15 Mai 2019

15. Mai, 2019


Aus 8 mach' 4. Nur noch die besten Teams der Conferences sind übrig, an beiden Küsten bricht der Moment der Wahrheit an. Die letzten vier Verbliebenen im Rennen streiten sich um die NBA Championship 2018 und stehen vier Siege von den Finals entfernt. Die großen Fleischtöpfe werden serviert – und die #NBACHEF-Küche bereitet die Conference Finals wie immer fachgerecht zu.

von JONAS RÖHRIG @jonasRo19 | 15. Mai, 2019


Entrée

Die Eastern Conference Finals stehen vor der Tür und die zwei konstantesten Teams der regulären Saison treffen aufeinander. Die Bucks kamen scheinbar mühelos bis in diese Serie, nachdem sie sowohl die Pistons als auch die Celtics in nur fünf Spielen nach Hause schickten. Doch mit den Raptors steht ihnen nun ein anderer Gegner gegenüber. Ein Gegner, der nach dem größten Moment seiner Franchise-Geschichte mit unglaublichen Schwung und Begeisterung in diese Serie kommen wird.

Der Wurf von Kawhi Leonard in Spiel sieben gegen die Philadelphia 76ers scheint etwas in Toronto ausgelöst zu haben, ein Gefühl, dass es dieses Jahr endlich soweit sein könnte, um zum ersten Mal in ihrer Geschichte in die Finals einzuziehen. Nach jahrelangen Demütigungen durch die Cleveland Cavaliers und unzähligen „LeBronto“-Witzen, herrscht pure Ekstase beim einzigen kanadischen Team.


Nach seinem Trade zu den Raptors hat sich Kawhi Leonard, in seiner gewohnten Art, nie offen zu Toronto bekannt und es scheint ein offenes Geheimnis zu sein, dass er vorzugsweise in L.A. spielen würde. Die ganze Saison über ging es Toronto darum, den schweigsamen Superstar zum Bleiben zu überreden. Beliebig viele „Load Management“-Spiele sind nur ein Beispiel dafür. Aber welchen besseren Grund einen neuen Vertrag zu unterschreiben könnten sie Kawhi liefern, als den Einzug in die NBA Finals?

Für Milwaukee auf der anderen Seite laufen diese Playoffs bisher wie gemalt, sie konnten ihre Leistungen aus der regulären Saison nahtlos in die Postseason übertragen. Giannis durfte sich schonen, verletzte Spieler hatten genug Zeit zur Regeneration und die Ersatzbank funktioniert hervorragend. Die Frage wird sein, wie die jungen Bucks mit einem emotional voll-aufgeladenen Raptors-Team umgehen und ob ihnen die lange Pause in diesem Punkt eventuell sogar schadet.


Warum Milwaukee gewinnt

Milwaukee rollte bisher förmlich durch die Postseason. Nachdem die Detroit Pistons ohne Mühe in der ersten Runde aus dem Weg geräumt wurden, machten sie auch mit den Boston Celtics in fünf Spielen überraschend kurzen Prozess. Ihre Punktedifferenz ist die beste aller verbleibenden Playoff Teams und Giannis spielt bisher weniger Minuten (31,5 pro Spiel) als in der regulären Saison. In Kombination mit der längeren Regenerations-/ und Vorbereitungsphase, die sie gegenüber Toronto haben, sind die Bucks das vermutlich fittere Team in dieser Serie.


Zudem hat die Bank von Coach Mike Budenholzer bisher klar besser performt als das kanadische Gegenstück. Während George Hill aus dem basketballerischen Koma erwacht ist und mit Pat Connaughton, Nikola Mirotić und Ersan Ilyasova die drittbeste Bank der Playoffs anführt, sieht es in Toronto anders aus. Vor einigen Wochen noch wurde die Tiefe der Toronto Raptors gerühmt, doch als es darauf ankam abzuliefern, blieben Fred VanFleet und Co. hinter den Erwartungen zurück. 21,6 Punkte pro Spiel von der zweiten Fünf ist eindeutig zu wenig in den Playoffs und wird auch nur von den Houston Rockets (21,0) knapp unterboten.

Hinzu kommt die nahende Rückkehr vom ehemaligen Rookie des Jahres Malcom Brogdon. Der Guard wird zwar noch nicht bei 100% sein, doch seine Kombination aus Shooting, Defense und Playmaking kann den Bucks erneuten Schwung geben.

Milwaukee gewann drei von vier Spielen in der regulären Saison gegen Toronto und hielt Kawhi Leonard bei nur 22 Punkten, mit Quoten von 42% aus dem Feld und 30% von der Dreierlinie. Man kann nicht davon ausgehen, dass sich diese Zahlen übertragen lassen, doch es gibt einige Gründe für Bucks Fans, auf die erste Finals-Teilnahme seit der Saison 1973/74 zu hoffen.


X-Faktor Bucks

Malcom Brogdon wird in den Conference Finals sein diesjähriges Playoff-Debut feiern und gibt den Bucks zusätzliche Tiefe und körperliche Länge im Backcourt, die sie ohne ihn schmerzlich vermisst haben.

Der „President“ war vor seiner Fuß-Verletzung der perfekte Ergänzungsspieler für Mike Budenholzer. Brogdons überlegtes, kontrolliertes und vor allem effektives (50% FG, 42% 3P, 93% FT) Spiel komplementierte die erste Fünf hervorragend. Nach einer zweimonatigen Pause kann man jedoch nicht erwarten, dass der 26-Jährige nahtlos an seine Leistungen vom Anfang des Jahres anknüpfen wird.

Allerdings wäre er wohl schon in den letzten Spielen der Boston-Serie in der Lage gewesen, sein Comeback zu feiern. Budenholzer wollte nichts überstürzen und wusste vermutlich auch insgeheim, dass die Bucks selbst ohne Brodgon keine großen Probleme gegen die Celtics haben würden. Daher könnte der Drittjahresprofi in seiner Reha schon weiter sein als angenommen und helfen, die Serie zugunsten von Milwaukee zu entscheiden.


Marquee Matchup

Eric Bledsoe gegen Kyle Lowry könnte das entscheidende Duell in dieser Serie für Milwaukee sein. Beide Point Guards haben den Ruf, in den Playoffs in ihren Leistungen einzubrechen, besonders Lowry wird diesem auch 2019 gerecht.


Wenn Bledsoe, der in der Postseason solide 16 Punkte auflegt, allerdings bei eiskalten 28% von der Dreierlinie, sein Matchup gewinnt, stehen die Chancen gut für Milwaukee. Wenn die Aufeinandertreffen in der regulären Saison ein Indikator sind, dann sollten in Kanada die Alarmglocken läuten. Bledsoe absolvierte drei Spiele gegen Lowry und war einer der sechs Point Guards, die Lowry am häufigsten verteidigten. In 122 Possessions erzielte Lowry null (!) Punkte im direkten Duell gegen Bledsoe. Natürlich handelt es sich hierbei um eine sehr kleine Sample Size, doch die Erkenntnis, dass Lowry in den vergangenen Spielen kein Mittel gegen den Bucks-Guard fand, bleibt bestehen.


Warum Toronto gewinnt

Kawhi Leonard spielt bisher unglaubliche Playoffs und sorgte damit für mal mehr, mal weniger passende Vergleiche zu Michael Jordan. 32 Punkte und über acht Rebounds bei wahnsinnigen 59% aus dem Feld und 41% von der Dreierlinie sprechen eine deutliche Sprache. Zeitgleich stellt Leonard den besten Flügelspieler des Gegners defensiv kalt und trägt seine Mannschaft somit sowohl offensiv als auch defensiv. Wenn „The Claw“ dieses Niveau hält, können die Raptors jedes Team in diesen Playoffs schlagen.


Center Marc Gasol hat sich nach seinem Trade aus Memphis zum defensiven Quarterback der Raptors entwickelt. Es ist beeindruckend, wie er es in kurzer Zeit schaffte, die Rotationen und Abläufe von Nick Nurse zu verinnerlichen. Doch Gasol ist nicht der einzige Raptor, der defensiv einen Unterschied macht.

Neben ihm spielt mit Leonard ein zweifacher Defensive Player of the Year, ein Award, den auch Gasol 2013 gewann. Hinzu kommen Danny Green, der noch vor zwei Jahren im All-Defensive Team stand und MIP Kandidat Pascal Siakam der ebenfalls zeigte, dass er enorme defensive Fähigkeiten besitzt.

Was dem Forward, der erst mit 17 begann Basketball zu spielen, noch an Erfahrung fehlt, gleicht er mit viel Einsatz und Leidenschaft wieder aus. Von der Bank kommt der alternde Serge Ibaka, der zwar nicht mehr der Athlet aus Oklahoma-Zeiten ist, aber als Ringbeschützer nach wie vor respektiert werden muss.

Ein kleiner, aber unter Umständen entscheidender Vorteil der Raptors ist ihre Freiwurfquote in den Playoffs. Kein anderes Team trifft ihre Freiwürfe so sicher wie die Raptors, deren Quote von 82,3% auch in der regulären die beste der Liga gewesen wäre. Im Vergleich dazu schneidet Milwaukee etwas schwächer ab, mit 73,2% treffen die Bucks ihre Freiwürfe knapp neun Prozentpunkte schlechter als ihre Gegner. In einer knappen Serie, wie wir sie uns alle erhoffen, können solche Nuancen den Unterschied machen.


X-Faktor Raptors

Neben Kawhi kommt es in dieser Serie für die Raptors besonders auf seine Nebenleute an, um die Chance auf die Finals wahrzunehmen. Gegen Philadelphia fielen die schwache Ersatzbank und die z. T. unproduktiven Starter weniger ins Gewicht, da die 76ers selbst mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten.

Gegen Milwaukee, das vermutlich tiefste verbliebene Team in diesen Playoffs, müssen besonders Siakam und Lowry an ihre Leistungen aus der regulären Saison herankommen. Siakam sah man gegen Philadelphia seine Unerfahrenheit an, besonders im siebten Spiel wirkte er zeitweise verängstigt und unsicher.

Über Lowrys schwache Playoff-Performances wird seit Jahren gerätselt und auch dieses Jahr ist ein merklicher Abfall in seinen Leistungen zu erkennen. Mit Eric Bledsoe hat er zudem kein wirklich einfaches Matchup in dieser Serie. Wenn zum ersten Mal ein kanadisches Team in den Finals stehen soll, muss der Supporting Cast rund um Leonard abliefern.


Marquee Matchup

Wer verteidigt Giannis? Das ist die große Frage, die die Raptors beantworten müssen. Kawhi ist ein fantastischer Verteidiger, ihm fehlen aber vermutlich die nötigen Zentimeter, um den „Greek Freak“ regelmäßig vor Probleme zu stellen. Damit bleibt als primärer Verteidiger nur Siakam, der auch in der regulären Saison diese Aufgabe hauptsächlich übernahm. Allerdings konnte Giannis in diesen Spielen machen was er wollte und traf, wenn er von Siakam verteidigt wurde, 56% aus dem Feld und 43% seiner Dreier.


Coach Nick Nurse muss eine Lösung finden, um zu verhindern, dass Antetokounmpo seinen unerfahrenen Big Man Angriff um Angriff bloßstellt, ansonsten ist die Serie schnell vorbei. Für Hoffnung sorgen Siakams offensive Leistungen in den Spielen gegen Milwaukee, in denen er 24,3 Punkte bei 65% aus dem Feld und 44% von der Dreierlinie ablieferte.

Nach zuletzt schwächeren Spielen gegen Philly liegt ihm dieses Matchup offensiv eventuell besser. Toronto muss hoffen, dass er sich im Angriff seinen Rhythmus wiederholt und diesen, im besten Fall, auf das hintere Ende des Parketts übertragen kann.


Die Rechnung, bitte!