13 April 2019

13. Apr, 2019


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content mästen. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - straight auf den Punkt.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 13. Apr, 2019


Entrée

Die Voraussetzungen dieser beiden Kontrahenten könnten kaum unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite die Magic als Herausforderer, der nichts zu verlieren hat, für den die Postseason ein Bonus ist, eine willkommene Überraschung nach der besten Spielzeit des Klubs seit acht Jahren. Orlando geht als krasser Außenseiter in dieses Duell und weiß genau, dass viel mehr als erste Playoff-Erfahrungen für ihre Youngster Aaron Gordon (23), Jonathan Isaac (21) und Mo Bamba (20) einer kleinen Sensation gleich käme.

Auf der anderen Seite die Raptors als turmhoher Favorit, mit der Championship-Erfahrung von Kawhi Leonard und Danny Green sowie Playoff-Veteranen wie Marc Gasol, Kyle Lowry und Serge Ibaka. Toronto hat dieses Jahr deutlich mehr zu verlieren als alle anderen Teams des Ostens: Sollten die Dinos ein weiteres Mal frühzeitig ausscheiden, sollte Kawhi infolge dessen nach nur einem Jahr in Kanada wieder die Koffer packen, wird ein radikaler Umbruch unausweichlich und diese Ära Raptors Basketball bliebe ungekrönt.


Die Magic kamen gerade so auf eine positive 42-40 Bilanz, die Raptors kratzten an den 60 Siegen, nur zwei fehlten ihnen dort hin, zum besten Record der Liga sowie auf den von den Milwaukee Bucks eroberten ersten Platz der Eastern Conference. So deutlich stehen die Verhältnisse und die Erwartungen an diese Serie.

Der Blick in die Geschichtsbücher verrät keine spektakulären Duelle dieser beiden relativ spät auf die NBA-Bühne (Orlando 1989, Toronto 1995) getretenen Teams. Erst einmal trafen die Magic und Raptors in den Playoffs aufeinander: 2008 machte Orlando um den damals spektakulären Dwight Howard mit den Kanadiern in fünf Spielen kurzen Prozess. Nun soll es – zumindest nach Geschmack der Raptors – genau umgekehrt laufen.


Warum Toronto gewinnt

Die Raptors haben alle Argumente auf ihrer Seite: Heimvorteil, Erfahrung, Veteranen, Superstar(s), Bank, die bessere Offensive, die bessere Defensive... die Liste ist schier endlos. Nach zwei durchaus peinlichen Sweeps in den letzten beiden Playoffs durch LeBron James' Cleveland Cavaliers steht die Mannschaft von Head Coach Nick Nurse bis zum Hals in Bringschuld – erst recht, weil sie LeBron dieses Jahr nicht einmal theoretisch in den Finals wiederbegegnen können. Von etwaigen Nachlässigkeiten und leichten Schultern brauchen wir also gar nicht erst anzufangen.


Der Trade von DeMar DeRozan zu Kawhi Leonard hat dem Team nicht geschadet, ebenso wenig die Addition Marc Gasols im Austausch für die letztlich entbehrlichen Jonas Valanciunas, Delon Wright und C.J. Miles. Toronto ist tiefer und besser besetzt als je zuvor. Dass die restliche Conference ebenfalls massiv aufgerüstet hat, soll sie in der ersten Runde nicht weiter stören.

In der ersten Runde geht es nur darum, sich zu akklimatisieren und warm zu laufen für die Aufgaben, die noch bevor stehen. Wenn die Raptors auch nur einigermaßen Normalform erreichen, kann nichts schief gehen.


X-Faktor Raptors

Die Stärke liegt wieder einmal in der Tiefe. Auf der Center-Position hat Coach Nurse in Gasol und Serge Ibaka zwei adäquate Optionen, Pascal Siakam ist ein heißer Anwärter auf den Most Improved Player Award, von der Bank bringen Norman Powell und Fred VanVleet Energie. Dass ein weiterer wichtiger sechster Mann, O.G. Anunoby, wegen einer Blinddarm-OP vermutlich in der kompletten Serie nicht zum Einsatz kommen wird, fällt zumindest gegen die Magic nicht weiter ins Gewicht.


Marquee Matchup

Marc Gasol gegen Nikola Vučević. Coach Nurse ist gut beraten, den besten Spieler der Gegenseite gegen den im Vergleich zu seinem Landsmann Ibaka größeren, spielintelligenteren, schlachterprobteren und versierteren Gasol ins Rennen zu schicken. Der Spanier hat in seinen vielen Jahren in Memphis' Grindhouse alles erlebt und – bei allem Respekt für Vooch – bereits hochklassigere Gegenspieler verteidigt.


Vučević ist Orlandos bester Scorer und Rebounder, außerdem ihr zweitbester Vorlagengeber (Michael Carter-Williams zählt nicht). Mit einem Gasol in Hochform, der Vučević den Playoff-Basketball näher bringt (die drei Minuten mit den 76ers im Jahr 2012 zählen noch weniger als Carter-Williams), macht sich Toronto das Leben leicht und spart somit Kraft und Konzentration für die schwierigeren Aufgaben der nächsten Runde.


Warum Orlando gewinnt

Zu mehr als rechnerischen Chancen und Durchhalteparolen reicht es an dieser Stelle nicht. Die Magic haben sich in den direkten Duellen beachtlich präsentiert und den Favoriten aus dem hohen Norden immerhin zwei Mal geschlagen, ein Mal sogar ziemlich deutlich mit 116-87. Daraus und aus der zuletzt starken Form mit elf Siegen aus 13 Partien schöpfen sie Kraft.


Orlando geht mit dem Rückenwind der letzten Wochen, den vielen jungen und unbekümmerten Spielern sowie der respektablen Verteidigung (8. im Defensiv-Rating) in diese Aufgabe und bringt zumindest das Potential mit, die stark favorisierten Kanadier ein wenig zu ärgern, auf heimischem Parkett (25-16 Siege) vielleicht sogar ins Schwitzen zu bringen.

Die Hoffnungen liegen darauf, dass gutes Outside Shooting die ausrechenbare Offensive kaschiert und die Raptors ihr LeBron-Trauma eben doch nicht überwunden haben: unsicher, hektisch werden, sobald der Herausforderer mit Nachdruck dagegen hält.

„Play our game“ war die knappe Botschaft von Coach Steve Clifford, das Motto für die bevorstehende Serie. Dem Gegner nach Möglichkeit das eigene Spiel aufdrängen und wenige Turnover verursachen (was bei einem Team von Clifford noch nie das Problem war).

Die Magic haben mit Siegen über die Golden State Warriors, Boston Celtics, Houston Rockets – und eben über die Toronto Raptors bewiesen, dass sie mit den „Großen“ der Association durchaus mithalten können.


X-Faktor Magic

Der bei den Magic zur „Human Torch“ stilisierte Ex-Raptor Terrence Ross ist Orlandos Antwort auf die tiefe Bank der Dinos. Ross hat dieses Jahr in Disneyland endlich den Durchbruch geschafft und legt für einen sechsten Mann anständige 15,1 Punkte auf, trifft 38% seiner Dreier. In den letzten fünf Spielen der Regular Season waren es sogar 23,0 Punkte und 49% von Downtown.


In Toronto galt Ross als ewiges Talent, weswegen die Raptors ihn 2017 als Teil des Ibaka-Trades ohne viel Wehmut nach Florida schickten. Ross selbst gibt sich unbeeindruckt ob seiner Rückkehr nach Toronto, bezeichnet es als „nichts besonderes“. An Extra-Motivation wird es dem 28-Jährigen gegen die Ex-Kollegen dennoch nicht mangeln.


Marquee Matchup

Aaron Gordon und Jonathan Isaac gegen Kawhi Leonard. Kawhi ist Torontos bester und wichtigster Spieler, der offensive und defensive Fixpunkt. Das wichtigste Matchup aufseiten der Magic betrifft also den Ex-Spur – und die Youngster Gordon und Isaac sind prädestiniert, sich Torontos Elite zu stellen.

Gordon und Isaac beantworten Leonards Länge und Athletik mit gleichen Waffen – und das zuletzt ziemlich erfolgreich. In den drei Spielen gegen die Magic legte Kawhi lediglich 18 Punkte auf – deutlich unter seinem Saisonschnitt von 26,6 Punkten. Auch die Trefferquoten stimmten gegen Orlando nicht.

Coach Clifford wird daher penibel darauf achten, entweder Gordon oder Isaac, bestenfalls sogar beide stets zusammen mit Kawhi aufs Feld zu schicken.


Die Rechnung, bitte!