14 Dezember 2018

14. Dez, 2018


Der 15. Dezember steht kurz bevor. An diesem Tag nimmt das Personalkarussell in der NBA traditionell Fahrt auf, weil die allermeisten Spieler, die im Sommer einen neuen Vertrag unterzeichnet haben, nun für Trades verfügbar werden. Daraus ergeben sich für die 30 General Manager der Association zahlreiche neue Möglichkeiten zu kaufen oder zu verkaufen. Eine der prominentesten Personalien des 15. Dezembers ist Carmelo Anthony.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 14. Dez, 2018

Gerade einmal zehn Spiele dauerte Anthonys Abstecher nach Houston. Die Rockets holten ihn im Sommer, in der Hoffnung, den zuletzt strauchelnden ehemaligen Scoring Champion und zehnfachen All-Star wieder auf Kurs zu bringen und damit den eigenen Kader ohne große finanzielle Belastung upzugraden.

Dieser Schuss ging gründlich nach hinten los. Die Raketen starteten schlecht in die neue Saison, Melo brachte weder Treffsicherheit, noch Abgeklärtheit mit nach Texas. Ein desaströser Auftritt (1-11 aus dem Feld, 0-6 von der Dreierlinie) ausgerechnet bei seinem Ex-Team, den Oklahoma City Thunder, die Anthony im Sommer nicht schnell genug loswerden konnten, offenbarte das Offensichtliche.

Der 34-Jährige war Zeit seiner Karriere nie ein wenigstens solider Verteidiger, in Houstons switch- und bewegungsintensiver Defense wurden nun aber auch die körperlichen Mängel Anthonys unübersehbar. Alle Skeptiker behielten Recht: Melo passt nicht mehr in die NBA, sein Spiel und seine einstigen Stärken sind mit dem so athletischen und dynamischen heutigen Spiel nicht vereinbar. Inzwischen kann er auch in der Verteidigung nicht mehr mithalten, selbst wenn er wöllte.


Dies wäre zu verkraften, hätte Carmelo sein Spiel angepasst und sich vom voluminösen Scorer zum Spot-Up Shooter spezialisiert. Eine solche Rolle war aber nicht mit seinem Ego vereinbar. Anders als etwa Vince Carter oder Jason Terry hat Anthony dem Fortschreiten seiner Karriere nie Tribut gezollt, nie die veränderten Gegebenheiten akzeptiert. Schon vor Jahren warf ihm George Karl – von 2005 bis 2011 Melos Trainer bei den Denver Nuggets – vor, ein Star, jedoch kein Gewinner zu sein. Die zehn Spiele bei den Houston Rockets bestätigen dies.

Melos hämische Lachen über Fragen nach einer Bankrolle bei der ersten Pressekonferenz in Oklahoma City („Who, ME?“) vor etwas über einem Jahr ist nicht gut gealtert – denn inzwischen ist es für den 3. Pick des 2003 Drafts nicht einmal mehr selbstverständlich, einen Platz auf der Bank bei einem NBA-Team zu finden.

Nicht nur Melos Unwille zur Adaption und sein körperlicher Verschleiß waren letztlich verantwortlich für das frühe Scheitern in Houston. Sicherlich gehört auch eine Portion Pech dazu, in einem funktionierenden System mit topfitten Leistungsträgern wäre es auch ihm einfacher gefallen, bessere Zahlen aufs Scoreboard zu bringen. Dies hätte das Unausweichliche aber nur aufgeschoben, denn verdrängt wurde Anthony von Gary Clark, einem ungedrafteten Rookie, zum damaligen Zeitpunkt in einem im Two-Way-Contract.


Zu viel für Melos Ego. Selbst wenn er diese Degradierung ans Ende der Bank akzeptiert und als Teamplayer vor allem in der Kabine vorangegangen wäre – was angesichts seiner Karriere geradezu undenkbar ist – hätte der Medienzirkus lange keine Ruhe gegeben. Bei jeder Niederlage wäre die Frage aufgekommen, ob der einstige Superstar nicht doch mehr Minuten erhalten sollte. Die Demission Anthonys kommt dieser Unruhe prophylaktisch zuvor.

Der Bzdelik-Effekt

Und dann ist da auch noch die Personalie Jeff Bzdelik. Coach Mike D'Antonis wichtigster Assistent verließ das Team im September ebenso kurzfristig wie überraschend in den Ruhestand. Schon damals wurde über einen Zusammenhang mit der Akquisition Anthonys gemutmaßt, denn Bzdelik war von 2003 bis 2004 Melos erster Trainer in Denver, ehe der defensivorientierte Coach im Dezember 2004 entlassen wurde.

Angeblich auf Betreiben Anthonys, der die letzten fünf Spiele Bzdeliks bei den Nuggets offiziell verletzt verpasste, Denver verlor alle fünf. Im ersten Spiel nach Bzdeliks Entlassung jedoch stand Anthony 42 Minuten auf dem Feld. Ein deutliches Indiz, dass der damalige Franchise Player die sportliche Führung zur Verbannung Bzdeliks zwang. Auch mit D'Antoni teilt Melo eine Vergangenheit und war eine treibende Kraft hinter dessen Abdanken bei den New York Knicks im Jahr 2012.


Tatsächlich greifen die jüngsten Ereignisse, Bzdeliks Rückkehr und Anthonys Kaltstellung, verdächtig nah ineinander über. Am 5. November sickerte Bzdeliks Entscheidung, demnächst aus dem Ruhestand zurückzukehren durch, am 8. November bestritt Carmelo sein letztes Spiel für die Rockets, am 9. November teilten ihm die Verantwortlichen mit, dass sie nicht weiter mit ihm planen.

Diese Umstände müssen nicht zwingend auf eine Rache D'Antonis und Bzdeliks hindeuten, jedoch ist wenigstens davon auszugehen, dass beiden angesichts dieser Historie die Trennung nicht sonderlich schwer gefallen ist. Die Zeiten, in denen Melo die sportliche Führung vor Ultimaten stellen konnte („Ich oder der Coach“) sind längst vorbei.

Buyout oder Trade?

Das Stelldichein in Houston könnte der Sargnagel auf der unvollendeten Karriere des einst versatilen Scorers gewesen sein. Seit über einem Monat steht Melo nicht mehr auf dem Feld, sein ohnehin nie tadelloser Ruf hat nach dem Scheitern in Oklahoma City und Houston nachhaltig gelitten. Alle anderen Teams sollten spätestens seit November verstanden haben, dass Carmelo Anthony im Jahr 2018 ein Minusgeschäft ohne Aussicht auf Besserung ist.

Der 15.12. wird zu Carmelos letzter Chance, in dieser Spielzeit (und in der NBA) doch noch mal Fuß zu fassen und seiner Karriere ein einigermaßen erträgliches Ende zu verschaffen. Die Optionen bleiben aber überschaubar. Seitdem vor über einem Monat bekannt wurde, dass der 34-Jährige wieder auf dem Markt und nun zum Stichtag praktisch kostenlos zu haben sein wird, hat sich kein ernsthafter Interessent hervorgetan. Die Rockets werden dennoch versuchen, einen Buyout zu verhindern, um zumindest die 1,5 Mio. $ Gehalt nicht ausbezahlen zu müssen.

Beim Blick auf die Landkarte der Association ergeben sich dafür nicht viele Optionen: Die Miami Heat verhandelten im Sommer mit Melo, bevor dieser sich für die Rockets entschied. In Dwyane Wade wartet in South Beach der nächste Banana Boat Buddy – Wade ergrifft sofort für seinen Kumpel Partei, als die Demission in Houston die Runde machte.


Als 26. in Offensiver Effizienz, 29. in True Shooting Percentage, 26. in Effective Field Goal Percentage sowie mit der mäßigen Zwischenbilanz von Rang neun und 11-16 Siegen würde den Heat etwas mehr Feuerkraft tatsächlich gut stehen. Coach Erik Spoelstra hat genügend Verteidiger im Aufgebot, um Melos Unzulänglichkeiten zu kaschieren.

Problem dabei: Mit voll garantierten 130 Mio. $ ist der maximal durchschnittliche Kader der Heat jetzt schon maßlos überteuert. Miami hat zwar einen Platz im Kader frei, will aber tendenziell eher Geld sparen, anstatt neues auszugeben. Weil die Luxussteuer droht, würde den Heat selbst Melos Veteranenminimum teuer zu stehen kommen.

Stichwort Banana Boat: Seit diesem Sommer hat LeBron James bei den Los Angeles Lakers bekanntermaßen das Sagen, daher gilt auch Lila-Gold als mögliche neue Destination Anthonys. LeBron würde seinen Kumpel aus Kindheitstagen mit offenen Armen empfangen, das Management der Lakers äußerte sich dagegen reservierter. Los Angeles hat ohnehin bereits 15 voll garantierte Verträge im Aufgebot und könnte Melo im Falle eines Buyouts somit überhaupt nicht aufnehmen, ohne zuvor einen Spieler zu entlassen oder zu traden.


Da die Lakers aber an Trevor Ariza von den Phoenix Suns gesteigertes Interesse zeigten und die Rockets angeblich wegen der Verfügbarkeit von Laker Kentavious Caldwell-Pope in L.A. angerufen haben, ist Melos Involvierung in einen größeren Trade gen Tinseltown aktuell seine beste Chance.

Ebenfalls als Abnehmer spekuliert werden die Philadelphia 76ers. Anthonys Aus in Houston ging fast zeitgleich über die Bühne wie der Trade um Jimmy Butler, der die Sixers Tiefe auf den Forward-Positionen kostete, daher die Gedankenspiele. Aber auch hier überwiegen die Zweifel, denn Philadelphia spielt schnellen Basketball (7. in Pace) und hat bereits einen funktionierenden Mix aus Talent und Veteranen, zumal sich bei diesem Szenario auch die Frage stellt, ob der eigenwillige Anthony mit den ebenfalls nicht immer einfachen Jimmy Butler und Joel Embiid auf einen Nenner käme.

Ansonsten bleiben nur höchst unwahrscheinliche Kandidaten wie etwa die Brooklyn Nets, denen Anthonys noch immer große Prominenz helfen würde, den überschaubaren Ticketverkauf anzukurbeln. Der sportliche Bedarf ist aber auch bei den rebuildenden Nets nicht sonderlich groß, die Verantwortung in Brooklyn soll in den Händen junger Spieler und nicht etwa in denen alternder Diven liegen.

Ritt in den Sonnenuntergang?

Die Suche nach einem Team, das einen in die Jahre gekommenen Isolation-Scorer ohne jegliche defensiven Talente oder Ambitionen sucht, gleichzeitig gewillt ist, einen schwierigen Charakter samt Allüren aufzunehmen, stößt schnell an alle Grenzen der Vorstellungskraft. Dabei ist jeder Tag ohne Antwort Gift für den 34-Jährigen, denn je länger er ohne Praxis bleibt, ohne Wettkampf, desto länger wird er zur (Re-)Akklimatisierung benötigen.

Sollten die Rockets zum 15.12. keinen Trade finden, kann es gar bis März dauern, ehe sie ihn entlassen. Die laufende Saison wäre für Melo kaum noch zu retten, ein Vertrag im Sommer immer unwahrscheinlicher, da er mit dann 35 Jahren fast eine ganze Saison ausgesetzt hätte.

Womöglich bleiben also nur noch drastische Lösungen. Melo selbst wird sich nicht mehr ändern, mit seinem Spielstil ein Franchise Player zu sein funktioniert nur noch außerhalb der NBA, in China, wo er bereits ein Star ist und eine entsprechende Behandlung erwarten dürfte. Falls das basketballerische Exil keine Option ist, rückt ein nicht ganz freiwilliges Karriereende näher.