20 Juni 2019

20. Juni, 2019


Die alljährliche Talentewahl steht an. Obwohl seit Monaten als einer der schwächsten Jahrgänge des Jahrzehnts geltend, lohnt sich ein detaillierter Blick auf ausgewählte Prospects des Drafts. Denn auch diesen Sommer tümmeln sich wieder viele Sleeper und unterschätzte Spieler unter den zahlreichen Namen.

von AXEL BABST @BabstMadness | 20. Juni, 2019

Offense
Einer der vielen Aufsteiger dieses Jahres ist Jarrett Culver. Schon im letzten Sommer wäre Culver wahrscheinlich in der ersten Runde, vielleicht sogar in der Lottery gepickt worden. Doch das reichte dem ambitionierten Flügelspieler nicht aus und so kehrte er mit dem Feedback auf den Campus zurück, besonders an seinem Wurf arbeiten zu müssen.

Diese Rückmeldung nahm sich Culver entsprechend zu Herzen und veränderte in der letzten Offseason seinen Wurf von Grund auf. Das war auch dringend notwendig. Denn Culvers Wurfbewegung als Freshman bestand daraus, den Ball von seiner rechten Körperhälfte während des Hochreißens quer an seine linke Schulter zu bugsieren und von dort dann das Handgelenk abzuklappen.

Diese Technik wäre auf Dauer sicherlich nicht alleine wegen der Quote problematisch gewesen, sondern hätte ihn auch bei Pullups und unter Bedrängnis im Stich gelassen. Daher klingt es bei einem Blick auf die Quoten zwar etwas verwunderlich, doch tatsächlich hat Culver mit seiner derzeitigen Technik deutlich bessere Karten in der NBA als noch vor einem Jahr.

Als Freshman traf Culver 38,2 Prozent seiner 3,9 Dreierversuche pro Spiel. In der letzten Saison sank die Quote auf 30,4 Prozent bei fast gleicher Wurfanzahl. Diese Entwicklung kann von zwei Seiten betrachtet werden. Als Verteidigung für den Quotensturz könnte angeführt werden, dass Culver in der letzten Saison zum primären Ballhandler aufstieg und bedeutend mehr Würfe aus dem Dribbling nehmen musste, die er überhaupt erst mit der neuen Technik zu nehmen im Stande war.

Auf der anderen Seite ist aber auch festzuhalten, dass Culvers Wurf alles andere als sattelfest ist. Viele von Culvers Würfen sind zu kurz und nach wie vor erscheint die Technik starken Variationen zu unterliegen. Die linke Hand ist nach wie vor zu stark involviert und verzerrt gerade beim Catch & Shoot die Flugbahn. Culver wird daher weiter intensiv an seiner Technik feilen müssen, ehe sein Wurf vollends zu respektieren ist.



Eine zweifellos positive Entwicklung kann dem Red Raider hinsichtlich seines Playmakings nachgesagt werden. In seiner ersten Saison in Lubbock war Culver ein solider Rollenspieler, der als einer von vielen Außenspielern der Defense gezielte Nadelstiche verpasste. In der letzten Saison war Culver dann die unangefochtene Nummer eins in der Offense, über die jeder Angriff in irgendeiner Form lief (Usagerate stieg von 22,1 auf 32,2 Prozent).

Chris Beard, ein basketballerischer Abkömmling von Bob Knight und dessen klassischer Motion Offense, war sogar bereit, seine offensive Denkweise entsprechend anzupassen. Statt zu einem überwiegenden Teil auf indirekte Blöcke und viele Cuts zu setzen, nahmen Pick & Rolls mit Culver als Ballhandler einen sehr hohen Stellenwert ein.

In diesen Spielsituationen gehört der Texaner vermutlich zu den besten Akteuren des Draft - vielleicht ist er sogar der beste. Culver findet in aller Regel eine exzellente Mischung aus Drive, Wurf und Pass, wobei er nicht stumpf im Vorgang entscheidet, welche Option ihm gerade am meisten zusagt. Viel mehr hat er verstanden, dass er die Defense lesen und eine entsprechend strategische Wahl treffen muss.

Culver kann aber nicht nur mit guten Passqualitäten, cleveren Drives und einem verbesserten Pullup Game aufwarten sowie die richtige dieser Waffen zum richtigen Moment einsetzen. Zusätzlich ist Culver auch in der Lage, die Defense aktiv zu Fehlern zu zwingen, wenn diese nicht schon im ersten Schritt des Pick & Rolls auftauchen. Culver nutzt gerne Hesitations oder Snake Dribblings, lässt sich Rescreens stellen und nutzt auch die blockabgewandte Seite zur Attacke. Dadurch forciert er den gegnerischen Big häufig zu einer Entscheidung, die Culver dann wiederum bestrafen kann.



Auch ohne direkte Blöcke ist Culver exzellent darin, seine Mitspieler zu finden. Wenn er den Weg in die Zone findet und die Aufmerksamkeit der Defense auf sich zieht, scheint er immer exakt im Auge zu haben, wo seine Mitspieler postiert sind, welcher freistehend auf den Pass wartet und in welcher Form das Zuspiel zu erfolgen hat.

Culver ist es hierbei ziemlich egal, ob er einen Big per Alley-Oop in Ringnähe oder den freien Schützen auf der Weakside mit einem scharf gestochenen Kickout bedienen muss. Culver nutzt seine Größe geschickt aus. Einerseits hat er dadurch einen besseren Überblick, andererseits nutzt er die sich bietenden Passfenster, die er anderen Guards voraushat, um die ausgestreckten Arme der Verteidigung zu vermeiden. 3,7 Assists pro Spiel scheinen daher ein seltsam niedriger Wert zu sein.



Die vergleichsweise geringen Assistzahlen könnten allerdings relativ simpel zu erklären sein. Culver hat schlicht ein Problem damit, im Eins-gegen-Eins in die Zone zu kommen. Auch wenn Culver in gewisser Hinsicht über eine gute Athletik verfügt, schafft er es nur selten, an seinem Matchup vorbeizuziehen.

Das liegt einerseits daran, dass Culvers Ballhandling in einigen Belangen noch nicht vollends ausgereift und er kein gelernter Aufbauspieler ist. Sehr oft muss sich Culver durch die Verteidigung mit Spinmoves oder Halfspins wuseln, was weder Eleganz noch Effizienz garantiert. Dadurch sind seine Drives oft sehr langsam und die Helpside hat lange Zeit sich zu positionieren. Zum anderen ist Culver nicht in der Lage, seinen Körperschwerpunkt so weit nach unten zu verlagern, dass er mit seiner Schulter die Hüfte des Verteidigers attackieren und vorbeiziehen kann.

Resultat sind viele langatmige Dribbelarien, schwierige Abschlüsse und im Zweifelsfall ertragslose Pentrationversuche. Will Jarrett Culver in der NBA auf Dauer Erfolg als Guard haben, muss er daher sein Ballhandling dringend verbessern und Wege in die Zone finden. Auf Dauer sind seine Hesitations zu berechenbar.



Im Lowpost fühlt sich Culver für einen Außenspieler dafür umso wohler. Besonders den rechten Zonenrand liebt der Local Hero der Raiders. Da er meistens einen Größenvorteil genoss, widmete ihm der Coaching Staff sogar ein Setplay für ein Postup in diesem Bereich - versehen mit Call "Kobe".

Culver hat einerseits eine gute Fußarbeit, dank der er in klassischer Big Manier einige Standardmoves im Postup beherrscht. Auf der anderen Seite liebt Culver aber auch den Fadeaway zur Mitte. Hat Culver ein Mismatch, kann er das konstant bestrafen.


Defense
Zuletzt bezeichnete sich Culver selbst als der beste Two-Way-Player des Drafts. Tatsächlich ist Culver am defensiven Ende des Courts zu bescheinigen, dass er zu den besseren Draft Prospects auf dieser Spielfeldseite gehört.

Im Eins-gegen-Eins kann Culver in den Regel jeden Gegenspieler vor sich halten und an einem direkten Zug in die Zone hindern. Dank seiner Mischung aus Schnelligkeit, Wendigkeit im Hüftbereich und einer gewissen Größe/Länge ist er für viele Außenspieler ein gutes Matchup. Das sollte er mittelfristig auch auf die NBA übertragen können, wenn er sich an die dortige Schnelligkeit und Länge gewöhnt hat.

Einziges Manko könnte sein, dass Culver noch ein paar mehr Kilos auf den Rippen vertragen könnte und er seine Länge nicht immer zielführend einsetzt. Am College war relativ oft zu beobachten, dass Culver nahezu optimale Defense spielte, aber dann dem Finish eines größeren Gegenspieler wenig entgegenzusetzen hatte. Diese Gefahr besteht in der NBA bei tendenziell größeren Gegenspielern sicherlich.



In der Teamdefense ist Culver stets aufmerksam und rotiert frühzeitig. Die Raiders gehörten in der vergangenen Saison zu den besten Defensivteams der NCAA und waren besonders durch ihr Kollektiv eine schwer zu knackende Nuss. Daran hatte auch Culver einen gehörigen Anteil, da er in brenzligen Situationen fast immer noch irgendwie eine Hand in den Passweg strecken konnte oder beim Finish entscheidend irritierte.

Dabei ist beachtlich, dass Culver einerseits vorbildlich agiert, wenn es um Rotationen nach klassischen Schemata geht. Gleichzeitig kombiniert Culver diese Sicherheit im Stil mit gezielten Ausbrüchen aus dem System, indem er beispielsweise schlampige Pässe antizipiert und stealt oder aber auch mal durch eine überraschende Rotation die gegnerische Ballbewegung unterbindet.


In Bezug auf die Pick & Roll Defense lässt sich festhalten, dass Texas Tech fast jeden direkten oder indirekten Block zwischen den Positionen Eins bis Vier switchte und teilweise sogar je nach Lineup den Big Man in dieses Wechselspiel involvierte.

Dadurch ist Culver Pick & Roll Defense nur mit Vorsicht zu bewerten. Immerhin ist er in der Lage, mindestens vier Positionen schadfrei zu switchen. Grundsätzlich sollte er intelligent und athletisch genug sein, um jede erdenkliche Pick & Roll Verteidigung praktizieren zu können.

Prediction
Wie bereits beschrieben ist Jarrett Culver einer der vielen Aufsteiger des vergangenen Jahres, der sich in seiner spielerischen Entwicklung enorm steigern konnte. Auch die Behauptung des besten Two-Way-Players ist sicherlich nicht aus den Sternen gegriffen. Culver wird auf jeden Fall ein sehr solider NBA Spieler werden, der mindestens als Rollenspieler seine Nische finden wird.

Die Kombination aus defensiver Vielseitigkeit, Spielgefühl im Pick & Roll un einem gewissen Arbeitsethos macht ihn für viele Teams sicher attraktiv. Zugleich bestehen dennoch viele Fragezeichen. Der Wurf bleibt eine Baustelle, die er nicht von heute auf morgen fertigstellen wird. Auch sein Ballhandling und die dadurch aufkommenden Limitationen im Eins-gegen-Eins sind problematisch. Außerdem hat Culver es bisher noch nicht geschafft, seine Athletik und Länge so in sein Spiel zu implementieren, dass sie offensichtlich sind. Er spielt manchmal kleiner, als er in Wahrheit ist.

Daher sollten die Erwartungen an Culver realistisch sein: Er wird sicher einer solider Rollenspieler in der NBA sein, könnte einem Playoffteam als Starter vielleicht helfen, doch Starpotential ist bei Culver nur begrenzt erkennbar. Ein wenig erinnert Culver an Virginias Malcolm Brogdon vor einigen Jahren.