22 Juni 2019

22. Juni, 2019


Wieder ist eine lange Draftnacht Geschichte, die im Nachgang doch deutlich mehr Gesprächsstoff zu bieten hatte, als im Vorhinein vielleicht gemutmaßt wurde. Höchste Zeit für eine unaufgeregte Einordnung.

von AXEL BABST @BabstMadness | 22. Juni, 2019


Während die ersten drei Spieler schon seit Wochen, gar Monaten keinen Wetteinsatz mehr wert waren, ging spätestens ab Pick elf die große Diskussion los:

Erste Runde - Spieler

#4 De'Andre Hunter - Wing - Atlanta Hawks 
Hunter wird ein solider NBA Spieler sein. Er kann einer der besseren 3-and-D-Spezialisten der NBA werden. Daher wird er nie als Bust bezeichnet werden können. Allerdings werden etliche Spieler, die nach ihm gezogen wurden, deutlich bessere NBA Karrieren liefern. Hunter zu ziehen, ist sicher kein Fehler - allerdings ist der frühe Zeitpunkt dann doch etwas uninspiriert.

#5 Darius Garland - Guard - Cleveland Cavaliers
Garland legte wegen einer Meniskusverletzung nur fünf Partien für Vanderbilt an. Daher ist eine seriöse Bewertung seiner Möglichkeiten für mich nicht möglich. Allerdings ist er als Spielertyp ein zu klein geratener Shooting Guard mit begrenzten Point Guard Skills. Das klingt wie Collin Sexton. Wer der Bessere von beiden ist, wird die Zeit zeigen. Dass beide zusammen funktionieren, erscheint ein wenig unwahrscheinlich.

#8 Jaxson Hayes - Big - New Orleans Pelicans
Zwar hätten die Pelicans an dieser Stelle gut Brandon Clarke ziehen können, doch auch Jaxson Hayes ist eine exzellente Wahl. Mehr Athletik in einem Frontcourt mit Zion geht nahezu kaum. Hayes ist ein entwicklungsfähiger Aufsteiger, der zwar bislang überhaupt nicht durch Stretch Qualitäten aufgefallen ist, aber sie vielleicht noch ausbilden könnte. Zion/Hayes oder Lonzo/Hayes Pick & Rolls werden für Highlights sorgen.

#9 Rui Hachimura - Wing/Big - Washington Wizards
Zugegebenermaßen hat Hachimura gewisse Vorzüge, die ihn manchmal wie einen NBA Spieler aussehen lassen. Doch auch wenn man ihm Kulturschock und fehlende Basketballerfahrung zu Gute hält, um seine verzögerte Entwicklung zu verteidigen, bleibt er ein Spieler, der nicht dem heutigen NBA Style entspricht. Inkonstanter Dreier, fehlendes Spielverständnis und defensive Anfälligkeit sind für Wings K.O.-Kriterien. 

#10 Cam Reddish - Wing - Atlanta Hawks
Nun muss der ehemals hochgelobte Reddish beweisen, dass er das Vertrauen der Hawks wert ist. Verzückende Anlagen besitzt er in jedem Fall. Die Anwendung ist er aber noch schuldig geblieben. Der Pick könnte in Kombination mit dem Hunter Pick später mal bitter aussehen.

#11 Cam Johnson - Wing - Phoenix Suns
DIE erste Überraschung des Drafts. Zunächst: für mich gehört Johnson wegen seiner Shooting Skills und seiner unterbewerteten Defense in die Mitte der ersten Runde - allerdings eher fünf bis acht Picks weiter hinten. Durch diese verfrühte Wahl wird auf dem zurückhaltenden Riser eine Menge Scheinwerferlicht fallen und Druck lasten. Johnson kann einer der besseren 3-and-D-Spieler werden, seine Upside ist begrenzt.

#13 Tyler Herro - Wing - Miami Heat
Ein weiterer Spieler, der wahrscheinlich über eine Wahl in der ersten Runde froh gewesen wäre. Ebenfalls ein guter Schütze. Ist jedoch kleiner und muss defensiv und als Playmaker an die positive Entwicklung seiner letzten Collegewochen anknüpfen, um eine derart frühe Benennung zu rechtfertigen.

#14 Romeo Langford - Guard/Wing - Boston Celtics
Kein Shooting, keine Defense und mäßige Athletik, die sein Playmaking im Eins-gegen-Eins beschränkt. Das sind sicher keine gute Voraussetzungen für einen Lottery Pick. Nichtsdestotrotz hat Langford Spielgefühl und kann Pick & Rolls laufen. Wenn die Celtics den Wurf verbessert bekommen, wäre Langford ein deutlich effektiverer Spieler.

#15 Sekou Doumbouya - Wing/Big - Detroit Pistons
Als erster Europäer konnte sich der Franzose über den Aufruf seines Namens freuen. Ob die Pistons sich ebenso lange freuen werden, muss sich zeigen. Denn Doumbouya ist ein Projekt. Theoretisch ein 3-and-D-Spieler stehen hinter beiden Komponenten dieser Rollenbeschreibung Fragezeichen - ebenso hinter seinem Spielverständnis.

#16 Chuma Okeke - Wing/Big - Orlando Magic
Trotz eines Kreuzbandrisses ist Okeke ein sehr solider Pick. Fit wäre er wohl früher gezogen worden. Als Stretch Vierer, der switchen und sogar ein bisschen vom Perimeter attackieren kann, passt der Glue Guy der Auburn Tigers perfekt in die NBA. Fast schon ein Steal.

#17 Nickeil Alexander-Walker - Guard - New Orleans Pelicans
NAW ist ein Steal. Ketzerisch formuliert ist er die bessere Version von Jarrett Culver. Letzterer ist zwar weiter, was das Finish in der Zone angeht, dafür kann Alexander-Walker werfen und ist ebenso emsig dabei, sein gesamtes Spiel auf dem Parkett zu demonstrieren. Perspektivisch geht er über Twp-Way-Player und 3-and-D-Spezialist hinaus. Er ist ein potenter sekundärer Ballhandler - zumindest auf mittelfristiger Basis.

#18 Goga Bitadze - Big - Indiana Pacers
Nächster Steal. Nach Zion der beste Big des Drafts und mit sehr viel Upside versehen. Doch wie seine Euroleague Auftritte für Budocnost bewiesen, ist er schon jetzt bereit für große Aufgaben und wird von Beginn an produzieren. Besonders offensiv kann er als Pick & Roll Spieler oder auch Stretch Big die gegnerische Defense beschäftigen.

#19 Luka Samanic - Wing/Big - San Antonio Spurs
Ein typischer Pick für die Spurs. Die einzige Kritik an der Wahl von Samanic wäre vielleicht, ob er nicht auch noch zu einem deutlich späteren Zeitpunkt zur Verfügung gestanden hätte. In frühen Jugendzeiten dominierte der Kroate seine europäische Altersklasse. Zuletzt geriet zwar die Entwicklung ein wenig ins Stocken, doch perspektivisch kann Samanic als Allrounder die Positionen Drei bis Small Ball Fünf in der NBA spielen.

#21 Brandon Clarke - Big - Memphis Grizzlies
Der vielleicht größte Steal des Draftabends. Zu so einem späten Zeitpunkt den vielleicht besten, weil vermutlich variabelsten Verteidiger zu picken, ist ein Gesellenstück. Der Frontcourt der Grizzlies aus JJJ und Clarke wird der defensivstärkste der NBA sein - zumindest nach einer gewissen Eingewöhnungszeit.

#22 Grant Williams - Big - Boston Celtics
Kaum eine Paarung hätte besser gepasst als Grant Williams und Brad Stevens. Es ist schwer zu beurteilen, wer das Spiel besser verstanden hat. Mit Williams als Playmaker aus dem Short Roll wird die Offense der Celtics auch bei einem möglichen Horford-Abgang wieder florieren.

#23 Darius Bazley - Wing/Big - OKC Thunder
Nach Terrence Ferguson wählen die Thunder wieder einen Spieler, der nicht den üblichen College Weg ging. Sowohl Ohio State als auch Syracuse hatten schon seine Zusage, ehe er sich endgültig entschied, ein Jahr für sich und abgeschieden von der Öffentlichkeit zu trainieren. Spannung ist daher garantiert, eine Prognose aus der Ferne nicht möglich.

#25 Nassir Little - Wing - Portland Trail Blazers
Er fiel dann doch vielleicht sogar noch gewaltiger, als sein mögliches Worst-Case-Szenario vielleicht prognostiziert hätte. Doch Littles NBA Fit ist einfach zu hinterfragen. Wie verlässlich ist der Wurf? Reicht sein Spielverständnis? Das sind die wichtigsten Fragen, die ich persönlich mit viel Skepsis in der Stimme stellen würde (für mich kein Top30 Prospect des Drafts). Aber: Little jetzt schon aufzugeben, wäre zu früh. Außerdem könnte Portland ein idealer Spot für den bulligen Wing sein.

#26 Dylan Windler - Wing - Cleveland Cavaliers
Einer der besten Rollenspieler des Drafts und typischer Beilein Spieler. Schießt auch aus gefühlten zehn Metern die Laternen aus und weiß sich abseits des Balls zu bewegen. Auf den ersten Blick ist er ein unauffälliger Spieler, doch hinter dieser Fassade steckt viel Scoring Qualität.

#27 Mfiondu Kabengele - Big - L.A. Clippers
Als sechster Mann der Seminoles führte er diese im Scoring an. Kabengele ist ein Energizer, der von seiner Physis und nie endenwollenden Motorisierung lebt. Dadurch kann er sicher eine Rolle in der NBA finden.

#30 Kevin Porter Jr. - Wing - Cleveland Cavaliers
Stealpotential hat Kevin Porter Jr. auf jeden Fall. Wenn er es jemals schaffen sollte, sein Potential voll zu entfalten, wird er einer der drei besten Eins-gegen-Eins-Spieler des Jahrgangs. Shooting, Athletik, Ballhandling, Stepbacks - all das beinhaltet sein Spiel mehr oder weniger. Konstanz und Reife sind jedoch (noch) nicht zu sehen. Beides muss er sich nun dringend aneignen.

Zweite Runde - Spieler


#31 Nicolas Claxton - Wing/Big - Brooklyn Nets
Große Upside kann Nicolas Claxton ebenfalls aufweisen. Bei ihm geht es darum, dass er als Projekt entsprechend gefördert wird. Er ist vielseitig veranlagt und es gilt nun seine bestmögliche Rolle zu identifizieren.

#32 KZ Okpala - Wing - Miami Heat
Ein weiterer Stealkandidat. Okpala ist ein langer Wing mit Potential zum Playmaker. Allerdings muss er den Dreier, den er zuletzt starke verbesserte, noch beweisen und im gleichen Zug auch sein Ballhandling verfeinern. 

#33 Carsen Edwards - Guard - Boston Celtics
Würde Basketball nur daraus bestehen, Würfe des höchsten Schwierigkeitsgrades zu treffen, wäre Edwards der beste Prospect der letzten drei Jahre. Allerdings gehört dann doch noch ein wenig mehr zu diesem Spiel. Spielverständnis, -übersicht und Finishing in der Zone vermiesen dem Guard die Tour.

#40 Justin James - Guard - Sacramento Kings
Ein Spieler, der aufgrund der miesen Performances seines Teams gänzlich unter dem Radar flog. Doch in Wyoming scheint etwas in der Höhenluft zu liegen, das dafür sorgt, dass die Absolventen direkt mit Flugschein in den Profibereich entschwingen. James ist nach Larry Nance Jr. und Josh Adams ein weiterer sensationeller Athlet, der allerdings auch über Basketballfähigkeiten verfügt - Steal.

#41 Eric Paschall - Wing/Big - Minnesota Timberwolves
Ein solider Rollenspieler, der durch seine Villanova Zeit geprägt wurde und als verdienter Winner der NCAA den Rücken kehrt. Hat spielerisch die Entwicklung von einem übergewichtigen und zu klein geratenen Fünfer zu einem Tweener im positiven Sinne geschafft. Trifft den Dreier und zieht mittlerweile auch zum Korb.

#44 Bol Bol - Big - Denver Nuggets
Das Mysterium des Drafts musste lange warten, bis das Spinnennetzmuster von den Fotografen beim Händedruck mit Mark Tatum verewigt wurde. Wenn Bol fit bleibt, kann er mit seiner einzigartigen Kombination aus Länge, Rimprotection, seltsamen Ballhandling-Skills und Shooting für Furore sorgen. Vielleicht kommt er aber auch nie über 50 Spiele in dieser Liga hinaus.

#46 Talen Horton-Tucker - Wing - L.A. Lakers
Der größte Steal der zweiten Runde. Vor dem Hintergrund der Rostersituation der Lakers erscheint eine Win-Win-Situation vorgezeichnet zu sein. THT kann sofort in der NBA mithalten, ist ein Wing mit Upside zum Starter. Der Wurf muss konstanter werden.

#47 Ignas Brazdeikis - Wing - New York Knicks
Perfekter Rollenspieler in der NBA, der vom ersten Tag an seine Aufgaben ausfüllen wird. Trifft den Dreier, finisht am Ring beidhändig, läuft clevere Cuts zum Korb und kann variabel verteidigen.

#53 Justin Wright-Foreman - Guard - Utah Jazz
Einer der besseren Scoring Guard im Talentepool. Kommt von der kleinen Universität Hofstra und verpasste trotz dominanter Regular Season leider das NCAA Tournament. Der Linkshänder wird sich seinen Spot in der NBA erspielen.

#58 Miye Oni - Wing - Utah Jazz
Guter Allrounder, der sich hocharbeiten musste. War der Dreh- und Angelpunkt des Ivy League Champs Yale. Hat viel von Wes Iwundu in seiner Bewegungsart und möglichen NBA Rolle.

Undrafted

Justin Robinson - Guard
Perfekter Backup Point Guard für einen Contender - Fred VanVleet Mentalität mit etwas weniger Abgezocktheit.

Jontay Porter - Big
Möglicherweise der schlaueste Spieler des Drafts, der im Falle voller Gesundheit ein Starter in einem Playoffteam sein kann.

Terence Davis - Guard
Unterschätzter Senior von Ole Miss, der sich in jeder Saison verbesserte. Starker Athlet mit gutem Wurf und verbessertem Pick & Roll Spiel.

Yovel Zoosman - Wing
Macht wenig Nonsens und spielt sehr unaufgeregt. Auf europäischer Ebene mit Starpotential, in der NBA sollte er zumindest ein tauglicher Rollenspieler in den Playoffs sein können.

Charles Matthews - Wing
Der vielleicht beste Perimeter Verteidiger des Drafts. Exzellente Fußarbeit und einer der elegantesten Athleten des Jahrgangs. Der Dreier ist der Knackpunkt.

Verlierer - Teams


Washington Wizards
Rui Hachimura an neunter Stelle zu draften, war vor dem Hintergrund der vielen besseren und zu dem Zeitpunkt noch verfügbaren Prospects sicher ein Schnitzer und der vielleicht in seiner Tragweite schwierigste Pick des Abends.

Phoenix Suns
Auch wenn Cam Johnson ein solider NBA Spieler sein kann und wird und den Spott, dem er sich nun aussetzen muss, alles andere als verdient hat, hätten die Suns zu diesem Zeitpunkt weit sinnvollere Optionen zur Auswahl gehabt.

Atlanta Hawks
In einem Vakuum sind De'Andre Hunter und Cam Reddish solide Picks. Doch beide so früh und in dieser Kombination zu ziehen, kann sich als folgenschwerer Fehler erweisen. Während Hunter zwar ein stabiler Profi wird, hat er wenig bis keine Upside. Diese hat Reddish wiederum, allerdings wird fraglich sein, ob er sie jemals abruft.

Cleveland Cavaliers
Ehrlich gesagt ist Kevin Porter Jr. der interessanteste Spieler, den die Cavs am Abend zogen - an 30. Stelle und mit einer ordentlichen Portion Risiko behaftet. Darius Garland muss den Hype der späten Draftphase rechtfertigen. Dylan Windler ist ein solider Rollenspieler - mehr nicht.

Gewinner - Teams

New Orleans Pelicans
DIE Gewinner. Neben Zion konnten sich die Pelicans auch noch Jaxson Hayes und Nickeil Alexander-Walker greifen. Das könnte auf Jahre eine sehr stabile Achse des Erfolgs werden. Hayes ist enorm entwicklungsfähig und bietet jede Menge Potential. NAW wird gnadenlos unterschätzt und kann sich als einer der besten Ballhandler des Draftjahrgangs in den kommenden Saisons einen Namen machen.

Memphis Grizzlies
Neben Ja Morant fiel den Grizzlies auch noch Brandon Clarke in den Schoß. Wären da nicht Pelicans, gäbe es einen klaren Draftsieger. In Kombination mit Jaren Jackson Jr. gilt für die Grizzlies ähnliches wie für die Pels: die Basis für den Erfolg im kommenden Jahrzehnt ist jetzt gelegt. Die Spieler müssen sich nur noch entsprechend entwickeln und aufeinander abstimmen.

Chicago Bulls
Schon deutlich zu den beiden anderen Teams abfallend, hatte Chicago dennoch einen sehr guten Draftabend. In der ersten Runde konnten sie sich mit Coby White den zweitbesten Guard nach Morant sichern und zusätzlich auch noch in der zweiten Runde mit Daniel Gafford einen athletischen Big Man abgreifen, der vielleicht auch Ende der ersten Runde hätte gezogen werden können.