16 Februar 2019

12. Feb, 2019


Tis' the Trade Season. Wir blicken auf eine wieder mal geschäftstüchtige Trade Deadline zurück, die vor allem für Marc Gasols Wechsel von den Memphis Grizzlies zu den Toronto Raptors in Erinnerung bleiben wird. Der Center spielte elf Jahre in Tennesse und bricht nun in Kanada zu neuen Taten auf. Der Deal zwischen Memphis und Toronto im Check...

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner | 12. Feb, 2019


Ausgang

Ein Marc Gasol-Trade hing in Memphis bereits seit der letztlich eher unrühmlichen Fizdale-Ära in der Luft. Dennoch schien der beachtliche Saisonstart in die Spielzeit 2018/19 einen Trade des Spaniers eher unwahrscheinlich werden. Zum Monatswechsel zwischen November und Dezember, als immerhin ein Viertel der Saison absolviert war, erlebten die Mike Conley/Marc Gasol-Grizzlies ihren dritten (und wie wir heute wissen letzten) Frühling. Selbst der Kampf ums Heimrecht in den Playoffs war zu diesem Zeitpunkt mit dem 13-8 Record möglich und die ersten Beobachter hielten es für realistisch, dass diese Iteration der Bären in der Lage sein könnte, sich für den Rest der Saison dort festzubeißen.

Parallel dazu führten die Toronto Raptors nicht nur die Eastern Conference an, sondern hatten mit 19 Siegen bei nur vier Niederlagen die beste Bilanz der gesamten NBA. Bereits zu diesem Zeitpunkt war absehbar, dass die Maximierung der möglicherweise einzigen Saison von Kawhi Leonard in Kanada das übergeordnete Ziel sein würde und die Deadline sowie der Buyout-Markt für Toronto wichtige Meilensteine auf dem Weg zur potentiell erfolgreichsten Saison der Franchise-Geschichte.

Während die Raptors zwischen dem beschriebenen Stand vom 1. Dezember und dem Deadline Day letzte Woche weiterhin eines der besten (wenn auch nicht mehr DAS beste) Team der Liga waren und mit einem 21-12 Record unter den Top-7 der NBA rangieren, begann für die Memphis Grizzlies der freie Fall. Die Truppe von Coach J.B. Bickerstaff verlor 26 von 35 Spielen, im Westen holten nur die Phoenix Suns weniger Siege in diesem Zeitraum. In einer zu allem Überfluss historisch starken und Playoff-hungrigen Conference rutschten die ehemaligen Grit'n'Grind-er schneller als erhofft so nah ans Ende der Standings, wie es in einer Conference mit den Suns nur geht.


Infolge dessen setzte sich Owner Robert Pera kurz vor der Deadline mit den Franchise-Ikonen Conley und Gasol an einen Tisch und das Trio kam zu dem logischen Schluss, dass die Ära vorbei sei und es für alle Beteiligten an der Zeit, den nächsten Schritt zu suchen. Während das für Conley, der wohl auch weniger Dringlichkeit zu wechseln als Gasol verspürte, noch nicht zum jetzigen Zeitpunkt der Fall ist, endete die Ära der Gasols, die in Memphis mit dem Draft von Pau in 2001 begann und mit dem Trade von Pau für Marc in 2008 nahtlos fortgeführt wurde, nach unglaublichen 18 Jahren.


Schuss

Toronto beteiligt sich am Wettrüsten in der Eastern Conference und ersetzt einen der schwächeren Center-Verteidiger der Liga mit einem ehemaligen Defensive Player of the Year. Memphis erfüllt der Franchise-Legende Marc Gasol, dem Grizzly mit den meisten Minuten, meisten Punkten und meisten Rebounds aller Spieler in der Franchise-Historie, den „letzten Wunsch“: Noch einmal auf Titeljagd zu gehen.

MEM: Jonas Valančiūnas, Delon Wright, C.J. Miles, 2024 2nd Round Pick (TOR)
TOR: Marc Gasol



Grizzlies

In diesem Trade schwingt offensichtlich eine gewisse Portion Dankbarkeit und Goodwill gegenüber einem der verdientesten Spieler der Franchise mit. Vielleicht zusätzlich auch noch eine Prise der Hoffnung und Ambition vergangener Tage, denn dieser Trade ist für die Mannen aus Tennessee weitaus weniger Neustart, als das vor der Deadline erwartet wurde. Mindestens einer, vielleicht zwei 1st Round Picks und/oder junge Talente waren als Gegenwert in einem Gasol-Deal erwartet worden.

Letztendlich ist weder ein wirklich junges Talent dabei (Wright wird in einigen Wochen 27 Jahre alt), noch ein einziger Erstrunden-Pick. In Jonas Valančiūnas kommt ein Center, der Gasol vielleicht in seiner Rotations-Zeit ersetzen kann, weniger allerdings in seiner Rolle auf dem Court oder als Mentor für die nächste Grizzlies-Generation rund um Jaren Jackson Jr.


Valančiūnas hat einen garantierten Vertrag für die kommende Saison, Gasol hätte wohl seine Player Option nicht genutzt und damit ein Vakuum hinterlassen, das der wenig attraktive Markt am Mississippi River nicht mit Geld hätte füllen können. So ziehen sie einfach die Free Agency etwas vor und sichern sich in Valančiūnas einen erfahrenen Spieler, der offensiv und beim Rebounding dringend benötigte Qualitäten ins Team bringt, defensiv aber eine oder zwei Ligen hinter Gasol einzuordnen ist.

Vielleicht sieht das Front Office um GM Chris Wallace etwas in dem Litauer oder im chronisch unterschätzten Backup-Guard Wright. Der sehr zukünftige Zweitrunden-Pick sowie Rollenspieler Miles dürften nicht das Zünglein an der Waage gewesen sein. Unterm Strich ist der Value, den die Grizzlies für Gasol zurückbekommen, vor allem überraschend und wenn die neuen Puzzle-Stücke nicht auf dem Court verblüffen, vor allem wegen des fehlenden First-Rounders oder U23-Talents doch ziemlich wenig.


Raptors

Der Trade vereint in Toronto Kawhi Leonard mit Marc Gasol. Zwei Spieler, die in den letzten Jahren beide den Defensive Player of the Year Award gewonnen haben spielen nun in demselben Team! Wann gab es das zuletzt? Nun ja, technisch gesehen in Memphis in Form des Duos Gasol und Joakim Noah. Dennoch ist das neue DPOY-Paar in Toronto um einiges potenter einzuschätzen als die Rentner-Redundanz in Grit'n'Grind-County.

Der Frountcourt in Toronto, der in Sachen Qualität bereits prall gefüllt war, bietet nun mit Gasol, Serge Ibaka und Pascal Siakam eine herrlich variable und moderne Mischung durch, die Coach Nurse in allen Lebenslagen das nötige Werkzeug im Roster bietet, um sich entweder auf unterschiedlichste Gegner einzustellen und zu reagieren, oder eine eigene Marschroute zu diktieren. Mit dem fortgeschickten Valančiūnas war das aufgrund seiner defensiven Beschränkungen nicht in der Form möglich, wie es der ausgezeichnete Gasol realisieren wird.

Offensiv hatte JV zwar gerade damit begonnen, den Dreipunktwurf in sein Portfolio einzuarbeiten, ein Versuch pro Spiel bei einer 30% Trefferquote sind aber kein Vergleich zu den vier Würfen pro Spiel mit fast 36% Treffern, die Gasol in den letzten zweieinhalb Saisons auflegt. Der Switch bedeutet also mehr Qualität und Variabilität an beiden Körben.




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Der Verlust von Delon Wright wiegt aufgrund von Nummer eins Backup Fred VanVleet (der gerade verletzt ist, aber wenn es ernst wird wieder fit sein sollte) ohnehin nicht allzu schwer, die nachfolgende Ergänzung des Rosters durch Jeremy Lin ist in keinem Fall ein Rückschritt. Die Rolle von C.J. Miles schrumpfte im Vergleich zum Vorjahr signifikant, da er die Funktion des verlässlichen Dreier-Schützen und soliden Verteidigers nicht mehr wie gewohnt auszufüllen vermochte. In Norman Powell und O.G. Anunoby stehen gleich zwei aus der jungen Garde bereit, in seine Fußstapfen zu treten.

Summa Summarum zahlt Toronto eigentlich zwei in der aktuellen Saison irrelevante Spieler und einen irrelevanten Draft-Pick dafür, um die Center-Position rundum in quasi allen Facetten des Basketball-Spiels um mehr als nur ein Level zu upgraden. Im Contender-Business, in dem die Dinos dieses Jahr mit Kawhi Leonard definitiv tätig sind, ist ein solcher Deal üblicherweise der absolute Jackpot. In der Deadline-Woche aber war die Eastern Conference voller Deals wie diesem. Ob Toronto, die Milwaukee Bucks oder Philadelphia 76ers am Ende das beste Geschäft gemacht haben, werden die potentiell megaspannenden Playoffs der Eastern Conference zeigen.


Fazit 

Auf den ersten Blick sieht der Deal für die Raptors wie ein absoluter No-Brainer aus, speziell aufgrund der aktuellen Situation mit der drohenden Kawhi-Free Agency, aber auch aufgrund des Drucks, den die anderen Anwärter auf die Eastern Conference Krone in den Stunden zuvor aufgebaut haben.

Bei näherer Betrachtung ist der Deal nicht nur ein No-Brainer für die Raptors, sondern der mögliche Schlüssel zum Einzug in die Finals, wo kanadische Geschichte geschrieben werden könnte. Damit verbunden würden die Chancen auf einen Kawhi-Verbleib steigen und der Deal macht Torontos Teampräsident Masai Ujiri zum Executive of the Year. Die Memphis-Sicht hinterlässt dagegen viele Fragen. Es müsste schon so einiges Kurioses passieren, damit die Grizzlies hier in ein paar Monaten als Gewinner hervorgehen.

Klarer Vorteil: Raptors