27 April 2019

27. Apr, 2019


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist (fast) in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von JAN WIESINGER @WiesiG | 27. Apr, 2019


Entrée

Traditionell ist ein Aufeinandertreffen des Zweiten und des Dritten das engste und hochklassigste Matchup der Conference Semifinals: In diesem Jahr sind es die Divisions-Rivalen der Toronto Raptors und der Philadelphia 76ers, die um einen Einzug in die Conference Finals mit allen Mitteln ringen werden.

Die erste Runde verlief für beide Teams beinahe identisch: Nach einem schleppenden Start mit einer Niederlage im ersten Heimspiel gegen die zum Ende der regulären Saison heißgelaufenen Orlando Magic entzauberten die Raptors die Mannschaft aus Florida mit vier Siegen in Folge. Auch die Sixers hatten mit den Brooklyn Nets nur im ersten Spiel Probleme und ließen danach drei Blowouts und einen knappen Sieg gegen das an Position #6 gesetzte Team aus dem gehypten New Yorker Bezirk folgen.


Die direkten Duelle der beiden Teams in der regulären Saison gingen auf den ersten Blick klar an die Raptors. Von vier Aufeindertreffen entschieden die Raptors drei für sich, bei der Niederlage fehlten Kawhi Leonard und Kyle Lowry. Die Aussagekraft dieser Bilanz hingegen ist beschränkt. Insbesondere die Sixers wurden während der Saison aufgrund mehrerer Spielerrochaden personell komplett neu strukturiert und auch in Toronto wurde durch die Addition von Marc Gasol Anfang Februar eine Menge durcheinander gewürfelt. Beide Mannschaften dürften mit den Maßnahmen jedoch an Qualität gewonnen haben, die dieser Serie zugute kommen wird.

Beide GMs sind mit der Aufstellung ihrer Teams ins Risiko gegangen. Wird Kawhi die Raptors nach einem frühen Aus schnell verlassen? Auch Gasol könnte seine Player Option verstreichen lassen und im Sommer die Franchise wechseln. Selbiges gilt auch für den von den Minnesota Timberwolves akquirierten Jimmy Butler auf der anderen Seite. Auch Tobias Harris und J.J. Reddick werden nach der Saison den freien Markt testen. Grundsätzlich müssen beide Teams gewinnen, um all diesen Spielern ihrerseits eine sportliche Perspektive aufzuzeigen.

Interessanter könnte die Ausgangslage folglich kaum sein. Zwei Teams am Abgrund? Wer ist der Norden und wie läuft der Prozess? Antworten folgen. Let’s go!


Warum Toronto gewinnt

Die Raptors haben sich mit dem Abgang von DeMar DeRozan, Jonas Valančiūnas & Co. und mit den Additionen von Marc Gasol und Kawhi Leonard enorm verbessert. Pascal Siakam ist nicht nur NBACHEF-MIP, sondern darf sich auch berechtigte Hoffnungen auf den offiziellen Titel der NBA in dieser Kategorie machen. Der Flügelspieler liefert in allen Aspekten und entlastet dadurch Superstar Leonard enorm. Mit Danny Green steht den Raptors zudem ein solider Veteran zur Verfügung, der neben vernünftiger Defense auch wichtiges Stretching mitbringt. Von der Bank werden voraussichtlich Fred VanVleet, Serge Ibaka und Norman Powell die Hauptlast für die Reserve tragen – allesamt potenzielle NBA-Starter.

Die defensive Identität der Mannschaft, welche formal die fünftbeste Defensive der Liga stellt, kann im Laufe dieser Playoffs noch stärker akzentuiert werden. In den vier Siegen gegen die Magic konnten diese jeweils bei unter 100 Punkten gehalten werden – in der modernen NBA eine Seltenheit. Die individuelle Klasse der Sixers ist deutlich größer: Dennoch erscheint deren Kader nur wenig variabel.


Hinter Joel Embiids Verfassung steht ein großes Fragezeichen. Selbst wenn der Big Man fit sein sollte, werden ihn die langen Jungs der Raptors vor Probleme stellen. Defensiv kann es Gasol körperlich problemlos mit ihm aufnehmen. Auf der anderen Seite haben sowohl Gasol und Siakam als auch Backup Serge Ibaka Reichweite aus der Mitteldistanz und aus dem Dreipunktebereich, was Embiids Mobilität enorm fordern dürfte. Noch düsterer sind die Aussichten in dieser Hinsicht für Backup-Center Boban Marjanović, der somit nur bedingt spielbar sein wird.


X-Faktor Raptors

Die Raptors haben eine der besten Defensiven der Liga, enorme Variabilität und mit Kawhi Leonard wohl den besten Two-Way-Player dieser Serie. Also was kann soll da schon groß schiefgehen? Der geneigte NBA-Fan darf angesichts der enormen Diskrepanz in den Leistungen der Raptors zwischen Season und Post-Season in den letzten Jahren hier durchaus Zweifel äußern. Sinnbildlich war die Sweep-Schlappe gegen die Cavaliers im letzten Jahr. Irgendwie haben die Raptors eine naturgegebene Playoffs-Allergie.

Auch wenn das aktuelle Team nur noch wenig bis gar nichts mit der Raptors-Garde der letzten Jahre zu tun hat, ist Coach Nick Nurse enorm gefordert. Ex-Trainer Dwane Casey wurde trotz Coach of the Year-Award nach der letzjährigen Enttäuschung gefeuert. Ohne Welpenschutz steht Nurse schon in seinen ersten Playoffs unter ähnlichem Druck. Zentral im Matchup mit den Sixers dürfte es sein, die richtigen und abgestimmten Rotationen aus dem Spielerpool zu bilden, den sich manch anderer Coach in der Liga wünschen würde.


Nurse muss neben vernünftigen Rotationen gegen die deutlich weniger variablen Sixers auch den mentalen Zustand der Mannschaft berücksichtigen und somit das Fundament für einen Erfolg in dieser Serie legen.


Marquee Matchup

Trotz der formalen Überlegenheit in den Matchups wird es insbesondere darum gehen, den Sixers ihre Optionen zu nehmen. Ben Simmons oder Jimmy Butler als potenzielle Ballhandler werden neben eigenen Abschlüssen vermehrt Embiid suchen oder andere reichweitenstarke Teamkollegen wie Redick, Harris, Mike Scott oder James Ennis einzusetzen. Bis auf Ben Simmons hat jeder der Spieler einen ernstzunehmenden Dreier. Dadurch ergeben sich enorme Vorteile im Umgang mit Simmons als Ballhandler und bei der Verteidigung von seinem Drive.

Beispiel Kyle Lowry: Mit dem langjährigen Starter auf der Eins steht und fällt die Offensive der Kanadier. Die Raptors benötigen dessen offensiven Qualitäten aus dem Dribbling als Passverteiler und als Scharfschütze hinter dem Halbkreis zwingend. Bei der einzigen Niederlage gegen die Magic gelang Lowry beinahe gar nichts. So sehr Lowry offensiv als Gestalter benötigt werden wird, so anfällig ist er aufgrund seiner geringen Größe und seiner nachlassenden Athletik defensiv.

Nurse dürfte daher versuchen, seinen Point Guard aus dem Matchup mit dem körperlich deutlich überlegenen Ben Simmons herauszuhalten und beispielsweise gegen J.J. Redick zu verstecken. In drei Spielen in der regulären Saison übernahm Kawhi „The Claw“ Leonard weitestgehend die Defensive gegen Simmons, was den jungen Australier vor enorme Probleme stellte. In den drei Aufeinandertreffen gelangen Simmons zwar insgesamt 28 Assists – die er aber mit 24 Turnover teuer bezahlte.


Warum Philadelphia gewinnt

Die Sixers haben selbstverständlich eine Chance. Ein gesundes Assist-Turnover-Ratio ist ein Anfang, aber keine Erfolgsgarantie. Die bereits thematisierte Schwäche bezüglich Ben Simmons‘ Wurf kann dadurch kompensiert werden, den Ball stärker in unterschiedliche Hände wandern zu lassen. Mit geschickten Screens könnten sowohl Jimmy Butler als auch Tobias Harris oder J.J. Reddick zeitweise diese Rolle einnehmen. Alle anderen Spieler der 76ers sind bis auf Simmons zudem gefährlich von der Dreipunktelinie, wodurch Simmons Räume eröffnet werden können.

Der Kader der Sixers ist weniger variabel und auf der Bank weniger tief als auf der Gegenseite. Dennoch bringt die Starting Five eine Menge Qualität mit: Insbesondere Tobias Harris, den die Sixers im Paket mit Boban von den Clippers bekamen, kann offensiv mit seiner Vielseitigkeit eine zentrale Rolle spielen. Harris kann solide den Ball verteilen und vor allem scoren, wobei er fast 40% von der Dreierlinie netzt. Gelingt es Brett Brown, Harris in Situationen zu bringen, welche diese Stärken untermalen, kann Tobi eine wichtige Rolle einnehmen und insbesondere die Flügelspieler der Raptors defensiv auf Trapp halten.





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Simmons‘ Drive mag zwar durch Torontos Edelverteidiger Kawhi Leonard auszumerzen sein. Dennoch bieten sich dadurch Chancen für die anderen Angreifer des Teams, welche es bestmöglich zu nutzen gilt. Gegen die starken Raptors muss alles klicken, das ist klar. Aber die Sixers sind ein überdurchschnittlich gutes Basketballteam, welches in der regulären Saison häufig Spiele aufgrund interner Abstimmungsprobleme abgeben musste. In einer Playoffserie wird aber ein anderer Basketball gespielt – Fünf Euro ins Phrasenschwein.


X-Faktor 76ers

Der entscheidende Faktor für den Erfolg der Sixers in dieser Serie ist eindeutig der Gesundheitszustand von Joel Embiid. Der Center hat in den letzten Jahren die hohen Erwartungen an ihn teilweise bereits übertroffen. Mit seinem bulligen aber dennoch mobilen Körper, enormen Qualitäten in der Defensive und am offensiven Ende aus praktisch allen Entfernungen ist der Kameruner auf einem Talentlevel angelangt, wie es selbst in der NBA nur selten zu finden ist. Der 25-Jährige ist das Herzstück der Mannschaft an beiden Enden des Spielfelds und wird auch in der Serie gegen Toronto insbesondere für die defensive Stabilität gegen die variablen Raptors essentiell werden.


Der extrovertierte Big Man, der aufgrund vieler Verletzungen praktisch erst seine dritte Saison spielt, geht jedoch mit einem enormen Handicap in die Serie. In Runde eins wirkte er aufgrund einer Knieverletzung und des damit verbundenen Fitnessrückstandes enorm gehandicapt und setzte ein Spiel aus. Gelingt es Embiid und dem medizinischen Stab der Sixers, ihn in einen halbwegs einsatzfähigen Zustand zu versetzen, dürfte Toronto sich vor ihm und seinem Skillset am meisten fürchten.


Marquee Matchup

Toronto ist eins der variabelsten Offensivteams ligaweit. Dabei ist die Individualverteidigung von Torontos Superstar Kawhi Leonard ein zentraler Aspekt für den Erfolg. Leonard ist kein Spieler, der durch permanente Angriffe am defensiven Ende ausgelaugt in eine kleinere Offensiv-Rolle gedrängt werden kann, sondern funktioniert wie eine Maschine.

Leonard ist im Gegensatz zu Superstars seines Formats jedoch weniger ein Spielgestalter, sondern schließt offensiv im Ballbesitz häufiger selbst ab. Sein kraftvoller Drive ist dabei häufig nur mit Fouls in den Griff zu bekommen und auch aus allen anderen Positionen des Feldes kann der 27-Jährige sich selbst gute Wurfmöglichkeiten gestalten.

Auf Seiten der Sixers kann im Grunde nur der ähnlich athletische Jimmy Butler den Superstars der Raptors verteidigen. Dabei muss Butler aufpassen, nicht in Foul-Probleme zu geraten. Tobias Harris ist zwar ebenfalls ein solider Verteidiger, dürfte aber insbesondere aufgrund seiner Athletik Probleme mit der dauerhaften Verteidung Leonards bekommen.

Phillys Ziel muss folglich sein, Leonard zu schlechten Abschlüssen, Turnovern oder zum Pass zu bewegen. Idealerweise bieten die Sixers leicht unterdurchschnittlichen Schützen wie Serge Ibaka sogar bewusst Abschlussmöglichkeiten aus der Distanz. Wenn der Plan aufgeht und die Defensive gegen den gegenerischen Dreier (ligaweit Platz vier) nicht darunter leidet, wird sich bei den Raptors schnell Frust breit machen.


Die Rechnung, bitte!