28 April 2019

28. Apr, 2019


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist (fast) in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 28. Apr, 2019


Entrée

Eine Vielzahl an unwahrscheinlichen Ereignissen an den letzten beiden Spieltagen der Regular Season beschert uns ein frühes Wiedersehen der besten beiden Teams der Western Conference der Spielzeit 2017/18 und – wie wir inzwischen wissen – auch 2018/19.

Die Conference Finals zwischen den Golden State Warriors und Houston Rockets lieferten das Highlight der Playoffs 2018 und eine Serie voller Dramatik und hochklassigem Basketball mit dem besseren Ende für den späteren Champion aus Nordkalifornien. Überhaupt befeuert dieses Conference Semi-Final die Rivalität zwischen beiden Teams, die in den Conference Finals 2015 seinen Anfang fand, 2016 in der ersten Runde fortgeführt wurde und 2018 erneut in den Conference Finals seinen vorläufigen Höhepunkt setzte.

Bisher gewannen die Warriors jede dieser Serien, sodass besagte Rivalität einseitig verlief. Allerdings hat die Art und Weise, mit der die Rockets die Warriors vergangenes Jahr an den Rand der Niederlage drängte, ihre Spuren hinterlassen. Houston führte in der Serie mit 3-2, als sich ihr bis dato bester Spieler Chris Paul verletzte. Eine nicht zu verachtende Fußnote unter dem Triumph Golden States.


Die Story für das Re-Match ist also bereits geschrieben: Die Rockets schicken sich an zu beweisen, dass sie mit CP3 den turmhohen Favoriten zum Sturz gebracht hätten, die Warriors wollen genau dem einen Riegel vorschieben und ihren Status als Primus der Liga zementieren.

Vergangenes Jahr war dieser Showdown das heimliche Finale. Und auch dieses Jahr ebnet der Sieg den Weg: Wer auch immer hier triumphiert, wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in die Finals 2019 einziehen.


Warum Golden State gewinnt

Vier All-Stars? Check. Championship Pedigree? Check. Playoff-Schalter? Check. Noch Fragen?

Die Warriors sind auch 2019 das Maß der Dinge, stellen noch immer eine offensive Armada, die ihresgleichen sucht. Seit seinem „You know me“-Kommentar brennt Kevin Durant ein Feuerwerk ab, das die Clippers praktisch im Alleingang versenkte. Dass an jedem beliebigen Abend Durant – oder alternativ eben Steph Curry und Klay Thompson heiß laufen kann, muss hier eigentlich nicht erwähnt werden.

Draymond Green dirigiert offensiv wie defensiv, dahinter stehen ehrliche Zuarbeiter wie Shaun Livingston und Andre Iguodala, die seit Jahren in dieser Funktion aufgehen und ihren All-Stars das Leben leichter machen. Kurzum: Niemand hat mehr Talent. Immer noch nicht.


Ein Lapsus wie die hergeschenkte 31 Punkte Führung gegen die LA Clippers kommt immer mal wieder vor und spricht nicht für den Fokus und Hunger dieser Mannschaft. Dennoch ist der Titelverteidiger in dieser Komposition in einer Sieben-Spiel-Serie unbesiegt und ein Team, das daran etwas ändert, muss sich erst einmal finden.

Gegen die Rockets mögen die Dubs im letzten Jahr mit dem Rücken zur Wand gestanden haben, zeigten aber in den entscheidenden Momenten ihre Qualitäten und untermauerten damit ihren Status als Champions. Selbst wenn Houston dieses Jahr wieder über sich hinauswächst – Golden State hat den Ansturm ein Mal überlebt und verfügt über derart viel individuelle Qualität um dies zu wiederholen.


X-Faktor Warriors

DeMarcus Cousins ist raus, Andrew Bogut gegen das Pick and Roll von James Harden und Clint Capela nur schwerlich spielbar und ein Small Ball Lineup mit Draymond Green oder Kevin Durant in der Mitte keine Lösung für 48 Minuten – daher richtet sich der Fokus auf Kevon Looney.

Der 30. Pick des 2015 Drafts hat sich klammheimlich zu einem soliden Verteidiger und Rim-Finisher entwickelt. Vor allem am Perimeter ist er im Gegensatz zu Bogut (oder Cousins) zu gebrauchen und daher für Steve Kerr wohl die beste Option, um Harden und Capela nicht in Fahrt kommen zu lassen.

Looney stand gegen die Clippers im Schnitt 18 Minuten auf dem Feld, viel mehr wird es auch gegen Houston nicht werden. Diese sind aber umso wichtiger, weil die Rockets spätestens nach Cousins' Verletzung auf der Center-Position klare qualitative Vorteile haben. In den letzten Playoffs und der Regular Season war Looney gegen die Rockets kaum ein Faktor, dieses Mal brauchen sie ihren Big Man in guter Form.


Marquee Matchup

Klay Thompson gegen James Harden. Harden aus dem Spiel zu nehmen ist der Schlüssel für Golden States fünften Einzug in die Conference Finals in Folge.

Die Jazz versuchten auf ihre eigenwillige Art, Harden zu stoppen. Auf derartige Experimente werden sich die Warriors nicht einlassen, sondern in Klay ihren besten Verteidiger auf den Guard-Positionen gegen „The Beard“ stellen. Das funktionierte schon letztes Jahr hervorragend, Golden States Defensivverbund entnervte und ermüdete Harden, ein Symptom davon war Hardens miserable Ausbeute von der Dreierlinie (26,1%). Mit seinen langen Armen und schnellen Füßen sowie mit Draymond Green in seinem Rücken ist Thompson als Antwort auf Hardens Shooting und Playmaking unerlässlich.


Thompsons Einsatz in Spiel eins war wegen einer Fußverletzung in Gefahr, selbstverständlich lässt er sich diesen Showdown jedoch nicht entgehen. Sollte seine Mobilität eingeschränkt sein, was gegen Hardens schnelle Tempowechsel mehr als suboptimal ist, wird wohl Andre Iguodala zumindest die defensiven Aufgaben Klays übernehmen.


Warum Houston gewinnt

Das deutliche 4-1 gegen die Utah Jazz in der ersten Runde war ein Statement an die Liga, vor allem aber an die Warriors. Abgesehen von den vielen freien Dreiern Utahs, die sich in der Form gegen Golden State verbieten, stand Houstons Defensive bombenfest, die Offensive hingegen flüssig und hoch entzündlich wie immer. Die Raketen haben alle Zweifel des schwachen Saisonstarts hinter sich gelassen und ihren Rhythmus gefunden.

Das zeigt sich exemplarisch an ihrem Franchise Player. Noch vor zwei bis drei Jahren hätte sich Harden von Utahs Spezialverteidigung beeindrucken lassen, diesmal blieb er souverän und legte im Schnitt starke 28 Punkte und acht Assists auf. Selbst bei schlechter Wurfausbeute wurde er nicht zum Minusfaktor und brachte sich anderweitig ein (sechs Steals in Spiel drei, vier Blocks in Spiel fünf). Das Wiedersehen mit dem Champion wird für „The Beard“ vielleicht sogar eine passendere Aufgabe, da die Dubs keinen Rim Protector vom Format eines Rudy Gobert oder Derrick Favors stellen.


Im Gegenteil: In der ersten Runde bereitete insbesondere das Duo Lou Williams und Montrezl Harrell der Defensive der Warriors erhebliche Schwierigkeiten, die mit reiner Nachlässigkeit nicht erklärbar sind, stattdessen die Zahlen aus der Regular Season bestätigen, nach der die Dubs keine elitäre Verteidigung mehr stellen (Platz zehn im Defensiv-Rating).

Gleichzeitig ist Golden States offensive Gefahr abseits der Starting Five praktisch inexistent. Houston hat in Person von Gerald Green, Danuel House, Kenneth Faried und Austin Rivers zahlreiche Optionen, die sich auf ihre Weise positiv einzubringen verstehen. Die Warriors hingegen werden die Minuten ihrer Starspieler hochschrauben müssen, weil die eigene zweite Garde vor allem am gegnerischen Korb das benötigte hohe Level nicht hält.

Weil die Warriors gegen die Clippers nachsitzen mussten, hatten die Rockets zudem mehr Erholung, was insbesondere angesichts Clint Capelas Viruserkrankung, die den Schweizer vor allem in Spiel vier gegen die Jazz sichtlich hemmte, ein Segen ist. Coach Mike D'Antoni und sein Stab hatten mehr Zeit, sich auf das absehbare Matchup vorzubereiten und seine Spieler einzustimmen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Houstons GM Daryl Morey designte dieses Team, um die Warriors zu schlagen. Nicht nur in den Playoffs, auch in der Regular Season stellten die Rockets den zweifachen Champion vor Schwierigkeiten: Drei der vier letzten Partien gingen an Houston, Golden States einziger Sieg in dieser Saison kam mit zwei Punkten Unterschied zustande. Die Warriors wirken verwundbarer denn je, Houston hingegen mit Blick auf das knappe Scheitern im letzten Jahr noch hungriger.


X-Faktor Rockets

Eric Gordon hat in der ersten Runde gegen die Utah Jazz nicht nur auf überragende Art und Weise in Donovan Mitchell den besten Scorer der Gegenseite kalt gestellt, sondern mit durchschnittlich 15 Punkten und 50% von der Dreierlinie auch am offensiven Ende maßgeblich zum souveränen Triumph beigetragen. Insbesondere in den knappen Partien war Gordon bei entscheidenden Würfen zur Stelle.






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Um die Warriors vom Thron zu stoßen muss Houstons einstiger bester sechster Mann genau dort nahtlos anknüpfen, womöglich im direkten Duell gegen Stephen Curry. Neben einer weiteren exzellenten Runde gegen den Ball brauchen die Rockets Gordon auch dringend in der Offensive. In Spiel sieben der Western Conference Finals 2018 führte Houston zur Halbzeit zweistellig, setzte dann aber historische 27 Dreier in Folge daneben.

Vor allem falls sich der defensive Fokus der Gegenseite weiter derart intensiv auf James Harden richten sollte, liegt es vornehmlich in den Händen Gordons, eine erneute Dürre jenes desaströsen Ausmaßes unter allen Umständen zu verhindern.


Marquee Matchup

P.J. Tucker gegen Kevin Durant. Wie sehr der „Slim Reaper“ derzeit die Lebensversicherung der Warriors personifiziert, hat Spiel sechs gegen die Clippers gezeigt. Gegen Durant in dieser Verfassung ist kein Kraut gewachsen, jedoch hat Ex-Rocket Pat Beverley eindrucksvoll bewiesen, dass KD immer noch auf Provokationen sowie hartes Gegenpressing anspringt und so aus der Ruhe zu bringen ist.

Tucker fehlt es etwas an Länge, um Durant ideal verteidigen zu können, jedoch gleicht er dies mit seiner Robustheit und Härte aus, um KD zumindest vom Korb fern zu halten. Als weitere Option haben die Rockets Iman Shumpert in der Hinterhand, der zwar in der ersten Runde gegen die Jazz nur eine untergeordnete Rolle spielte, jedoch aus seiner Zeit bei den Cleveland Cavaliers Finals-Erfahrung als direkter Gegenspieler Durants mitbringt.


Die Rechnung, bitte!