17 Juni 2019

17. Juni, 2019


Während in Toronto die Champagnerkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2018/19 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die Cleveland Cavaliers.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 17. Juni, 2019


Saison 2018/19

Jahr eins nach LeBron ist überwunden und es lief wie erwartet (befürchtet). Für Big Man Tristan Thompson waren die Cavs weiter das 'team to beat' (O-Ton Ende September) – geschlagen wurden sie dann auch nicht zu knapp: Die Cavs verloren elf ihrer ersten zwölf und 14 der ersten 16 Spiele. Damit war schon Ende November in Stein gemeißelt, dass die Playoffs und auch die Finals zum ersten Mal seit 2014 ohne Cleveland stattfinden.

Mehr als zwei gewonnene Spiele in Folge gelang den schwer dezimierten Cavaliers im ganzen Jahr nicht, mit 19-63 Siege wurden sie nur noch von den New York Knicks unterboten. Mehr war aber angesichts der verbrannten Erde, die König James in seinem Land hinterlassen hat, ohnehin nicht möglich.

Hoffnungsträger Collin Sexton sorgte nicht für die herbeigesehnte Erlösung, mit seinen erst 20 Jahren war der achte Pick des Drafts 2018 allerdings als sofortiger Fixpunkt dieser Resteverwertung in keiner beneidenswerten Situation. Für die Wahl ins All-Rookie Second Team hat es dank eines soliden Endspurts (22,4 Punkte im März, 20,2 im April) immerhin noch gereicht.


GM Koby Altman nutzte die sportliche Irrelevanz, um die wenigen verwertbaren Assets zukunftsträchtig zu veräußern. Nacheinander verschacherte er Kyle Korver, George Hill, Sam Dekker, Rodney Hood und Alec Burks für eine Wagenladung Erstrunden- und Zweitrunden-Picks. Das war dann auch schon die größte Errungenschaft der Cleveland Cavaliers 2018/19.


Offseason Agenda

Kein Cap Space! Richtig gelesen, die Cavs bieten eine der miesesten Truppen der Liga auf, stehen aber dennoch nur knapp unter der Luxussteuergrenze und bezahlen in der nächsten Saison beinahe 100 Mio. $ für Kevin Love, Tristan Thompson, Brandon Knight, Jordan Clarkson, John Henson und Matthew Dellavedova. Thanks, LeBron.

Nicht mit eingerechnet in diesen finanziellen Auffahrunfall sind die 15,7 Mio. $ vom seit Monaten verbannten J.R. Smith. Dessen nicht-garantierter Vertrag ist ein gefragter Trade Chip, weil lediglich ein kleiner Teil garantiert ist. Der Deal muss bis zum 30.6. gekündigt werden, daher wird J.R. spätestens kurz vor der Free Agency entweder direkt entlassen oder getradet und von seinem neuen Team vor die Tür gesetzt. Die Miami Heat sind angeblich sehr an letzterem Szenario interessiert, grundsätzlich wird sich aber jedes Team, das dringend die Payroll zu senken gedenkt, mit einem Trade um Smith beschäftigen.

'Trade' ist auch das richtige Stichwort, denn in der Free Agency wären die Cavaliers nicht mal mit massig Cap Space ein Faktor. Koby Altman weiß genau, dass der Rebuild nur via Draft oder eben via Trade gelingen wird. Dabei richten sich alle Augen auf Kevin Love, dem letzten wirklich wertvollen Anlagegut.

Love sitzt auf einem millionenschweren Vertrag bis 2023, genau das macht den fünffachen All-Star so interessant für Mannschaften, die in der Free Agency leer ausgehen respektive ihre besten Spieler nicht zu halten pflegen.

In Cleveland wird immer wieder betont, man plane langfristig mit Love. Dies darf aber getrost als Säbelrasseln und Preistreiben abgetan werden, denn mit seinen bald 31 Jahren wird der Big Man eine kompetitive Cavs-Mannschaft während seines Zenits nicht mehr erleben, das sollte inzwischen auch Tristan Thompson verstanden haben. Der letzte Mohikaner des Championship Teams 2016 (neben J.R, Thompson sowie Rückkehrer Dellavedova) ist und bleibt einer der namhaftesten Stammgäste in der Gerüchteküche.

Fakten schaffte Altman bereits auf der Trainerbank. Den (zurecht) geschassten Tyronn Lue respektive Interimsnachfolger Larry Drew beerbt in John Beilein eine Legende des College-Basketballs. Beilein wurde seit Jahren mit dem Sprung in die NBA in Verbindung gebracht.


Mit nun 66 Jahren wagt er es und bringt über 40 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit jungen Basketballern nach Ohio, was als Kernkompetenz in der derzeitigen Verfassung der Cavaliers das richtige Einstellungskriterium ist. Unterstützt wird Beilein von Ex-Memphis Grizzlies Head Coach J.B. Bickerstaff, der sich in den letzten Jahren jede Menge Erfahrung im Verlieren angeeignet hat und daher auch nicht ganz falsch in Cleveland gelandet ist.


Draft

Nick Gilbert hat sein Mojo als Glücksbringer verloren. Vielleicht wäre der vierte No. 1 Pick nach 2010, 2013 und 2014 auch zu viel des Guten, dennoch gehen die Cavs als klarer Verlierer aus der Lottery. Die mathematisch besten Chancen auf den ersten Pick sowie 52,1% in den Top-4 zu landen reichten nicht aus, Cleveland ist erst an fünfter Stelle an der Uhr.


An 26. Stelle dürfen sie dann noch mal mit dem Pick der Houston Rockets, da Koby Altman freundlicherweise zur Deadline die Verträge von Knight und Marquese Chriss absorbierte. Einen 2nd Round Pick halten die Cavs nicht, dieser ging 2015 drauf, um J.R. Smith und Iman Shumpert von den Knicks zu befreien.


Zukunft

Wüst und leer. Solange Cleveland keinen Spieler findet, um den es sich lohnt, eine Mannschaft aufzubauen, agieren sie nicht nur im Tabellenkeller sondern auch ohne Perspektive. Zion Williamson wäre ein solcher Spieler gewesen, vielleicht sogar der designierte zweite Pick Ja Morant.

Solange sich die Cavs auf der Suche nach einem neuen Gesicht der Franchise befinden, wird Altman für die Altlasten der LeBron-Ära weiter fleißig Picks einsammeln, während die Mannschaft Abend für Abend Prügel bezieht. Die Cavs sind – um einen alten Gassenhauer heranzuziehen – 'two years away from being two years away'.