18 Juni 2019

18. Juni, 2019


Während in Toronto die Champagnerkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2018/19 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die Charlotte Hornets.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 18. Juni, 2019


Saison 2018/19

Wieder nichts. Das dritte Jahr in Folge scheiterten die Hornets im Rennen um die hinteren Playoff-Ränge, dieses Mal fehlten lediglich zwei Siege auf Platz acht und die Detroit Pistons. Die Bilanz von 39-43 stellt zwar eine kleine Verbesserung zu den beiden Vorsaisons dar (je 36-43 Siege), ein nennenswerter Fortschritt ist dennoch nicht zu erkennen. Die letzte Postseason sah die Franchise 2015, die letzte gewonnene Serie datiert zurück auf das Jahr 2002. Kurzum: Die Hornissen stecken tief im Mittelmaß fest.

Das unterstreicht der Saisonverlauf. Charlotte hielt sich das ganze Jahr über rund um die ominöse .500-Marke, erreichte weder eine größere Sieges- noch Niederlagenserie. Triumphe über die Milwaukee Bucks, Toronto Raptors und Boston Celtics stehen Niederlagen gegen die New York Knicks, Chicago Bulls und Cleveland Cavaliers gegenüber.

Hornets Basketball war auch 2018/19 weitgehend eine One Man Show: Kemba Walker erzielte mit 25,6 Punkten im Schnitt ganze zehn mehr als der zweitbeste Scorer der Mannschaft, Jeremy Lamb. Dass Charlotte Kembas beste Saisonleistung, 60 Punkte gegen die Philadelphia 76ers am 18. November, nicht in einen Sieg umzumünzen vermochte, fasst das Jahr ganz gut zusammen.

Zur Deadline versuchte GM Mitch Kupchak seinem Franchise Player in Person von Marc Gasol endlich etwas Hilfe zur Seite zu stellen, jedoch wurde er von Masai Ujiri und den Toronto Raptors mit einem nicht gerade überwältigenden Paket überboten – der Rest ist bekannt.

Ähnlich unspektakulär und öde wie die gesamte Saison der Hornets verlief die des vierfachen NBA Champions und Finals MVPs 2007 Tony Parker. Das finale Jahr der Spurs-Legende im Trikot der Hornets erhält denselben historischen Stellenwert wie Karl Malones bei den Lakers oder Hakeem Olajuwons bei den Raptors, nämlich gar keinen.



Offseason Agenda

Was macht Kemba? Die Antwort auf diese Frage entscheidet die nahe Zukunft der Hornets. Walker, dreifacher All-Star und zuletzt ins All-NBA Third Team gewählt, wird zum ersten Mal in seiner Karriere Unrestricted Free Agent und den wichtigsten Vertrag seiner Karriere unterschreiben.

Bislang streifte Kemba sein Jersey für verhältnismäßig groteske 12 Mio. $ jährlich über, ein Relikt aus der Zeit vor dem neuen TV-Deal. Jetzt steht endlich der große Zahltag bevor: Die Hornets können ihrem Point Guard einen Supermax-Fünfjahresvertrag über stolze 221 Mio. $ anbieten, andere Teams vier Jahre und 140 Mio. $.


Und an Angeboten sollte es nicht mangeln. Der im New Yorker Stadtteil Bronx groß gewordene Walker wird schon länger mit beiden Klubs seiner Heimatstadt in Verbindung gebracht, auch die Dallas Mavericks, Indiana Pacers und Orlando Magic – sprich: so ziemlich alle Teams, die einen hochkarätigen Point Guard suchen – sind nachdrücklich an den Diensten des 29-Jährigen interessiert.

Die Los Angeles Lakers galten als größte Gefahr für Charlotte, infolge der Akquisition Anthony Davis' bleibt Lila-Gold zu Beginn der Free Agency aber voraussichtlich lediglich ca. 24 Mio. $ Cap Space. Nicht genug für einen All-Star, der jahrelang kriminell unterbezahlt war.

Sollte Kemba die Hornets verlassen, wird ein radikaler Umbruch unvermeidlich, die Veteranen Nicolas Batum und Marvin Williams zum Supersupersonderpreis verfügbar, ebenso wie Michael Kidd-Gilchrist, Cody Zeller und Bismack Biyombo. Dieses (mit viel gutem Willen) leidlich kompetitive Quintett belegt nach aktuellem Stand im nächsten Jahr über 85 Mio. $ Salär – was Charlottes seit Jahren vorherrschenden Irrweg durch den Treibsand ziemlich genau auf den Punkt bringt. Viel Geld für wenig Qualität.

Neben Walker wird Jeremy Lamb ebenfalls Free Agent. Pünktlich zum Contract Year absolvierte der 27-Jährige seine beste Saison (15,3 Punkte, 5,5 Rebounds, 2,2 Assists) und darf daher ebenfalls auf einige grüne Scheinchen mehr hoffen. Weil Lamb neben Walker der einzig potente Scorer im Aufgebot der Hornissen ist, müsste sich GM Mitch Kupchak eindringlich um seinen Guard bemühen. Sollte aber Walker seinen Maximalvertrag unterschreiben, wird ein lukrativer Deal für Lamb finanziell nicht ganz einfach zu stemmen.

Darüber hinaus wird Frank Kaminsky Restricted Free Agent. Die Hornets versuchten zur Deadline, ihren stagnierenden Shooting Big abzustoßen. Dies gelang zwar nicht, suggeriert aber, dass Kaminsky kommendes Jahr mit Charlottes Segen wahrscheinlich für ein anderes Team aufläuft.


Draft

Der zwölfte Pick geht nach Carolina. Die Chancen auf einen Sprung in die Top-4 bei der Draft Lottery war ohnehin gering (4,8%), sodass die Enttäuschung über dieses Ergebnis sicherlich nicht sonderlich groß ausfallen dürfte.

Mit Picks in dieser Region haben die Hornissen zuletzt ihre Erfahrungen gemacht. 2017 drafteten sie Malik Monk an elfter Stelle, 2018 nach einem Trade mit den LA Clippers Miles Bridges an zwölfter. In der zweiten Runde darf Charlotte infolge diverser Trades gleich zwei Mal ran, mit dem 36. und 52. Pick.


Zukunft

Alles hängt an Kemba – doch selbst wenn dieser seinem einzigen NBA-Team treu bleibt, drohen weitere Jahre des Mittelmaßes, mit einem der hinteren Playoff-Ränge in der Eastern Conference sowie einem chancenlosen First Round Exit als best case. Mit oder ohne Kemba wäre ein harter Rebuild womöglich sogar sinnvoller, als weitere Jahre krampfhaft mit dem verzweifelten Griff nach dem achten Platz zu verschwenden.


Im Sommer 2020 wird die Franchise erstmals durchatmen, wenn sie die albernen Deals von Biyombo (17,0 Mio. $), Williams (15,0 Mio. $) und Kidd-Gilchrist (13,0 Mio. $) von der Payroll streichen dürfen, im darauffolgenden Jahr dann die von Batum (27,1 Mio. $) und Zeller (15,4 Mio. $).

Bis dahin liegen die kurzfristigen Hoffnungen auf einem Quantensprung der Youngster Monk, Bridges (beide 21), Dwayne Bacon (23) und Devonte' Graham (24). Ein solcher alleine wird aber nicht reichen, um Charlotte endlich auf Kurs zu bringen.