13 April 2019

13. Apr, 2019


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - straight auf den Punkt.

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner | 13. Apr, 2019


Entrée

Erstmals seit 1984 treffen die Sixers und Nets in einer Playoff-Serie aufeinander. Während die damals in New Jersey ansässigen Nets nach fünf Spielen in die zweite Playoff-Runde einzogen, gehen diesmal die 76ers als Favorit in das Duell.

Wenn die vier Partien in der aktuellen Regular Season als Maßstab für das zu Erwartende dienen, können wir uns auf eine enge und umkämpfte Serie einstellen und freuen. Für beide Kontrahenten stehen jeweils ein Heimsieg, eine Heimniederlage, ein Auswärtssieg und eine Auswärtsniederlage zu Buche. Beide Teams setzten sich dabei jeweils einmal relativ klar mit 13 (Heimsieg von Philadelphia) bzw. 25 (Heimsieg von Brooklyn) Punkten durch und mussten jeweils einmal bis zur letzten Sekunde zittern um letztlich mit zwei (Philadelphia in Brooklyn) bzw. drei (Brooklyn in Philadelphia) Punkten Vorsprung als Sieger den Court zu verlassen.


Die Wege der beiden Franchises in diese 2019 Playoffs waren grundverschieden. Auf der einen Seite stehen die Sixers, die unter dem berühmt-berüchtigten Sam Hinkie ganz bewusst einen Pfad eingeschlagen haben, der vom Sammeln von hohen Draft-Picks geprägt war. Auf der anderen Seite die Nets, die aufgrund eines der folgenschwersten Trades der NBA-Geschichte über Jahre keine hohen Draft-Picks hatten und auf gutes Gespür in der zweiten Draft-Runde sowie geschickte Trades von GM Sean Marks angewiesen waren.

Dass diese beiden Wege die Teams nun in diesem Erstrunden-Matchup zusammenführen, ist ein Musterbeispiel für die Vielfalt und Unvorhersehbarkeit, die die NBA zur unterhaltsamsten Liga der Welt machen.


Warum Philadelphia gewinnt

An dieser Stelle kann ein Potpourri verschiedenster Binsenweisheiten angeführt werden. Das Team mit dem besten Spieler, dem meisten Talent, der größeren Erfahrung und dem Heimvorteil. All das trifft ohne größere Diskussionen zu verursachen auf die Philadelphia 76ers zu.

Im Verlauf der Regular Season hat sich das Team und dessen Zusammensetzung wesentlich mehr verändert als das bei Playoff-Teams üblich ist. Diese fehlende Kontinuität führte allerdings eindeutig zu einem nominell besseren Roster, insbesondere in der Spitze, wo zuletzt die „Phantastic Phive“ aus Ben Simmons, J.J. Redick, Jimmy Butler, Tobias Harris und Joel Embiid ihrem Namen alle Ehre machte und in dieser Konstellation in 161 Minuten beeindruckende 19,6 Punkte (auf 100 Posessions gerechnet) mehr als die Gegner erzielten.

Die ausgewogene Zusammenstellung speziell dieses Lineups ermöglicht den Sixers ihre Gegner auf verschiedenen Ebenen anzugreifen, speziell die Addition von Tobias Harris zur Trade Deadline war in dem Zusammenhang wichtig, um in Kombination mit Scharfschütze Redick noch mehr Spacing zu generieren.


Ein berechtigter Kritikpunkt an der Roster-Zusammenstellung war im gesamten Saisonverlauf die fehlende Tiefe. Mit sich verkürzenden Rotationen und weniger eingesetzten Spielern in den Playoffs wird dieses Thema für Philadelphia zu einem kleineren Problem. Das Team von Coach Brett Brown schnupperte im Vorjahr erste Playoff-Luft, diese Erfahrung wird gegen die Grünschnabel-Nets ein wichtiger und entscheidender Vorteil sein.


X-Faktor 76ers

Der Sieg in dieser Playoff-Serie wird für Philadelphia nur mit dem richtigen Zusammenhalt und Teamwork möglich sein. Simmons und Embiid haben sich über die letzten Jahren miteinander arrangiert und stehen dem nicht im Wege. Tobias Harris ist sowohl charakterlich, als auch auf dem Court ein eher unkomplizierter NBA-Spieler und hat sich in der kurzen Zeit in Pennsylvania hervorragend integriert, wird einen positiven Einfluss auf das Gesamtkonzept haben.

Der entscheidende Faktor in Sachen Team-Gefüge und „an einem Strang ziehen“ ist Jimmy Butler. Nach hochgradig explosiven Situationen bei den Chicago Bulls und Minnesota Timberwolves verlief auch sein Jahr in Philadelphia nicht ganz glatt. Ob er sich in den Playoffs zusammenreißt und mit dem Team zur Einheit wird, könnte über den Erfolg oder Misserfolg der Sixers entscheiden.


Marquee Matchup

Ben Simmons gegen D’Angelo Russell. Zwei Point Guards, deren Spielweisen kaum unterschiedlicher sein könnten. Russell, der den Prototyp des modernen Point Guards verkörpert, der einerseits das Spiel gestalten kann und als Passgeber fungiert, aber gleichzeitig als Werfer aus der Distanz eine Gefahr darstellen kann.


Simmons hingegen spielt aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen eher als Point Forward, aufgrund seiner nicht vorhandenen Wurf-Range ist er effektiv aber ein reiner Spielmacher und Passgeber im Sinne von „Rajon Rondo in groß“. Simmons ist als Assist-Geber und innerhalb der Dreierlinie ein herausragendes Talent, dazu defensiv wesentlich nützlicher als Russell. Wenn er dieses Duell an beiden Enden des Courts für sich entscheidet, gibt er den Sixers einen signifikanten und wertvollen Vorteil.


Warum Brooklyn gewinnt

Was Kenny Atkinson aus einem einzigartigen Kollektiv aus späten Draft-Picks, andernorts aussortierten Spielern und physischen Grundlagen, das ihm von Sean Marks zur Verfügung gestellt wurde, gemacht hat, ist in jeder Hinsicht bemerkenswert.

Die kleine Franchise aus der großen Stadt hat angesichts der Bedingungen zum Start der Wiederaufbaumaßnahmen einen der beeindruckendsten Rebuilds in der jüngeren Vergangenheit der Liga hingelegt. Nach dem aus Nets-Sicht furchtbaren Trade mit den Boston Celtics 2013 lag die Franchise am Boden, hat sich jedoch bis heute in inspirierender Art und Weise entwickelt. Dieses Team und der dazugehörige Coach stehen nun also tatsächlich in den Playoffs.


Die sowohl auf als auch neben dem Court harmonische Truppe um Russell, Spencer Dinwiddie, Caris LeVert, Allen, Joe Harris, DeMarre Carroll und Allen Crabbe ist prädestiniert dafür, den Upset der ersten Runde hinzulegen. Der Mix aus Shooting und Athletik, mit dem die Nets für die moderne NBA stehen wie wenig andere Teams, hat viele der Schlüsselspieler im Laufe ihrer Karriere dazu gebracht, über sich hinauszuwachsen und Erwartungen zum Draft-Zeitpunkt zu übertreffen.

Diese einzelnen Geschichten zusammengenommen und von „Systemcoach“ Atkinson zu einer Einheit geformt, wirken schon auf dem Papier wie die Formel dazu, eine Playoff-Runde als Außenseiter zu gewinnen. Seit dem All-Star Break hat Brooklyn nur zwei Siege weniger als Philadelphia geholt, hat zudem in engen Spielen mit maximal drei Punkten Unterschied mit zwölf Siegen in solchen Spielen nach den Denver Nuggets die zweitmeisten der Liga. Sie sind also gut in Form und in engen Momenten zur Stelle, daher kann Brooklyn die Überraschungen gelingen.


X-Faktor Nets

Caris LeVert war in seiner dritten Spielzeit in den ersten 14 Spielen der Saison auf dem besten Weg, sich in die Most Improved Player Konversation zu spielen. Endlich konnte er seine Athletik und Spielgefühl in eine Führungsrolle an beiden Enden des Courts ummünzen. Dann verletzte er sich in einer unschönen Szene schwer am Bein, auf den ersten Blick befürchteten viele (mindestens) das Saison-Aus. Doch nach nur drei Monaten kam er zurück und kämpfte sich wieder in die Nähe seiner Frühform.

Sollte er seine Entwicklung in den Playoffs fortsetzen und speziell den Schwung aus seinem sehr guten April mitnehmen, wird er zum X-Faktor und potentiell die Serie sogar mitentscheiden.


Marquee Matchup

Jarrett Allen gegen Joel Embiid. Zu den prominenten Opfern, die in der zweiten Saison von „Star-Stopper“ Allen geblockt wurden zählen unter anderem Anthony Davis (2x), Blake Griffin (2x), Devin Booker (2x), Giannis Antetokounmpo (3x), James Harden, Kawhi Leonard (3x) und Stephen Curry.




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In den Spielen gegen Philadelphia stoppte Allen bisher nur Würfe von Robert Covington und Markelle Fultz, die beide nicht mehr im Roster sind. Sein großes Ziel wird sein, „The Process“ höchstpersönlich, Joel Embiid, zu seiner Liste hinzuzufügen. Der wiederum möchte Allen eine Lehrstunde erteilen und seine Karriere mit Top-Leistungen auch in den Playoffs garnieren und weiter fortführen. Wenn Allen ihn im Griff halten kann, gibt das den Nets eine bessere Chance, die Überraschung zu schaffen.


Die Rechnung, bitte!