26 Juni 2019

26. Juni, 2019


Während die Reste der Championship-Parade von den Straßen gefegt werden, muss auch der Champion die Saison 2018/19 langsam abhaken und in die Zukunft blicken. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die Toronto Raptors.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 26. Juni, 2019


Saison 2018/19

Hoch gepokert und alles gewonnen. Masai Ujiri musste nicht wenig Kritik einstecken, als er vergangenen Sommer nicht nur den später zum Coach of the Year gewählten Dwane Casey entließ, sondern anschließend sogar Franchise Player und Identifikationsfigur DeMar DeRozan für Kawhi Leonard zu den San Antonio Spurs tradete.

Fragezeichen hinter Kawhis Langzeitplänen und Gesundheitszustand, Fragezeichen hinter der Akzeptanz durch DeRozans BFF Kyle Lowry, Fragezeichen hinter Rookie-Trainer Nick Nurse, Fragezeichen, ob diese Truppe „LeBronto“ wirklich hinter sich lassen kann. Inzwischen sind diese Fragezeichen in Demut einem dicken Ausrufezeichen in Form der Larry O'Brien Trophy gewichen – der Weg dorthin war allerdings steinig.

Toronto galt bis in die Finals hinein nie Favorit auf den Titel. In der Regular Season dominierten die Milwaukee Bucks mehr, auch weil die Raptors ihren neuen Superstar Leonard immer wieder prophylaktisch schonten, dafür den Term „Load Management“ kreierten. Selbst die Addition von Marc Gasol zur Trade Deadline veränderte nicht das Stimmungsbild, denn die Konkurrenten der Eastern Conference hatten ebenfalls namhaft aufgerüstet.

Bis tief in die Playoffs blieben die Schatten der Vergangenheit präsent. Der spätere Champion zeigte sich nie durchweg dominant. In Runde eins verloren sie das erste Spiel zu Hause gegen die deutlich schwächeren Orlando Magic. In Runde zwei stand die Serie wortwörtlich auf Messers Schneide und erst Leonards vierfacher Abpraller mit dem Buzzer in Spiel 7 schickte die Philadelphia 76ers in die Sommerpause. In den Conference Finals verloren die Dinos die ersten beiden Spiele in Milwaukee und gewannen Spiel 3 auf heimischem Parkett erst nach zweifacher Overtime.

Dass sie sich von all dem nie unterkriegen ließen ist das Markenzeichen des NBA Champions 2019. Toronto stand mehrfach vor dem Aus, war jedoch stets zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle.

Ironischerweise lagen sie in jeder Serie hinten, nur nicht gegen die Warriors in den Finals. Besonders auswärts spielte Toronto wie entfesselt, gewann alle drei Spiele in der Bay Area und stürzte damit den favorisierten Titelverteidiger. Der Rest ist Geschichte...



Offseason Agenda

Alles liegt in den Klauen von Kawhi Leonard. Zwei Szenarien hierzu: Entweder hat Leonard verstanden, dass die Chancen auf sportlichen Erfolg in Toronto groß sind, dass die Raptors ihm Stadt und Franchise zu Füßen werfen, daher nimmt er die Herausforderung Titelverteidigung an. Oder aber die Raptors sind für ihn ein erfolgreiches beendetes Projekt und er macht sich zum nächsten auf, vornehmlich in der Heimatstadt Los Angeles (Clippers, nicht Lakers).

Der zweifache Finals MVP gehört zu den undurchschaubarsten Charakteren der Association, eine wirklich fundierte Prognose ist daher nicht ohne weiteres möglich. Ein Maximalvertrag wird es so oder so werden, nur die Länge des Kontrakts bleibt Objekt der Spekulation. Kawhi könnte für fünf Jahre in Toronto respektive für vier Jahre bei einem anderen Team unterzeichnen, oder aber wie vor ihm LeBron James oder Kevin Durant einen 1+1 Vertrag fordern, d. h. ein Jahr plus Player Option, um sich alle Möglichkeiten offen zu halten.


Leonard ist einer der großen Dominosteine, vor dem die anderen nicht fallen. Extern wie intern. In Toronto selbst ist das vor allem Danny Green, ein weiterer Veteran und Stütze des Meisterschaftsteams. Green wird zum 1.7. Unrestricted Free Agent und trotz einer durchwachsenen Postseason am offensiven Ende Angebote aus allen Ecken des Landes erhalten. Der 32-Jährige verkörpert als treffsicherer und defensivstarker Flügel den perfekten Rollenspieler für den modernen Basketball.

Neben Green kann der erst im Februar von den Memphis Grizzlies geholte Marc Gasol Free Agent werden, dazu müsste er allerdings eine über 25 Mio. $ schwere Player Option verstreichen lassen. Dies ist heutzutage zwar keine Selbstverständlichkeit mehr, wie die Personalie Al Horford zeigt.


Draft

Die Raptors haben ihren 1st Round Pick im Draft im Zuge des Kawhi Leonard-Trades abgegeben, dieser landete auf der No. 29 und somit im verschmerzbaren Bereich.

Mit ihrem 2nd Round Pick entschieden sich die Kanadier an 59. Stelle für Dewan Hernandez, einen 22 Jahre alten variablen Forward von der University of Miami, der in einem Small Ball Lineup auch als verkappter Center funktioniert.


Zukunft

Selbst wenn der Worst Case eintreten sollte und Leonard die Raptors verlässt, muss sich keiner um den Champion 2019 sorgen. Die Titelverteidigung rückt dann kurzfristig zwar in weite Ferne, mit Pascal Siakam, Fred Van Vleet (beide 25) sowie dem in den Playoffs leider verletzten O.G. Anunoby (21) stünde dennoch bereits der Kern für einen soften Rebuild bereit. Ob Ujiri dann mit Gasol (34) und/oder Lowry (33) weiter machen würde, lässt sich nicht vorhersehen.





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Nach diesem historischen Playoff-Run und dem ersten Titelgewinn einer kanadischen Mannschaft bleibt aber zu hoffen, dass ein Abgang Kawhis nicht eintritt und der Meister in voller Stärke die Herausforderung als Gejagter der Liga annimmt.