19 Juni 2019

19. Juni, 2019


Während in Toronto die Champagnerkorken knallen, haben die anderen Franchises die Saison 2018/19 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die Portland Trail Blazers.

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner | 19. Juni, 2019


Saison 2018/19

Die Portland Trail Blazers sind seit einigen Jahren immer wieder eines der Teams, das vor Saisonbeginn zu möglichen Wackelkandidaten im Playoff-Rennen der traditionell hart umkämpften Western Conference gezählt wird. Selbst nach fünf Playoff-Teilnahmen in Folge schien die Konkurrenz dieses Jahr wieder enorm stark und die alljährliche Frage „sollte Portland das Backcourt-Duo Lillard/McCollum aufbrechen und einen der beiden traden?“ wurde auch in der vergangenen Offseason gestellt.

Was dann folgte war die mit 53 Siegen zweiterfolgreichste Regular Season in den vergangenen zehn  Jahren, die sechste Playoff-Teilnahme in Folge und als Sahnehäubchen obendrauf die erfolgreichste Postseason seit 99-00, in der zuletzt die Western Conference Finals erreicht wurden. Insbesondere dank Damian Lillard, der eine Regular Season, die ihm völlig zurecht einen Platz im All-NBA Second-Team einbrachte, mit einer ungeahnten Leistungssteigerung in den Playoffs krönte.


Umgeben von seinem allzeit verlässlichen kongenialen Backcourt-Partner C.J. McCollum, dem chronisch unterschätzten 3&D-Flügel Al-Farouq Aminu sowie dem bosnischen Bären Jusuf Nurkić marschierte Lillards Team durch die Regular Season und erreichte Rang drei und damit Heimvorteil.

Dass trotz der bitteren Verletzung von Nurkić, der bis dato die in allen Facetten beste Saison seiner Karriere spielte, ein erfolgreicher Playoff-Run zu Stande kam, lag insbesondere an der Fähigkeit der Rollenspieler und „Nachrücker“, die den Saisonverlauf dieses Teams entscheidend mitprägten.

Egal ob Buyout-Addition Enes Kanter und Youngster Zach Collins, die Nurkićs Ausfall so gut wie möglich kompensierten, Seth Curry, der spät zum Team gestoßene Rodney Hood oder erfahrene Trail Blazer wie Evan Turner und Mo Harkless – jeder trug einen entscheidenden Teil zum Gesamterfolg bei. Selbst Rotationsspieler wie Jake Layman, Meyers Leonard hatten Momente, in denen sie herausstachen.


Offseason Agenda

Nach einer Saison, in der dieses ohnehin von jahrelanger Kontinuität geprägte Roster endlich den Durchbruch geschafft hat, ist diese Kontinuität wohl so konsensfähig wie nie zuvor während der Ära Lillard/McCollum. Es gibt keinen Grund etwas anderes als „weiter so“ zu fordern und auch die Vertragslage lässt genau das sehr einfach zu.

In Lillard, McCollum, Turner, Nurkić, Harkless, Leonard, Collins, Anfernee Simons, Skal Labissiere und Gary Trent stehen bereits zehn Spieler für die kommende Saison unter Vertrag. Es wird nicht einfach, die auslaufenden Verträge der Spieler Aminu, Curry und Hood in Oregon zu halten oder im Falle eines Falles ebenbürtig zu ersetzen, aber dieses Ziel muss mit oberster Priorität auf dem Offseason-Plan stehen.

Wenn dieses Ziel erfolgreich verläuft und die Free Agents zurückgeholt werden könnte eine teure Luxussteuer-Rechnung drohen, doch wenn sie das Team verlassen, ist es den Trail Blazers aufgrund der Salary Cap Beschränkungen kaum möglich, relevanten Ersatz zu holen. Einzig die Taxpayer Midlevel-Exception von voraussichtlich 5,7 Mio. $ sowie Minimum-Verträge steht ihnen dafür zur Verfügung. Mögliche Ziele zu nennen fällt daher schwer, denn insbesondere in einem Markt, der relativ viele Teams mit reichlich Cap Space beinhaltet, scheint es möglich, dass viele Spieler lukrativere Angebote erhalten und nur wenig relevante Spieler für Minimal-Verträge übrig bleiben.

Mögliche andere Veränderungen des Rosters durch Trades sind zwar möglich, aber angesichts der aktuellen Verträge eher unwahrscheinlich. Bei den Top-Stars gibt es keinen Grund sie abzugeben und andere Spieler sind entweder zu teuer (Leonard, Turner) um für andere Teams wirklich interessant zu sein oder noch nicht weit genug um einen wirklich relevanten Gegenwert auf dem Trade-Markt zu erzeugen (Simons, Trent).

Abseits des Courts haben die Blazers bereits zu Beginn der Offseason Nägel mit Köpfen gemacht und die Route der Kontinuität bekräftigt. Die beiden Architekten des langjährigen Erfolgs, General Manager Neil Olshey und Coach Terry Stotts, deren gute Zusammenarbeit in den letzten Jahren ein Garant für die anhaltende Playoff-Serie ist, erhielten beide Vertragsverlängerungen als Bestätigung für vergangene und Motivation für ihre zukünftige Arbeit.



Draft

Der diesjährige Talent-Jahrgang genießt einen eher weniger positiven Ruf. Jedoch liegt das eher an der relativ unspektakulären Auswahl zwischen Pick vier und 14 als an der Tiefe des Drafts 2019. Insbesondere die Gegend zum Ende der ersten Runde, wo auch die Blazers mit ihrem dieses Jahr einzigen Draft-Pick, Nummer 25, ein Talent wählen dürfen, gilt als reich an Spielern mit spannenden Attributen, die durchaus mit der richtigen Entwicklung zu überraschend guten NBA-Spielern werden können.

Portlands Vorteil dabei ist, dass aufgrund des recht gut gefüllten, erfahrenen Roster kein konkreter, akuter Bedarf existiert, sondern recht flexibel der beste verfügbare Spieler ausgewählt werden kann.

Beispiele dafür sind Guard Mattis Thybulle, der in Washingtons Zone Defense historische 3,5 Steals und 2,2 Blocks erzielen konnte, Stanfords Allzweckwaffe auf dem Flügel K.Z. Okpaka, der körperlich kleine, aber in großen Momenten ganz große Purdue Point Guard Carsen Edwards, oder Dylan Windler, der für Belmont seine Fähigkeiten als 3&D-Wing unter Beweis gestellt hatte.


Zukunft

Die wichtigsten Spieler in Portlands Roster sind aktuell in der Mitte ihrer Prime, somit sollte das Team in der Lage sein kurzfristig das aktuelle Leistungsniveau halten zu können, auch wenn keine ganz großen Sprünge zu erwarten sind. Ein Titel-Run ist insbesondere in der engen und plötzlich überraschend offenen Western Conference nicht ausgeschlossen, aber nur schwer plan- und realisierbar.


Die Zielsetzung des realistischen und bodenständigen Front Office, das auf möglicherweise riskante Upside-Trades verzichtet hat auch als die Rufe danach lauter wurden, dürfte eher sein, die Playoff-Serie so lange wie möglich aufrecht erhalten zu können. Wenn dabei weitere Teilnahmen an den Conference Finals rausspringen ist das natürlich das i-Tüpfelchen und ermöglicht auch nach noch Höherem zu streben. Aber das ist dann eher die Kür als die Pflicht und die pflichtbewusste Franchise aus Oregon und ihre Fans könnten wohl in jedem Fall damit leben, wenn sie weitere fünf Jahren „nur“ ihre Pflicht erfüllen und damit Playoffs erleben können.