20 Juni 2019

20. Juni, 2019


Die alljährliche Talentewahl steht an. Obwohl seit Monaten als einer der schwächsten Jahrgänge des Jahrzehnts geltend, lohnt sich ein detaillierter Blick auf ausgewählte Prospects des Drafts. Denn auch diesen Sommer tümmeln sich wieder viele Sleeper und unterschätzte Spieler unter den zahlreichen Namen.

von AXEL BABST @BabstMadness | 20. Juni, 2019

Offense
In einem Jahr, in dem nur wenige Spieler als sichere Kredite deklariert werden können, bildet Nickeil Alexander-Walker eine Ausnahme. Der Kanadier nutzte seine Sophomore Saison, um sich gerade offensiv in fast allen Facetten des Spiels deutlich zu steigern und nun mit Hoffnungen auf einen Erstrundenpick in den Draftabend gehen zu können.

In der vergangenen Saison übernahm der Combo Guard deutlich mehr Verantwortung im Angriff und war viel häufiger als Ballhandler in der Offense unterwegs. Besonders in der Phase, in der Senior und designierte Aufbauspieler Justin Robinson verletzungsbedingt ausfiel und NAW in der Folge als alleiniger Verantwortlicher für die Spielorganisation sorgen musste, zeigte der Sophomore die Zwischenresultate seines Reifeprozesses.

Am eklatantesten war der Unterschied in NAWs Passversuchen zwischen dem ersten und zweiten Jahr am College. In der letzten Saison verzeichnete der Cousin von Shai Gilgeous-Alexander durchschnittlich vier Assists - wobei er wie gesagt für den Großteil der Saison gleichberechtigter Ballhandler neben Point Guard Robinson war.

Alexander-Walker verfügt über eine blitzsaubere Spielübersicht und kann dank seiner Größe und langen Pranken viele Pässe spielen, die dem durchschnittlichen Ballhandler im Pick & Roll entgehen würden oder einfach nicht möglich wären. Besonders den einhändigen Pass aus dem Dribbling mit der vemeintlich schwächeren linken Hand in die gegenüberliegende rechte Spielfeldecke hat NAW perfektioniert.



Seine Passqualitäten kann Alexander-Walker besonders im Pick & Roll immer wieder unter Beweis stellen. In dieser Disziplin muss sich NAW ohnehin vor keinem anderen Guard des Draftjahrgangs verstecken. Wenn der Allrounder eine besondere Fertigkeit besitzt, dann wohl das Playmaking für sich und speziell seine Mitspieler aus dem Blocken-und-Abrollen.

Für einen jungen Guard weiß er schon relativ genau, wie er einen Block nutzen muss, um idealerweise eine Schneise zum Korb zu erhalten. Auch wenn es mal im ersten Versuch nicht klappt, stellt sich NAW vor einem zweiten Versuch den Verteidiger so zurecht, dass dieser im Block hängen bleibt und ein Vorteil entsteht.

Sobald dieser Vorteil Bestand hat, wird es für die Defense sehr schwierig, gutes Ballmovement zu verhindern, da NAW nun seine exzellente Spielübersicht ausnutzen kann. Er hat das komplette Spielfeld im Auge und weiß genau, auf welchen Verteidiger er in welcher Situation achten muss. Ob Durchstecker zum Big, Kickout in die Spielfeldecke oder einfacher Kickback in den Rücken der rotierenden Verteidigung: NAW trifft in aller Regel die richtige Wahl.

Allerdings gilt hier einschränkend zu sagen, dass der Kanadier bisweilen zu passiv agiert, was das eigene Punkten angeht, weswegen die gegnerische Verteidigung dazu tendiert, erstmal nicht zu reagieren und NAW zum eigenen Abschluss zu forcieren. Hier gibt er noch keine stabile Figur ab. In dem Wissen um seine Schwäche forciert der Guard daher oft Pässe, die doch nicht funktionieren, nur um den eigenen Abschluss zu verhindern. So entstehen schnell mal 2,9 Ballverluste pro Begegnung.



Das Finish in Brettnähe ist sicherlich ein zentraler Punkt, den NAW in den kommenden Jahren durch fleißiges Training angehen muss. Auch wenn er mit einer exorbitanten Spannweite aufwarten kann (6'9.5'' in der offiziellen Draftvermessung), spielt NAW viel zu oft unter seinen Möglichkeiten und kleiner als diese Angabe.

Alexander-Walker springt fast immer von beiden Füßen ab, wodurch er oft an Geschwindigkeit einbüßt und Kontakt eher kreiert, anstatt ihn mit seiner Länge zu umgehen. Das kann zwar vorteilhaft sein, um Fouls zu ziehen. Doch dafür geht NAW die Sache wiederum zu vorsichtig an - abgesehen davon fehlen ihm auch die notwendigen Kilos um trotz härterem Körperkontakt zielsicher zu verwandeln.

In dieser Hinsicht muss sich NAW gewaltig steigern. Eine Möglichkeit wäre, sich den einbeinigen Absprung beim Körper anzugewöhnen. Dadurch könnte er seine Spannweite besser ausspielen und vielleicht auch der Helpside weniger Zeit zur Reaktion geben.



Neben den Problemen beim Finish hat der Guard auch Schwierigkeiten, im Eins-gegen-Eins überhaupt in die Zone zu gelangen. Abseits seines Spinmoves kann sich NAW noch nicht in ausreichendem Maß auf sein Ballhandling verlassen. Teils dribbelt der Sophomore sehr hoch und scheint dadurch die Kontrolle über das Leder zu verlieren.

Zudem ist er bei seinen Drives immer etwas unrund in seinen Bewegungsabläufen. Hier scheinen ihm seine Schrittlänge und sein hoher Körperschwerpunkt Probleme zu bereiten. Zusätzlich fehlt ihm im Rumpfbereich noch die notwendige Widerstandsfähigkeit, um sich nicht augenblicklich abdrängen zu lassen, wenn der Verteidiger ein wenig pusht.



Zumindest von der Dreierlinie gibt sich Alexander-Walker keine Blöße. In seinen ersten beiden Jahren traf er etwas mehr als 38 Prozent seiner knapp vier Dreierversuche pro Begegnung. Auch wenn die Quote als Freshman etwas höher ausfiel, ist beim Wurf durchaus eine positive Entwicklung zu erkennen.

Beispielsweise war Alexander-Walker als Neuling vor allem ein reiner Spotup Shooter. Nun trifft er sowohl den Pullup als auch den Wurf aus der Bewegung und Blöcken heraus wesentlich besser und häufiger. Noch immer wirkt der Wurf etwas hölzern, da NAW ein wenig von der Schulter stößt und die langen Arme etwas hinderlich wirken. Doch das Handgelenk klappt butterweich ab.


Defense
NAW kann als einer der wenigen Spieler des Drafts ziemlich klar unter dem Label Two-Way-Player kategorisiert werden. Denn er bringt alles mit, um am defensiven Ende des Feldes einer der besseren NBA Spieler zu werden.

Neben seinen bereits angeschnittenen körperlichen Voraussetzungen, die hervorragend sind, hat sich NAW von seinem College Coach Buzz Williams sehr viel defensive Galligkeit einimpfen lassen. Oft war es der Kanadier, der den gegnerischen Aufbauspieler über mindestens drei Viertel des Courts aufnahm und direkt unter Druck setzte.

Alexander-Walker verteidigt mit hoher Intensität und lässt seinem direkten Gegenspieler im Eins-gegen-Eins selten den Platz und die Ruhe, um mit dem Ball in der Hand auch nur eine ruhige Sekunde verleben zu können. Die Spannweite und Aktivität des Hokies sind durchaus problematisch und können schnell zu Ballverlusten führen. Auch in Closeout Situationen stellt sich NAW sehr geschickt an und verhindert Würfe, ohne direkt geschlagen zu werden.



Die Länge des Kanadier macht sich in der Verteidigung an ganz unterschiedlichen Stellen bemerkbar. Mal kann er sich dadurch besser um an ihm gestellte Blöcke im Pick & Roll herumwinden und mögliche Abschlüsse erwschweren. In anderen Situationen irritiert er den Angreifer beim Abschluss - sei es in der Zone oder auch an der Dreierlinie.



Auch in der Teamverteidigung weiß NAW seine Qualitäten und Eigenschaften einzusetzen. Neben seinen punktgenauen Rotationen ist er auch jemand, der immer für einen Steal gut ist, da er zu erahnen scheint, wann welcher Pass gespielt wird.

Dieses Talent machte ihn für die Hokies extrem wertvoll, da diese eine sehr spezielle Form der Teamdefense praktizierten, bei der die beiden Flügelverteidiger immer sehr weit von ihren Matchups entfernt postiert sind und die Elbows gegen Drives verteidigen. Hier war es NAW oft möglich diese Position einzunehmen und gleichzeitig mit seiner Spielintelligenz entweder Pässe abzufangen oder auch mal effektive Closeouts zu laufen, die nur dank seiner Länge möglich waren.



Prediction
Auf der einen Seite versprüht Nickeil Alexander-Walker wenig Staresprit und scheint mit seiner teils etwas ungelenk wirkenden Spielweise nur in limitierter Rolle für NBA Clubs interessant zu sein. Doch auf der anderen Seite kann NAW eine Vielseitigkeit aufweisen, die wenige andere Guards des Jahrgangs von sich behaupten dürfen.

Innerhalb dieses Portfolios bietet NAW ein breit gefächertes Skillset, das alle Künste beinhaltet, die ein moderner Guard in der NBA braucht. Der Kanadier weiß nicht nur wie man ein Pick & Roll läuft, sondern kreiert darin fast immer einen Vorteil für das eigene Team. Der deutlich breitere Court in der NBA und besser gestellte Blöcke sollten ihm in dieser Hinsicht noch entgegenkommen. Zudem fällt der Dreier und defensiv kann NAW ebenfalls einen positiven Einfluss ausüben.

Sofern Alexander-Walker sich als Finisher verbessert und nicht gezwungen wird, viel im Eins-gegen-Eins für sich und andere kreieren zu müssen, sollte für den Hokie eine Rolle als erster Guard von der Bank oder sogar Starter möglich sein.