30 Mai 2019

30. Mai, 2019


Die Finals sind da! Nach drei Vorspiel-Runden an beiden Küsten ist der Moment der Wahrheit angebrochen und die Larry O'Brien Trophy steht auf dem Spiel: Ab Donnerstag greifen die Toronto Raptors als erstes kanadisches Team der NBA-Geschichte nach dem Olymp, in dem noch immer die seit 2017 unbesiegten Golden State Warriors thronen. Threepeat der Dubs oder der erste Champion aus Kanada? Es ist angerichtet...

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 30. Mai, 2019


Entrée

Die Warriors stehen das fünfte Jahr in Folge in den Finals und schicken sich an, der ersten back-to-back Championship nun den ersten Threepeat der Franchise-Geschichte folgen zu lassen. In den Weg stellt sich ihnen in den Finals dabei erstmals in der Ära Curry nicht LeBron James und die Cleveland Cavaliers. Es warten die Toronto Raptors und Kawhi Leonard.

Die beiden letzten Duelle der Regular Season zwischen Toronto und Golden State versprechen einiges, die Raptors ärgerten den Titelverteidiger beide Male. Der 131-128 Sieg in der Bay Area kam zwar erst in der Overtime zustande, allerdings fehlte Stephen Curry verletzt und Kevin Durant legte 51 Punkte auf. Beim Sieg in Toronto musste die Dinos ihrerseits auf Kawhi Leonard verzichten und schossen die Warriors dennoch mit 113-93 aus der Halle.


Weil beide Partien aber im November und Dezember stattfanden, haben die Ergebnisse nicht die höchste Aussagekraft. Ebenso wenig die Historie – da die Raptors erstmals in den Finals stehen, ist dies das erste Aufeinandertreffen beider Klubs in einer Playoff-Serie.

Der Weg in die Finals verlief für beide Teams recht ähnlich. In der ersten Runde taten sie sich gegen einen niedrig platzierten Gegner schwerer als gedacht, in der zweiten Runde mussten sie sehr hart kämpfen. In den Conference Finals sorgten vor allem die Warriors für klare Verhältnisse, jedoch erlegten auch die Raptors ihren deutlich schwierigeren Gegner letztlich souveräner als prognostiziert.

Eine kleine Randnotiz in diesem Matchup nimmt Torontos Patrick McCaw ein, weil der Flügelspieler 2017 und 2018 mit den Warriors den Titel gewann, nun – über Umwege – beim Finalgegner gelandet ist, nun gegen die alten Kameraden antritt. McCaw spielte für Toronto bisher jedoch kaum eine Rolle, kam in den Conference Finals gar nicht zum Einsatz und zuvor nur in der Garbage Time.

Wie bereits in den letzten Jahren sind die Sympathien klar verteilt: Golden State gilt als das böse Imperium, das der Großteil der Fans fernab San Franciscos fallen sehen will. Die Raptors und ihre Fans haben die Zuneigung des Underdogs und Herausforderers, außerdem nach den Tritten ins Zentralmassiv der letzten Jahren („LeBronto“) die Gunst und das Wohlwollen der Basketballwelt auf ihrer Seite.



Warum Toronto gewinnt

Zum ersten Mal in den Playoffs 2019 müssen die Warriors zuerst auswärts ran, das ändert die Dynamik einer Serie, zumal die Dinos auf heimischen Parkett bei 32-9 Siegen in der Regular Season und bei 8-2 Siegen in der Postseason stehen. Toronto hat die letzten fünf Heimspiele allesamt gewonnen, zwei Mal gegen die Philadelphia 76ers und drei Mal gegen die Milwaukee Bucks.

Nun sind die Warriors gewiss eine andere Hausnummer, jedoch gehört auch das zur Geschichte des Playoff-Runs der Raptors: Sie haben sich durchweg gesteigert, vom ersten Rückschlag im Auftaktmatch gegen die Orlando Magic bis zu den zuletzt vier Siegen in Folge gegen die erstplatzierten Bucks.

Der Triumph in den Conference Finals hat in Toronto eine Euphoriewelle ausgelöst, die sich aufs Parkett übertragen wird und den Hunger der Protagonisten vergrößern. Für die Warriors sind die Finals inzwischen Gewohnheit, die Raptors hingegen wissen, dass sie vor einer womöglich einmaligen Chance stehen, besonders die Veteranen. Für Marc Gasol (34), Kyle Lowry (33) und Serge Ibaka (29?) kann dies die letzte reale Chance auf einen Championship-Ring sein, entsprechend hoch wird die Motivation ausfallen.







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Weitere Vorteile gegenüber des Titelverteidigers liegen auf der Hand. Toronto hat ein tiefes, vielfältiges Team und mehr als genügend Schützen, um den Dreierregen der „Splash Brothers“ sogar von der Bank aus zu beantworten.

Golden State dagegen hat hinter seiner Ansammlung von All-Stars keine überragende zweite Garde, im Gegenteil. Ihr bester Spieler, Kevin Durant, fehlt weiter verletzungsbedingt. Hinter DeMarcus Cousins und Andre Iguodala steht ein Fragezeichen. Mit Ausnahme von Kevon Looney hat kein Spieler der Warriors aus der zweiten Reihe einen bleibenden Eindruck hinterlassen, um diese Lücken zu füllen. Genau hier liegt Torontos große Chance. Denn wenn sie den gegnerischen Coach Steve Kerr dazu zwingen, seine Starter noch länger auf dem Feld zu lassen, werden gerade im Juni die Beine irgendwann immer schwerer.

Neben Euphorie und Bank spricht vor allem die Defensive für Toronto. Rang vier im Defensiv-Rating der regulären Season, Rang eins in den Playoffs und elitäre Verteidiger auf allen Positionen. Die Houston Rockets haben es im letzten Jahr vorgemacht, wie den Dubs mit erstickender Defense beizukommen ist. Zumindest auf dem Papier haben die Dinos die Möglichkeiten dazu.

Toronto steht und fällt aber zweifelsohne mit Kawhi Leonard, der seine Mannschaft in Punkten (31,2), Rebounds (8,8) und Steals (1,6) anführt, zudem nach Kyle Lowry die zweitmeisten Assists (3,8) verteilt. Dass er nebenbei auch noch exzellent verteidigt ist hinlänglich bekannt.

Leonard hat eine Geschichte mit den Warriors, die in diesen Finals wieder relevant wird. 2017, als er noch im Trikot der San Antonio Spurs unterwegs war, verletzte ihn Warriors Center Zaza Pachulia vorsätzlich im ersten Spiel der Western Conference Finals. Leonards Spurs waren zu diesem Zeitpunkt mit 20 Punkten vorne, verloren dann jedoch nicht nur das erste Spiel infolge der Verletzung ihres besten Spielers, sondern waren die restliche Serie chancenlos.

Nun mag Pachulia zwar nicht mehr bei den Warriors spielen, doch Leonard hat dessen grobe Unsportlichkeit mit Sicherheit nicht vergessen. 2016 bedurfte es eines LeBron James in übermenschlicher Form, um die Dubs zu stoppen. Eine solche hat Kawhi bislang zumindest angedeutet. Warum also nicht?


X-Faktor Raptors

Fred VanVleet war einer der entscheidenden Faktoren beim Comeback gegen die Milwaukee Bucks. Torontos Backup Point Guard spielte bis zur Geburt seines Sohnes keine sonderlich überzeugenden Playoffs, wuchs anschließend jedoch über sich hinaus: 13 Punkte und sechs Assists in Spiel vier, 21 Punkte und 7-9 von der Dreierlinie in Spiel fünf, 14 Punkte und 4-5 Dreier im entscheidenden sechsten Spiel.


Gegen die feuerstarken Warriors müssen besonders die Schützen der Raptors funktionieren und hier liegt nun eine gewisse Erwartungshaltung auf VanVleet. Das Händchen des 25-Jährigen wird vor allem angesichts der schwankenden Leistungen seines Starters Kyle Lowry gefragt sein.


Marquee Matchup

Kyle Lowry gegen Stephen Curry. Solange Kevin Durant ausfällt, ist auch eine Ansetzung Leonards gegen Curry denkbar. Allerdings spielt es Toronto in die Karten, wenn ihr bester Mann möglichst viel Kraft und Fokus auf die nicht immer reibungsfrei funktionierende Offensive legen kann.

In Durants Abwesenheit ist Curry der gefährlichste Spieler der Warriors und somit im Fokus der gegnerischen Defense. Lowry hat bewiesen, dass er dieser Aufgabe am eigenen Korb gewachsen ist und wird im Teamverbund Golden States besten Schützen von der Dreierlinie fernhalten.

Ebenso wichtig: Gasol, Ibaka und/oder Siakam gegen Draymond Green (8,2 Assists – die mit Abstand meisten der Dubs).


Warum Golden State gewinnt

An dieser Stelle ließe sich der Text aus jeder Vorschau der letzten Jahre kopieren. Die Warriors sind in der Spitze weiterhin überragend besetzt, besser als jedes andere Team, zudem perfekt aufeinander abgestimmt. Sie haben LeBron James auf dem Zenit seines Schaffens drei von vier Mal besiegt und stehen nur noch vier Siege davon entfernt, als legitime Dynastie zu gelten. Ein Threepeat gelang zuletzt den Los Angeles Lakers 2002, angeführt Kobe Bryant und Shaquille O'Neal.

Golden State hat alle Mittel, in diese Riege aufzusteigen. Die schiere Menge an Starpower stellte in den letzten Jahren die überragende individuelle Qualität etwas in den Schatten. Vor allem nach Kevin Durants Ausfall in Spiel 5 der Conference Semis zeigten jedoch Steph Curry und Klay Thompson, dass sie von ihrer alten Klasse nichts eingebüßt haben. Steph und Klay waren in den kritischen Momenten zur Stelle und unterstrichen, dass die Warriors schon vor Kevin Durant ein Championship-Team waren und es auch jetzt in seiner verletzungsbedingten Abwesenheit sind.

Vor etwas über einem Jahr ließ Warriors Coach Steve Kerr die Medien wissen, dass die erste Championship die schwerste sei. Dies betont den gravierenden Unterschied zwischen den beiden Finalisten: Die Warriors haben ihr „Championship-Material“ im Kollektiv hinlänglich unter Beweis gestellt und reisen mit dem Bewusstsein und Selbstvertrauen über diesen Umstand nach Toronto. Die Raptors dagegen mussten schwer kämpfen, um überhaupt in die Finals vorzustoßen.






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Ein weiteres nachdrückliches Argument pro Golden States ist ihre Ruhepause. Weil Curry & Co. mit den Portland Trail Blazers in den Conference Finals kurzes Prozess machten, durften sich die Dubs auf zehn Tage Pause freuen, was angesichts der dünnen Personaldecke ein Segen ist. Insbesondere für den 35 Jahre alten Iguodala, der in der bisherigen Postseason die Uhr zurückdrehte und an sein altes All-Star-Ich erinnerte.

Die Raptors hingegen hatten deutlich weniger Pause und mussten schon in den Conference Semis in ein siebtes Spiel gehen. Nicht zufällig finden sich in der Liste der ligaweit insgesamt gespielten Minuten der Postseason gleich drei Dinos auf den ersten drei Plätzen: Leonard, Lowry und Siakam.

Mehr Praxis auf höchstem Niveau, die besseren Spieler, der erfahrenere Trainer sowie die wahrscheinlich einmalige Chance auf den Threepeat. Alles spricht für Golden State.


X-Faktor Warriors

Wie gut sind die Warriors ohne Kevin Durant? Aus Mangel an sportlichem Gehalt dominierte diese Frage die Conference Finals. Die Portland Trail Blazers waren sicherlich kein Gradmesser, die Raptors hingegen können und werden es sein.


Immerhin war Durant in der ersten Runde gegen die LA Clippers und zu Beginn der zweiten Runde gegen die Houston Rockets die Lebensversicherung des zeitweise strauchelnden Titelverteidigers. Curry, Thompson und Green haben die Warriors seither getragen und sind dazu auch gegen Toronto imstande. Eine Rückkehr des „Slim Reaper“ würde jedoch ihr Leben und das ihrer Mitspieler voll und ganz vereinfachen.


Marquee Matchup

Klay Thompson gegen Kawhi Leonard. Leonards Signifikanz für die Offensive Torontos wurde zur Genüge betont, ihn zu stoppen wird vornehmlich Klays Aufgabe sein.

Thompson hatte es im Verlauf der Postseason mit All-Stars vom Kaliber Lou Williams, James Harden und Damian Lillard zu tun, die Funktion als designierter Verteidiger des besten Gegenspielers ist ihm demnach keineswegs neu. Etwas zu beweisen hat er auch, denn Thompsons Nichtberücksichtigung in eines der All-NBA Teams kostet den angehenden Free Agent die stolze Summe von circa 30 Mio. $.

Der fünffache All-Star wirkte nicht sonderlich erbaut, als ihm während eines Interviews vor laufenden Kameras die Nachricht der Nichtnominierung überbracht wurde. Den bislang besten Spieler der Playoffs 2019 zu stoppen wäre eine eindrucksvolle Antwort Thompsons.


Die Rechnung, bitte!