06 Februar 2019

6. Feb, 2019


Deadline Day ahead. Wir sind hier. Wir sind mehr. Wir erklären Euch, warum die NBA spinnt. Oder auch nicht. Tradewahnsinn, wenn der Schnee fällt. Heute: Process over.

von ANNO HAAK @kemperboyd | 6. Feb, 2019

Start
Ein Team, das spätestens mit dem Trade von Blake Griffin vermeintlich in den Rebuild Modus zu schalten schien, ist wieder da. Dank Kawhi Leonards Bereitschaft, in den „Markt“ LA zu gehen, einem netten Coaching Revival von Doc R. und des Logos immerwirksamer Magie dürfen die Clippers als Mitfavorit auf jeden All-NBA-Spieler gelten, der zu haben ist und/oder sein wird. Nur muss man dafür neben der unverändert eher mediokren sportlichen Attraktivität die finanziellen Voraussetzungen, ergo neue Zimmer unter dem Gehaltsdach freimachen.

Philadelphia, jahrelang der Inbegriff von Neuaufbau hat trotz der Klatsche gegen die Celtics in der ersten Postseason der (Post-) Hinkie-Ära Blut geleckt und will mehr, viel mehr als nur ein nettes, talentiertes Irgendwasversprechen für das Jahr 2020 und beyond sein. Der Butler-Trade wies hier die Richtung.


Schuss
So sparte West dem westlichsten Team ohne Portland weitere Dukaten und polsterte zugleich das Draftauswahlrechtekonto auf. Der fast auf den Tag vor genau einem Jahr mühsam für Blake G. losgeiste Tobias Harris wandert schon wieder weiter und nimmt den Goliathkumpel mit, der schon mit ihm von Detroit aus westwärts reiste.

LAC: Mike Muscala, Wilson Chandler, 2020 1st Rd. Pick (geschützt), 2021 1st Rd. Pick (ungeschützt via MIA), 2021 2nd Rd. Pick, 2023 2nd Rd. Pick (via DET)
PHI: Tobias Harris, Boban Marjanović, Mike Scott



76ers
We call it a Blockbuster. Die Sixers, gefühlte Jahrzehnte in jedem Sommer und zu jeder Deadline ein Verkäufer von allem, was nicht niet- und / oder nagelfest war im Austausch für noch so nachrangige Draftrechte, ist ein Käufer von der aggressiven Gestalt geworden. Was mit Chandlers Akquisition im vergangenen Sommer begann und sich mit Jimmy Butler fortschrieb, kommt zum vorläufigen Höhepunkt im Februar 2019.




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Der hier gefeierte Auftritt war der letzte von Harris im Trikot der vormaligen Tapferen. Er ist der Grund, warum wir das hier alles machen, jedenfalls aus Sixers-Sicht. Harris darf mit Fug und Recht als der unverdienteste Journey Man der Assoziation gelten.

Seine kontinuierliche Steigerung über die gesamte Karriere von inzwischen fast acht Saisons „belohnte“ die Liga, die immer nach der nächsten Verbesserung sucht, mit drei Trades in weniger als ebenso vielen Jahren. Nach der Nordreise von Orlando nach Detroit ging es vor Jahresfrist westwärts in die Arme von Jerry West und Jüngern und nunmehr zurück in den Osten zum unheimlichsten Geheimfavoriten der NBA-Geschichte.

Harris feiert in nahezu jeder erdenklichen Zahlenkategorie das beste seiner acht Karrierejahre in der Liga, netzt u. a. 4,2 von zehn Dreiern für insgesamt erstmalig mehr als 20 Punkte pro Partie. Mit oder ohne „special roster Edition“ Dirk Nowitzki wäre der Trip nach Charlotte im Übrigen mehr als verdient gewesen. Dass er nicht folgte, sagt mehr über die abnorme Qualität im Westen als über Harris.

Bei den Clippers war er auch keineswegs unerwünscht, wurde nur zum Opfer der eigenen guten Taten. Weil LAs anderes Team gerne die ganz großen Fische im 19er Free Agent Teich angreifen will, müssen Karpfen wie Harris weichen. Der Flügel wird im Sommer flügge, also vertragsfrei und galt schon jetzt als klassischer Consolation Prize für überambitionierte Marktplayer wie die Knicks, um zu kaschieren, wenn die ganz großen Namen wie Kevin Durant, Kyrie Irving oder Anthony Davis am jeweiligen Kelch vorübergingen. Übersetzt: Harris ist ein Nonmax-Max-Spieler, einer dieser Kandidaten, bei dem man schon in dem Moment, in dem er seinen Friedrich Wilhelm unter das 25 Mio.-p. a.-Versprechen setzt, fragt, ob er nicht in zweieinhalb Jahren als der schlechteste Vertrag diesseits von John Wall gelten könnte.


Philadelphia aber will jetzt gewinnen. Die Frage, wer im Sommer 2021 ein schwer vermittelbarer Besserverdiener sein oder bis dahin werden könnte, ist in der Prioritätenliste von Neu-GM Elton Brand ähnlich weit vorne wie Rache an den Bulls für seinen Trade zum Geschäftspartner von heute. Harris ist ein All-Star Kaliber, das neben Joel Embiid, Ben Simmons und Jimmy Butler dann vierte im Roster der einstigen Panzerdivision.

Die Chance darauf bezahlt man hoch, aber verständlich. Nach jüngsten Würstchen-Berichten will man aggressiv auf Butler und Harris gehen, wenn sie im Sommer die freie Wahl haben. Damit wäre der letzte Rest Cap Flexibilität dann verbraucht, nur: der Prozess begann vor sieben (!) Jahren. Es wird Zeit, sich festzulegen. Ein Kern aus den Genannten zzgl. J.J. Redick und eventuell Markelle Fultz (... ja, ist ja gut) würde Wettbewerbsfähigkeit auf Stufe eins für die nächsten Jahre garantieren, jedenfalls rechts der Apalachen.

Mike Scott ist (noch ein) relativ großer, junger Mann, der den Dreier (relativ) solide zu versenken vermag. Er ist indes genau wie der Stehdunker, der als eine Art Tobias-Harris-Trademaskottchen gelten darf, eher Gehaltsfüllmaterial als gewichtiger Teil der Zukunftsplanung der brüderlichen Liebe.


Clippers

Jerry West hat zwei, drei Unzen Ahnung von Team Building. Wer das nicht glaubte, hat die Golden State Warriors seit 2014 ebenso verschlafen wie die Shaqobe Lakers. Der eher mittelmäßig sinnvolle Trade für Griffin schien in Kombination mit dem schwer verständlichen Danilo Gallinari-Deal vor einem Jahr ins Nichts des überbezahlten Durchschnitts zu führen, doch das Logo weiß mehr als der Autor dieser Deadline Extravaganza, die nach dem Tagesgericht fragt.

Paul George entschied sich für die Prärie, LeBron James für das andere Team in der Stadt der Engel (das Stand heute, 6.2.2019 btw2,5 Spiele hinter den Seglern liegt). Doch Jerry West hat immer schon den nächsten Star im Auge wie ein Splitter im Grauer Star-Experiment. Mit den (auslaufenden) Deals von Wilson Chandler und Mike Muscala sind die Clippers nunmehr auch finanziell ein Player für alles und jeden, was mit All NBA seriöser Weise in Verbindung zu bringen ist.


Man opfert Harris, den man im Sommer wohl ohnehin nicht bezahlt hätte, um die Rekrutierungsargumente für Kevin Durant (kennt West aus Oakland), Kawhi Leonard (begeistert vom Gedanken an LA, aber nicht an LeBron) oder Kyrie Irving (eigentlich immer zu allem fähig) aufzubessern. Mit den vier (!) Picks, die man im Kern für einen auslaufenden Deal und Marjanović bekam und der unterschätzten Rookie-Sensation Landry Shamet macht man außerdem den Angebotsspeicher für einen Trade von Louisianas Finest voll, der angedeutet hatte, sich eine langfristige Zukunft bei Ballmer und Konsorten jedenfalls vorstellen zu können.


Rechnung
Es gibt einiger Maßen wenige Blockbuster, die für beide Seiten Sinn ergeben. Das hier aber ist eine der raren Gelegenheiten, bei denen am Anfang gar nichts verständlich erscheint und am Ende alles Sinn ergibt. Die Clippers gewinnen die Zukunft, Brand hat wie Michael Corleone vor der Abfahrt nach Kuba seine Pläne für die Gegenwart gemacht.

Kurzfristig dürften die Clippers die Postseason verzocken und die Sixers den besten Spieler kriegen. Langfristig bezahlen die Sixers zu viel für die Bird Rechte eines Borderline All-Stars und setzen die Clipps auf Kuchen im Himmel.

Vorteil: Sixers und Clippers