11 Juni 2019

11. Juni, 2019


Während die Toronto Raptors und Golden State Warriors den NBA-Titel unter sich ausmachen, haben die anderen Franchises die Saison 2018/19 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die Utah Jazz

von ANNO HAAK @kemperboyd | 11. Juni, 2019


Saison 2018/19

Es gibt eine weit verbreitete Sicht auf die Utah Jazz. Sie besagt, das Team sei ein klassisches 'Caught in the middle'-Team. Viel, viel zu stark, um Aktien in der Lotterie zu kaufen, aber eben auch viel, viel zu schwach, um mehr als anständige Kurzfilme von sich selbst in den Playoffs zu drehen. Die abgelaufene Saison wirkt wie eine Projektion dieses Klischees.

Man quält sich im brutalen Westen, der LeBron James' 12-jährige Playoffherrschaft zu einem Ende und die Spurs auf Rang sieben brachte, zu 50 Siegen, um dann bei der Rockets-Marsch-ins-Oakland-Verderben Spalier zu stehen. Da klopft sich der Rebuild-Gourmet vor Entzücken ob der eigenen gedanklichen Überlegenheit auf die Schenkel und Draymond Green lächelt versonnen bis gedankenverloren.

Dabei wird – und wurde schon in den vergangenen Jahren – gerne vergessen, dass die Jazz schon zahlenmäßig ein NBA Topteam sind. Nur die Megalomaniacs aus den Finalsstädten, Houston, Boston und San Antonio holten seit 2016 mehr als die 149 Siege der Jazz. Keins außer den genannten Teams gewann seitdem mehr als die zwei Playoffserien, die die Jazz holten.



Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Utah Jazz (@utahjazz) am

Es tritt hinzu, dass sich die Jazz resultatstechnisch sogar unter Wert verkauften und in den vergangenen Jahren regelmäßig weniger Siege einfuhren, als es ihr Net-Rating hätte erwarten und verdienen lassen. Gerade im Westen, in dem wenige Siege den Unterschied zwischen dem unmachbaren und dem Lala-Matchup bedeuten können, bedeutet das viel.

Nicht zuletzt sind die beiden Top-Stars des Teams jünger als Lammfleisch auf dem Grill der Mormonen am Salzsee (Gobert wird kurz vor der Offseason 27, Mitchell feiert erst kurz vor dem nächsten Saisonstart den 23.). Gemessen daran steht das Team aus einem der kleinsten NBA-Märkte nicht nur mittelfristig mehr als ordentlich da, sondern sind auch die in diesem Jahr geholten 50 Siege mehr als zufrieden stellend.


Offseason Agenda

Wenn man mit dieser 3-Jahres-Bilanz und dem Ausblick auf weiteres win now in eine Offseason geht, in der der Starting Point Guard Deines Teams in die Vertragsfreiheit geht, dann erscheint TOP 1 der Tagesordnung in den warmen Monaten klar. Doch, ach: der Mai war noch nicht gegangen, da meldete die digitale Buschtrommel bereits, Ricky Rubio sei für die Jazz „keine Priorität“.


Das mag man angesichts der Verletzungsanfälligkeit (auch 2019 wieder nur 68 Spiele) und der unverändert nicht weggeimpften Wurfallergie (auch 2019 nur ca. 30% von hinter der Linie, die die moderne NBA-Welt bedeutet) verständlich sein. Doch schon die Tiefenliste, die wir angloamerikanisch Bediensteten Depth Chart nennen, weist auf der Eins hinter dem Spanier Dante Exum und Raul Neto aus und lässt Augenbrauen nordwärts wandern. Immerhin Neto darf man als „stetig entwickeltt“, und zwar in dieselbe Richtung wie die Brauen, bezeichnen. Jedoch: „Nachweis, dass Neto als Starter ein Team tragen kannt“ wäre selbst im Juli ein Hottake.

Vielleicht aber träumen die Jazz auch schlicht von einem Maximal-FA als Nummer drei neben/hinter/mit dem französischen Dauer-DPOY-Kandidaten und Mitchell. Die ca. 40 Mio. $., die es dafür brauchte, könnten die Jazz zwar beschaufeln. Doch setzte das voraus, dass wirklich alle nicht garantierten Verträge von der Karte gehen. Zu diesen aber gehören neben Neto auch der Privilegienreflektierer, der wie Zweieinhalb-Männer-Hauptdarsteller in den späten Jahren aussieht, und Derrick Favors, der überbezahlt sein mag, dessen 23 Minuten mit rund 60 eFG% man aber auch erst mal substituieren müsste.

Dass es wirklich den nächsten Schritt bedeuten würde, das aktuelle Roster für teures Geld zusammenzuhalten, darf man in der Tat bezweifeln, v. a. da es ab 2020 gelten wird, Ben Simmons' Nemesis langfristig am Salzsee zu halten. Für ähnlich zweifelhaft darf man aber halten, dass Gobert und Mitchell als Magneten für die Irvings, Durants, Leonards und Co. dieser Welt ausreichen und die traditionelle Abneigung großer Free Agents gegen den kleinen kalten Markt im Nordwesten überwinden helfen. Es wird eine richtungsweisende für die Jazz, so oder so.


Draft

Picks 23 und 53 stehen den Jazz zu. Womöglich lösen die Jazz auf diesem Weg das Problem auf der Spielmacherposition, das Rubio so oder so darstellt. An solchen Positionen in der Auswahl findet man keine Starter, wird nun mancher greinen, und bei jedem anderen Team (außer den Spurs) würde man emphatisch zustimmen. Doch wer für Pick 46 in 2013, Pick 24 in 2017, Trey Lyles und ein wenig Bargeld ein Superstarduo in Denver findet, von dem ist ein Starting PG an Position 23 ja nicht zu viel verlangt.


Zukunft

Relativ teures Mittelmaß oder gut anzuguckendes winning Team? Was auch immer Utah in diesem Sommer von der Tischkante zieht, die Bewertung wird eine Frage der Perspektive sein.




Ein Beitrag geteilt von Utah Jazz (@utahjazz) am

Die Fragen, ob Mitchell einen Contender führen, Gobert ein offensiv moderner Big werden kann, ob Snyder ein überschätztes One-hit-Wonder oder ein nachhaltig erfolgreicher Coach ist, das alles wird auf dem Scheiterhaufen der Karriere von Ricky Rubio entschieden, aber nicht in diesem Sommer. Jedenfalls theoretisch könnte in der Ausgangslage 2019 kaum jemand außer den LA Clippers und den Portland Trail Blazers besser für die Post-Warriors-Rockets-Ära gerüstet sein als die Utah Jazz.