12 April 2019

12. Apr, 2019


Der große Blonde reitet in den Sonnenuntergang. Nach 21 Jahren in der besten Basketball-Liga der Welt beendet Dirk Nowitzki seine aktive Karriere. Um diesen einzigartigen Lauf zu würdigen, verabschiedet sich die NBACHEF-Redaktion mit ein paar persönlichen Zeilen vom besten deutschen Basketballer – nicht nur unserer Generation oder der vorherigen, sondern unserer Lebzeiten.

Für Dirk.


von NBACHEFSQUAD  | 12. Apr, 2019



San Antonio, es ist nur passend. Für mich, für Dirk Nowitzki, den größten deutschen Sportler seiner Generation. Bei den Spurs beendete er seine Karriere. In der Halle, in der er das Spiel spielte, das für mich seine Karriere kondensierte wie kein anderes. Es ist eins von gefühlt oder tatsächlich hunderten Playoffspielen. Für mich ist es DAS Dirk-Nowitzki-Spiel. 2006 Western Conference Semi-Finals Spiel sieben. Niemand gab einen Hühnerschiss, alle geben Vorschusslorbeer, Lorbeer fast verdaddelt, zurückgekommen, obsiegt.

Die Mavs in Spiel sieben. Auswärts. Beim bestgecoachten Team der Liga. 63 Siege, Pop, Spurs. Wäre es nicht so nah dran, würde jemand fragen, ob man sich die Reise nicht sparen soll. Hühnerschiss, Zweitligaspieler in Würzburg.

Doch auch Dirks Softeisteam hat 60 mal einen Gegner in des Universums bester Basketballliga geschlagen in jenem Jahr. Der Basketballclub aus der Footballstadt, sie werden doch nicht... ? Sie werden, prügeln Popovichs Eleven durch die Halle mit dem Telefongesellschaftsnamen, führen zweistellig mit rund 20, als wären die Spurs die Knicks. Phoenix wartet, Vorschusslorbeer, der All American Schülergipfel 1998.

Der Todesstern vom Alamo kämpft zurück. Zeiten, bevor Gregg Popovich ein lustiger, allseit beliebter Knurrer mit Hang zur Agent-Orange-Kritik wurde. Zeiten, in denen Basketballfreunde wie ich die Sporen für das Böse in Franchise-Gestalt hielten. Punkt für Punkt für Punkt abgeknabbert. Manu Ginóbili, Drei, nichts als Netz 104:101, 32,2 Sekunden. Der Lorbeer verwelkt, verdaddelt, Finals 2006, Nellie 2007, Dirk ist soft, alles verzockt.

Birne rechts, Rücken zum Glas, Dribbling eins, zwei, drei, Dreher über Schulter rechts, Ginóbili, ausgerechnet Ginóbili kommt zu spät helfen aaaand... one. Ein Deutscher im Elternhaus hüpft auf Teppichen herum, der Lange aus Würzburg zwingt Pop und Co. in die OT. Zurückgekommen, der wertvollste Europäer der Basketballwelt.


Die Verlängerung brechen sie nach Hause, Duncan wirft Dreier, so verzweifelt hält San Antonio am Traum fest, Nowitzkis Traum zu zerstören. Es hilft nichts, es ist sein Jahr, sein Werk, es ist Dirk N. aus W. Obsiegt, (aber erst fünf Jahre danach) EIN Meister gegen NOT FOUR, NOT FIVE!

Dieses Spiel, seine Karriere. Es ist alles da: der Respekt gegen Augenhöheexpreten (Pop für eigentlich alle mit Klasse), das Überholen derer, die den vermeintlich kürzeren Weg nehmen (Finley für LeBron), die Nervenstärke im Auge des Tayfuns, die Underdogrolle, in der er nicht aufzugehen droht. Ein Spiel wie – sorry für die Urheberrechtsverletzung – wie der perfekte Wurf. San Antonio. Only fitting. Danke! Für dieses Spiel, für 21 Jahre. Mach's gut, Großer!

- Anno Haak @kemperboyd


Beim Rückblick auf Dirks Karriere denke ich natürlich an den Titel 2011. Ich schlug mir die Nächte um die Ohren wie selten zuvor oder danach und durfte bewundern, wie die von Dirk angeführten Mavericks die favorisierten Heat in einer hochspannenden Serie bezwangen.

Dirk umgab in dieser Serie eine Aura, die ich so selten bei einem Spieler gesehen hatte. Diese Ausstrahlung, die den unbändigen Siegeswillen beinhaltete, mit dem the German Wunderkind jedem in der Halle ganz deutlich signalisierte: „Ich mache das!“ Und er machte es. Vor allem in der Crunchtime. Kein Fieber und keine Big-3 konnten daran etwas ändern. Und das in einer Neuauflage der bitteren Finalserie von 2006, nach der Dirk in den US-Medien förmlich zerrissen wurde (die Serie konnte ich mangels Breitbandinternet erst später auf DVD nachholen).


Für mich strahlte Dirk ansonsten immer eine gewisse Lockerheit. Kein dynamischer Überathlet, wie sie in der Liga massenhaft zu finden sind. Eher einer, der mit der feinen Klinge und einem Dauerlächeln im Gesicht seine Spiele gewinnt. Eine Aura von Lockerheit umgab ihn zu jeder Zeit. Wie viel Arbeit und Professionalität aber hinter Dirks Spiel steckte, wurde mir erst durch den Dokumentarfilm „Der perfekte Wurf“ klar.

Lockerheit ist deswegen eindeutig der falsche Begriff. Eher Lebensfreude. Die fand ich auch bei einer Szene, bei der Nowitzki einen Simone-Zaza-Gedächtnis-Elfmeter in den Oberrang zimmerte. Und doch wird in der Szene deutlich, was Dirk Werner Nowitzki trotz einer beeindruckenden Karriere, all den vollen Hallen, all den Spielen und all dem Glamour in 21. Saisons in der NBA-Welt nie verloren hat: Seine Größe und seine Bodenhaftung. Trotz 2,13 Meter.

- Jan Wiesinger @WiesiG


Groß, dürr, zuerst Handball dann Basketball gespielt. Mir fiele es leicht, Dirk Nowitzki wegen unserer Ähnlichkeiten als Vorbild zu nennen. Doch das würde ihm nicht gerecht werden. Dirk kann niemand nachahmen. Er war eine Ikone und wird es auch immer bleiben. Für mich war er schon eine Faszination, da hatte ich ihn noch nie spielen sehen.

Meine erste Berührung mit dem großen Blonden war NBA Live 2003. Unzählige Stunden verwandelte ich Fade-Aways im Flamingo-Style. Dirk war der eine Spieler, mit dem ich nicht dominierte, weil er so wie die meisten anderen ein überbordender Athlet war. Mit Dirk punktete ich aufgrund seiner Spielintelligenz und angelernten Fähigkeiten.


Nun kann in der Videospiel-NBA jeder zum Superstar aufsteigen. Dirk tat es auch in echt. Am Ende sprangen zwar nicht so viele Titel heraus wie mit mir in der virtuellen Welt, doch das machte den Triumph 2011 nur noch besonderer. 4-2 gegen die ebenso favorisierten wie arroganten Miami Heat. Ich weiß noch genau, wie Dwyane Wade und LeBron James sich über Dirks Sommergrippe lustig machten. Nowitzki antwortete so wie er halt einfach ist: mit Klasse. Kein Trash Talk, dafür haufenweise Buckets.

Sein Spiel sprach für sich. Dafür schlug ich mir gerne die Nächte vor den pixligsten spanischen Streams um die Ohren. Nur einmal schaltete ich vorzeitig aus. Spiel zwei bei Minus 15, sechs Minuten vor dem Ende. Gott habe ich mich am nächsten Morgen geschämt. Ich hätte es besser wissen müssen, der Dirkster gibt nie auf.


In der Nationalmannschaft blieb ihm ein Titel verwehrt, dabei dominierte er dort noch viel mehr als in der NBA. 2008 sah ich ihn zum ersten Mal mit dem Bundesadler auf der Brust live in der Halle. 2011 und 2015 erneut. Seine Produktivität nahm ab, die Ehrfurcht blieb – auch bei seinen Mitspielern. Brauchte Deutschland einen Korb, gingen alle Augen auf die Nummer 14. Mit 36 war er noch Dreh- und Angelpunkt des Spiels.

Dirk alterte in Würde. So hatte ich das Glück, ihn selbst 2018 nun endlich live in Dallas in Bestform sehen zu können. Okay, vielleicht etwas langsamer, aber immer noch effektiv. 23 Punkte gegen die New Orleans Pelicans. Mehr scorte er nur noch in seinem letzten Heimspiel. Ich weiß, es ist kitschig, aber als er seinen Abschied bekannt gab, kamen mir die Tränen.

Es war absehbar, doch selbst die Spiele mit nur einem einzigen Dreier von Dirkules gaben mir etwas. Jetzt ist er weg. Das gilt es zu akzeptieren und Vergleiche wie „der nächste Nowitzki” sofort aus dem Wörterbuch zu streichen. Seine sportlichen Rekorde mögen eingeholt werden, sein Vermächtnis für meine Generation aber auf keinen Fall.

- Gerrit Lagenstein @GAL_Sports


Eigentlich gehört mein Senf nicht an diese Stelle. Denn was kann ein reichlich deplatzierter Fan der Houston Rockets hier beitragen zur wohlverdienten Abschiedszeremonie des größten, bekanntesten, wichtigsten Spieler der Dallas Mavericks? Angesichts der überschwänglichen Superlative, die diese Woche, zurecht, die Sportseiten überall auf der Welt überragen – höchstens noch das: Eine andere Perspektive. Deshalb versuchen wir's.

Profisport lebt nicht nur von der Heroisierung, der Einigkeit auf den Rängen respektive vor dem Bildschirm, vom Glück und Leid, das der geneigte Fan mit seinem Team teilt. Die besondere Würze entsteht durch eine Rivalität, die oft, zu oft, ein ungesundes Stück über das Sportliche hinaus geht. So auch hier.

Fragt man Fans der Rockets nach dem größten Rivalen, dem in und um Houston verhasstesten Team der Association, werden übliche Verdächtige wie die Los Angeles Lakers, aus aktuellem Anlass die Golden State Warriors genannt werden, aus basketballhistorischen (und anderen) Gründen die Utah Jazz. Aber ganz oben, am häufigsten und nachdrücklichsten fällt immer und immer derselbe Name – und das sind Dirks Dallas Mavericks.

Dies kann ich, Rockets-Fan schon länger als Dirk in der Liga ist, anekdotisch bestätigen: Wann immer ich ein Spiel „meines“ Teams zu Ende geschaut und Freude oder Ärger freien Lauf gelassen habe, fällt der nächste Blick in Richtung Dallas: Haben die Mavs verloren? Neue Freude oder neuer Ärger.

Deshalb habe ich selbst zu diesen besonderen Tagen, an denen die Basketballwelt, zurecht, Dirk zu Füßen liegt, kein Problem offen zuzugeben: Ich habe mich diebisch gefreut, als seine Mavericks die Finals 2006 trotz 2-0 Führung hergaben. Ebenso sehr, als das auf #1 in der Western Conference gerankte Dallas 2007 gegen den damaligen krassen Außenseiter Golden State Warriors in der ersten Playoff-Runde ausschied. Und die Siege über die Mavericks – egal ob sie Contender oder Lottery-Team waren, waren sowieso immer die schönsten. Das mag nicht sonderlich erwachsen oder reif sein – allerdings schaut sich auch niemand Sport an, um die eigene Kultiviertheit oder Maturität zu begründen.

Nicht einmal 2011, als die Mavericks über das 'Villain'-Team um die Miami Thrice triumphierte, hielt ich es mit Dirk. Gefühlt als einziger Deutscher, denn hierzulande bekam ich fernab der deutschen Nationalmannschaft die volle Ladung von Dirks Popularität zu spüren. Plötzlich war jeder Mavs-Fan, plötzlich wünschte ihm jeder den Titel. Ich nicht. Nein, ich konnte, durfte mich nicht für und mit Dirk freuen, die selbst angelegten Fesseln des emotionalen, irrationalen Fan-Daseins zwangen mich, ihm 21 Jahre lang – sportlich(!) – alles Schlechte zu wünschen.

Das war nie einfach, denn anders als die meisten Granden der NBA-Historie, allen voran denen, die bei Dirks Abschied am Dienstag Spalier standen und salutierten, taugt der Würzburger nicht zum Antagonisten. Ganz und gar nicht. Kein Skandal, keine Allüren, nicht einmal der Hauch von Arroganz...

Das bringt mein Dilemma auf den Punkt. Denn ich weiß genau: Einen talentierteren deutschen Spieler werde ich wohl nicht auf dem Parkett der NBA erleben. Einen talentierteren deutschen Spieler in in Kombinationen mit dieser Bodenständigkeit, Sympathie und Liebenswürdigkeit? Ausgeschlossen. Dirk ist nicht nur ein herausragender Sportler, sondern über den Sport hinaus ein Vorbild an Eifer, Integrität und Altruismus. Einer, dem man (eigentlich) alles Glück der Welt wünscht, dem man den Titelgewinn 2011 von Herzen gönnt.


Und dies bringt mich zur anderen Seite der diebischen Freude über jede Mavs-Niederlage. Egal wann, egal gegen wen: Stets habe ich gehofft, dass Dirk eine gute Partie geliefert hat, möglichst hoch und effektiv gescort. Wenn sie schon gewonnen haben, dann bitte wenigstens dank ihm.

Mit dieser Zerrissenheit, diesem Paradox werde ich Dirk immer verbinden. Unerträglich und faszinierend zugleich, mit welcher Selbstverständlichkeit und Konstanz Nowitzki selbst schwierige Würfe versenkte, wie er gleichzeitig Freude bereitete und doch Herzschmerz verursachte (Playoffs 2005!). Wie er zur Ikone aufblühte und unermüdlich nicht nur an seiner eigenen Legende schrieb, sondern eine ganze Generation NBA-Fans prägte und eine neue Generation Spieler und Fans zum Basketball brachte... aber eben doch immer die Ikone des Rivalen bleiben wird.

Lange Rede, kurzer Sinn: Dirk, Danke für die Erinnerungen, für die vielen Schlachten. Mit einigen Jahren Abstand bin ich inzwischen sehr froh, dass Du Dir Deinen sportlichen Lebenstraum mit dem Titelgewinn 2011 erfüllt hast, alles andere wäre absurd. Du warst stets ein würdiger Gegner. Zu oft zu würdig.

- Daniel Schlechtriem @W14Pick


Als Dirk Nowitzki sein erstes NBA-Spiel absolviert hat, habe ich gerade mein erstes Grundschulzeugnis in den Händen gehalten. Erste Klasse, erstes Halbjahr, die ersten sechs Monate als Schulkind geschafft. Damals, im Frühjahr 1999. Jetzt werde ich bald 27 und Dirks letztes NBA-Spiel liegt gerade mal ein paar Tage zurück.

Sortiert habe ich meine Gedanken seitdem noch nicht so wirklich. Vielleicht hilft es, ein paar davon aufzuschreiben. Da ist so ein Gefühl der Leere. Eines, das sich kaum beschreiben lässt. Für mich gibt es keine NBA ohne Dirk Nowitzki, keinen Basketball ohne den langen Blonden mit der 41 auf dem Trikot.


Sein letztes Heimspiel habe ich mir natürlich angeguckt. Live. Um zwei Uhr nachts hat der Wecker geklingelt. Noch ein letztes Mal mitten in der Nacht aufstehen, um Dirk spielen zu sehen.

Ein bisschen so wie damals. 2011. Diesen Playoff-Run der Dallas Mavericks werde ich nie vergessen. Ich hatte gerade die letzte meiner schriftlichen Abiturprüfungen hinter mich gebracht. In anderen Worten: Ich hatte Zeit, um nachts alle 21 Playoff-Spiele der Mavs live zu gucken.

4-2 gegen Portland, 4-0 gegen die Lakers, 4-1 gegen Oklahoma City. Three down, one to go. Oder wie Mark Cuban nach dem Finaleinzug in die Welt hinausschrie: „We ain't done yet!“ Dieses Team der vermeintlich Unvollendeten. Jason Kidd, Shawn Marion, Peja Stojaković, Dirk Nowitzki. Alle mit beeindruckenden Karrieren, alle bis dahin ohne Titel. Und natürlich Jason Terry, der sich schon vor Saisonbeginn vom Tattoo-Artist seines Vertrauens die Larry-O'Brien-Trophäe auf den Arm hatte stechen lassen.

Finals. Wieder Dallas gegen Miami. Wieder Dirk Nowitzki gegen Dwyane Wade. 0-1, 1-1, 1-2, 2-2, 3-2, 4-2. „The Dallas Mavericks are the 2011 NBA Champions.“ Dirk flüchtet wenige Sekunden vor Spielende in die Kabine, damit die Welt nicht jede seiner Freudentränen mitbekommt. Ich sitze auf meinem Bett, und auch ich habe feuchte Augen. Damals im Juni 2011.


So wie auch jetzt, im April 2019. Als Dirk das verkündet, was wir alle schon längst geahnt haben: „This is my last home game.“ Noch fühlt sich das irgendwie surreal an. Die Dallas Mavericks ohne ihre Nummer 41. Die NBA ohne Dirk. Dabei hat ja eigentlich nur ein Sportler verkündet, dass er sich vom aktiven Sport verabschiedet. Dass mich das so emotional berühren könnte, hätte ich nicht gedacht.

#ThankYouDirk

- Torben Siemer @lifeoftorben