20 Juni 2019

20. Juni, 2019


Die alljährliche Talentewahl steht an. Obwohl seit Monaten als einer der schwächsten Jahrgänge des Jahrzehnts geltend, lohnt sich ein detaillierter Blick auf ausgewählte Prospects des Drafts. Denn auch diesen Sommer tümmeln sich wieder viele Sleeper und unterschätzte Spieler unter den zahlreichen Namen.

von AXEL BABST @BabstMadness | 20. Juni, 2019

Offense
Als Nicolas Claxton seine Freshman Saison mit 3,9 Punkten und 3,9 Rebounds pro Spiel abschloss, war den wenigsten Scouts und Draftenthusiasten der Name des Georgia Bulldogs ein Begriff. Die fehlende Attraktivität der Spielweise des Teams und der Mangel an bekannten Namen erwiesen sich in dieser Hinsicht als Stimmungskiller und entfalteten eine abschreckende Wirkung.

Unter dem neuen Trainer Tom Crean, der dafür bekannt ist, all seinen Spielern - auch bzw. gerade den Bigs - eine Menge Freiräume in der Offense zuzugestehen, blühte Claxton in der vergangenen Saison wiederum auf. Noch immer ist Claxton einer der Spieler, die eher unter dem Radar durch die Lüfte sausen und dadurch ein gewisses Sleeper Potential beherbergen.

Jetzt könnte trefflich darüber gestritten werden, ob das eine so geschickte Entscheidung aus Teamsicht wahr und diese Strategie die höchste Siegzahl ermöglicht hätte. Doch das ist erstens müßig und geht zweitens am Thema vorbei. Viel wesentlicher ist daher der Fakt, dass wohl kaum eine andere Spielweise Claxtons Status als Unikat der Draftclass besser hervorgehoben hätte.

Denn Claxton durfte als Point Center das Playmaking im Halbfeld übernehmen und die Offense initiieren. Das gelang zwar nicht immer perfekt, dennoch war die Rolle für College Verhältnisse auf Claxtons Leib geschneidert.

Claxton ist mit seiner Größe von 6'11'' mit der Masse eines Guards und den spielerischen Anlagen eines Wings ausgestattet. Am College wäre er in der Theorie durchaus ein wandelndes Mismatch gewesen. Das bewies er praktisch auch teilweise. Kleine Gegenspieler wurden aufgepostet, größere am Perimeter stehen gelassen oder beim Zug zum Korb mit einem halben Schritt Vorsprung mitgeschleift.

Theorie deswegen, weil Claxton bei der Umsetzung einfach noch viele Baustellen zu beheben hat. Einerseits ist er nicht sonderlich schnell, sondern muss mit seiner Schrittlänge arbeiten. Die wird aufgrund seiner dürren Statur jedoch zum Problem, da kleinste Pushes in die Hüfte das Gleichgewicht des Allrounder beträchtlich stören. Auch Ballhandling und Finish mit der rechten Hand müssen saniert werden.



Der Wurf hat ebenfalls noch Luft nach oben. Gerade mal 28,6 Prozent seiner durchschnittlich zwei Versuche fanden in der letzten Saison ihr Ziel. Immerhin: rein von der Form her ist der Wurf alles andere als irreparabel. Konstanz, Wiederholung und Beschleunigung der Bewegung sind die Schlüssel.


Neben den eigenen Abschlüssen hat Claxton immer ein Auge für seine Mitspieler. In klaren Überzahl- und Entscheidungssituationen spielt Claxton fast immer den richtigen Pass. Aus dem Drive & Kick konnte er diese Eigenschaft bislang begrenzt demonstrieren, dafür ist er beim Dribbling einfach noch zu überfordert.

Solange Claxton nicht wieder permanent als erste Option der Offense dazu forciert wird, seinen Gegenspieler im Eins-gegen-Eins schlagen und dabei auch noch für andere kreieren zu müssen, sondern einfach als Ballverteiler und Big agieren kann, sollte Claxton sein gutes Auge zeigen können.



Defense
In der Verteidigung kann Claxton perspektivisch ein sehr interessanter Spieler werden, da er hier ähnlich vielseitig veranlagt ist wie in der Offense. Besonders seine enorm langen Arme (7'2.5'' Spannweite) sind ein wichtiges Werkzeug in der Verteidigung.

Dadurch konnte er am College beispielsweise problemlos auch Fünfer verteidigen, selbst wenn diese deutlich mehr Kilos auf die Waage brachten. Mit seinen Pranken veränderte Passwinkel, fälschte optimistische Anspiele ab und blockte viele Würfe.



Gerade als Rimprotector hat Claxton viel Potential, weil er oft einfach nicht mehr zu tun braucht, als seine Arme nach oben zu strecken und im richtigen Moment den Ball zu treffen. 2,5 Blocks pro Spiel sprechen eine deutliche Sprache und dürften ein Rekordwert für den primären Ballhandler der Offense sein.


Hinzu kommt, dass Claxton sich schon relativ geschickt in der Verteidigung am Perimeter anstellt. Während viele andere Bigs, die eigentlich wesentlich schneller als der schlaksige Claxton sind, in der Regel stehen gelassen werden, wusste Claxton die Guards auf Abstand zu halten und seine Spannweite zu nutzen.

Claxton legte beim Dreiviertelsprint der Combine nicht zu Unrecht den zweitschlechtesten Wert aller Teilnehmer auf. Er ist einfach aufgrund seiner langen Extremitäten in dieser Hinsicht gehandicapt. Das wird aber eigentlich nur bei Closeouts in der Verteidigung deutlich. Hier allerdings besonders bitter. Denn zum jetzigen Zeitpunkt hat Claxton gegen NBA Wings keine Chance, den Drive zu verhindern.




Prediction
Wenn ein GM ab Mitte der ersten Runde eine gewisse Affinität zum Risiko besitzt und von seinen Scouts gut unterrichtet wird, sollte Nicolas Claxton jemand sein, den entsprechender Entscheidungsträger im Hinterkopf haben sollte. Grundsätzlich kann darüber diskutiert werden, ob Claxton wirklich genug Talent besitzt, um zu so einem frühen Zeitpunkt in Erwägung gezogen zu werden.

Doch wer sich Claxton auf Film - gerade im Vergleich zu den anderen Bigs - anschaut, wird feststellen, dass er sich vielleicht am geschicktesten in vielen Facetten des Spiels anstellt, obwohl er aufgrund seiner begrenzten Geschwindigkeit eigentlich die schlechtesten Karten haben sollte. Claxton ist ausgebufft und hat sehr lange Arme (letzte Erwähnung der Spannweite). Gerade defensiv kann er daher sehr wertvoll sein und vielleicht mehrere Positionen verteidigen.

Dazu kommen seine Skills und Anlagen, die er mit gutem Coaching entfalten wird. Daher sollte er auch offensiv in irgendeiner Form einen Beitrag leisten können. Es besteht das Risiko, dass Claxton auf ewig ein Tweener bleibt, der offensiv keinen Wurf findet, keine klare Rolle einnehmen kann und defensiv mit seinen langsamen Bewegungen und seiner fragilen Statur keine Hilfe ist. Doch die Upside erscheint verlockender als das mögliche Risiko.