07 Mai 2019

07. Mai, 2019


Während die Top-Klubs den NBA-Titel unter sich ausmachen, haben die anderen Franchises die Saison 2018/19 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die LA Clippers.

von MARC LANGE @godzfave44 | 07. Mai, 2019


Saison 2018/19

Wer hätte das gedacht? Die neuformierten Clippers bewiesen in dieser Spielzeit, dass man im Westen auch ohne All-Star bestehen kann. Ein starker Mix aus jungen Talenten, etablierten Veteranen und einer bärenstarken Bank (53,2 PPG) reichte nach 82 Spielen in der regulären Saison sogar für die Playoffs. Hier unterlag das Team von Doc Rivers zwar erwartungsgemäß den Golden State Warriors. Allerdings erst in sechs Spielen, womit vor der Serie wohl niemand gerechnet hatte.

Trotz frühem Erstrundenaus ist die gesamte Kampagne durchaus positiv zu bewerten. Das Sprichwort „Addition durch Subtraktion“ wurde in Los Angeles 2018/2019 nahezu in Perfektion demonstriert. Die Abgänge von DeAndre Jordan (vor der Saison) und Tobias Harris (während der Saison) kompensierten die Clippers problemlos. Die Rookies fassten im Laufe der Spielzeit immer besser Fuß, Danilo Gallinari stand die Saison endlich ohne größere Wehwehchen durch und Lou Williams sowie Montrezl Harrell entwickelten sich zu absoluten Leadern von der Bank. Dass mit diesem Team zu rechnen war, bewiesen die Clippers ganz besonders im März, als die Truppe 13 von 15 Partien für sich entschied und somit einen Platz unter den besten Acht eintütete.


In der ersten Runde der Playoffs dann sofort auf die Warriors zu treffen schien nach der tollen regulären Saison etwas unglücklich. Gegen andere Teams wäre vielleicht tatsächlich ein Upset möglich gewesen. Dennoch verkaufte sich die Mannschaft in dieser Serie sehr teuer. Und auch wenn ein Weiterkommen natürlich schöner gewesen wäre: den größten Comeback-Sieg der Playoff-Geschichte (31 Punkte) gegen das beste Team der 2010er einzufahren, ist aller Ehren wert.


Offseason Agenda

Die Clippers werden sich bemühen, ihr All-Star-freies Team mit einer absoluten Bombe zu verstärken. Oder vielleicht sogar zwei? Das Budget wäre auf jeden Fall vorhanden: Gerade einmal 46,1 Mio. $ sind kommende Saison bisher für Gehälter verplant. Rund 57 Millionen sind noch übrig für die Verpflichtung namenhafter Free Agents, von denen es in der Offseason einige Kandidaten gibt.

Bei Kevin Durant, Kemba Walker, Klay Thompson, Khris Middleton und Jimmy Butler wird das Front Office im Sommer sicherlich anklopfen. Das größte Augenmerk liegt jedoch wahrscheinlich auf Kawhi Leonard. Die Clippers bieten dem Small Forward, neben warmem Wetter und Alphatierstatus, die Möglichkeit, in seiner Heimatstadt zu spielen.

Für Kawhis derzeitiges Team, die Toronto Raptors, sprechen hingegen monetäre Vorteile bei einer Verlängerung sowie der vermeintlich „einfachere“ Weg in die Finals im Osten. Ein tiefer Playoff-Run der Raptors wäre daher in Los Angeles nicht gern gesehen. Die nächsten Tage könnten demnach vielleicht schon eine kleine Tendenz zum Verbleib von Leonard offenbaren.


Dank des Tobias Harris-Trades zu den Philadelphia 76ers sind die Clippers außerdem mit einigen Erst- und Zweitrunden-Draftpicks gesegnet. Die Kombination aus Picks, Danilo Gallinari + X könnte einige interessante Trade-Szenarien ergeben, die die Clippers auch in die Konversation um Anthony Davis mit ins Spiel bringen. Zusätzlich werden Rivers & Co. sicherlich versuchen, ihre eigenen Free Agents relativ kostengünstig weiterhin an die Franchise zu binden. Das wären vor allem Patrick Beverley (Unrestricted), Wilson Chandler (Unrestricted), JaMychal Green (Restricted) und Ivica Zubac (Restricted).

Auch wenn es immer noch den großen Bruder mit einem gewissen LeBron James in der Stadt der Engel gibt: Diesen Sommer gibt es für die Top Free Agents der Liga nicht nur eine klare Destination in Los Angeles.


Draft

Obwohl LA, wie eben erwähnt, einige Draft Picks besitzt, wird es beim Draft in eineinhalb Monaten trotzdem eher ruhig um die Kalifornier werden. Wegen des Playoff-Einzugs wandert der eigene Erstrunden-Pick (#20) zu den Boston Celtics. Erst in der zweiten Runde sind sie an 48. Stelle sowie durch einen generierten Pick der Portland Trail Blazers an 56. Stelle am Zug.

In der zweiten Runde wird der Fokus wahrscheinlich auf einen defensiv orientierten Small Forward oder Big Man mit Spacing gelegt. Grund: Mit den Guards Shai Gilgeous-Alexander und Landry Shamet haben die Clippers zwei anstehende Sophomores im Team, deren Entwicklung klare Prio eins ist.


Zukunft

In eigentlich allen Bereichen steht die Mannschaft für die Zukunft gut da:

  • Jugend: Mit Shai Gilgeous-Alexander wurde der Point Guard der kommenden Jahre gedraftet und mit Landry Shamet der Scharfschützen-Rookie schlechthin in die eigenen Reihen geholt
  • Kern: Fest verpflichtet für nächste Saison sind bisher die drei Top-Scorer Gallinari, Williams und Harrell, die gemeinsam durchschnittlich rund 56 Punkte pro Spiel beisteuern
  • Money: Finanziell sind die Clippers so gut wie seit Jahren nicht mehr aufgestellt und können in der Offseason aus dem Vollen schöpfen
  • Assets: Mit zwei Erstrunden-Picks und mehreren Zweitrunden-Picks kann man sich entweder auf ein gutes Händchen bei den Drafts ab 2020 verlassen oder nutzt die Ressourcen für einen geschickten Trade
Zusammengefasst: Es sieht rosig aus. Sehr rosig sogar. In unerwartet kurzer Zeit nach der Lob City-Ära steht anscheinend schon die nächste Phase an, um als Anhänger der Clippers hyped zu sein. Doc Rivers hat gegen alle Erwartungen rasend schnell ein funktionierendes Team auf die Beine gestellt, das diese Saison schon oben mithalten konnte. Der langjährige Rebuild wurde einfach übersprungen.


Wie gut wäre diese Truppe also, wenn sich jetzt auch noch ein oder gleich zwei Top-Spieler ab Oktober das weiß-blau-rote Trikot aus Los Angeles überstreifen? Doch bei aller Vorfreude sei auch Vorsicht angebracht: der Zuwachs von zwei A+ Spielern würde dem Team zwar an einem Ende Starpower geben. Am anderen Ende würde jedoch wohl gleichzeitig die bisher größte Stärke verloren gehen – das extrem selbstlose Offensivspiel ohne klaren Anführer.

Nichtsdestotrotz haben es die Clippers diesen Sommer selbst in der Hand, die Franchise zu einem Contender zu formen. Oder zumindest den nächsten Schritt in diese Richtung zu unternehmen.