20 Juni 2019

20. Juni, 2019


Die alljährliche Talentewahl steht an. Obwohl seit Monaten als einer der schwächsten Jahrgänge des Jahrzehnts geltend, lohnt sich ein detaillierter Blick auf ausgewählte Prospects des Drafts. Denn auch diesen Sommer tümmeln sich wieder viele Sleeper und unterschätzte Spieler unter den zahlreichen Namen.

von AXEL BABST @BabstMadness | 20. Juni, 2019

Offense
Das diesjährige europäische Mysterium - zumindest für viele amerikanische Draftschreiber - hört auf den Namen Goga Bitadze. Dieser begann die vergangene Saison bei Talentschmiede und Agenturfiliale Mega Bemax. Sein Saisonstart war jedoch so überzeugend, dass er für die zweite Hälfte der Euroleague Saison nach Podgorica wechselte, ehe er für die letzten Saisonwochen nach Serbien zurückkehrte.

Gerade das gute Dutzend Spiele in der besten Liga Europas kurbelten den Steigflug des Bigs nochmal ordentlich an. In einem Team ohne dominanten Big Man, das ohnehin schon abgeschlagen einen der hinteren Plätze in der toughen Euroleague einnahm, konnte Bitadze sich schnell als Starter etablieren und für Furore sorgen. In seinen ersten beiden Spielen im Trikot von Budocnost gegen Bayern und Mailand erzielte er direkt kombinierte 40 Punkte und ließ gestandene Profis sehr alt aussehen.

Das lag in erster Linie auch daran, dass Bitadze ein Spieler ist, der sich zum jetzigen Zeitpunkt vor allem auch über seine Athletik definiert. Für einen europäischen Innenspieler ist Bitadze enorm sprunggewaltig, mobil und schnell. Alleine aus dieser Perspektive heraus argumentiert gehört Bitadze in die NBA.

Einen Großteil seiner Punkte erzielt der Big durch Putbacks oder simple Catch-and-Finish Situationen. Diese erarbeitet sich Bitadze durch seine Schnelligkeit und Kompromisslosigkeit. Rimruns sind die Spezialität des Georgiers. Beim Rebound geht er Fehlwürfen seiner Mitspieler oder der eigenen Person beherzt hinter her. Aufgrund seiner Leichtigkeit kann er auch mit zweiten oder dritten Sprüngen noch den Ball greifen oder in den Korb tippen. Zweieinhalb Offensivrebounds sackte Bitadze in 24 Minuten durchschnittlich ein.



Besonders gut kommen Bitadzes Athletik, Koordination und Touch im Pick & Roll zur Geltung. Sowohl momentan als auch perspektivisch ist Bitadze in dieser Hinsicht auf jeden Fall der interessanteste Big Man der diesjährigen Draft Class. Wenige andere Bigs verfügen zu gleichen Teilen über die physischen/athletischen Voraussetzungen auf der einen Seite und den technischen Fertigkeiten auf der anderen, um derart galant und vielseitig Pässe von Mitspielern zu finishen.

Bitadze kann variabel per Lob oder Pocket Pass gefunden werden. Beide Situationen kann er vorbereiten, indem er beispielsweise bei Pocket Pässen entweder schnell ein kurzes, hartes Dribbling anfügt oder aber einfach direkt in einen Zweikontakt übergeht, ohne dabei einen Schrittfehler zu begehen oder sich durch helfende Verteidiger irritieren zu lassen. Letztere umkurvt Bitadze bisweilen wie Trainingsstangen.

Im Vergleich zu den College Bigs hat Bitadze den Vorteil, schon viele Details im Pick & Roll zu beherrschen. Er weiß, welche Optionen er gegen verschiedene Pick & Roll Defense zur Verfügung stehen hat und wie er diese anwenden muss. Daher wird Bitadze vom ersten Tag ein produktiver Offensivbig sein. Entwickelt er noch eine linke Hand beim Finish - gerade auf der linken Spielfeldhälfte -, wird er nur schwer in der Zone zu stoppen sein.


Aufgrund seines Touches und seiner flinken Füße wäre anzunehmen, dass Bitadze mittel- bis langfristig auch valide Skills für das Eins-gegen-Eins entwickeln kann. Über die verfügt er bislang allerdings noch nicht. Seine Versuche im Lowpost sind zum Beispiel noch sehr rudimentär und entsprechend selten unternahm er auch wirklich gezielt den Versuch, durch eine selbst kreierte Aktion zu punkten.

Da Euroleague Gegenspieler eine ungleich schwierigere Aufgabe sind als College Bigs, ist doch anzunehmen, dass Bitadzes Eins-gegen-Eins Bemühungen in einem anderen Setting wesentlich gelenkiger ausgesehen hätten. Bitadze versuchte in der Regel einfach nur mit harten Dribblings und noch härteren Bumps seiner Schulter gegen die Brust des Verteidigers einen Raumgewinn im Zentimeterbereich zu erzielen und dann einen überhasteten Abschluss zu nehmen. Da sollten in der Zukunft doch elegantere Lösungen zu finden sein.



Selbst wenn sich Bitadze nie zu einem Klingentänzer im Lowpost entwickeln sollte, hat er noch andere Waffen zur Verfügung, die vielleicht eher seinem Profil entsprechen und ein stimmigeres Gesamtbild ergeben würden. Als Faceup Big wäre Bitadze vielleicht auch eine Option. Auch wenn ihm dafür sicherlich Ballhandling und Übersicht fehlen, ist die Idee verlockend.

Hinzu kommt, dass Bitadze sich ohnehin ganz gerne am Perimeter aufhält und schon jetzt seine ersten Ansätze als Stretch Big präsentiert. In den 13 Euroleague Spielen nahm der Georgier 16 Dreier und verwandelte fünf davon. Seine Technik ist noch nicht konstant und kann durch Details noch aufgewertet werden, doch die Grundform sieht solide aus und eine Freiwurfquote von 71,4 Prozent schlägt ebenfalls in diese Kerbe ein.



Defense
In der Verteidigung verhält sich Bitadze sehr ambivalent und oft entgegen der Erwartungen, die der Gelegenheitszuschauer vielleicht nach einigen kurzen ersten Eindrücken aufbauen würde. Auf der einen Seite ist Bitadze ein sehr interessanter Defensivspieler, da er gute Anlagen für das Spiel der modernen NBA mitbringt. Er ist schnell auf den Beinen unterwegs und gerade im Hüftbereich sehr flexibel, weshalb er am Perimeter gut Schritt halten kann.

In der Pick & Roll Defense zeigen sich diese Vorteile - je nach Art der Verteidigungsform. Denn bei anderen Varianten offenbaren sich auch gerne die Schwierigkeiten, mit denen Bitadze zu kämpfen hat. Für die klassische Drop Coverage ist Bitadze aufgrund seiner Länge und seiner Schnelligkeit auf kurzen Distanz und in kleinen Bewegungen bestens geeignet. Beim Hedgen agiert er hingegen noch sehr naiv. Splits oder unnötige Foul sind die Folge. Ähnliches gilt bei Pick & Pops und Switches. Aber: das Potential zum soliden Verteidiger in solchen Situationen ist vorhanden.



Die Foulproblematik verdient noch ein paar Extrazeilen. 3,6 Foulpfiffe pro Begegnung verursachte Bitadze in der vergangenen Euroleague Saison im Durchschnitt. Permanent befand sich der Big in Foulproblemen. Während Coach Jasmin Repesa in den ersten Spielen oft noch erzieherische Methoden anwendete und den Georgier auch gerne mal zwei Minuten nach Tipoff zum ersten Mal auswechselte, forderte die Erfolglosigkeit dieser Strategie bald ihren Tribut.

Stattdessen blieb Bitadze dann auch häufiger mal nach einem dritten Foul zu Beginn des zweiten Viertels für einige Minuten auf dem Feld und musste lernen, damit umzugehen. Das gelang ihm mal besser, mal schlechter. Die Erfahrung, die er in diesen Situationen sammelte, dürfte auf lange Sicht jedoch wertvoll sein und muss Ansporn sein, künftig disziplinierter zu sein. Weniger Reach-Ins, bessere Positionierung, mehr Fokus, präzisere Ausführung von Details - die Liste möglicher Anknüpfungspunkte ist lang.


Ein weiteres Detail, das Bitadze dringend im Auge behalten sollte, ist sein Boxoutverhalten. Bislang verließ sich der junge Center vor allem darauf, dass er seinen Gegenspieler athletisch und körperlich überlegen war. Hinzukommt seine Toughness, die für Bigs in diesem jungen Alter sehr selten und wirklich positiv hervorzuheben ist.

Dennoch wird sich auf Dauer rächen, dass der Big seinem direkten Gegenspieler nur wenig Beachtung schenkt und sich auf den Ball konzentriert. Der NBA Athletik und Physis kann der Georgier beim Defensivrebound sich nur mit einem guten Boxoutverhalten erwehren.



Auch wenn der Tenor bislang eher negativ konnotiert war, ist Bitadze ein sehr interessanter Spieler in der Defense. Schon ab Tag eins sollte er für Rimprotection sorgen können. In der Euroleague hielt er die Bretter ungemein sauber und gab dem montenegrinischen Vertreter der Liga eine defensive Präsenz am Brett, die vor seinem Wechsel nicht existierte.

Ein wenig Sorge könnte bereiten, dass Bitadze nicht immer perfektes Timing beweist. Auch hier verlässt er sich teils zu sehr auf seine Sprungkraft und lässt sich mit Rotationen zu viel Zeit.

 

Prediction
Der interessanteste Big der diesjährigen Draftclass könnte das Narrativ einer europäischen Erfolgswelle, die in die NBA überschwappt, aufrecht erhalten. Viele andere Alternativen gibt es sonst nicht. Bitadze passt dank seiner Athletik und seiner Mobilität als P&R Finisher und Rimprotector hervorragend in die NBA - vielleicht sogar besser als in die Euroleague.

Der Georgier wird seinem neuen Team direkt im ersten Spiel Produktives geben können, bietet zugleich aber noch eine Menge Entwicklungspotential. Diese Kombination macht ihn attraktiv. Die nächsten Baustellen sind sicher ein verlässlicher Wurf und viel Detailarbeit an beiden Enden des Feldes. Grundlegend muss Bitadze die eine oder andere abstruse Angewohnheit ablegen, um seinem künftigen Coaching Staff das Haareraufen zu ersparen.

Auf lange Sicht sollte Bitadze sich als Starter in der NBA etablieren können. In seiner Spielweise erinnert er an Zach Collins, der ein ähnliches Skillset und Potential aufweist, aber auch noch auf den Durchbruch wartet.