26 Februar 2019

26. Feb, 2019


Eineinhalb Monate vor Ende der Regular Season kämpft wie immer die Mehrheit der NBA-Teams um die Playoffs und um Positionierungen. Die auf der Stecke Gebliebenen hingegen haben längst den 14. Mai rot im Kalender markiert – denn dann findet die Draft Lottery statt. Bevor sich diese Teams in den frühen Sommerurlaub verabschieden, analysiert die #NBACHEF-Redaktion die Situation der diversen Tiefflieger. Wer hat enttäuscht, für wen sieht es richtig düster aus und für wen gibt es 2020 Hoffnung?

von NBACHEFSQUAD  | 26. Feb, 2019


Die Enttäuschung 2019

Stefan Dupick @hoopsgamede: Hier könnten einige Teams genannt werden. Ich gehe mit einem Team, welches sich nicht hinter dem Verletzungspech (siehe Lakers oder Pelicans) verstecken kann und nenne die Wolves! Nachdem Minnesota im vergangenen Jahr gerade so in die Playoffs gekommen ist, hatte ich in dieser Saison eine Steigerung erwartet. Der Westen ist tough und das Hickhack um Jimmy Butler war nicht förderlich, dennoch ist es enttäuschend zu sehen, was die Wolves aus ihrem Talent machen.

Christoph Lenz @NBAKenner: Die Saison der New Orleans Pelicans begann mit der großen Hoffnung auf das beste Jahr der Anthony Davis-Ära. Genährt wurde diese Hoffnung von einem beeindruckenden Playoff-Run im Vorjahr. Dass dieser Run nach der DeMarcus Cousins Verletzung erfolgte und das Front Office im Sommer einige Roster-Ergänzungen wie Julius Randle aquirieren konnte, reichte um dem Team eine Überraschung zuzutrauen. Doch es kam alles anders. Auf dem Court verloren die Pelicans trotz einer wieder einmal beeindruckenden Saison von Anthony Davis früh den Anschluss an die Playoff-Plätze. Neben dem Court zerbröselte die Organisation wegen der alle NBA-Konversationen bestimmenden Trade-Saga um Anthony Davis. Alles in allem ist die Saison der Pelicans eine so große Enttäuschung, dass das Narrativ um die Franchise immer häufiger die berechtigte Frage: „wird die Franchise in drei bis fünf Jahren überhaupt noch in New Orleans beheimatet sein?“ stellen muss.

Jan Wiesinger @WiesiG: Bei den New Orleans Pelicans waren die Probleme in dieser Schwere keinesfalls absehbar. Viele hatten sie im starken Westen in den Top-8 gesehen. Nach vielversprechenden ersten Spielen hat die Mannschaft aber stark nachgelassen. Ein abwanderungswilliger Superstar, der sich keinesfalls verletzen soll und auch bei seinen letzten Auftritten deutlich unterhalb seines Leistungspotenzials ablieferte, trugen ihr Übriges zum negativen Record bei.

Marc Lange @godzfave44: Letztes Jahr reichte es bereits knapp für die Playoffs. Diese Saison kam auch noch Jimmy Butler dazu, um das hochtalentierte Team zu unterstützen. Ein Platz unter den ersten sechs Teams im Westen sollte da der logische nächste Schritt sein – dachte man zumindest. Stattdessen können die  Minnesota Timberwolves (auch dieses Jahr) die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Ständige Wehwehchen, ein unglücklicher Jimmy Butler und ein Trainer, der anscheinend sein Mojo verloren hat, sind hierfür die Hauptgründe. Auch die schöne Comeback-Story von Derrick Rose kann über dieses enttäuschende Jahr der Wölfe nicht hinwegtrösten.


Daniel Schlechtriem @W14Pick: Die Wizards sind noch nicht final eliminiert, bei inzwischen vier Spielen Rückstand auf Rang acht wird die Postseason aber immer unwahrscheinlicher und somit auch die Diskrepanz zu den eigenen Ansprüchen („Über 50 Siege und Eastern Conference Finals“ – O-Ton John Wall) zementiert. Washington galt als sicherer Playoff-Kandidat und hat sogar noch in Person von Trevor Ariza nachgerüstet, vermag es bislang dennoch nicht, im Schneckenrennen um die hinteren Plätze des Ostens mitzuhalten. In Kombination mit der schweren Verletzung Walls ein Jahr zum Vergessen für die Zauberer.


Tief in der Tinte

Dupick: Da kommen einem doch direkt die Wizards in den Sinn, allerdings wäre das zu einfach, daher gehe ich mit Orlando. Die Magic haben so viel Talent, dass meine Aussage bereits in der kommenden Saison unsinnig aussehen könnte, allerdings befürchte ich Schlimmes. Die Konstruktion des Kaders passt einfach nicht zusammen, Jonathan Isaac, Aaron Gordon und Mo Bamba zusammen wird nicht funktionieren. Markelle Fultz ist eine gute Verpflichtung, aber ein dickes Fragezeichen. Was ist im Sommer mit Nikola Vučević? Das Management muss hier bald wichtige Entscheidungen treffen und dann könnte in Orlando etwas sehr spannendes entstehen.

Lenz: Während in den letzten Jahren einige komplett aussichtslose Situationen am Bodensatz der Liga zu finden waren, sieht es dieses Jahr weniger hoffnungslos aus. Für alle Teams im NBA-Keller kann relativ schnell ein Pfad skizziert werden, der in Richtung Playoffs weist. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Teams besser mit ihrem Draft Picks umgehen als in den vergangenen Jahren. Am schwersten dürfte der Weg aber aufgrund eines abgehenden Picks und des kleinen Markts für die Memphis Grizzlies werden. Die Entwicklung von Hoffnungsträger Jaren Jackson Jr. und Lottery-Glück könnten aber auch für Memphis in relativ kurzer Zeit in drei bis fünf Jahren zurück in die Erfolgsspur führen.

Wiesinger: Die Minnesota Timberwolves hatten vor den letztjährigen Playoffs dreizehn Saisons in Folge die Post-Season verpasst. Das war keineswegs ein Trendbruch, sondern lediglich ein positiver Ausrutscher: Ein unausgewogener Kader, hohe Verträge mittelmäßiger Spieler in den Büchern und ein nur weniger attraktiver Markt werden dafür sorgen, dass zumindest die nächsten Jahre auch nicht mehr als die 41 regulären Heimspiele in Minneapolis stattfinden dürften.

Lange: Sportfans aus Cleveland sollten die nächsten Jahre lieber ein Auge auf die Browns in der NFL werfen. Die Zukunft sieht hier ganz rosig aus. Was die Cavaliers betrifft: eine lange Durststrecke der Bedeutungslosigkeit steht vor der Tür. Die Post-LeBron-Ära wird eine (gewaltige) Menge Geduld fordern, ehe Basketball im Staate Ohio wieder mit Erfolg verbunden wird. Haltet durch, liebe Cavaliers-Fans.

Schlechtriem: Die Knicks oder die Cavs. Nur einer kann den Top-Pick und somit auch Zion W. einkassieren, vielleicht sogar keiner von beiden. Wer auch immer leer ausgeht, hat mindestens ein weiteres Jahr in der Wüste vor sich – Kapriolen in der Free Agency nicht inbegriffen. Die Bulls haben Lauri Markkanen und Wendell Carter, die Suns Devin Booker und DeAndre Ayton, die Hawks John Collins und Trae Young, die Knicks und Cavs hingegen haben Stand heute... gar nichts.



Totes Geld

Dupick: Die Bulls machten zuletzt komische Sachen mit ihrem Geld. Jabari Parker und Zach LaVine für knapp 40 Mio. $? Zu viel Geld für zu wenig Leistung und dann schaffen sie es tatsächlich, Parker zu verschiffen und bekommen mit Otto Porter Jr. einen noch teureren Mittelklassespieler. In Chicago können die Fans froh sein, dass zumindest im Draft gut gepickt wurde.

Lenz: Im aktuellen Jahr geht der Preis für das schlechteste Preis-Leistungs-Verhältnis an die Memphis Grizzlies, die für ein Flop-Acht Team Top-Acht Gehälter zahlen. Mit Blick auf die nächsten Jahre sieht es in Memphis aber weniger problematisch aus, als zum Beispiel bei Minnesota, die insbesondere für Andrew Wiggins einen Preis zahlen, der nur mit sehr kleiner Wahrscheinlichkeit bei einem schwer vorstellbaren Entwicklungs-Sprung wirklich leistungsgerecht ist.

Wiesinger: Ich sehe insbesondere jene Supermax-Verträge als katastrophal und destruktiv an, bei denen Spieler wie absolute Superstars bezahlt werden, aber lediglich wie zweite oder dritte Optionen eines Teams werden sollten. Offensichtlich ist dies bei den +40 Mio. $-Veträgen von John Wall und Chris Paul, aber auch +30 Mio. $ für Kevin Love in der Off-Season sind mehr als zweifelhaft und werden sich in den nächsten Jahren für alle betroffenen Teams noch als selbst gewählter Klotz am Bein offenbaren, sollte der Salary Cap nicht unvorhergesehen extrem ansteigen.


Lange: Auch hier müssen die Cleveland Cavaliers genannt werden. Vor seiner Verletzung spielte Kevin Love zum ersten Mal wieder auf Borderline All-Star-Level. Fakt ist jedoch: Love (31) verpasste in den vergangen Spielzeiten dutzende Partien wegen verschiedener Beschwerden und allein 55 Spiele in den letzten zwei Jahren. Dementsprechend sollte sein 144 Mio. $-Vertrag relativ schwer zu verschiffen sein. Hinzu kommen die Kontrakt-Klötze J.R. Smith (14,5 Mio. $) und Tristan Thompson (18 Mio. $). Das Cavs Front-Office wird hier sehr kreativ werden müssen, um den Rebuild etwas zu verkürzen.

Schlechtriem: Nochmal Washington. Sollten sie die Trendwende nicht doch noch schaffen, sind sie in dieser Kategorie nur schwer zu schlagen. Und die Nachrichten werden nicht besser, denn bis 2023 schulden die Hauptstädter ihrem schwer verletzten Ex-Franchise Player John Wall noch über 170 Mio. $. Guten Appetit! Von den derzeit bereits definitiv eliminierten Teams stechen wieder einmal die Grizzlies heraus: 122 Mio. $ für das zweitschlechteste Team im Westen muss ihnen erst mal jemand nachmachen. Davon gehen stolze 24 Mio. $ (und damit auch knapp ein Viertel des Caps) an Chandler Parsons, meinen Favoriten für den miesesten Vertrag in diesem Jahrzehnt.


Nächstes Jahr Playoffs!

Dupick: Wenn der Sommer ideal läuft, dann sind das natürlich die Knicks, denn mit Kyrie, Durant und No. 1 Pick Zion sind die Playoffs Pflicht! Aber wann ist in New York schon alles gut gelaufen? Mein Außenseiter-Tipp sind die Hawks, hier wird gerade ein solides Fundament gegossen und wenn im Sommer noch zwei weitere Top-10 Picks dazu kommen sollten, sind die Falken bald nicht mehr nur ein gefragtes League Pass-Team.


Lenz: Der Weg in die Playoffs ist für die Teams in der Eastern Conference signifikant kürzer als für die Teams im Westen. Die Tür steht deshalb für einige Teams durchaus weit offen, aber die Free Agency wird in den ersten Tagen des Juli die New York Knicks nicht nur zu einem Playoff-Team machen, sondern das Team vom Big Apple nach vielen trüben Jahren wieder zu einem legitimen Contender, für den es um mindestens den Conference-Titel gehen wird. Eine etwas mutigere Vorhersage ist, dass auch die Atlanta Hawks 2020 wieder Playoff-Basketball spielen werden, wenn die Young Guns um Trae Young, Kevin Huerter und John Collins im kommenden Draft bestenfalls zwei weitere Top Ten Picks an ihre Seite gestellt bekommen und zum „Next Big Thing“ avancieren.

Wiesinger: Im Westen setze ich hier aus offensichtlichen Gründen auf die Dallas Mavericks. Hier ist Talent im Kader, welches sich keinesfalls nur auf die Euro-Einhörner Kristaps Porzingis und Luka Dončić beschränkt. Gewagter ist die Wette auf den großen Trade-Partner der Mavs im Osten: Die New York Knicks stehen ganz am Tabellenende, könnten aber dank hochkarätiger Unterschriften und Draft in der kommenden Off-Season schnell wieder wettbewerbsfähig werden.

Lange: Ich hätte ehrlich nicht gedacht, diesen Satz in den 2010ern noch einmal schreiben zu dürfen: Die Sacramento Kings bringen wieder richtig Spaß! Der Kern um Buddy Hield, De'Aaron Fox und Marvin Bagley kämpft zwar momentan noch um den letzten Playoff-Spot im Westen (fingers crossed). Aber die Zeichen stehen extrem gut, dass die jungen Wilden aus der Hauptstadt Kaliforniens mit ihrem spektakulären Offensivbasketball nächstes Jahr vielleicht um ein wenig mehr als den achten Platz mitspielen. Die Trendkurve zeigt auf jeden Fall klar nach oben: Während die Kings letztes Jahr noch das Schlusslicht der NBA bezüglich PPG und Pace waren, befindet man sich in diesen Kategorien mittlerweile auf Platz neun (113,7) bzw. drei (103,6).

Schlechtriem: Die Free Agency ist noch lange hin und pure Spekulation, gehört hier also noch nicht hin. Von den Teams in der Loser's Lounge sehe ich die Mavericks mit den besten Karten auf die Playoffs 2020. Die Kombination Dončić/Porzingis wird den Westen gehörig aufmischen, Geld für eine ausgiebige Shopping-Tour im Sommer ist auch vorhanden. Für die vorderen Plätze im Westen fehlt noch ein gutes Stück, mindestens Rang sieben oder acht sollte nächstes Jahr aber realistisch sein.


With the 1st Pick...

Dupick: Die Knicks machen endlich mal etwas richtig und verlieren jedes Spiel. Ich würde dem designierten No. 1 Pick Zion Williamson die große Bühne im Big Apple auch gönnen, allerdings sind die Cavs im Rennen und da der erste Pick immer in Cleveland landet, wird Zion der legitime Thronfolger des Kings in der Provinz von Ohio.

Lenz: Die Suns, Knicks und Cavs dürften recht fest im Sattel sitzen und sich gemäß der neuen Lottery-Wahrscheinlichkeiten über je 14% Chance auf den Nummer eins Draft Pick aka Zion Williamson freuen. Als neutraler Beobachter der NBA wäre „schon wieder Phoenix“ ebenso öde wie Zion in Cleveland. Wirklich spannende Destinationen für den Nummer eins Pick wären Atlanta als Teil der spannenden jungen Truppe; die Dallas Mavericks für ein Hype-Fest der Luka-/Zion-Jünger und der spannenden Perspektive mit Kristaps Porzingis, der von erster Option im größten Markt der USA zur Nummer drei im drittbesten Team in Texas wird; die New York Knicks für den unausweichlichen Playoff-Push mit Durant, Irving, Williamson oder einem Anthony Davis Trade; die Philadelphia 76ers für ein Team auf Augenhöhe mit den Warriors, egal ob mit Zion oder vielleicht doch Anthony Davis; und zu guter Letzt die Los Angeles Lakers für wildeste Verschwörungs-Theorien.


Wiesinger: Seit der Draft-Reform 2017 ist Vollgas-Tanking deutlich weniger lukrativ als zuvor. Von den schlechtesten Teams gönne ich insbesondere den Suns den Zion-Pick nicht. Deren aktueller Losing-Streak grenzt an Arbeitsverweigerung und sollte maximal dazu führen, den Fans Eintrittsgelder und Gratis-Pizza zu erstatten. Zudem hat das Team zwei der letzten drei Top-5-Picks mehr oder minder in den Sand gesetzt. Ich würde mich hingegen für die Atlanta Hawks freuen. Deren Talentlevel ist aktuell nur wenig ausgeprägt, aber immerhin scheint die Einstellung zu passen.

Lange: Believe the hype! Zion Williamson könnte der langersehnte Heilsbringer für den Basketball im Big Apple sein. Daher werden die Knicks in den kommenden Wochen alles in ihrer Macht stehende tun, um so wenig Spiele wie möglich zu gewinnen und die besten Chancen auf das Ausnahmetalent zu wahren. Das mit dem Verlieren klappt bislang jedenfalls hervorragend. Mit bislang nur elf Siegen haben die Knickerbocker im Kampf um die beste Ausgangslage im Draft nur noch Phoenix 'vor sich'. Deswegen sollte jedem Fan in New York klar sein: Jede Niederlage ist dieses Jahr ein wichtiger Schritt in Richtung Zion.

Schlechtriem: Die Cavs wurden hier völlig zurecht schon gründlich geröstet. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wenn am 14. Mai die Ping-Pong-Bälle fliegen, zittern dreizehn Teams vor Nick Gilbert und seinem Nerd-Outfit. Cleveland hatte bereits 2011 (Kyrie Irving), 2013 (Anthony Bennett, lol) und 2014 (Andrew Wiggins) den ersten Pick. Weil das Leben selten fair ist und das desaströse Management in den letzten Jahren, angeführt von Nicks Papa, ohne Konsequenzen bleiben würde, sehe ich Zion schon mit einem Fuß in Ohio.