03 Januar 2019

3. Jan, 2019


Trainerentlassungen sind im Sport in aller Regel keine Seltenheit. In der NCAA sind Freistellungen des Coaches während einer Saison hingegen unheimlich selten und fast nur durch handfeste Skandale zu begründen. Für die Sportadministration der UCLA haben hingegen vier Niederlagen in Serie gereicht, um Steve Alford aus seinem Amt zu entlassen. Grund genug für einen Blick auf die Probleme der "Mighty Bruins".

von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Jan, 2019

Hintergrund
Wie bereits eingangs erwähnt sind Trainerwechsel im Sport fester Bestandteil des Business. In der EuroLeague mussten bis zum Ende der Hinrunde bereits sechs Cheftrainer ihren Hut nehmen. Dass ausgerechnet Rick Pitino nun an der Seitenlinie von Panathinaikos Athen steht und gestandene Profisportler in seinen Auszeiten ankeift wie die blutjungen Freshmen zu besten Louisville Zeiten, ist in dieser Hinsicht eine amüsante Randnotiz.

Denn er war der letzte Coach, der während bzw. zu Beginn einer NCAA Saison von einem renommierten Programme aus einer der besten sechs Conferences entlassen wurde. Eine Vielzahl von Skandalen und Vorwürfen waren notwendig, um den Titanen des Coachings zu stürzen. Dass Steve Alford nun wegen vier Niederlagen in Folge vor die Tür gesetzt wurde, wirkt im Vergleich dazu wie ein Treppenwitz.

Allerdings deutete sich dieser Abgang bereits seit einiger Zeit an. 2013 übernahm Alford die Position von Ben Howland. Dieser hatte die Bruins zwischen 2006 und 2008 zwei drei Mal in Folge ins Final Four geführt und in seiner letzten Saison in Westwood die PAC12 gewonnen. Doch das reichte den Verantwortlichen des vielleicht prestigeträchtigsten Programms nicht aus. Alford wurde allerdings nicht gerade mit offenen Armen willkommen geheißen und nicht wenige waren ob seiner Verpflichtung verwundert und hinterfragten diese.

Drei Mal konnte Steve Alford in seinen fünf Saisons das Sweet Sixteen erreichen. Was sich auf dem Papier sehr ordentlich liest (nur acht weiteren Coaches gelang diese Bilanz im gleichen Zeitraum) und von Kritikern der Entlassung als Hauptargument genutzt wird, lässt sich jedoch relativ schnell relativieren. In Alfords erstem Jahr bestand der Kader aus Spielern, die sein Vorgänger Howland akquiriert hatte. Das zweite Sweet Sixteen täuscht darüber hinweg, dass die Bruins eine maue Saison spielten, geradeso die Teilnahme für das Tournament erlangt und in der ersten Runde das Glück hatten, durch einen kontrovers diskutierten Goaltendingpfiff gegen SMU die nächste Runde gegen Underdog UAB zu erreichen. Einzig in der Saison 2016/2017 zeigten die Bruins starken Basketball, kletterten in den Rankings teilweise auf Platz zwei und wurden als Titelanwärter gehandelt. Das lag jedoch vornehmlich an Lonzo Balls Basketballintelligenz, der das Team schulterte.

Auch der Fanbase und den Unterstützern der Bruins gefiel der Verlauf der letzten Jahre nicht wirklich. Für Aufsehen sorgte beispielsweise ein Flugzeugbanner, auf dem der Rücktritt Alfords gefordert wurde, während das Flugzeug seine Kreise über dem Campus der UCLA zog.

In dieser Saison drohen die Bruins nun das Tournament zu verpassen. Eine Bilanz von 7-6 mit Heimniederlagen gegen Belmont und Liberty(!) ist bereits auf dem Papier ein schwaches Zwischenresultat. Noch eklatanter wird die fehlende Spielstärke jedoch bei Betrachtung der Partien. Gegen die guten Teams des bisherigen Spielplans waren die Bruins sang- und klanglos unterlegen. Die Entlassung Alfords ist daher weniger eine Kurzschlussreaktion, sondern viel mehr ein Entscheidung, die sich seit einigen Monaten andeutete und durch die blutleeren Vorstellungen der vergangenen zwei Wochen in die Tat umgesetzt wurde. Die Auftritte lassen sich durch die folgende Sequenz in aller Kürze zusammenfassen.


Defense
Unter Alford war vor allem die Defense das große Manko der Bruins. Gehörte sie in Alfords erstem Jahr (wie angeführt mit fremdem Spielerpersonal) noch zu den Top40 der NCAA, schaffte sie es anschließend öfter außerhalb der Top100 aufzutauchen als ein weiteres Mal innerhalb der Top75 (laut KenPom).

Das ließ sich vor allem dadurch begründen, dass die Bruins oft sehr junge Teams waren mit Freshmen in Schlüsselpositionen. Besonders in der Verteidigung fehlen solch jungen Spielern und Rekruten noch die Basics, weswegen sie viele Fehler begehen. Zonenverteidigung war daher in den vergangenen Jahren ein oft gewähltes Mittel.

Auch in dieser Saison waren die besten defensiven Sequenzen dieser Saison bisher oft dann zu sehen, wenn die jungen Bruins ihre Länge und Athletik in einer 2-3-Zone nutzten. Mit drei oder gar vier Spielern gleichzeitig auf dem Feld, die eine Körperlänge von (deutlich über) zwei Metern aufweisen und auch lange Arme besitzen, ist diese Verteidigungsvariante ein probates Mittel. Schlüssel zum Erfolg war hierbei jedoch auch, dass die fünf Verteidiger ein Mindestmaß an Aktivität aufweisen, Schützen an der Dreierlinie die Sicht nehmen und Passwege stören, wie hier zum Beispiel:


Auf der anderen Seite war jedoch selbst diese vermeintlich einfache Aufgabenstellung für die Bruins oft zu schwierig. Denn auch und gerade in einer Zone müssen die fünf Verteidiger miteinander kommunizieren. Nur so weiß jeder, was der Nebenmann gerade macht. Doch genau diese Kommunikation kam oft zu kurz.

Auch hierzu zwei kurze Sequenzen, die exemplarisch für die schwache Bruins Defense stehen. In der ersten Szene stehen alle Verteidiger relativ regungslos auf ihren Spots, heben ihre Arme kaum und lassen die Offense einfach gewähren. In der zweiten Situation geben die Bruins ohne große Not einen offenen Dreier ab, der dadurch zu verhindern wäre, dass Jaylen Hands und Kris Wilkes miteinander reden und Wilkes den Ballhandler übernimmt, damit Hands die andere Courthälfte beschützen kann.


Ein weiteres Problem, das mit der Zonenverteidigung zum Teil zusammenhängt, war und wird die Transition Defense bleiben. Ohne die Verantwortlichkeit eines klaren Matchups fehlte oft die Absicherung direkt am eigenen Korb, wenn die Bigs zum Offensivrebound gingen. Teils waren sogar alle fünf Verteidiger hinter dem Ball und dennoch kassierten die Bruins Layups/Dunks. Gleiches galt für das Umschalten nach eigenen Freiwürfen:


Angesichts dieser haarsträubenden Fehler wäre die Überlegung doch öfter auf eine traditionelle Mannverteidigung zu setzen durchaus nicht zu verdenken. Doch und gerade hier ergaben sich in den letzten Wochen oft neue und mindestens ebenso brenzlige Gefahrenherde.

Der folgende Clip enthält zwei Mal den gleichen Spielzug, den Cincinnati im Abstand von etwa 30 Sekunden läuft. Beide Male reicht ein simpler Crossscreen aus, um den Bearcats einen Korbleger in Brettnähe zu verschaffen. Diese Planlosigkeit bei der Bekämpfung eines simplen indirekten Blocks steht sinnbildhaft für das Defensivvermögen der Bruins.


Ein Lichtblick ist immerhin Moses Brown. Der Freshman verfügt mit 7'1'' über eine sehr imposante Statur und bewegt sich für seine Länge koordinativ bereits sehr rund. Auch als Ringbeschützer kann Brown schon jetzt einen entscheidenden Einfluss auf das Spiel haben. Die zehntbeste Blockpercentage (11,4) der NCAA spiegelt wider, was das bloße Auge ebenfalls vermittelt.

Problematisch wird es jedoch, wenn Brown Mannverteidigung spielen und seine Rolle als Ringbeschützer aufgeben muss. In zwei Arealen ist er besonders anfällig. Einerseits fehlen ihm für das Pick & Roll sowohl athletisch als auch taktisch noch viele Details, um nicht jedes Mal geschlagen zu werden. Zweitens lässt er gegen massige Brettcenter die Kilos und auch die Finesse vermissen, um sich teuer zu verkaufen.


Offense
Realistisch betrachtet liegt daher in der Offensive vermutlich eher das Potential für größere Steigerungen in relativer kurzer Zeit. Denn während in der Verteidigung einfach Erfahrung und Wille zu fehlen scheinen, ist es in der Offensive eine klare Struktur, die die Bruins momentan schmerzlich vermissen.

Das Dilemma beginnt auf der Position des Point Guards. Jaylen Hands steht in dieser Saison in der Verteidigung auf dem Papier diese Rolle auszufüllen. Der Sophomore ist von seinem Naturell her jedoch eigentlich ein Scorer, der seine eigenen Punkte erzielen möchte und eher weniger auf seine Mitspieler achtet. Umso erstaunlicher sind daher die sieben Assists pro Spiel, die Hands als achtbesten NCAA Spieler in dieser Hinsicht ausweisen.

Fairerweise sollte vor der folgenden Kritik zunächst festgestellt werden, dass Hands sich tatsächlich als Passgeber enorm weiterentwickelt hat. Er bringt Pässe an den Mann, die er in der letzten Saison noch nicht mal in Erwägung gezogen hätte. Zudem ist seine grundsätzliche Spielübersicht auch passabel.


Auf der anderen Seite sollten diese Szenen und Werte nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass Hands einfach kein Playmaker und Spielorganisator ist. Hands muss in Situationen gebracht werden, in denen er möglichst klare Entscheidungen zu treffen und seine tief verwurzelten Scoringsinstinkte ausleben kann. Ob er in einer solchen Rolle eine Effizienz an den Tag legen kann, die ausreichen würde, um UCLAs Offense deutlich zu steigern, ist unklar. Aber einen Versuch wäre es wert, damit er nicht weiter mit Entscheidungssituationen konfrontiert wird, die ihn (noch) überfordern.


Besonders der Ausfall von Tyger Campbell wirkt schwer. Der eingeplante Backup Point Guard ist ein typischer Pass First Guard, der als High School Spieler eine unglaubliche Ruhe und Spielkontrolle ausstrahlte. Nach einem Kreuzbandriss in der Preseason ist sein Freshman Jahr jedoch schon beendet, bevor es richtig beginnen konnte. Dem neuen Interimscoach Murry Bartow fehlen daher wie auch Alford zuvor schlicht die Alternativen im Spielaufbau.

Neben Hands muss auch Kris Wilkes eine enorme Schippe drauflegen, wenn die Bruins noch den Turnaround schaffen wollen. Als möglicher Erstrundenpick gehandelt, blieb der Sophomore in den ersten 13 Spielen den Beweis schuldig, dass er wirklich und ohne Zweifel in die NBA gehört. Zwar erzielt Wilkes in dieser Saison durchschnittlich fast vier Zähler (nun 17,5 Punkte pro Spiel) mehr bei ähnlicher Effizienz. Doch gerade die Wurfauswahl des Flügelspielers lässt arg zu wünschen übrig.


Angesichts der Kaderstruktur müsste Wilkes besonders an seiner Dreierquote schrauben, um die fehlende Firepower im Backcourt auszugleichen. Außerdem wären die Bigs für den einen oder anderen Durchstecker bei seinen Drives sicherlich dankbar.

Um Wilkes' Einfluss zu erhöhen und in positive Bahnen zu lenken, könnten ein erster Schritt darin bestehen, ihn verstärkt um diverse indirekte Blöcke zu schicken, in der Hoffnung, dass er curlen und Lücken reißen kann. Hierfür besitzt der Außenspieler ein ordentliches Gespür.


Klar ist auf jeden Fall, dass die Bruins in der Offensive deutlich mehr klare Vorgaben brauchen, um zumindest die Grundregeln eines guten Spacing einhalten zu können. Durch die Freiräume, die Alford seinen Spielern einerseits ließ, die sich diese aber andererseits auch einfach nach eigener Fasson nahmen, entstand gerne mal Chaos:


Ausblick
Der Start in die Conference Saison steht bevor. 18 Spiele in der regulären Saison und ein möglicher Run im PAC12 Tournament bleiben, um die Saison doch noch irgendwie mit einem Tournament Spiel abzuschließen. Die Chancen stehen jedoch gering. Das liegt einerseits an den Bruins, die sich durch ihre bisherige Bilanz und die Auftritte in eine Bringschuld gebracht haben, die angesichts der beschriebenen spielerischen, mentalen und taktischen Mängel zur Herkulesaufgabe anwachsen könnte.

Auf der anderen Seite leiden die Bruins auch darunter, dass sich die Conference bisher mehr mit Spott als Ruhm bekleckert hat. Zuletzt verlor das vermutlich beste Team der pazifischen Zwölf, Arizona State, auf eigenem Boden gegen Princeton. Dass nur ein einziges Team ins Tournament einzieht und dieses einen Sun Devil auf dem Trikot trägt, ist gar nicht mal so unwahrscheinlich. Denn es fehlen die guten Siege und soliden Bilanzen, die dafür sorgen würden, dass Siege gegen die Konkurrenz das eigene Resümee aufpolieren.

Abseits dieser kurzfristigen Betrachtung werden die nächsten Monate abseits des Parketts vermutlich spannender ausfallen. Schon jetzt ist diese Liste der diskutierten Namen lang. Dem eigenen Selbstverständnis nach ist UCLA eine Top5 Adresse in der NCAA, auch wenn die Resultate das in der vergangenen Dekade nicht widerspiegeln und der Trainerposten der Bruins im Vergleich zu anderen Topprogrammen einige Vorzüge (Gehalt, Charterflüge zu Spielen etc.) vermissen lässt. Der kommende Headcoach der Bruins wird mit dem Auftrag für sein Amt auserkoren, begeisternden Basketball, hochkarätige Rekruten, Final Four Teilnahmen und letzten Endes vor allem Meisterschaften nach Westwood heimzubringen.