30 Mai 2019

30. Mai, 2019


Die NBA Finals sind da. Bevor das Drama in den letzten Akt geht und die Toronto Raptors und Golden State Warriors den Champion 2019 ermitteln, zückt die #NBACHEF-Redaktion das Küchenmesser und bereitet die Playoffs mundgerecht auf: Wer hat geglänzt, wer nicht? Was bleibt in Erinnerung? Und: Wer reckt am Ende die Trophäe in die Höhe? Das alles und viel mehr hier im Menü...

von NBACHEFSQUAD  | 30. Mai, 2019


Playoffs MVP

Torben Siemer @lifeoftorben: Kawhi Leonard. Statistiken erzählen selten die ganze Geschichte, aber die folgende ist ganz gut. 31,2 Punkte hat Leonard in den ersten drei Runden pro Partie aufgelegt und dabei knapp 51 Prozent seiner Feldwürfe getroffen. Wenn er spielt, sind die Toronto Raptors auf 100 Ballbesitze gerechnet knapp 11 Punkte besser als ihr Gegner. Ohne Leonard sind sie 13 Punkte schlechter. Dass er neben seiner offensiven Brillanz auch defensiv an seine besten Tage anknüpft, hat Toronto erstmals das Tür zu den NBA Finals geöffnet.

Jan Wiesinger @WiesiG: Aufgrund der höheren Star-Dichte im Kader der Warriors gehe ich mit Kawhi Leonard. Beeindruckende Leistungen an beiden Enden des Feldes, Clutchness, Führungsstärke und ein auslaufender Vertrag: Das ist der Stoff, aus dem die ganz großen Geschichten gemacht werden. Wenn er es mit den Raptors als einziger Superstar schaffen sollte, die übermächtigen Warriors tatsächlich zu besiegen, dürfte das Votum sicher einstimmig ausfallen.

Marc Lange @godzfave44: „The Klaw“. Dieser Mann trägt seit Wochen – ohne Bandscheibenvorfall – ein komplettes Team, wenn nicht sogar eine ganze Stadt auf seinem Rücken. Die Euphorie, die die #2 der Raptors momentan verbreitet ist auch in Zahlen messbar: Erzielt Leonard in der Serie gegen die Warriors insgesamt 199 Punkte (was z. B. bei einer Serie mit sechs Spielen einem Schnitt von 33,1 PPG entspräche), hat er einen gewissen Michael Jordan als den Spieler mit den meisten Punkten in einer einzelnen Post-Season überholt. Lasst das einfach kurz sacken.


Seb Dumitru @nbachefkoch: Kawhi. Wäre Durant nicht nach elf Partien ausgefallen, wäre die Wahl etwas schwieriger. 34 Punkte im Schnitt bei 66 Prozent True Shooting sind absurde Werte, mit denen nicht einmal die Klaue im kalten Nordosten hätte mithalten können. So aber kann es an Torontos bestem Spieler der Franchise-Historie keinen einzigen Zweifel geben: er hat die Kanadier mit einem der beeindruckendsten Playoff-Runs aller Zeiten dorthin geführt, wo dieser Klub noch nie zuvor gestanden hat. Selbst wenn Leonard im Sommer den Abgang machen sollte: der Trade für ihn hat sich zig- und hundertfach ausbezahlt.

Daniel Schlechtriem @W14Pick: Erst war es Damian Lillard, dann zeitweise Kevin Durant. Der erste hielt sein Level nicht, der zweite verletzte sich. Daher ist Kawhi auch meine erste Wahl: Mit welcher Konstanz und Selbstverständlichkeit er in den 76ers und Bucks zwei der Top-Teams der Eastern Conference hauptverantwortlich eliminierte lässt keinen anderen Schluss zu. Abgerundet wird seine erstklassige Performance von der Geschichte, dass GM Masai Ujiri für die Addition Leonards im letzten Sommer den Publikumsliebling der Dinos opferte und dafür harsch kritisiert wurde. Nun hat der neue Publikumsliebling die Raptors erstmals in die Finals geführt – und allen sollte klar sein: Ohne Leonard und mit DeMar DeRozan stünde Toronto nicht dort, wo sie jetzt stehen.


Die beste Serie

Siemer: East Semifinals, Toronto gegen Philadelphia. Sieben Spiele und ein Ende, das unterstreicht, warum Kawhi Leonard der wertvollste Spieler dieser Postseason ist. Ein vermutlich viel zu oft bemühtes Sprichwort besagt, dass Bilder mehr sagen als 1000 Worte. Hier aber stimmt es, hier erzählt jedes Gesicht eine eigene Geschichte. Joel Embiids Fassungslosigkeit, Jeremy Lins Ungläubigkeit. Und vielleicht am eindrucksvollsten, wenn auch erst wenige Sekunden danach zu sehen: ein lachender Kawhi Leonard. Der jetzt der erste Spieler in der NBA-Historie ist, der ein Spiel 7 mit einem Buzzerbeater entscheidet.


Wiesinger: Toronto gegen Philadelphia in den Ost-Semis hat mich persönlich am meisten begeistert. Viele Anpassungen in den Spielen, viele sich verändernde Dynamiken und ein fulminantes Ende, bei dem eine Sieben-Spiele-Serie mit einem Wurf entschieden wird, der zuvor vier Mal auf den Ring prallt. Enger und spannender für die Zuschauer kann eine Serie kaum ablaufen.

Lange: Vorab: Allgemein wurde uns dieses Jahr sehr zufriedenstellender Playoff-Basketball geboten. Wenn man oft meckert, kann man solch einen Umstand auch gerne mal erwähnen. Zur Frage: Richtig Feuer war natürlich in der Serie der Trail Blazers und Thunder. Lillard und Westbrook als Hauptakteure wussten hier auch neben dem Platz zu unterhalten. Auch wenn es mit einem Endstand von 4-1 vielleicht nicht spannendste Serie war, hat mich dieses bissige Duell besonders abgeholt.

Dumitru: Raptors vs Sixers! Die Serien zwischen Nuggets/Spurs, Nuggets/Blazers, Warriors/Rockets und Raptors/Bucks in Ehren: Philadelphia gegen Toronto wirkte wie das vorgezogene Conference Finale. Von Phillys Dominanz zu Beginn, über Embiids folgenschwere Wehwehchen/Fitness-Probleme, zu Torontos Comeback nach beinahe-1-3-Rückstand, zu Spiel sieben, zu einem der grössten Würfe der Playoff-Historie... dieses Matchup hatte alles, was Postseason-Ball unvergleichlich macht.

Schlechtriem: Golden State gegen Houston. Sechs Spiele auf Top-Niveau, allesamt spannend bis zum Schluss, nicht zufällig mit den historisch höchsten Einschaltquoten der Conference Semis. Zwischen den Warriors und Rockets hat sich eine Rivalität entwickelt, die zwar einseitig verläuft, jedoch vor allem in den letzten beiden Jahren zum Epizentrum des Playoff-Basketballs wurde. Ich bin gespannt, ob die Finals 2019 das toppen können.


Der denkwürdigste Moment

Siemer: Für den denkwürdigsten Moment hat Damian Lillard gesorgt. Aber nicht mit dem Wurf, mit dem er aus elf Metern die Erstrundenserie für seine Portland Trail Blazers gewonnen hat. Sondern der Moment danach, als er sich umdreht, in die eigene Hälfte läuft – und dann Russell Westbrook zu dessen Abschied in die Sommerpause hinterherwinkt. Der Wurf ist imposant, klar. Vier Meter hinter der Dreierlinie und mit einem der besten Verteidiger vor sich einfach mal abzudrücken und zu treffen ist herausragend. Noch besser wird das aber, wenn dann auch der Jubel stimmt.

Wiesinger: Spiel 6 in den West-Semis, in dem die Rockets nicht mal in der eigenen Halle in der Lage waren, die Warriors ohne deren bis dahin dominierenden Spieler zu besiegen. Trotz Durants Abwesenheit schossen die Warriors die Rockets um ihre Superstars Harden & Paul ins Tal der Tränen. Ohnehin bestehende Zweifel im Hinblick auf die Harmonie auf und abseits des Platzes dürften dazu führen, das Titelprojekt in Houston noch deutlicher in Frage zu stellen. Paul ist 34 Jahre alt, hat noch drei Jahre Supermax-Vertrag ausstehend und dürfte somit realistisch innerhalb des aktuellen Vertrags nicht mehr die Franchise wechseln.

Lange: Seit Wochen ringe ich mit mir: Kawhis einmal-im-Leben-Wurf in Spiel 7 gegen die 76ers oder Lillards eiskalter Game-Winner gegen die Thunder? Eine extrem schwierige Entscheidung, weil mich beide Momente in der Nacht vor dem Stream komplette eskalieren ließen (sorry, liebe Nachbarn). Wenn ich mich festlegen müsste: Lillard. Der Wurf an sich und die Reaktion danach haben eine unterhaltsame Serie einfach perfekt abgerundet.

Dumitru: Siehe oben. Lillards eiskalter Gamewinner aus dem nächsten Bundesstaat war einer für die ewigen Highlight-Clips. Leonards Sargnagel war besser, aus mehreren Gründen: weil er viel länger dauerte, in einem Spiel sieben passierte und in einem einzigen, epischen Moment jahrelange Pleiten, Pech, Pannen und Panik für immer ausradierte. Die Raptors stehen in den NBA Finals. Kawhis Winner ist das Bild, das überdauert.

Schlechtriem: Die Wiederauferstehung der Splash Brothers in Spiel 5 und 6 gegen die Rockets knapp hinter Kawhis Gamewinner gegen Philadelphia. Gleichstand in Spiel 7, nur wenige Sekunden auf der Uhr, schwieriger Wurf mit dem Buzzer gegen den besten Mann der Sixers, der Ball prallt vier Mal auf den Ring, fällt dann doch durch die Reuse und entscheidet eine ganze Serie, die von Anfang an auf der Kippe stand. Das sind die Momente, an die wir uns in der Starting Lineup „Happy New Year“ im Januar erinnern werden.



Gewinner und Verlierer

Siemer: Draymond Green ist einer der Gewinner dieser Playoffs. Während der regulären Saison haben viele den spirituellen Anführer der Golden State Warriors abgeschrieben. Seine beste Zeit sei vorbei, die Prime des Defensive Player Of The Year aus der Saison 2016/17 wohl Geschichte. Für den 29-Jährigen Motivation genug, sich vor den Playoffs in Form zu bringen. 23 verlorene Pfunde und 12 Siege später steht Green zum fünften Mal in Folge in den Finals. Verlierer? Die Houston Rockets. Nicht nur, weil ich mich als Mavs-Sympathisant immer ein bisschen freue, wenn die Rockets verlieren. Sondern auch, weil es auch beim vierten Anlauf in den vergangenen fünf Jahren wieder einmal nicht gereicht hat, die Warriors zu schlagen. Dass General Manager Daryl Morey jetzt den Umbruch zu planen scheint, ist die aus Rockets-Sicht traurige Konsequenz daraus, immer wieder auf eines der besten Teams zu treffen, das die NBA je gesehen hat.

Wiesinger: Gewinner sind die für mich trotz eines krachenden Sweeps in den Conference Finals eindeutig die Portland Trail Blazers. In jeder Runde galten sie als Außenseiter und schalteten dennoch die höher gewetteten Thunder und Nuggets aus. Die Mannschaft spielte äußerst ausgewogenen Basketball, war von Terry Stotts und seinen Assistenten in jeder Runde gut eingestellt und setzte mit seinem starken Backcourt-Duo in den ersten beiden Runden wichtige Akzente. Deutlichste Verlierer sind die Thunder und die Celtics, wo beinahe gar nichts zusammen passt.

Lange: Verlierer sind die 76ers. In der Mitte der Saison ist man mit Butler All-In gegangen, um die Krone im Osten zu erobern. Dieser Plan ging nicht auf. Nun ist Tobias Harris weg und Butler wird die Franchise im Sommer wohl wieder verlassen. Das Fundament bleibt mit Embiid und Simmons zwar erhalten, aber da wird in der Offseason noch etwas passieren müssen, um weiter oben anzugreifen. Gewinner sind für mich die Clippers. Mit zwei Siegen gegen die Warriors hat sich Doc Rivers‘ Team gut präsentiert und auch der ein oder andere Free Agent wird sich im Sommer zweimal überlegen, welche Destination in Los Angeles eigentlich die attraktivere ist.

Dumitru: Während die Raptors, Blazers und Nuggets auch die optimistischsten Saison-Prognosen übertrafen und automatisch Gewinner sind, muss auch Golden States revitalisierte Big Three Dynastie genannt werden. Die großen Drei haben bewiesen, dass sie auch nach Durants möglichem Abgang um Titel mitspielen können. Das ist signifikant. Die Postseason-Loser-Teams 2019 sind Houston, OKC und Boston. Was diese Teams gezeigt haben, war schwach bis peinlich und folgenschwer. Bonus: die Drama-Lakers - auch wenn die gar nicht mitspielten.



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Schlechtriem: Neben den beiden Finalisten als offensichtlichen Gewinnern sind die Denver Nuggets und Portland Trail Blazers Gewinner und Verlierer zugleich. Denver hat endlich wieder eine Serie gewonnen und das junge Team ist bereit für größere Taten in der nahen Zukunft, wird aber nicht wieder so einen einfachen Weg in die Conference Finals vorfinden. Ebenso die Blazers, die zum ersten Mal seit 19 Jahren zwei Serien in Folge gewonnen haben, denen dann gegen die Warriors die Grenzen allerdings ziemlich deutlich aufgezeigt wurden und für die die diesjährigen Conference Finals wohl der Klimax der Ära Lillard waren.


NBA Champion 2019

Siemer: Steph Curry holt endlich den Titel, der ihm noch fehlt – den des Finals MVP. Bedeutet natürlich, dass die Golden State Warriors zum vierten Mal in fünf Jahren die Meisterschaft feiern dürfen. Mein Tipp: 4-2.

Wiesinger: Auch wenn das langweilig erscheinen mag: Ich setze trotz des Heimvorteils der Raptors auf die Golden State Warriors. Selbst ohne Durant sind sie wieder stärker unterwegs als die Raptors. In der stillen Hoffnung, dass sich meine Vorhersage nicht bestätigen wird: Nach sechs Spielen bleibt der Titel in Oakland: 4-2.


Lange: Ich muss gestehen: In mir kam ein wenig der innere Paul Pierce hervor, nachdem die Raptors ihr erstes Playoff-Spiel gegen die Magic verloren. „Das wird wieder nichts im Osten, geschweige denn mit einer Finals-Teilnahme“, dachte ich mir. Es kam bekanntermaßen anders. Danach waren sie für mich trotzdem in jeder Serie eigentlich der Außenseiter. Ich wurde Lügen gestraft. Sowohl gegen Philly als auch Milwaukee. Warum soll das also auch nicht gegen den Favoriten aus Oakland so sein? Toronto in 7.

Dumitru: Warriors in 6. (Oder Raptors in 7...?)

Schlechtriem: Die Warriors sind so gut in Fahrt und hatten jetzt auch noch eineinhalb Wochen Pause. Gegen müdegelaufene Champions stünden Torontos Chancen etwas besser, das ist jetzt nicht mehr der Fall. Daher werden sie in den abgezockten Dubs letztlich ihren Meister finden. Golden State in 5 oder 6.