17 Juni 2019

17. Juni, 2019


Während in Toronto die Champagnerkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2018/19 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die New York Knicks.

von MARC LANGE @godzfave44 | 17. Juni, 2019


Saison 2018/19

Zuerst hatten sie kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu. Diese Weisheit von Ex-Fußball-Profi Jürgen Wegmann beschreibt die Saison der New York Knicks eigentlich perfekt. Die komplette Spielzeit war im Big Apple darauf ausgelegt, so schlecht wie möglich abzuschneiden. Diese Aufgabe wurde mit Bravour erfüllt. Ganze 17 Spiele gewannen die Knickerbocker.

Doch die leiderprobten Fans New Yorks nahmen die Niederlagen gern in Kauf. Immerhin musste hier das große Ganze betrachtet werden. Denn mit jeder Klatsche kamen die Knicks dem großen Preis im diesjährigen Draft ein wenig näher: Zion Williamson. Der Ausnahmeathlet sollte eine neue Ära im Madison Square Garden einläuten. An die erfolgreichen Zeiten von früher anknüpfen. Doch das natürlich nicht allein: Seit Wochen brodelte die Gerüchteküche, dass auch Kevin Durant mit an Bord wäre, um die Knicks nach Jahrzehnten wieder zu einem waschechten Contender zu machen. Doch es kam anders. Und wie es anders kam!


Die Losfee beim Draft hatte andere Pläne für New York. Der erste Pick wanderte nach New Orleans, welche nun mit Sicherheit selbst Zion Williamson verpflichten werden. Doch die Knicks wären nicht die Knicks, wenn es das schon gewesen wäre. Auch die Personalie Kevin Durant wird – zumindest im kommenden Jahr – nicht im weiß-orangenen Trikot auf Korbjagd gehen. Wegen seiner Achillessehnenverletzung wird der „Slim Reaper“ wohl mindestens zehn Monate ausfallen, wahrscheinlich kein Saisonspiel für irgendein Team bestreiten.

Nun muss die Franchise improvisieren. Ein Plan B muss her. Einziger Wermutstrophen für ein völlig verkorkstes Jahr: Zumindest gibt es keine finanziellen Einschränkungen, um in der Free Agency ordentlich mitzumischen.


Offseason Agenda

Eine Sache hat New York im Sommer garantiert: Cap Space. Und zwar jede Menge davon. Dank des Trades von Kristaps Porzingis und diverser auslaufender Verträge kann der Klub in der Free Agency aus den Vollen Schöpfen (rund 70 Mio. $ für kommende Saison).

Das ist auch nötig, denn die Knicks sind auf fast jeder Position extrem dünn oder schwach (oder beides) besetzt. Mit Dennis Smith Jr., Emmanuel Mudiay und Frank Ntilikina hat das Team jedoch zumindest drei talentierte und günstige Aufbauspieler in den eigenen Reihen. Wobei einer der drei genannten auch in manchen Trade-Szenarien sicherlich eine Rolle spielen könnte.

Ansonsten ist das Ziel klar: Die Franchise will mindestens einen Superstar an Land ziehen, am liebsten natürlich zwei. Doch das könnte schwieriger werden als es noch vor etwa zwei Monaten der Fall war. Der eigentliche Plan war sicherlich durch den Draft von Zion und die Verpflichtung von Kevin Durant New York als Destination für weitere Free Agents attraktiver zu machen. Dieser Plan ist nun Geschichte.


Einige namenhafte Spieler haben sich außerdem bereits zu anderen Team bekannt. Dazu gehören u. a. der Neu-Laker Anthony Davis und wohl auch Kyrie Irving, dessen Unterschrift in Brooklyn mittlerweile nur noch Formsache zu sein scheint. Spieler wie Kemba Walker, Jimmy Butler oder Kawhi Leonard sind sicherlich auch auf dem Radar der Knicks, jedoch werden sie bei keinem dieser Spieler bislang als favorisierter, neuer Arbeitgeber gehandelt.

Was für Optionen bleiben da also noch? Die wahrscheinlichste und gleichzeitig riskanteste: Kevin Durant trotz seiner Verletzung diesen Sommer das Maximum bieten und beten, dass er 2021 wieder bei vollen Kräften ist. Gleichzeitig einen nicht wirklichen Star mit Geld überschütten, um überhaupt jemanden abzugreifen, der nächste Saison gemeinsam mit dem dritten Pick im Draft das Parkett für die Knicks betritt. Ein Move, der typischer New York nicht sein könnte.


Draft

In der Draft-Nacht dürfen die Knicks zweimal ran. Ihnen gehört der 3. und 55. Pick. Wobei die Augen natürlich besonders stark auf den dritten gerichtet sind. Wie bereits erwähnt, wird aus der Love-Story von Zion und dem Big Apple nichts. Auch der hochangepriesene Ja Morant wird kein Cappy mit dem Knicks-Logo erhalten. Stattdessen wird es mit dem dritten Pick, aller Wahrscheinlichkeit nach, auf R.J. Barrett hinauslaufen.


Natürlich ist die Trauer um die verpasste Chance auf Zion groß, doch mit Barrett können sich die Knicks auf einen bereits sehr „fertigen“ Rookie freuen, der auf dem Flügel direkt Verantwortung übernehmen kann/soll/muss, je nachdem wie man es nennen möchte. Was nicht vergessen werden sollte: Lange Zeit wurde der Kanadier sogar als erster Pick in einer in der Spitze starken Draft-Klasse gehandelt. Ob Barrett also wirklich nur ein „Trostpreis“ ist, wird sich ab Oktober zeigen.


Zukunft

Das Draft Lottery-Drama und die Verletzung von Durant haben New York zwei saftige Tiefschläge zugefügt. Zwar ist viel Geld für mögliche Neuverpflichtungen vorhanden, doch es könnte diesen Sommer daran scheitern, dass einfach keiner der wirklich großen Stars ein Jahr seiner Karriere auf dem zehnten Platz in der Eastern Conference verschwenden möchte. Sind wir ehrlich: R.J. Barrett und ein neuer Top-Spieler würden zwar dafür sorgen, dass Knicks-Spiele wieder ansehnlich werden, doch vom Status eines Contenders wäre New York immer noch so weit entfernt wie Ex-Knick Enes Kanter von einer freiwilligen Einreise in Istanbul.

Das soll jedoch nicht heißen, dass auch in Zukunft alles schlecht bleibt. Die Franchise kann in dieser Offseason den Grundstein für eine neue Ära legen – auch wenn sie vielleicht nicht Gebrauch von ihrem Cap Space machen. Demnach wird es noch Zeit brauchen, ehe wieder oben angegriffen wird.

Das gilt auch, falls noch ein neuer Superstar verpflichtet wird. Ganz besonders, wenn es sich dabei um Kevin Durant handelt. Die Fans werden sich also darauf einstellen müssen, auch nächstes Jahr zu dieser Zeit noch keine Larry O'Brien Trophäe bejubeln zu dürfen. Aber es könnte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder so etwas wie leichte Euphorie im Madison Square Garden Eingang finden. Ein Gefühl, das der gebeutelten Anhängerschaft zu gönnen wäre.