29 April 2019

29. Apr, 2019


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist (fast) in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 29. Apr, 2019


Entrée

Denver gegen Portland, der No. 2 trifft auf den No. 3 Seed. Ein Klassiker in den Conference Semi-Finals und selbst im ausgeglichenen Westen deutlich häufiger als die Paarung Eins gegen Vier. Während die Blazers in der ersten Runde die Oklahoma City Thunder überraschend deutlich mit 4-1 in den Sommerurlaub schickten, qualifizierten sich die höher gerankten Nuggets erst zwei Tage vor Beginn dieser Serie in Spiel sieben gegen die San Antonio Spurs für die nächste Runde.

Der Heimvorteil Denvers gleicht sich also mit einer deutlich größeren Ruhepause der Blazers aus und auch die Matches der Regular Season lassen eine sehr knappe Serie auf Augenhöhe vermuten. Denver gewann drei der direkten Partien, allerdings nur mit einem bzw. drei Punkten Unterschied. Die beiden Begegnungen kurz vor den Playoffs – Denver gewann am 6. April mit neun Punkten, Portland zwei Tage später mit sieben – können getrost ignoriert werden, da beide Seiten hier Leistungsträger schonten und mutmaßlich in Gedanken bereits in der Postseason waren.

Auch die Ähnlichkeit des Spielstils spricht für eine ausgeglichene Serie: Denver (9.) und Portland (4.) stellen eine Top-10 Offensive, ohne dabei aufs Gaspedal zu drücken (18. und 27. in Pace). Die jeweilige Defensive ist derweil nur Mittelmaß: Denver landete nach der Regular Season im Defensiv-Rating auf Rang elf, Portland war sogar nur 17.

Auf eine signifikante Historie blickt diese Paarung nicht zurück: 1977 sahen sich die Nuggets und Blazers in den Conference Semi-Finals erstmals in den Playoffs, dann 1986 noch einmal in der ersten Runde, wobei Portland beim ersten Aufeinandertreffen und Denver beim zweiten das bessere Ende für sich beanspruchte.

So kommt es nach 33 Jahren also zum Wiedersehen unter besonderen Voraussetzungen, denn der Sieger zieht in die Western Conference Finals ein, was den Nuggets seit 2009, den Blazers seit 2000 nicht gelungen ist. Überhaupt haben beide Mannschaft in diesem noch jungen Jahrtausend bislang keineswegs geglänzt und erst fünf (Blazers) beziehungsweise drei (Nuggets) Playoff-Serien gewonnen.

Der Einzug in die Conference Finals wäre also für beide Mannschaften gleichbedeutend mit einem historischen Triumph in den zuletzt überschaubaren Chroniken ihrer jeweiligen Franchises – vor allem für die beiden Starspieler, auf die sich dieses Duell herunterbrechen lässt: Nikola Jokić gegen Damian Lillard.


Warum Denver gewinnt

Die Überflieger aus der Mile High City haben die Feuertaufe namens San Antonio Spurs bestanden und damit bewiesen, dass die zweitbeste Bilanz im wilden Westen kein Zufall war. Auch Denvers bester Spieler Nikola Jokić meisterte seine ersten Schritte auf Playoff-Parkett mit sehenswerten 23 Punkten, zwölf Rebounds und neun Assists im Schnitt.


Das gibt Auftrieb für den nächsten Härtetest. Ohne Jusuf Nurkić und mutmaßlich auch Enes Kanter fehlt den Blazers nicht nur eine Antwort auf Jokić, sondern auch die Grundlage ihres Status als Team mit der besten Rebound Rate der Association. Denvers Zahlen in dieser Kategorie sind nur unwesentlich geringer, sodass die große Chance besteht, mit Jokić, Paul Millsap und Mason Plumlee die Bretter zu kontrollieren – und somit auch die Serie.

Die Blazers haben vor Spiel eins seit fast einer Woche nicht mehr kompetitiv auf dem Parkett gestanden, was im Basketball kurzfristig eher Nachteile als Vorteile mit sich bringt. Denver ist im Rhythmus und somit in der besseren Position, früh in Führung zu gehen und den Heimvorteil zu verteidigen.

Apropos Heimvorteil: Im Fall der Fälle greifen die Nuggets in Spiel sieben genau darauf zurück. Zuhause gewannen sie in der Regular Season 34 der 41 Partien, gegen San Antonio drei von vier – wobei die Heimniederlage in Spiel eins wohlwollend der fehlenden Erfahrung und Aufregung vor dem ersten Playoff-Auftritt der vielen jungen Spieler zugeschrieben werden darf. Es gilt die alte Playoff-Weisheit. Denver muss „nur“ die Heimspiele gewinnen.


X-Faktor Nuggets

Die zweite Garde um Mason Plumlee, Monte Morris, Will Barton und Malik Beasley birgt eine riesige Chance, weil die Bank der Blazers bedeutend schmaler besetzt ist und wegen der Ausfälle Portlands etatmäßiger Center Nummer eins und zwei noch weiter geschrumpft. In der ersten Runde erzielte Seth Curry als einziger Blazer von der Bank aus mehr als fünf Punkte im Schnitt.

Das zeigt: In Portland hängt vieles, wenn nicht alles an Damian Lillard und C.J. McCollum, das gibt den Nuggets die Chance, mit ihrer Tiefe zu antworten und entweder die Minuten in Lillards und McCollums Ruhepausen besonders effektiv zu nutzen, oder aber den gegnerischen Coach Terry Stotts zu zwingen, seine Superstars noch länger als die üblichen rund 40 Minuten auf dem Feld zu lassen und damit vor allem im Hinblick auf eine längere Serie auszulaugen.


Marquee Matchup

Besagtes Duo Lillard/McCollum wird logischerweise auch zur größten Herausforderung für Denver und somit die nächste Feuertaufe für den jungen Backcourt um Jamal Murray (22) und Gary Harris (24).

Zusammen waren Portlands Topscorer für 57,4 Punkte und damit für über die Hälfte der erzielten Punkte gegen die Thunder verantwortlich. Das sind einerseits gute Nachrichten für Denvers Coach Michael Malone, weil der Gegner damit ein Stück weit ausrechenbar wird. Andererseits sind es schlechte Nachrichten, weil Malone keineswegs über einen elitären Verteidiger auf den Guard-Positionen verfügt und Lillard dieser Form sogar derartige Kaliber vor Probleme stellen würde.


Weil Harris der bessere Verteidiger in Denvers Backcourt ist, wird er vermutlich vorerst auf Portlands Point Guard angesetzt, ebenso wie sämtliche Defensiv-Koordinatoren auf der Gehaltsliste der Nuggets. Denn wie so oft im Basketball gilt auch hier: Eine schlechte Serie des Starspielers ist gleichbedeutend mit dem Ausscheiden.


Warum Portland gewinnt

Damian Lillard ist auf einer Mission. 33 Punkte, 6 Assists, 2,4 Steals in Runde eins – Lillard dominierte die Thunder, immerhin eine Top-5 Defensive, nach Belieben. Für die schlechte Serie, auf die Denver hofft, spricht derzeit also wenig bis nichts.

Der Makel des unrühmlichen Sweeps vergangene Saison durch die New Orleans Pelicans scheint seine Wunden hinterlassen zu haben, die Lillard nun auf seine Weise heilt und mit MVP-würdigen Leistungen vorangeht. Sein Buzzerbeater gegen die Thunder in Spiel fünf wird als eines der Highlights der Playoffs 2019 in die Basketballgeschichte eingehen.


Lillard weiß, dass im toughen Westen die Chancen auf die Conference Finals für seine Blazers nie größer waren und es wahrscheinlich auch nicht mehr so schnell werden, umso fokussierter wirkt der 28-Jährige auf und neben dem Feld.

Fast genauso wichtig für die Blazers: C.J. McCollum hat nach einer durchwachsenen, stagnierenden Saison 2018/19 seine Form gefunden und gegen die Thunder mit 24,4 Punkten und 43,6 von der Dreierlinie überzeugt. Dem formstarken und schlachterprobten Backcourt haben Denvers Jungspunde wenig entgegenzusetzen – das ist Portlands einzige, allerdings auch sehr große Chance.


X-Faktor Trail Blazers

Alles dreht sich um Lillard und McCollum, ganz ohne Hilfe schaffen aber auch sie es nicht: Die Bank ist kaum vorhanden, Nurkić und Kanter im Lazarett. Bleiben nur Al-Farouq Aminu und Moe Harkless, die sich in den letzten Jahren als Schattenmänner von Portlands Backcourt hervorgetan haben. Als harte Arbeiter und gleichzeitig Anspielstation in der Zone sowie an der Dreierlinie kommt es angesichts der dünnen Personaldecke nun noch mehr auf dieses Duo an.




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In den fünf Partien gegen die Thunder legten Aminu und Harkless beinahe identische Stats aus (elf Punkte, acht Rebounds), diese zu halten ist das Minimum, um die beiden Starspieler auf den Guard-Positionen zu entlasten und damit die Chance aufs Weiterkommen aufrecht zu erhalten.


Marquee Matchup

Ebenso wie die reine Anwesenheit Damian Lillards der Gegenseite Kopfzerbrechen bereitet, stellt sich die Frage, wer im Jersey der Blazers eigentlich Nikola Jokić stoppen soll. Jusuf Nurkić ist verletzungsbedingt raus, Enes Kanter wäre selbst in fittem Zustand nur bedingt eine zumutbare Alternative, ein Small Ball Lineup mit Aminu und Harkless in der Mitte gegen Jokić ein höllisches Risiko.

Die nominellen Center Meyers Leonard und Zach Collins werden mutmaßlich vorerst mit der undankbaren Aufgabe betraut, sich dem serbischen Koloss in den Weg zu stellen. Leonard ist ein miserabler Verteidiger, Collins unerfahren und körperlich auf verlorenem Posten.

Die Blazers können bei ihrer Suche nach einer Antwort auf Denvers Point Center und Ein-Mann-Armee höchstens darauf hoffen, ihn mit hartem Körpereinsatz und geschicktem Doppeln etwas aus der Bahn zu bringen. Ansonsten entscheidet, ob Lillard oder Jokić offensiv die bessere Runde spielt.


Die Rechnung, bitte!