20 Juni 2019

20. Juni, 2019


Die alljährliche Talentewahl steht an. Obwohl seit Monaten als einer der schwächsten Jahrgänge des Jahrzehnts geltend, lohnt sich ein detaillierter Blick auf ausgewählte Prospects des Drafts. Denn auch diesen Sommer tümmeln sich wieder viele Sleeper und unterschätzte Spieler unter den zahlreichen Namen.

von AXEL BABST @BabstMadness | 7. Juni, 2019

Offense
Vor gar nicht allzu langer Zeit wäre die Vorstellung, dass ein Spieler wie Grant Williams in der ersten Runde gepickt wird, einer Utopie gleichgekommen. Als Begründung hätte die berühmt berüchtigte Tweener Problematik gereicht: welche Position soll Williams in der NBA bekleiden?

Am College war Williams drei Jahre lang der ideale Power Forward. In der NBA könne er diese Position jedoch kaum abdecken. Ohne Schuhe weist Williams keine zwei Meter Körpergröße auf, womit er schlicht zu klein sei. Zudem unterscheiden sich die Skillsets, die ein durchschnittlicher NBA sowie NCAA Power Forward aufweisen müssen, um erfolgreich zu sein.

Doch all diesen Unkenrufen zum Trotz wird Williams in den kommenden Jahren beweisen, dass sich die NBA gewandelt hat und auch selten anzutreffende Skillkompositionen durchsetzen können, solange die einzelnen Skills sowie deren Zusammenwirken den Ton der Zeit in der NBA treffen. Williams' künftiges NBA Team muss in dieser Hinsicht ein gewisses Maß an Kreativität beweisen. Alles andere wäre Talentverschwendung.

Schon in den letzten Jahren bewies Williams, dass er trotz seiner geringen Größe eine Macht in der Zone und im Lowpost sein kann. Die Spezialdisziplin von Williams ist der Duck-In. Immer wenn sein Gegenspieler auch nur eine Sekunde unaufmerksam ist, nutzt Williams diese Gelegenheit aus, um mit seinem tiefen Körperschwerpunkt und seiner Masse den Rumpfbereich des Gegners zu attackieren, ihn einige Meter unter den Korb zu schieben und ein gutes Passziel zu bieten.

Williams besitzt ein exzellentes Gefühl dafür, wann er sich positionieren kann und wie lange er seinen Vorteil halten muss, um ein Anspiel erhalten und auch direkt verwerten zu können. Dadurch erzielt Williams sehr viele Zähler, ohne vergleichsweise großartige Basketballskills besitzen zu müssen.

Über diese verfügt Williams aber auch, was die Sache für die Defense umso diffiziler gestaltet. Williams' Fußarbeit und Spielgefühl sind exzellent. Er weiß die Körperhaltung seines Matchups zu lesen und mit entsprechenden Gegenbewegungen zu attackieren. Spinmoves zu beiden Händen, Schulterfakes, Wurffinten und klassische Postmoves hat Williams im Angebot. Beim Finish nutzt er seine Stärke und ein überraschendes Maß an explosiver Sprungkraft. Trotz seiner Größe finisht Williams oft per Dunk.



Williams ist deshalb so wertvoll und für die NBA prädestiniert, weil er in den vergangenen Saisons hart an seinem Perimeter Game gefeilt hat und nun auch als Faceup Vierer attackieren und vielleicht sogar mal regulärer Außenspieler durchgehen könnte.

Tennessees Offense baute darauf auf, dass Williams als Trailer an die Dreierlinie stiefelte, den Pass vom Aufbauspieler erhielt und nun als Playmaker alle Optionen sehen und aus ihnen wählen konnte. Im Eins-gegen-Eins von der Birne ist Williams gegen andere Vierer mittlerweile sehr routiniert. Mit Fakes bringt er seine Verteidiger aus dem Gleichgewicht und kann mit nur einem wuchtigen Dribbling die Distanz zum Ring überwinden.

Auch bei solchen Drives überzeugt Williams als Finisher, der mit seiner Oberkörperkraft und Beidhändigkeit auch gerne Dreipunktspiele erzielt. Gleichzeitig ist Williams noch sehr auf das Attackieren aus dem Stand reduziert. Großartige Crossover bietet Williams (noch) nicht. Außerdem wird er sich mit der NBA Dreierlinie und dem größeren Abstand zum Korb arrangieren müssen. Bisher war er eher vom Highpost als einen Meter hinter der College Dreierlinie aktiv.


Sollte Williams im Eins-gegen-Eins auch in der NBA eine Waffe werden können, wäre ein netter Bonus, dass er über exzellente Passqualitäten und Spielübersicht verfügt. In der letzten Saison gelangen dem zweifachen SEC Spieler des Jahres 3,2 Assists pro Spiel. Als Playmaker von der Power Forward Position war er die Schaltzentrale der Offense.

Egal ob mit klugen Swing-/Skippässen oder Kickouts nach eigenen Drives: Williams behält den Überblick und kann die ganze Defense mit einem gezielten Pass sezieren.


Der Forward wird sich auch dann eine Rolle in der NBA erarbeiten können, wenn sein Distanzwurf sich nicht entfalten sollte. Diese Rarität ist zwar in gewisser Weise beruhigend, nichtsdestotrotz sollte der Junior weiter an seinem Wurf arbeiten.

In der letzten Saison traf Williams 15 von 46 Dreiern. Das sind keine Angst schürenden Werte, doch ein Indikator dafür, dass Williams zumindest mit viel Training und Wiederholung mal ein ordentlicher Schütze werden könnte. Fehlender Touch scheint nicht weiter ein Problem zu sein.

Interessant bei der technischen Umsetzung wird jedoch sein, inwieweit Williams seinen Releasepunkt anpasst. Bei seinen bevorzugten Midrange Pullups hat der Power Forward einen hohen Abwurfpunkt und kommt dank seiner kräftigen Waden schnell in die Luft. Beim Dreier könnte diese Technik auf Dauer ermüdend sein.



Defense
In der Verteidigung wird die große Kunst darin liegen, für Williams eine entsprechende Rolle zu finden, die dieser ausfüllen kann. Besitzt er offensiv das Potential zum Perimeter Spieler, ist diese Aussicht in der Defensive eher nicht gegeben.

Diese Interpretation lässt sich beispielsweise aus seinem Verhalten in der Pick & Roll Verteidigung schließen. Hier war er häufig der Bewacher des Blockstellers. Gegen schnelle Guards hatte Williams bei klassischen Verteidigungsvarianten. Entsprechend düster sah es auch bei Switches aus, wo Williams einfach die notwendige Schnelligkeit fehlt. Auch in der Pick & Pop Verteidigung kann der Forward ein Problem werden, da er nicht schnell genug zum eigenen Matchup zurückkehrt.


Grundsätzlich erscheint es sinnvoller, Williams in Brettnähe behalten zu wollen. Einerseits wegen der offensichtlich Schwachstellen am Perimeter. Andererseits ist Williams in Korbnähe wiederum eine wirkliche Hilfe. 1,5 Blocks pro Partie sind für einen Spieler, der um die zwei Meter misst, ein sensationeller Wert.

Williams ist ein ordentlicher Rimprotector, der mit Physis, Spannweite und schnellem Sprungvermögen ein ums andere Mal Würfe erschwert oder blockt. Oft überrascht er damit die Angreifer, die sich ein deutlich leichteres Spiel gegen Williams ausrechnen.


Dabei muss es gar nicht erst dazu kommen, dass Williams in letzter Instanz den Ring schützt. Denn Williams ist ein exzellenter Teamverteidiger, der durch seine Rotationen oft verhindert, dass überhaupt ein Abschluss zustandekommt.

Williams denkt für seine Mitspieler mit und beweist immer wieder auch Talent zur Improvisation. So kann er auch mal spontan Situationen switchen oder eine vom Schema abweichende Hilfe geben und kommunizieren, wenn es die die beste Lösung in dem Moment ist.




Prediction
In jedem seiner drei Jahre bei den Tennessee Volunteers konnte sich Grant Williams verbessern und sein Spiel auf ein neues Level hieven. Erst im November wird Williams 21 Jahre alt, womit er für einen Junior immer noch jung und entwicklungsfähig ist. Daher bleibt viel Zeit, um den Wurf zu stabilisieren und engültig einige Perimeter Skills zu festigen.

Doch selbst wenn er hier momentan noch unter dem Durchschnitt aller Forwards in der NBA anzusiedeln ist, kann Williams vom ersten Tag an seinem neuen Arbeitgeber helfen. Williams als Small Ball Fünfer wäre zum Beispiel eine angsteinflößende Vorstellung für den Gegner. Denn Williams ist ein exzellenter Finisher, Playmaker und Passgeber, der kurze Überzahlsituationen in sichere Punkte verwandelt.

Durch diese offensive Rolle könnte er auch defensiv in Ringnähe bleiben, die Zone sauber halten und seine Nebenleute orchestrieren. Auf lange Sicht wäre es hilfreich, wenn Williams irgendwie das Switchen am Perimeter in seiner langen Talentliste aufzählen könnte. Williams wäre dann ein Starter auf Playoffformat.