18 Juni 2019

18. Juni, 2019


Während in Toronto die Champagnerkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2018/19 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die Memphis Grizzlies.

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner | 18. Juni, 2019


Saison 2018/19

Die Erwartungen vor der Saison waren nicht hoch. Was die Grizzlies dann in den ersten Saisonwochen aufs Parkett brachten überraschte jedoch und wurde für einen kurzen Augenblick so etwas wie die Nummer eins Feelgood-Story der gesamten NBA.

Am Morgen des 22. November stand nach 17 Spielen, also immerhin knapp über 20% der Saison, eine Bilanz von 12-5 hinter dem Namen der Tennessee-Franchise. In einer extrem umkämpften und historisch starken Western Conference rangierten sie damit sogar auf dem ersten Platz. In den restlichen 65 Spielen kamen dann lediglich 21 weitere Siege hinzu, sodass die Grizzlies am Ende der Saison eher um gute Lottery-Odds als um die Playoff-Teilnahme spielten.

Spätestens zur Trade-Deadline stellte das Front Office der Grizzlies die Weichen für eine tabellarisch eher nach unten orientierte restliche Saison. Auch der Ausfall von Rookie Jaren Jackson Jr. nach 58 wechselhaften, aber durchaus hoffnungsvollen Spielen, bekräftigte die Entscheidung, diesen Weg einzuschlagen.


Der Trade von JaMychal Green und Garrett Temple, die in der frühen Saisonphase ein durchaus wichtiger Teil des Erfolgs waren, zu den LA Clippers war dabei nur eine Randnotiz. Denn mit der vor allem emotional schwierigen Entscheidung, Marc Gasol nach Toronto zu traden, machte die Franchise einen weiteren Schritt in Richtung des endgültigen Endes der Grit'N'Grind-Ära.

Als letzter Vertreter dieser Epoche spielte Mike Conley einmal mehr eine bemerkenswerte Saison und ließ trotz aller Umstände nie den Kopf hängen. Dass Gasol die Saison am Ende als Champion beendete und somit auch einen kleinen Teil der Franchise, die er entscheidend mitprägte, in die Feierlichkeiten brachte, ist ein passender Abschluss für eine seltsam unstetige Saison.


Offseason Agenda

Nach vielen Jahren mit Kontinuität, die aus den relativ langweiligen Memphis Grizzlies eine der Franchises mit dem besten und wiedererkennbarsten „Markenkern“ machte, zögerte Besitzer Robert Pera nach dem Ende der Regular Season nicht lange damit, größere Änderungen zu verkünden. Coach J.B. Bickerstaff musste nach nur einem Jahr als Head Coach seine Koffer packen und General Manager Chris Wallace wurde genau wie John Hollinger innerhalb der Franchise in eine neue Rolle platziert.

Die Nachfolger für die degradierten Akteure kommen aus den eigenen Reihen, aber Jason Wexler und Zachary Kleiman bringen mit ihrem analytischeren Ansatz eine neue Denkweise und frischen Wind ins Front Office. Mit der sehr akribischen Trainersuche, die mit der Verpflichtung von Taylor Jenkins endete, der wie Quin Snyder und Kenny Atkinson zuvor als Assistent unter Mike Budenholzer gearbeitet hatte, gibt das neue Führungs-Duo einen ersten Einblick in die Arbeitsweise.

Während der Draft dank der Lottery-Ergebnisse aus aktueller Sicht keine allzu großen Herausforderungen oder Überraschungen bietet, stehen aber einige fundamentale Entscheidungen an.

An erster Stelle steht die Zukunft von Point Guard Mike Conley, der gemeinsam mit Marc Gasol quasi alle Franchise-Rekordlisten anführt. Wird er ein weiteres Jahr beim einzigen NBA-Team verbringen, für das er jemals gespielt hat, oder führt ihn ein Trade in eine neue Situation, die sportlich anspruchsvoller ist?

Bereits zur Trade-Deadline im Februar führten die damaligen Verantwortlichen Trade-Gespräche mit verschiedenen Teams, beispielsweise den Indiana Pacers und Detroit Pistons. Die Nachfolger werden die Situation neu bewerten und voraussichtlich zeitnah entscheiden, wie Conleys NBA-Zukunft aussehen wird.


Eine weitere spannende Entscheidung betrifft Jonas Valančiūnas, der kürzlich seine Spieler-Option für die kommende Saison abgelehnt hat und für den die Grizzlies, für die er nach dem Gasol-Trade im Februar ein durchaus ansprechendes Saisonende gespielt hat, der erste Ansprechpartner sein werden.

Ob Memphis auch Cap Space für sonstige Verpflichtungen haben wird hängt von möglichen Trade-Aktivitäten ab, die neben Conley auch beispielsweise Kyle Anderson oder C.J. Miles betreffen könnten. Ein ganz besonderes Trade-Asset ist der Vertrag von Avery Bradley: Dieser ist nur über zwei Mio. $ garantiert, wenn er vor dem 3. Juli gewaivt wird, in einem Trade zuvor schlägt er aber mit zwölf Mio. $ zu Buche. Für gegnerische Teams, die zu Beginn der Free Agency also Cap Space generieren wollen oder müssen, ist dieser Kontrakt ein wertvolles Hilfsmittel.

Der konkrete Verlauf der Offseason und die Rolle, die die Grizzlies darin einnehmen werden, hängt primär von der Conley-Entscheidung ab, mit der spätestens in den ersten Wochen der Free Agency, wahrscheinlicher sogar schon zum Draft, zu rechnen ist.


Draft

Es gilt als nahezu sicher, dass mit dem Pick an Nummer zwei Ja Morant, der Point Guard von der Murray State University, zum Roster der Grizzlies stoßen wird. Draft-Experten sind sich weitgehend einig, dass Morant nach Zion Williamson der talentierteste Spieler dieses Draft-Jahrgangs ist.

Für Memphis bietet die Konstellation, die sich durch ihr Glück in der Lottery ergeben hat, die Möglichkeit, einen nahtlosen Übergang der Generation Conley/Gasol hin zu Morant/JJJ zu gewährleisten. Der Neustart wird in diesem Sommer eingeläutet, egal ob dabei ein Übergangsjahr eingelegt wird, in dem Conley als Lehrmeister für seinen Nachfolger agieren kann, oder ein Conley-Trade zu einem kompletten Reset führt.


In Runde zwei stehen die Grizzlies aktuell ohne Pick da, eventuell könnte sich das aber vor oder während dem Draft Day noch ändern.


Zukunft

Ein blutjunges Duo wird aller Voraussicht nach die neue Zeitrechnung der Grizzlies-Franchise einläuten. Rund um Morant und Jackson Jr. (beide 19 Jahre alt) eine ähnlich schlagfertige Truppe aufzubauen wie es bei Conley und Gasol jahrelang der Fall war, wird die große Herausforderung, die das neu strukturierte Front Office gemeinsam mit Coach Jenkins bewältigen muss. Diese Ausgangslage ist nicht so komfortabel, dass eine große erfolgreiche Ära unmittelbar bevorstünde, aber sie bietet definitiv ein solides Fundament, auf dem eine gute Zukunft basieren kann.