25 Mai 2019

24. Mai, 2019


Während die Top-Klubs den NBA-Titel unter sich ausmachen, haben die anderen Franchises die Saison 2018/19 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die Houston Rockets.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 24. Mai, 2019


Saison 2018/19

Nach (absehbarem) Melo-Drama, Verletzungen und missratener Kaderplanungen standen die Rockets im Dezember mit 11-14 Siegen auf einem desaströsen vorletzten Platz in der Western Conference. Die Playoffs, alle Ambitionen – die ganze Saison stand auf der Kippe. So war es an James Harden, seinen Status als MVP zu bestätigen. Und er lieferte: Zwischen dem 14. Dezember und dem 24. Februar erzielte „The Beard“ in jeder Partie – in insgesamt 32 Begegnungen am Stück – 30 oder mehr Punkte, dazu mehrfach sogar über 50 sowie ein Career High von 61 Punkten im Madison Square Garden.

Mit Harden im MVP-Mode, einem gesunden Kader sowie einem rehabilitierten General Manager, der die Fehler des Sommers mit passenden kurzfristigen Akquisitionen ausmerzte, zeigte Houston nach dem All-Star Break sein wahres Gesicht, kämpfte sich in diesem Zeitraum auf den zweiten Platz im Offensiv- wie im Defensiv-Rating und gewann 20 der letzten 24 Spiele.


Trotz dieses Endspurts reichte die Schlussbilanz von 53-29 Siegen wegen der Hypothek der ersten Saisonhälfte ganz knapp nur für Rang vier im Westen, was in der ersten Playoff-Runde nicht weiter ins Gewicht fallen sollte. Wie im Vorjahr machten die Rockets mit den Utah Jazz kurzen Prozess und gewannen die Serie deutlich in fünf Spielen.

Aufgrund der relativ niedrigen Platzierung wartete bereits in den Conference Semi-Finals der Endgegner, die Champions, die Golden State Warriors und somit auch – wie wir inzwischen wissen – die vorgezogenen Western Conference Finals. In einer packenden und umkämpften Serie, in der sämtliche Spiele erst in den letzten Minuten, manchmal Sekunden entschieden wurden, schafften die Rockets nach 0-2 Rückstand zwar den 2-2 Ausgleich, verloren dann jedoch die nächsten beiden Partien und mussten erneut dem Titelverteidiger den Vortritt lassen.

Somit haben die Warriors die Rockets in vier der letzten fünf Jahre eliminiert.


Offseason Agenda

Den historisch starken Champion zu stürzen ist weiter das erklärte Ziel und an Selbstvertrauen mangelt es in Texas weiter nicht: Teambesitzer Tilman Fertitta gab kurz nach dem erneuten zu frühen Aus ein Versprechen ab, die Championship mit James Harden zu gewinnen, Coach Mike D'Antoni äußerte sich ähnlich entschlossen.

Die gute Nachricht hierfür: Die komplette Starting Five um Chris Paul, James Harden, Eric Gordon, P.J. Tucker und Clint Capela steht für 2019/20 fest unter Vertrag, anders als im Vorjahr wird Houston keinen Leistungsträger an die Free Agency verlieren.







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Die schlechte Nachricht: Um den Kader zu verbessern ist wieder mal die volle Kreativität von GM Daryl Morey gefragt. Alleine mit den Gehältern besagter fünf Starter steht die Payroll bereits bei 116 Mio. $ und somit über dem Cap, zudem wird der brasilianische Center Nenê aller Voraussicht nach seine Player Option in Höhe von 3,8 Mio. $ ziehen.

Um dennoch ein wenig Spielraum für den Sommer zu kreieren verordneten sich die Rockets in den letzten Monaten einen Sparzwang, der nach aktuellem Stand Früchte trägt: Bleibt Houston bis zum Stichtag unter der Luxussteuergrenze, hätte Morey für die Kaderoptimierung im Juli die volle Mid-Level Exception in Höhe von 9,2 Mio. $ zur Verfügung anstelle der Taxpayer Mid-Level Exception von lediglich 5,7 Mio. $. Zudem darf er auf die Bi-Annual Exception (3,6 Mio. $) zurückgreifen.

Mit diesen Werkzeugen lässt sich selbstverständlich kein All-Star nach Houston locken, immerhin aber gestandene Qualität für die Tiefe. Manch adäquate Optionen findet Morey gleich vor der eigenen Haustür, unter den Free Agents der Rockets.

  • Austin Rivers hat als Backup der Guard-Positionen vor allem in der Defensive einen bleibenden Eindruck hinterlassen, auch die Dreierquote stimmt (45,7% bei 3,5 Versuchen pro Spiel in den Playoffs), die Rockets werden ihn also wahrscheinlich halten wollen und mutmaßlich Teile der erwähnten Exceptions für Rivers einsetzen. 
  • Ebenso wie Rivers kam Kenneth Faried mitten in der Saison als Brandhelfer und sprang in die Bresche, weil Houston aufgrund von Clint Capelas verletzungsbedingtem Fehlen dringend körperliche Präsenz unterm Korb benötigte. Nach Capelas Rückkehr waren Farieds Dienste jedoch kaum noch gefragt. Als Energizer von der Bank und Regular Season Body hat er seine Nische und zumindest Aussichten auf ein neues Angebot, das allerdings nicht oder kaum über dem Minimum liegen wird. 
  • Gerald Green hat sich als Lokalmatador profiliert und passt als gestandener Dreierschütze exzellent ins „Moreyball“-System. Ein weiterer Einjahresvertrag zum Minimum sollte für den heimatverbundenen Flügelspieler drin sein. 
  • Der im Februar via Trade akquirierte Iman Shumpert passt als variabler 3&D-Wing ebenfalls perfekt nach Houston, allerdings wird er die zuletzt erzielten 11 Mio. $ Jahressalär kaum nochmals abrufen und entweder deutlich kleinere Brötchen backen oder aber schon wieder die Koffer packen müssen.
  • Danuel House hofft nach seinem Durchbruch in der NBA auf den großen Zahltag. Der 25-Jährige Forward pokerte hoch und kehrte wegen Vertragsstreitigkeiten mit den Rockets während der laufenden Saison zeitweise in die G-League zurück, um in diesem Sommer frei zu sein. Infolge dieser Posse und seiner überschaubaren Leistungen in den Playoffs wird House von Houston zwar sicherlich ein Qualifying Offer erhalten, viel mehr als die darin festgeschriebenen 1,8 Mio. $ jedoch nicht. Offenbar vertraut er auf die Mechanismen der Restricted Free Agency.
Und weil Morey eben Morey ist, sollte auch ein größerer Trade nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Vor zwei Jahren hatten die Rockets ebenfalls keinen Cap Space und landeten dennoch Chris Paul via Opt-In + Trade. Namen wie Jimmy Butler oder Kevin Love köcheln bereits in der Gerüchteküche, für einen Deal dieser Größenordnung müsste Houston jedoch Gordon und/oder Capela abgeben.


Draft

Im vierten Jahr in Folge haben die Rockets keinen Erstrunden-Pick, dieser (No. 26) wurde im Februar geopfert, um die Verträge von Brandon Knight und Marquese Chriss an die Cleveland Cavaliers abzustoßen sowie um den auslaufenden Deal von Iman Shumpert nach Texas zu holen.

Auch Houstons Zweitrunden-Pick (No. 55) fiel der Geschäftstüchtigkeit Moreys zum Opfer und geht an die New York Knicks, die anno 2015 dafür Pablo Prigioni zu den Raketen schickten (war es wert).

Eine ruhige Draft-Nacht also für das Front Office? Wahrscheinlich, aber nicht zwangsläufig. Morey hat bekanntlich immer ein offenes Ohr für Trades und wird am 20. Juni aufmerksam zuhören, falls ein 2nd Round Pick für Cash verfügbar werden sollte. Ansonsten dürfen sich ungedraftete Spieler auf einen schnellen Anruf aus Houston freuen – wie im Vorjahr Gary Clark, der es trotz Nichtberücksichtigung beim Draft ins Main Roster schaffte, vor allem zu Beginn der Saison 2018/19 auf sich aufmerksam machte und mit einem Dreijahresvertrag belohnt wurde.


Zukunft

Houston hat keine Zeit zu verlieren: Das Championship-Fenster schließt sich immer weiter, denn Chris Paul und P.J. Tucker (beide 34 Jahre alt) bleiben nicht mehr viele Jahre auf hohem Niveau.


Mit James Harden in der Verfassung der letzten beiden Spielzeiten stehen die Rockets immer im Kreis der Titelkandidaten, dennoch darf sich ein solch kapitaler Fehlschlag wie die Offseason 2018 (Carmelo Anthony, Michael Carter-Williams) nicht wiederholen.

Sollte Teambesitzer Fertitta seinen Worten Taten folgen lassen und fortan die Luxury Tax auf sich nehmen, erhellen sich die düsteren Hoffnungen, Golden State doch noch zu stürzen... vor allem, falls es Kevin Durant in den Osten zieht.