20 Juni 2019

20. Juni, 2019


Die alljährliche Talentewahl steht an. Obwohl seit Monaten als einer der schwächsten Jahrgänge des Jahrzehnts geltend, lohnt sich ein detaillierter Blick auf ausgewählte Prospects des Drafts. Denn auch diesen Sommer tümmeln sich wieder viele Sleeper und unterschätzte Spieler unter den zahlreichen Namen.

von AXEL BABST @BabstMadness | 20. Juni, 2019

Offense
Dem Stereotyp des litauischen Basketballers entsprechend ist Deividas Sirvydis einer der besten verfügbaren Schützen des Draftjahrgangs. Bereits bei diversen Jugendtunieren wie dem ANGT der Euroleague oder aber auch einigen Jugendeuropameisterschaften bewies der Linkshänder seine Treffsicherheit aus der Distanz und stach damit im Vergleich zu vielen Altersgenossen hervor.

In der vergangenen Saison konnte er sich als 18-Jähriger einen Rotationsplatz beim Eurocup Viertelfinalisten Rytas Vilnius erspielen. Zwar wurde gerade auf europäischer Bühne seine Rolle im Saisonverlauf mit zunehmendem Wettbewerbscharakter kleiner und eingeengter, aber das ist eine scheinbar natürliche Saisonentwicklung, der nur wenige europäische Trainer zu widerstreben bereit sind.

So wurde Sirvydis zu Saisonende auf seine Rolle als brandgefährlicher Schütze reduziert. Diese erfüllt er jedoch mit hoher Präzision. In 17 Eurocup Spielen verwandelte Sirvydis 19 seiner 41 Versuche aus der Distanz. Besonders den Dreier aus der Ecke liebt der Flügelspieler und fühlt sich beim Abzug wohl.

Grundlegend ist Sirvydis' Wurf sehr nah am Lehrbuch dran. Seine Fußarbeit ist exzellent, wodurch er auch aus Handoffs oder indirekten Blöcken heraus direkt wurfbereit ist. Sein Handgelenk ist butterweich und sorgt dafür, dass der Ball nicht lange im Netz zappelt.


Sirvydis hat jedoch die Anlagen dazu, mehr als ein reiner Schütze zu werden. In den letzten Jahren versuchte er auch an seinem Drive zum Korb zu arbeiten. Zu Beginn der letzten Saison wurden die ersten Früchte dieser investierten Arbeit sichtbar, als er teils auf dem zweithöchstem europäischen Level auch mal furchtlos zum Korb zog und mit Eleganz finishen konnte.

Solche Szenen sind selten, aber zeigen, dass Sirvydis durchaus auch Closeouts attackieren oder eine zu aggressive Verteidigung bestrafen kann. Weiterhin gilt für den Litauer, dass er an seiner Rumpfstabilität und seiner schwächeren rechten Hand arbeiten muss. Letztere ist gerade im Dribbling bislang kaum zu gebrauchen. Zumindest Finishes mit rechts steigen in der Häufigkeit.


Bei seinen Drives deutet sich schon an, dass Sirvydis auch ein Spieler ist, der die Defense gut lesen und intelligent reagieren kann. Das gilt nicht nur für die Momente, in denen er sich dazu entschließt ein Closeout zu attackieren, sondern auch und gerade dann, wenn er sich abseits des Balls aufhält. Clevere Cuts sind bei Sirvydis keine Seltenheit und zwingen die Defense zu Aufmerksamkeit.

Neben handlungsschnellen Gedanken, die in eigene Punkte münzen, ist der Wing durchaus in der Lage auch seine Mitspieler zu finden. Seine Spielübersicht ist ordentlich und er hat das Grundprinzip von Basketball verstanden. Sobald er im Angriff einen Vorteil zieht und der zweite Verteidiger reagiert, schaut er, wo der besser postierte Mitspieler steht. Für das klassische Drive & Kick nach europäischer Art ist er bestens ausgebildet.


Letztlich ist ein wenig fraglich, ob Sirvydis auf NBA Level das Eins-gegen-Eins nutzen sollte, um für sich und seine Mitspieler zu kreieren. Stattdessen wäre es eine Möglichkeit, den Flügelspieler in Pick & Rolls zu involvieren.

Hier kann er all seine Vorzüge kombiniert verwenden. Seine Größe und seine Schnelligkeit helfen beim Drive oder bei einem guten Kickout Pass. Geht der Verteidiger unter dem Block lang, kann er den Dreier einnetzen. Für den Außenspieler geht es vor allem darum, über zunehmende Erfahrung ein besseres Verständnis für die Situation zu evolvieren. Denn bis jetzt sind seine Aktionen rein reaktiv und er weiß nur in ganz klar gelagerten Situationen eine Entscheidung zu treffen.


Defense
Grundlegend ist Sirvydis kein schlechter Verteidiger. Er weiß dank seiner Spielintelligenz, wie er beispielsweise im Teamverbund rotieren muss und hat eine gute Grundausbildung in Bezug auf Fußarbeit und der Nutzung von Winkeln. Allerdings unterlaufen dem Litauer noch viele Rookie Mistakes, die im vergleich zum College deutlich schneller und gnadenloser bestraft wurden.

Dadurch sollte sich der Flügelspieler nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dennoch muss er in den nächsten Jahren vor allem viel Zeit im Kraftraum verbringen. Zum jetzigen Zeitpunkt wird er gezielt attackiert. Entweder muss er sich im Lowpost beherrschen, wo er zwar Länge hat, aber nichts gegen die breiten Schultern seiner Gegenspieler unternehmen kann.

Ein zweites Problemfeld ist die Verteidigung des Pick & Rolls. Denn Sirvydis prallt an den Screens von Big Men ab oder bleibt einfach hängen, wodurch seinen Gegenspieler einen uneinholbaren Vorsprung gewinnen kann.


Die angesprochene Länge nutzt er besonders dazu, um seine Gegner beim Sprungwurf zu irritieren. Das gelingt dem Flügelspieler bereits schon ausgesprochen gut. Bei Closeouts oder auch in der Pick & Roll Verteidigung übt er damit einen Effekt aus.

In Kombination mit seinem Spielverständnis kann er daher auf lange Sicht ein sehr guter Teamverteidiger werden. Hat er bisher meist nur seine Fingerspitzen am Ball bei schlechten Pässen, sollte er künftig deutlich entschlossener auftreten und mit mehr Masse dann auch bei Helpsiderotationen seine Länge besser anwenden.



Prediction
Es ist unwahrscheinlich, dass Deividas Sirvydis schon in der ersten Runde gedraftet und direkt zu seinem neuen Club herüberzitiert wird für die kommende Saison. Dennoch ist Sirvydis mittelfristig einer der interessanteren Flügelspieler des Draftjahrgangs. Im schlechtesten Fall wird er ein reiner Catch & Shoot Spieler in der Offense, der defensiv zumindest etwas Spannweite einbringen kann. Alleine dadurch könnte er sich für einige Jahre in der NBA als Spezialist halten.

Im besten Fall entwickelt sich Sirvydis offensiv kontinuierlich weiter, wird ein ordentlicher Allrounder, der auch mal ein Pick & Roll laufen kann oder auch aus Closeout Attacken gutes Ballmovement initiiert. Wenn er sich zusätzlich in der Verteidigung so weit steigert, dass er seinen Gegenspieler am Perimeter im Eins-gegen-Eins vor sich hält und nicht direkt an jedem direkten Block wie eine Fliege kleben bleibt, könnte Sirvydis sogar ein wichtiger Komplementärspieler oder Starter eines Playoffteams werden.