die Zone öffnet oder sie zumindest andere Verteidiger soweit ablenken, dass ein Nebenmann frei wird und seinerseits zum Drive ansetzen kann. Funktioniert das alles nicht, hat Beilein seine standardisierten Setplays in der Hinterhand. Die Screen-the-Screener-Action mit einem Shuffle Cut und einem anschließenden Downscreen ist in den Playbooks dieses Planeten weit verbreitet. Michigans Spieler wissen jedoch, wie sie sich die Verteidiger zurecht legen müssen, um frei zu werden, und welche Option sie gerade zu wählen haben.


Was zu diesem frühen Saisonzeitpunkt schon relativ gut geklappt, ist die Offense gegen Switches im Pick & Roll. Gerade hier haperte es in der vergangenen Saison bis zum letzten Saisonspiel, wodurch Pick & Roll/Pops mit Moritz Wagner deutlich an Effekt einbüßen mussten. Viel zu oft misslang der Versuch eines Entrypasses zu Wagner und stattdessen versuchten es die Guards auf eigene Faust.

In der aktuellen Saison ist hier die verbesserte Entscheidungsfindung der Guards lobend zu erwähnen. Zavier Simpson und Jordan Poole sind bislang sehr konsequent, wenn sie sich für den eigenen Abschluss gegen einen langsameren Big Man entscheiden. Gerade Poole bringt in dieser Hinsicht eine Dimension mit, die in der Vorsaison ein wenig vermisst wurde.

Neben den Guards ist auch Jon Teske positiv hervorzuheben. Der Junior Big scheint auf den Scouting Reports noch nicht wirklich aufzutauchen, wenn man sich die stiefmütterliche Bewachungshaltung so manches kleineren Gegners nach einem Switch anguckt. Dabei ist Teske aufgrund seiner schieren Größe ein einfaches Passziel, hat exzellente Hände, weiß Winkel zu kreieren und zeigt bei seinen Abschlüssen Touch.


Grundsätzlich ist die Offense der Wolverines aber noch lange nicht dort, wo sie im März aus Sicht Beileins stehen soll. Immer wieder stagniert die Offense, wenn ein Spieler sich nicht so bewegt, wie sich sein Mitspieler mit Ball das vorstellt. Momentan mischen sich daher auch immer wieder überambitionierte Einzelaktionen in die sonst so teamdienliche Offensive Michigans ein. Daraus entstehen dann meist erzwungene Abschlüsse, die gut verteidigt sind und eine entsprechend geringe Erfolgsaussicht aufweisen.


Allerdings ist das kein Anlass zur Beunruhigung und eher typisch für Michigan Teams des letzten Jahrzehnts. Im Regelfall brauchen die Wolverines die ersten zwei Monate der Saison, um sich aufeinander einzustellen und die vielen Optionen des Playbooks richtig zu deuten. Hat dieser Lernrpozess erst angefangen ist die Steigung der Lernkurve ganz beachtlich. Insofern ist es für die Erfolgsaussichten der Wolverines im März gar nicht so schlimm, dass sie momentan offensiv deutlich mehr Luft nach oben haben als defensiv.

Schlüsselspieler
Bislang setzt Coach Beilein auf sieben Spieler in der festen Rotation, die allesamt wichtige Rollen einnehmen. Insofern ist es ein wenig müßig, sich einzelne Spieler herauszupicken und ihnen eine besondere Stellung anheften zu wollen. Nichtsdestotrotz verdienen drei Spieler dennoch noch einige Sätze der gesonderten Erwähnung, weil ihr jeweiliger Saisonbeginn speziell war und ihre Bedeutung für den Teamerfolg im weiteren Saisonverlauf zunehmen sollte.

Als erstes ist hier der bereits kurz erwähnte Jon Teske zu nennen. Der Sevenfooter muss das Erbe von Moritz Wagner antreten, der eineinhalb Jahre mehr oder weniger das Gesicht des Programms war. Sicherlich gibt es einfachere Aufgaben, doch in seinen ersten beiden Jahren deutete Teske als Backup in seinen spärlichen Minuten immer mal wieder an, dass er durchaus ein passabler Basketballer ist, der in der Basketballfabrik Ann Arbor bestens aufgehoben zu sein schien.

Teske ist besonders defensiv ein integraler Bestandteil des Teams. Durch seine Länge kann er den Ring gut beschützen und viele Würfe verändern - etwas, das einem Wagner beispielsweise erst ganz am Ende des Junior Jahres vermehrt gelang, aber Gegnern bis zuletzt nicht wirklich Angst in die Knochen trieb.



Gleichzeitig ist Teske bei einer Körperlänge von 2,16m sehr mobil und gerade in lateralen Bewegungen flink auf den Beinen. So ist der Center dazu in der Lage, verschiedene Pick & Roll Defensivstrategien auszuführen. Selbst beim Hedgen gibt der Hüne keine schlechte Figur ab und ist meistens rechtzeitig wieder bei seinem abgerollten Gegenspieler. Im Eins-gegen-Eins kann Teske sogar Faceup Bigs vor sich halten. In dieser Hinsicht ist Teske vielleicht ebenfalls besser als Wagner. Einzig das Switchen gegen Guards sollte (momentan) vermieden werden.

In der Offensive ist Teske sicherlich ein wenig limitiert, doch das ist gar kein Problem. Denn die Fähigkeiten, die der Junior aufbieten kann, passen genau in das Profil, das ein Michigan Big mitbringen sollte, um eine Rolle spielen zu können. Teske ist ein guter Blocksteller, rollt sich hart ab, finisht solide und trifft auch den Dreier. Durch sein gestiegenes Selbstvertrauen sieht man all das mittlerweile auch in Spielen. Entschlossene Dunks wie gegen UNC oder Purdue wären vor einem Jahr noch undenkbar gewesen. Zudem nahm Teske bislang bereits schon 14 Dreier in den ersten zehn Spielen.

Für die größten Schlagzeilen sorgt auf individueller Ebene bislang sicherlich Ignas Brazdeikis. Der gebürtige Litauer, der in Kanada aufwuchs, ist bislang der einzige Freshman mit regelmäßiger Einsatzzeit. In seinen Auftritten mit kanadischen Jugendauswahlteams war zwar schon abzusehen, dass Brazdeikis ein geeigneter College- und speziell Michiganspieler sein würde, dennoch verblüfft der absolut nahtlose Übergang.



"Iggy" ist als Starter gesetzt, erzielt als Topscorer 17 Punkte pro Spiel auf effiziente Art und Weise (63,4 Prozent True Shooting) und ist die wandelnde Allzweckwaffe für die wichtigen Momente. Als Michigan in der zweiten Halbzeit gegen Northwestern das Spiel aus der Hand zu geben drohte, war es der Kanadier, der mit einem Dreier für den Ausgleich und damit für Ruhe im Spiel der Wolverines sorgte.

Grundsätzlich ist Brazdeikis' Paket relativ lückenlos. Der Rechtshänder wirft mit links, ist daher bei Abschlüssen am Brett beidhändig erfolgreich. Er hat das Ballhandling eines Guards, um in die Zone zu ziehen und kann dort dank seines bulligen Körpers finishen. Der Dreier fällt bislang ausgesprochen gut (12/31). Qualitäten als Tempomacher in Transition besitzt Brazdeikis ebenfalls. In der Verteidigung kann er fünf Positionen kontrollieren und packt als Rebounder ordentlich zu. Wenn der Freshman dieses Niveau über diese Saison auch nur ansatzweise halten kann, ist Michigan ein gefährliches Team.


Möglich wurde der mediale Aufstieg des Kanadiers auch erst dadurch, dass sich Isaiah Livers ohne Murren mit der Rolle als sechster Mann zufrieden gibt. Der Sophomore war in der Vorsaison noch als Starter und Frontcourtpartner von Wagner gesetzt. Nun ist er der Allrounder von der Bank. Livers' große Stärke liegt in der Verteidigung. Hier kann er nicht nur fünf Positionen kontrollieren, sondern Kontrahenten jeder Position den letzten Nerv rauben. Mit etwas über zwei Metern Körpergröße, einer ordentlichen Spannweite und guter Fußgeschwindigkeit ist Livers sowohl am Perimeter als auch unter dem Korb bestens ausgerüstet.

Livers eröffnet den Wolverines durch seine defensiven Künste in Kombination mit seinem exzellenten Wurf (16/31 aus der Distanz bisher) sehr variable Aufstellungsmöglichkeiten. Selbst in Small Ball Konstellationen mit Livers auf der Fünf und Brazdeikis auf der Vier geben die Wolverines kaum etwas in Brettnähe ab.


Ausblick
Der Saisonstart der Wolverines war angesichts des harten Spielplans und der Verluste von drei der besten sechs Vorjahresspielern sicherlich in dieser Form nicht zu erwarten. Zu erklären sind die guten Leistungen allerdings problemlos. Und bei einem Blick auf diese Gründe sollte auch klar werden, dass die angesprochenen Verluste vielleicht gar nicht so schwer wiegen, wie zuvor befürchtet. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Getreu dem Motto "Addition durch Subtraktion" wirkt es so, als würden sich die Spieler in ihren Stärken besser ergänzen als das Vorjahresteam und sogar noch mehr Lust auf Defense zu besitzen.


In den kommenden Wochen und Monaten wird die Entwicklung der Offensive spannend zu beobachten sein. Bislang ist die Offense zwar solide, aber viele Aktionen und eine überraschend magere Dreierquote (36,6 Prozent, NCAA Rang 99) verhindern zur Zeit die Einordnung in die gewohnt elitäre Sphäre. Neben dem offensiven Entwicklungsspielraum wird Beilein zudem sicherlich versuchen, seine Rotation etwas zu erweitern. Zuletzt sah Austin Davis als ein zweiter traditioneller Big einige Minuten. Ein wenig mehr Tiefe auf den großen Positionen wäre sicherlich nicht verkehrt.

In einem Jahr mit einer ausgeglichenen Spitze hat Michigan dieses Jahr eine realistische Chance, die zweite Final Four Teilnahme in Folge unter Dach und Fach zu bringen. In der momentanen Verfassung können die Wolverines jeden Gegner schlagen und es ist durchaus wahrscheinlich, dass sich Michigan bis zum Tournament erheblich steigern wird. Beilein und seine Assistenten verstehen ihr Handwerk einfach.