12 Juni 2019

12. Juni, 2019


Während die Toronto Raptors und Golden State Warriors den NBA-Titel unter sich ausmachen, haben die anderen Franchises die Saison 2018/19 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Im gewohnten 30er Split analysiert die #NBACHEF-Redaktion alle Teams, ihre Situation und den bevorstehenden Sommer. Heute: Die Washington Wizards.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 12. Juni, 2019


Saison 2018/19

Mit hohen Ambitionen gestartet – „Über 50 Siege, Top-2 im Osten, Conference Finals“ (O-Ton John Wall) – wurden die Wizards bald schon von der Realität eingeholt und die menschliche wie sportliche Inkompatibilität des Kaders offenbar. Washington gewann nur eine der ersten acht Partien.

Von diesem debakulösen Fehlstart erholten sich die Zauberer nicht mehr, obwohl früh in der Saison mit der Addition Trevor Arizas qualitativ nachgerüstet wurde. Als sich dann auch noch der (nominelle) Franchise Player John Wall Ende des Kalenderjahres 2018 die Achillessehne riss, waren sämtliche Hoffnungen auf eine Aufholjagd dahin.

Zwar spielte Washington ohne den wegen seines fehlendes Wurfes inzwischen umstrittenen Wall nicht schlechter, manche sagen sogar besser, allerdings war die Last auf den Schultern des neuen Fixpunktes Bradley Beal dennoch zu groß.

Daher warfen die Verantwortlichen früh das Handtuch, tradeten zur Deadline Otto Porters dicken Vertrag im Austausch für Jabari Parker und Bobby Portis zu den Chicago Bulls – ein Zug mit der eindeutigen Intention, kurzfristig und langfristig Geld zu sparen. Denn Parkers 20 Mio. $ schwerer Vertrag hat eine Team Option für 2019/20 und weil Washingtons Personal trotz sportlichem Offenbarungseid zum kostspieligsten der Liga gehört, verschafft ihnen dieser Kontrakt respektive das Nichtziehen der Option ein wenig Boden unter den Füßen. Um die Payroll weiter zu senken und somit die Luxussteuer zu vermeiden, gaben die Wizards in Markieff Morris einen weiteren Starter ab, sogar ohne sportlichen Gegenwert.

Entsprechend dieser Downgrades war ab Februar die Luft raus, Washington beendete die Saison wie sie sie begonnen hatten, mit einer deftigen Niederlagenserie: Zehn der letzten zwölf Spiele gingen verloren, obwohl sich Beal nach Kräften bemühte (30,9 Punkte im Februar, 26,8 im März).


Unterm Strich bleibt eine Horror-Spielzeit voller Enttäuschungen und Rückschläge, die für die Hauptstadt nicht früh genug enden konnte. 32-50 Siege und Rang elf in der Eastern Conference sind Zeuge eines Jahres zum Vergessen.


Offseason Agenda

Erste Konsequenzen wurden prompt gezogen und GM Ernie Grunfeld noch vor dem letzten Spiel von seinen Pflichten entbunden. Teambesitzer Ted Leonsis versuchte als neuen starken Mann Tim Connelly von den Denver Nuggets abzuwerben, dieser entschied sich jedoch für einen Verbleib in der Mile High City.

In ihrer Verzweiflung visieren die Wizards inzwischen Masai Ujiri an, den Architekten des jüngsten Erfolgs der Toronto Raptors. Leonsis lockt sogar mit ein paar Prozenten Anteilen an der Franchise, allerdings ist auch hier ein Wechsel unwahrscheinlich, da Ujiri in Toronto deutlich fruchtbarere Voraussetzungen vorfindet respektive geschaffen hat, zudem steht er noch zwei Jahre unter Vertrag.


Ein Plan B scheint nicht vorzuliegen. Angesichts der chaotischen Zustände in Washington überrascht es daher kaum, dass die Franchise eine Woche vor dem Draft und weniger als drei Wochen vor Beginn der Free Agency keinen General Manager beschäftigt. Womöglich muss also Interim Tommy Sheppard alle wichtigen Entscheidungen des Sommers treffen.

Definitiv ist dabei nur eine: Dass die Wizards die erwähnte Team Option auf Jabari Parker ziehen, darf getrost ausgeschlossen werden. Ansonsten hat Sheppard die Qual der Wahl. Bei gleich fünf Spielern stellt sich die Frage nach einem Qualifying Offer: Tomáš Satoranský, Sam Dekker, Bobby Portis, Thomas Bryant und Chasson Randle werden Restricted Free Agents, wenn die Wizards das möchten.

Dazu wird der erst im Dezember verpflichtete Trevor Ariza Unrestricted Free Agent, ebenso wie Routinier Jeff Green. Besonders Ariza wird wegen seiner Flexibilität und seines guten Rufs als Teamplayer heiß umworben sein, bereits im Laufe der Saison versuchten mehrere Teams, die Wizards beim Trade für Ariza auszustechen.

Bislang stehen nur fünf Spieler mit garantierten Gehältern fürs nächste Jahr unter Vertrag, diese fressen aber bereits 90 Mio. $ und somit über 80% des prognostizierten Caps. Zwei dieser Spieler: Ian Mahinmi (kassiert 15,5 Mio. $ im nächsten Jahr) und Dwight Howard (keine Pointe). Und das sind nicht einmal die schlechtesten Neuigkeiten.


Draft

Denn auch in der Lottery war den Zauberern das Glück nicht hold, im Gegenteil. Passend zum sportlichen Saisonverlauf fielen sie im Draft Ranking entgegen der mathematischen Wahrscheinlichkeit von Rang sechs bis auf neun, wurden beim Ping-Pong-Glücksspiel von gleich drei Teams überholt.

Mit dem neunten Pick lässt sich im als nicht übertrieben tief geltenden Jahrgang 2019 kein Retter in weißer Rüstung finden, zumindest aber ein talentierter und kostengünstiger Spieler, der den Kader weiter verjüngt.

Einen eigenen 2nd Round Pick halten die Wizards in den nächsten vier Jahren nicht.


Zukunft

Die fatalen Fehlentscheidungen Grunfelds werden die Franchise noch eine Zeit lang beschäftigen. 170 Mio. $ ließen sich die Wizards den neuen Vertrag von John Wall kosten, der erst ab diesem Sommer greift und bis 2023 gültig ist (Player Option über 47,3 Mio. $ im letzten Jahr).

Für einen Point Guard ohne Wurf, der wegen einer Achillessehnenverletzung womöglich nie wieder auf Top-Niveau spielen kann, sind das äußerst finstere Aussichten. Der Kontrakt des No. 1 Picks 2010 ist völlig untradebar, selbst wenn die Wizards sämtliche verfügbaren Draft Picks opfern.


Immerhin haben sie in Bradley Beal ein neuen legitimen Franchise Player, der dazu in der Lage ist, eine Mannschaft zu führen. Beal wird jedoch Hilfe benötigen, die ambitionierten Ziele der Geschäftsleitung („We will never, ever tank!“ – Ted Leonsis) zu erreichen. Mit bald 26 Jahren steht der zweifache All-Star noch vor seiner Prime.

Weil aber Beals Kontrakt in zwei Jahren ausläuft und er als einziges wertvolles Anlagegut des Hauses in Frage kommt, um den gigantischen Scherbenhaufen via Trade zu minimieren, wird sich der neue General Manager der Wizards (falls Leonsis je einen ernennt) spätestens im Sommer 2020 mit Trade-Angeboten auseinandersetzen müssen. Bis dahin bleiben sie die Franchise der NBA, mit der keiner, wirklich keiner, tauschen möchte.

Um diesem Desaster namens Washington Wizards wenigstens eine positive abschließende Note zu verpassen: Die Hauptstädter halten alle ihre zukünftigen First Round Picks. Immerhin.