04 Februar 2019

4. Feb, 2019


Seit der Saison 2004/2005 wird die Big12 Conference ununterbrochen von den Kansas Jayhawks regiert. In den vergangenen zehn Saisons musste Kansas gar nur ein einziges Mal einen geteilten ersten Platz hinnehmen. Der vorherige Rekord von den "Mighty Bruins" von 13 aufeinanderfolgenden Meisterschaften ist längst gebrochen. Vor dieser Saison schien Titel 15 nur Formsache zu sein. Nun droht die Serie tatsächlich zu reißen - doch warum und lässt sich das aus Sicht der Jayhawks ändern?

von AXEL BABST @BabstMadness | 1. Feb, 2019

Momentan belegt Kansas zusammen mit zwei anderen Teams einen geteilten dritten Platz mit einer Bilanz von 5 Siegen bei 3 Niederlagen in der Conference Saison. Die beiden derzeitigen Spitzenreiter Baylor(!) und Kansas State haben jeweils eine Niederlage weniger. Panik ist also noch verfrüht, zumal weniger als die Hälfte des Conference Spielplans absolviert ist (insgesamt 18 Spiele). Dennoch zeigt die Formkurve mit drei Niederlagen in den letzten vier Spielen steil nach unten.

Insidegame
Udoka Azubuike ist eine massive Gestalt: gelistet mit 7'0'' (2,13m) und 280 Pfund (127 Kilogramm). In der vergangenen Saison war der damalige Sophomore der Anker unter den Brettern an beiden Seiten des Feldes. Mit seiner Wucht und Durchschlagskraft war er eine abgespeckte Collegeversion von Shaq, die ein Mal in Korbnähe positioniert nicht mehr zu entfernen war. Wann immer die Jayhawks dringend Punkte brauchten, war Azubuike die erste Wahl.

Sagenhafte 77 Prozent seiner Wurfversuche, die bis auf wenige Ausnahmen nur in der Zone entstanden, fanden ihr Ziel. Obwohl er nicht immer selbst abschloss oder überhaupt in Ballbesitz kam, zog er mit seiner Präsenz so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass die vielen Schützen um ihn herum viel Freiraum genießen konnten. Das war eine tödliche Mischung für jeden Gegner.


Auch in dieser Saison schien sich dieses Schema fortzusetzen. Das Zusammenspiel mit seinem neuen Frontcourt Partner Dedric Lawson funktionierte schnell und stellte jeden Gegner für unlösbare Probleme. Anfang Dezember knickte Azubuike im Spiel gegen Wofford jedoch relativ heftig um und war für vier Wochen zum Zuschauen verdammt. Bereits in dieser Phase bröckelte die Fassade bei den Jayhawks und die Offense sah unstrukturierter aus.

Als Azubuike dann im letzten Spiel des Kalenderjahres 2018 gegen Eastern Michigan sein Comeback feierte, stieg die Zuversicht in Lawrence hinsichtlich der Titelchancen - wohlgemerkt der Chancen die Trophäe Anfang April in Minneapolis in die Lüfte zu recken. Doch nur zwei Spiele konnte "Doke" bestreiten, ehe ein Sehnenriss in seiner rechten Hand die Spielzeit für den dominanten Innenspieler endgültig beendete. Die offensiven Veränderungen für das Spiel der Jayhawks sind dramatisch:


Seitdem sind die Jayhawks zur Improvisation gezwungen. Erstens ist es unmöglich, Azubuikes körperliche Dimensionen zu ersetzen. Zweitens fehlt die Tiefe im Frontcourt. Silvio de Sousa wartet nach wie vor darauf, dass die NCAA ihm seine Spielberechtigung erteilt, nachdem sein Name im Rahmen von kolportierten Geldzahlungen auftauchte. Freshman David McCormack ist zwar talentiert, aber noch sehr roh. Junior Mitch Lightfoot führt seit drei Jahren eine Existenz zwischen Tür und Angel und konnte vor allem wegen seiner fehlenden Offensivgefahr und noch immer fehlenden Kilos nie komplett das Vertrauen von Self gewinnen.

Es bleibt also nur noch Dedric Lawson als einziger spielfähiger Big Man. Zugegebenermaßen gibt es sicher schlechtere Ausgangslagen, da Lawson einer der offensiv vielseitigsten Spieler der NCAA ist. Mit seinen bisherigen Leistungen konnte der Memphis Transfer die Vorschusslorbeeren rechtfertigen und sich zumindest in die Konversation zum Spieler des Jahres hereinspielen. 19,2 Punkte pro Spiel (57,3 Prozent True Shooting) und 10,9 Rebounds im Durchschnitt sind momentan die eindrucksvollen Kennziffern.


Ohne Azubuike fehlt Lawson nicht nur ein Abnehmer für seine qualitativen Anspiele, sondern Lawson muss deutlich mehr Verantwortung schultern. Dazu ist er zwar durchaus in der Lage, allerdings wird es für die gegnerische Verteidigungslinien zunehmend einfach sich darauf einzustellen. Ein Beispiel aus dem letzten Spiel gegen Texas illustriert die Problematik.

Traditionell gehört Coach Self zu den besten seines Fachs, wenn es darum geht aus einer Auszeit heraus kommend ein Play aufzuzeichnen, was seinem Team einfache Punkte einbringt. Bei diesen ATOs vertraut Self seit Jahren auf eine Vielzahl cleverer Sets. Derzeit ist jedoch viel zu offensichtlich, dass Lawson am Ende der Profiteur sein soll.

In diesem Beispiel dauert es zwölf Sekunden, bis Marcus Garrett, der behilfsmäßige Vierer (dazu gleich mehr), den Ball erhält. Ziel des Plays soll ein Seal von Lawson nach einem Downscreen für den Shooter sein. Allerdings sind Timing und Ausführung des Blocks auf der Weakside so schlecht, dass Lagerald Vick den Pass zwei Meter hinter der Dreierlinie erhält. Dadurch hat er keinen guten Winkel und es braucht einen weiteren Pass, um den Pass in den Lowpost spielen können. Lawson verliert hier seine eigentlich gute Position und eine Menge Energie, um weiter anspielbar zu sein. Die Defense bekommt zudem genug Zeit, um ein direktes Doppeln vorzubereiten, weshalb die ersten 24 Sekunden des Angriffs verschwendet sind und am Ende die Schussuhr abläuft.


Guard-Play
Besonders die Guards und Außenspieler stehen nun in der Verantwortung. Self ist zu einer Lineup aus vier Guards und Lawson als einzigem Big Man zurückgekehrt. Solche Aufstellungen mit vier Außenspielern waren in den vergangenen zwei Jahren überaus erfolgreich. In der aktuellen Spielzeit sind die Guards allerdings noch den Beweis schuldig geblieben, dass ihre Wurfqualität ausreichend ist.

Als Team konnte KU bisher 146 Dreier versenken, was nicht mal für einen Platz unter den Top200 der 353 NCAA Teams reicht. Lagerald Vick trifft über die Saison 45,3 Prozent seiner Versuche aus der Distanz bei etwa drei Treffern pro Begegnung. Abseits von Vick stimmen bei den übrigen Außenspielern entweder die Quote (Marcus Garrett, Quentin Grimes, Charlie Moore allesamt bei maximal 32,9 Prozent) oder das Volumen (Devon Dotson ist bei unter zwei Versuchen pro Spiel). So können die Gegner Lawson ungestraft doppeln und die Zone bevölkern.


Ein Lichtblick ist immerhin Ochai Agbaji. Der Freshman sollte eigentlich als Redshirt Spieler das Jahr über nur trainieren, da der Coaching Staff vor der Saison das Gefühl hatte, im Backcourt bereits tief aufgestellt zu sein und dafür Agbajis Spielerlaubnis nicht vergeuden zu wollen. Doch seit der Azubuike Verletzung ist der talentierte Scorer fester Bestandteil der Rotation und hat seine Chance in den bisherigen sieben Spielen bestens genutzt. 38,9 Prozent seiner Distanzwürfe versenkt Abgaji bisher und sollte mit zunehmendem Rhythmus auch sein Wurfanzahl noch weiter nach oben schrauben (bislang 2,6 Versuche pro Spiel).


Neben seiner Gefahr aus der Distanz strahlt Ogbaji aber auch mit seinen Penetrations eine Gefahr aus, die von den etablierten Kräften des Kaders bisher größtenteils schmerzlich vermusst wurde. Der Freshman ist athletisch, schon relativ kräftig und hat bei seinen Finishes Touch. Entscheidend ist vor allem, dass Ogbaji eine aggressive Herangehensweise an den Tag legt und nicht lange zögert. Dadurch reißt er Lücken und zwingt der Defense Reaktionen ab.


Auf der anderen Seite muss speziell von Vick und Marcus Garrett offensiv viel mehr kommen. Gerade Vick steht als Senior und nominell erfahrenster Spieler in der Verantwortung. Obwohl er ein erstklassiger Athlet ist, zieht er selten entschlossen zum Korb. 1,2 Freiwurfversuche pro Spiel sind für einen derartigen Flieger ein schwacher Wert.

In dieser Hinsicht ist Garrett sicherlich schon aggressiver. Solange sein Wurf nicht fällt (22,6 Prozent), wird Garrett jedoch immer darauf angewiesen sein, den eigenen Gegenspieler mit einem blitzschnellen ersten Schritt im Closeout zu schlagen. Das gelingt aufgrund des großen Sicherheitsabstands seitens der Verteidigung jedoch immer nur über das Überraschungsmoment, das sich mit zunehmender Häufigkeit logischerweise abnutzt. Auf die 51 Punkte in den drei Spielen gegen West Virginia, Baylor und Iowa State folgten nun kombinierte sechs gegen Kentucky und Texas. Gerade Kentucky nahm Garrett durch tiefes Absinken jedwede Offensivoption. Stattdessen kümmerte sich Verteidiger PJ Washington als zweiter Schatten um Lawson und verhinderte viele Anspiele.


Defense
Neben dem partiellen Verlust der offensiven Identität müssen die Jayhawks seit der Verletzung von Azubuike auch damit klarkommen, dass sie defensiv Mismatches zu managen haben. Vier Guards auf dem Feld bedeuten selbst bei Teams mit Stretch Vierern, dass eine körperliche Unterlegenheit bei mindestens einem Mismatch austariert werden muss.

Tendenziell ist Garrett als Verteidigungsminister dafür sogar einigermaßen geeignet, da er je nach Konstitution des Gegners durch seine Länge, Schnelligkeit, Antizipation und Unnachgiebigkeit immer genug Terror verursachen kann, um eine Zeit lang alle fünf Positionen am College verteidigen zu können. Doch auf Dauer wird er dadurch viel Energie verlieren und an Tagen, an denen er offensiv nicht produziert, könnte Self besser damit beraten sein, Garrett auf die Bank zu beordern und das Spiel über den Angriff gewinnen zu wollen.

Neben der Frage auf der Position Vier sollte auch nicht unbeachtet bleiben, dass sich Lawson derzeit als Fünfer in der Verteidigung deutlich mehr aufreiben muss als bisher. Auch das dürfte Self ein gewaltiger Dorn im Auge sein und könnte sich mit zunehmender Dauer der Saison zu einem handfesten Problem entwickeln. Lawson darf in der Verteidigung keinesfalls zu viele Körner lassen, da er das Team im Angriff tragen muss. Gegen Kentucky wirkte Lawson mit der Wucht von Reid Travis überfordert und gegen Ende des Spiels auch ermüdet.


Ausblick
Wie eingangs erwähnt ist es momentan sicherlich zu früh zur Panikmache im Lager der Jayhawks. Das weiß Bill Self sicher wie kein zweiter. Auf der anderen Seite wird ihm jedoch auch bewusst sein, dass bereits die nächsten zwei Spiele einen durchaus brisanten und richtungsweisenden Charakter haben können. Am Samstag empfägt Kansas zunächst Texas Tech, ehe es vier Tage später zum Sunflower State Game mit Kansas State kommt. Auf dem Papier sind diese beiden Teams zusammen mit Iowa State sicherlich die realistischsten Herausforderer der Jayhawks. Niederlagen gegen diese Teams würden gleich doppelt wehtun.

Self hat gleich mehrere Baustellen, die es zu verwalten gilt. In der Offensive muss er darauf bauen, dass von den Außenspielern kollektiv mehr kommt und sich jeder einzelne dem persönlichen Leistungsoptimum annähert. Lagerald Vick als Senior, Quentin Grimes als ehemals gehandelter Lottery Pick und Ochai Agbaji als unbekümmerter Quereinsteiger sind hier sicher die drei Pfeiler, auf die sich die Hoffnung mit dem größten Druck stützt.

In der Verteidigung muss vor allem die Abstimmung bei Switches und Hilfen verbessert werden. Das ist eine Frage der Zeit. Außerdem wird Self wohl auch seine Bigs der zweiten Reihe häufiger mal ins kalte Wasser werfen müssen, um Lawson zu entlasten. Sollte aus heiterem Himmel noch die Freigabe für Silvio de Sousa in Lawrence eintreffen, wäre das natürlich ein unverhoffter Bonus.

Letzten Endes stehen die Titelchancen in der Big12 für KU trotz des durchwachsenen Januars gar nicht so schlecht. Es ist unklug gegen Kansas und vor allem Trainerfuchs Self zu wetten, wie in den vergangenen Spielzeit das eine oder andere Mal offensichtlich wurde. Zudem ist die Frage, wie gut der Rest der Big12 ist. Ein wirklich angsteinflößendes Topteam gibt es nicht und die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Konkurrenz gegenseitig die Siege klaut, ist relativ hoch.

Ob Kansas jedoch weiterhin als ernsthafter Titelanwärter für die NCAA Krone gehandelt werden sollte, ist da schon ein anderes Fass. Das aufzumachen würde in diesem Rahmen sicherlich zu weit führen. Dennoch sollte auch dieses Narrativ im Auge behalten werden, wenn die Reise der Jayhawks durch den Februar betrachtet wird. Wird diese ein souveränes Stolzieren, ein wackeliges Schlingern oder ein unsanftes Stolpern? Ohne einen guten Februar mit offensichtlichen Fortschritten an beiden Enden des Feldes dürften die Titelaussichten in weite Ferne rücken.