28 April 2019

28. Apr, 2019


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist (fast) in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 28. Apr, 2019


Entrée

Vergangenes Jahr trafen die Bucks und Celtics in der ersten Playoff-Runde aufeinander, damals jedoch unter entgegengesetzten Voraussetzungen. Milwaukee war das junge, rohe, schlecht gecoachte Team mit Zukunftsperspektive aber ohne echte Chancen in der Postseason. Boston trotz Verletzungssorgen und ohne Kyrie Irving und Gordon Hayward der große Favorit mit jeder Menge Playoff-Erfahrung sowie dem besseren Kader.

Dass die Hirsche die Kelten dennoch in ein siebtes Spiel zwangen, darf gerne als Vorzeichen der Spielzeit 2018/19 gewertet wertet, denn nach einer durchweg überzeugenden Saison hat Milwaukee nun die Favoritrolle inne – dank des neuen Trainers Mike Budenholzers, eines tieferen und vor allem gereiften Kaders und selbstverständlich auch dank Giannis Antetokounmpo.

Wo auch immer die Bucks dieser Tage aufschlagen, dreht sich der Kosmos um den „Greek Freak“ und die allesentscheidende Frage, wie der Gegner den erst 24 Jahre alten Superathleten zu stoppen beziehungsweise wenigstens einzuschränken gedenkt. So auch im nun anstehenden Re-Match zwischen Milwaukee und Boston.


In der ersten Runde machten beide Seiten mit ihren Gegnern jeweils via Sweep kurzen Prozess. Die Celtics taten sich in einer etwas zähen Serie mit den Indiana Pacers vergleichsweise deutlich schwerer, hatten es allerdings auch mit einem hochwertigeren Gegner zu tun: Die den Bucks hoffnungslos unterlegenen Detroit Pistons waren zweifelsohne das schlechteste der 16 Playoff-Teams 2019.

In der Regular Season sahen sich beide Teams nur drei Mal, wobei zwei Partien an die Bucks gingen. Das letzte direkte Duell im Februar, kurz nach dem All-Star Break, endete denkbar knapp mit 98-97 zugunsten Milwaukees – ein Vorzeichen für diese Serie?


Warum Milwaukee gewinnt

Heimvorteil, die bessere Form, der beste Spieler, besseres Offensiv-Rating, besseres Defensiv-Rating. Die klassischen Argumente stehen alle auf der Seite der Bucks. Seit Oktober wackelten Giannis & Co. im Gegensatz zu ihren Bostoner Herausforderern selten bis nie.

Interne Streitigkeiten und Eiferschüchteleien, Generationenkonflikte oder Formkurvenachterbahnen wie in Massachusetts finden sich in der Bierstadt vergeblich. Das Team ist eine verschworene Einheit, in der alle an einem Strang ziehen. Konsequenz der Dinge sind 60 Siege, die ligaweit beste Bilanz und ein problemloser Sweep in Runde eins. Bis irgendwer das Gegenteil beweist, ist Milwaukee im Osten das 'team to beat'.





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In der Serie des letzten Jahres gab es keinen einzigen Auswärtssieg, damals entschied Bostons Homecourt Spiel sieben zugunsten der Mannschaft von Coach Brad Stevens. Tatsächlich waren auch diese Saison beide Teams auf heimischem Parkett deutlich erfolgreicher als auf fremdem, sodass den Celtics dieses Zünglein an der Waage im hochdekorierten Rückkampf fehlt.


X-Faktor Bucks

Giannis und seine wichtigsten Adjutanten liefern stabile Zahlen ab und kennen ihre Rolle, gegen Bostons vielköpfige Hydra werden sie aber – anders als gegen die Pistons – die Unterstützung aus der zweiten Reihe benötigen. Exakt hier stehen die größten Fragezeichen der Bucks: Malcolm Brogdon fehlt wegen einer Fußverletzung mindestens in den ersten beiden Spielen. Tony Snell ist infolge eines verstauchten Knöchels zuletzt aus der Rotation gerutscht, Nikola Mirotić bisher im Trikot der Bucks noch nicht richtig in Fahrt gekommen. Das reduziert die Optionen für Coach Budenholzer.

Gegen die Pistons sprangen Routinier George Hill und Youngster Pat Connaughton vermehrt in die Bresche, Sterling Brown übernahm Brogdons Position in der Starting Five. Gegen die Pistons mag das ohne weiteres reichen, die Celtics sind jedoch bekanntlich eine andere Hausnummer.

Je länger die Serie dauert und je nachdrücklicher Bostons Reservisten aufs Gaspedal drücken, desto eher brauchen die Bucks eine Antwort von der Bank.


Marquee Matchup

Eric Bledsoe gegen Kyrie Irving. Die größte Gefahr für Milwaukee geht ohne Frage vom NBA Champion 2016 aus. Kyrie hat in den Jahren an der Seite von LeBron James eine Gewinnermentalität entwickelt, die den bis vor diesem Jahr chronisch erfolglosen Bucks (von 2001 bis 2019 keine einzige Playoff-Serie gewonnen) komplett fehlt.

Irving gab sich zuletzt unbeeindruckt von den Wirren um seine Person und einen möglichen Abgang aus Boston im Sommer: 22,5 Punkte und 7,8 Assists gegen die Pacers sprechen eine deutliche Sprache und unterstreichen, dass „Uncle Drew“ trotz seiner Verletzungshistorie weiterhin zu den Besten seiner Zunft gehört.

Entsprechend signifikant die Abwehrstrategien gegen Bostons Aufbauspieler. Eric Bledsoe hat bislang in den Playoffs selten eine Rolle gespielt, ist jedoch als hartnäckiger Verteidiger bekannt und trägt seinen Anteil an Milwaukees exzellenter Verteidigung.


Doch nicht nur als Stopper Kyries brauchen die Bucks ihren Point Guard: Die verletzungsbedingte Abwesenheit von Bostons Patrick-Beverley-Imitator Marcus Smart kommt Bledsoe sehr entgegen und verbessert seine Chancen, auch offensiv den Zeiger zugunsten seiner Mannschaft auszuschlagen – wie schon in der ersten Runde gegen die Pistons (19,3 Punkte und 5,3 Assists). Zudem hat Milwaukees Point Guard aus dem letzten Jahr noch eine Rechnung mit Terry Rozier und dem Bostoner Publikum („Who is Bledsoe?“) offen.


Warum Boston gewinnt

Die Erfahrung spricht für die Celtics. Kyrie ist NBA Champion, Al Horford hat (mit Ausnahme der Finals) schon alles gesehen und erlebt, Gordon Hayward über Jahre hinweg ein Team offensiv getragen.

Rein statistisch haben die Bucks die bessere Offensive und Defensive, das jeweilige Rating ist aber in beiden Fällen nur marginal besser. Heißt: Ebenso wie die Bucks bietet der Rekordmeister eine an beiden Enden der Courts elitäre Truppe auf und greift zudem vermehrt auf Qualität in der Tiefe zurück: Jayson Tatum, Marcus Morris und Terry Rozier haben sich allesamt schon auf der großen Bühne bewiesen und den unerfahrenen Bucks somit einen ordentlichen Schritt voraus.


Die internen Unruhen der Celtics sind spätestens seit dem ersten Tip-Off gegen die Pacers Makulatur. Boston hat den vielzitierten Schalter umgelegt und in der ersten Runde Indiana Fesseln angelegt, ihren offensiv auch ohne Victor Oladipo nicht komplett unbegabten Gegner in drei von vier Spielen unter 100 Punkten gehalten. Besonders effektiv verteidigten sie die Zone, in der auch Giannis seine meisten Punkte erzielt.

Noch beeindruckender kommt die Steigerung an den Brettern daher: In der Regular Season war Boston nur 21. in der Rebound Rate, nach der ersten Playoff-Runde führen sie die NBA in dieser Statistik an. Bei allem Sample Size ist das angesichts des tiefen und qualitativen Frontcourts der Pacers ein Statement in Richtung Milwaukee, deren Qualitäten ebenfalls unter anderem auf starkem Rebounding fußen.

LeBron James hat es im letzten Jahr vorgemacht und zum richtigen Zeitpunkt den Klimax der Leistungskurve erreicht. Nun ist es an Boston und LeBrons ehemaligem Schatten Kyrie, sich daran ein Beispiel zu nehmen und der ursprünglichen Favoritenrolle gerecht zu werden. Auch wenn sie in der ersten Runde 2018 wackelten: Die Celtics haben die Bucks gerade erst vor zwölf Monaten eliminiert. Sie wissen wie's geht.


X-Faktor Celtics

Gordon Hayward erinnert pünktlich zu den Playoffs immer mehr an sein früheres Ich aus der Zeit bei den Utah Jazz, vor seiner schweren Verletzung im Oktober 2017. Im entscheidenden Spiel vier gegen die Pacers legte der Rotschopf von der Bank kommend 20 Punkte auf und traf alle drei Versuche von der Dreierlinie. In dieser Form wird er zu einer Herausforderung für die Bucks, die vergangenes Jahr und in der Regular Season so nicht gegeben war.


Denn gegen Milwaukees starke Interior Defense brauchen die Kelten ihre Schützen mehr denn je und die Bankspieler können hier den Unterschied machen, insbesondere weil die Bucks vorerst auf Malcolm Brogdon verzichten müssen und somit Qualität im Backcourt vermissen. So ist es an Hayward – aber auch an Terry Rozier und Jaylen Brown – die zweite Garde Milwaukees auszustechen und somit die Starter respektive die primären offensiven Optionen der eigenen Mannschaft zu entlasten.


Marquee Matchup

Alle Augen auf Giannis. In ersten Runde gegen die Pistons war Antetokounmpo kaum gefordert, stand nur etwas über 28 Minuten auf dem Feld und legte im lockeren Warmup-Sweep dennoch 26 Punkte und 12 Rebounds auf.

Gegen Boston wird der MVP-Kandidat nun erstmals richtig gefordert, denn anders als die Pistons haben die Celtics sowohl individuell als auch im Verbund (ligaweit die sechstbeste Defensive) mehr Möglichkeiten, den Lauf des Griechen zumindest zu verlangsamen.

In der ersten Runde 2018 gelang den Bostonern das mit fortdauernder Serie immer besser, vor allem Horford versteht es, Giannis mit Toughness zuzusetzen und ihn zu schlechten Entscheidungen (Dreier!) zu zwingen. Jeder Prozentpunkt, den die Celtics Giannis von seinem dominanten Spiel abbringen, öffnet ihre Tür in Richtung Conference Finals ein Stück weiter.


Die Rechnung, bitte!