04 Juni 2019

4. Juni, 2019


Während die Toronto Raptors und Golden State Warriors den NBA-Titel unter sich ausmachen, haben die anderen Franchises die Saison 2018/19 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die Minnesota Timberwolves.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 4. Juni, 2019


Saison 2018/19

Mit der ersten Playoff-Teilnahme seit 2004 im Rücken und ohne nennenswerte Abgänge in der Offseason waren die Wölfe eigentlich prädestiniert, im Westen wieder voll anzugreifen. Eigentlich – doch der Start in die neue Spielzeit wurde überschattet von einer gigantischen Soap Opera rund um Minnesotas besten Spieler Jimmy Butler und ruinierte die Saison komplett.

Frustriert über die offenbar lasche Arbeitshaltung der ehemaligen No. 1 Picks Karl-Anthony Towns und Andrew Wiggins forderte Arbeitstier Butler mit Blick auf seine bevorstehende Free Agency lautstark einen Trade.

Minnesotas Coach und President of Basketball Operations in Personalunion, Tom Thibodeau, blieb überzeugt, seinen langjährigen Weggefährten Butler zum Bleiben überreden zu können. Mit dieser drastischen Fehleinschätzung sorgte Thibs jedoch nur für noch mehr Unruhe, die ihren bizarren Höhepunkt in einem Trainingsspiel fand, in dem Butler zusammen mit Reservespielern und Statisten besagtem, seiner Meinung nach verhätschelten, Duo verbal wie physisch die Grenzen aufzeigte.

Anfang November sahen sich die Wolves schließlich gezwungen die Reißleine zu ziehen und tradeten Butler zusammen mit dem dauerverletzten Center Justin Patton zu den Philadelphia 76ers, die dafür Dario Šarić und Robert Covington sowie als Dreingabe Jerryd Bayless und einen 2nd Round Pick des Drafts 2022 in den hohen Norden schickten.

Thibodeau war nach diesem Desaster nicht mehr zu halten, einzig der Zeitpunkt seiner Demission überraschte, bis Anfang Januar blieb der Coach of the Year 2011 in Amt und Würden. Interimsnachfolger Ryan Saunders brachte die sportlich gänzlich irrelevante Saison halbwegs anständig über die Bühne. Die letztlich erzielten 36-46 Siege waren in der Western Conference bei weitem zu wenig und reichten nur für den elften Platz – deutlich unter den gesteckten Zielen.


Offseason Agenda

Die wichtigsten Fragen sind bereits geklärt. Zum neuen Teampräsidenten und Nachfolger Thibodeaus neben dem Feld ernannten die Wolves in Gersson Rosas einen Anti-Thibodeau, einen Verfechter des modernen Basketballs. Rosas arbeitete 16 Jahre bei den Houston Rockets, zuletzt als Exekutiver in Daryl Moreys Stab. Die Wolves freuen sich fortan also auf eine Portion „Moreyball“ bzw. auf Rosas' Interpretation.

Wie unter einem neuen starken Mann üblich steht im Sommer Alles und Jeder auf dem Prüfstand. Karl-Anthony Towns ist als Franchise Player gesetzt, der gesamte Rest scheint entbehrlich.







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Die erste und wichtigste Amtshandlung Rosas betraf den Trainerstuhl, auch hier galt es einen Vollzeit-Nachfolger Thibodeaus zu finden. Die Wahl fiel auf den Interim: Saunders, Sohn der viel zu früh verstorbenen Wolves-Legende Flip Saunders, erhält weiter das Vertrauen der Chefetage. Anders als Thibodeaus Assistenten. Diejenigen mit auslaufendem Vertrag mussten allesamt die Koffer packen. Saunders wird einen eigenen Stab aufbauen, um die Thibodeau-Ära rasch hinter sich zu lassen.

Auch auf dem Parkett hat Rosas viel zu tun. Sein erstes Jahr wird davon geprägt sein, das ihm hinterlassene Minenfeld – namentlich die vollständig garantierten Verträge von Gorgui Dieng (ca. 33,5 Mio. $ bis 2021) und Andrew Wiggins (ca. 122 Mio. $ bis 2023) – zu entschärfen.

Besonders viel Handlungsspielraum bleibt ihm hierfür vorerst nicht. Jeff Teague hat bereits seine 19 Mio. $ schwere Option fürs nächste Jahr gezogen und wird weiterhin für die Wölfe auflaufen. Damit steht Minnesota ziemlich genau bei 109 Mio. $ Gehaltskosten, was der erwarteten Salary Cap-Grenze entspricht.

Somit bleibt nicht viel Geld für Neueinkäufe respektive um die eigenen Free Agents zu halten: Taj Gibson ist nach der Addition Šarićs einigermaßen entbehrlich geworden und mit seinen bald 34 Jahren ohnehin ungeeignet für den soften Rebuild im Wolfsrudel. Gleiches gilt für Luol Deng (ebenfalls 34).

Ob der zuletzt wieder erblühte Derrick Rose ohne Coach und Mentor Thibodeau bei den Wolves weitermachen will ist fraglich, zumal der einstige MVP zumindest auf finanziell lukrativere Deals als den Minimumdeal hoffen darf, den er letzten Sommer in Minnesota unterzeichnete.

Eine größere Typveränderung ist also nur via Trade möglich. Vor allem die für Butler akquirierten Šarić und Robert Covington haben definitiv einen Markt. Auch der nächstes Jahr auslaufende Deal der in Minnesota weitgehend ünglücklich agierenden Jeff Teagues wird spätestens zur Trade Deadline im kommenden Februar ein interessanter Trade-Chip.

Dass sich Rosas ein Beispiel an Sam Hinkie, einem weiteren Padawan Daryl Moreys, nimmt und ähnlich wie dieser die Philadelphia 76ers von 2013 bis 2016 komplett umkrempelt, darf nicht ausgeschlossen werden. Wahrscheinlicher ist aber erst einmal ein Übergangsjahr, in dem Minnesota nicht nur auf die weitere Entwicklung Towns' und eine Besinnung Andrew Wiggins' hofft, sondern auch auf einen merklichen Sprung der restlichen Jungwölfe Tyus Jones (23), Keita Bates-Diop (23) und Josh Okogie (20).


Draft

Frische Hilfe wird in der Draft-Nacht ins Rudel stoßen, wenn die Wolves an elfter Stelle auswählen. Aufgrund der Umbruchstimmung und wegen Rosas' beruflichem Background ist von einem positionsunabhängigen 'best player available'-Pick auszugehen.


In der zweiten Runde haben die Wölfe ebenfalls einen Pick, allerdings nicht den eigenen (#40), dieser geht an die Sacramento Kings. Stattdessen darf Minnesota an 43. Stelle mit dem Pick der Miami Heat auswählen.


Zukunft

Es ist kompliziert. Minnesota hat einen jungen und hochbegabten Franchise Player in Karl-Anthony Towns, der jedoch ebendiesen Status erst noch unter Beweis und Skeptiker ruhig stellen muss, die in ihm einen B-Star sehen, einen Scottie Pippen.



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Thibs „Timberbulls“-Altlasten wird Rosas zügig entfernen, allerdings kostet die bevorstehende Umgestaltung mindestens ein weiteres Jahr der sportlichen Wettbewerbsfähigkeit. Auf Playoff-Basketball muss das Target Center also wieder verzichten, dafür steht nach Jahren des zähen Thibodeau-Basketballs eine aufstrebende und dynamische junge Truppe sowie wahrscheinlich ein hoher Pick beim Draft 2020 in Aussicht.