15 Juli 2019

15. Jul, 2019


Selbst in diesem verrückten Sommer verliert in der NBA zumindest die Free Agency Mitte/Ende Juli an Fahrt. Die namhaftesten Spieler haben ihren neuen Kontrakt unterzeichnet, die meisten Teams ihre Roster gefüllt und nur noch minimalen oder gar keinen Cap Space übrig. Daher lohnt sich ein erstes Fazit: Die NBACHEF-Redaktion hat die Rechnung parat.

von NBACHEFSQUAD  | 15. Jul, 2019


Der WTF-Moment des Sommers

Christoph Lenz @NBAKenner: Die Überschrift sollte in „Der Sommer des WTF-Moments“ umgestellt werden. Denn die Liga, die in den letzten Jahren, egal wie die individuelle Bewertung dessen ausfällt, ohne jeden Hauch eines Zweifels die in Sachen Team-Wechsel und Gossip-Faktor die unangefochtene Nummer Eins in den USA war, drehte nun völlig frei. Die Höhepunkte einer selbst für NBA-Verhältnisse unvorhersehbaren Offseason (siehe das Free Agent B-I-N-G-O) lagen definitiv beim aus den Tiefen irgendeines versteckten Huts gezauberten Leonard/George-Erdbebens sowie dem Westbrook/Paul-Trade. Die Essenz dieser beiden Trades ist ein weiterer WTF-Moment, nämlich: WTF hat der König des Sommers, Sam Presti, innerhalb weniger Wochen aus einem mehr oder weniger aussichtslosen Mittelmaß-Team gemacht? Die mit Sicherheit hoffnungsvollste Zukunft aller NBA-Franchises.

Stefan Dupick @hoopsgamede: Kawhi bringt Paul George mit nach LA. Es wurde viel gemutmaßt, aber niemand hatte dieses Szenario auf dem Schirm. Auch aus Sicht der Thunder sieht der Deal nicht schlecht aus, neben Gallo und SGA gibt es ein halbes Dutzend Picks, nicht so schlecht.

Jonas Röhrig @jonasRo19: Diesen Sommer gab es viele Meldungen aus der NBA, die einen wirklich überraschten, doch als das Treffen von Kawhi Leonard mit den Raptors Züge einer Verfolgungsjagd annahm, war für mich der Höhepunkt erreicht. Dass das Interesse an seiner Entscheidung enorm groß war ist verständlich, doch einen Sportler mit Hubschraubern zu verfolgen und live darüber zu berichten, ist eventuell etwas zu viel des Guten. Zumal bekannt war, dass Leonard das Treffen gerne anonym gehalten hätte, was die Situation nur noch skurriler machte.


Marc Lange @godzfave44: D'Angelo Russell zu den Golden State Warriors. Es war defintiv der bizarrste Move in der gesamten Free Agency. Von allen Möglichkeiten, Kevin Durants Abgang zu kompensieren: Wer hätte jemals gedacht, dass ein Sign-and-Trade-Geschäft mit Russell für stolze 117 Mio. $ zustande kommt? Es wurden einige wilde Szenarien zum Thema Durant ausgemalt. Dieses toppte jedoch alles – und war der Grund für einige leise (und laut) ausgesprochene WTFs in diversen NBA-Haushalten.

Daniel Schlechtriem @W14Pick: Die ersten Stunden nach offizieller Geschäftsöffnung, übrigens eine sehr gute Idee von Commissioner Adam Silver, jene auf humane Uhrzeiten vorzuverlegen. Direkt nach dem Gongschlag flossen sintflutartig neue Deals über die bekannten Kanäle, sodass kaum Zeit blieb, sie zu verarbeiten oder den Überblick zu bewahren. WTF im positiven Sinne.


Der bedeutsamste Wechsel

Lenz: Der Wechsel, der in beiden Conferences die Machtverhältnisse signifikant verschoben hat, ist natürlich der von Finals MVP Kawhi Leonard. Während Toronto die Saison als Titelverteidiger ohne den zentralen Star und ohne große Hoffnung auf Wiederholung dieser Errungenschaft antreten muss, ist sein neues Team plötzlich (laut den Buchmachern in der Wüste Nevadas) der Topfavorit der gesamten Liga. Werden sie dieser Favoriten-Rolle gerecht und „The Claw“ gewinnt als erster Spieler der NBA-Geschichte mit drei unterschiedlichen Franchises Titel und Finals-MVP, wird der Wechsel noch bedeutsamer, da wir dann ein sehr ernstes Gespräch über seinen Platz im Pantheon der Superstars führen müssen.

Dupick: Es kann nur einen geben! Kawhi entscheidet sich gegen den Meister, gegen die Big Three und für den kleinen LA-Bruder. Mit Abstand der bedeutendste Deal des Sommers.

Röhrig: Die Folgen des Wechsels von Kawhi Leonard zu den Clippers waren mit Abstand die bedeutsamsten in diesem Sommer. Nicht nur gab er so LeBron eine deutliche Absage und schuf durch das Rekrutieren von Paul George einen weiteren erstzunehmenden Contender, er brachte auch Balance in die NBA. Denn so offen wie in der kommenden Saison, war das Rennen um den Titel schon lange nicht mehr.

Lange: Kawhi Leonard zu den LA Clippers. Nicht nur, weil sich Steve Ballmers Team den großen Preis in der Free Agency 2019 sicherte. Auch wegen der Lawine an folgenden Transaktionen, die dieser Wechsel auslöste. Paul George landete durch Kawhis Entscheidung ebenfalls bei den Clippers. Westbrook, der daraufhin nicht mehr allein in OKC sein wollte, wechselte nach Houston, die wiederum Chris Paul dafür abgaben. Nicht zu vergessen sind auch die gefühlten 100 Draft Picks, die sich die Thunder in diesem Trade-Wahnsinn sichern konnten. Es war der Domino-Effekt der gesamten Free Agency.






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Schlechtriem: Kawhi Leonard zu den Clippers, weil er die Raptors damit aus dem Rennen um die Titelverteidigung nimmt und gleichzeitig seinen neuen Brötchengeber in die Riege der Contender hievt. Davon ab unterschreibt er nur bis 2021 fest und hält damit das Schicksal des kleinen Bruders der Lakers in den nächsten beiden Jahren fest in seiner Klaue.


Der beste freie Spieler

Lenz: Da die Free Agency trotz (oder gerade wegen) der ungewöhnlich hohen Anzahl an Free Agents ungewöhnlich schnell Fahrt aufgenommen hatte, bleiben schon nach zwei Wochen nur noch klare Ergänzungsspieler übrig. Es gibt die Oldies wie Jamal Crawford, Kyle Korver, Shaun Livingston, Pau Gasol, Joakim Noah und Vince Carter, die vorerst gescheiterten Talente, die eine zweite (oder dritte) Chance suchen wie Marquese Chriss, Cheick Diallo und Dragan Bender, die Spieler, die zuletzt nicht mehr in der NBA waren wie Carmelo Anthony, oder die Big 3 Akteure Joe Johnson und Amar'e Stoudemire. Irgendwo zwischen diesen Kategorien versteckt sich in Justin Holiday der vielleicht beste Spieler dieser Gruppe, der mit seinem soliden 3&D-Profil einem Contender wirklich helfen kann.

Dupick: Viel ist inzwischen nicht mehr auf dem Markt, es werden bestimmt noch einige Buy-Outs kommen, von den aktuellen Free Agents gehe ich jedoch mit Joakim Noah. Seine besten Jahre liegen weit hinter ihm, dennoch hat der Franzose in Memphis solide Leistungen gebracht und kann einem Contender helfen.

Röhrig: Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es nicht mehr wirklich viele brauchbare Spieler auf dem Free Agent Markt. Doch Big Man Kenneth Faried hat noch kein neues Team für die kommende Saison. Faried spielte für die Rockets, nach der Verletzung von Clint Capela, in der regulären Saison eine solide Rolle und lieferte seine bisher statistisch beste Saison ab. Er könnte als Backup Center auch in der kommenden Saison bei einem Playoff Anwärter 15-20 solide Minuten spielen.

Lange: Kenneth Faried. Der ehemalige Nugget hauchte seiner NBA-Karriere letzte Saison in Houston wieder etwas Leben ein. Mit 13 Punkten und acht Rebounds in 24 Minuten war der 29-Jährige definitiv ein Faktor für den Erfolg der Rockets in der zweiten Saisonhälfte. Zwar hat Faried es bis heute nicht geschafft, sein Spiel am offensiven und defensiven Ende des Parketts an das der modernen Big Man der Liga anzupassen. Doch allein durch seine physische Präsenz und Energie von der Bank kann er für einige Teams ein effektiver Rollenspieler sein.

Schlechtriem: Vince Carter! Einst „Half man, half amazing“, heute unverwüstlicher Veteran, Locker Room Leader und eine Bereicherung für alle 30 NBA-Teams. Carter dunkt auch mit Anfang 40 noch und legt an guten Abenden 15 bis 20 Punkte auf. Die Frage, bei welcher Mannschaft er 2020 seine Karriere beenden wird, ist die spannendste der verbleibenden Free Agency. Hoffentlich bei den Raptors.



Der Dirk-Nowitzki-Award für den teamfreundlichsten Vertrag

Lenz: Zu „klassischen Schnäppchen“ könnte sich beispielsweise der Vertrag von Kevon Looney in Golden State oder Jeremy Lamb in Indiana entwickeln. Auch DeMarcus Cousins wird seinen günstigen Vertrag mit Sicherheit wert sein. Der Vertrag, der unterm Strich aber dem Team gegenüber am „freundlichsten“ war, allein durch die Tatsache, dass sich an seinem Ende die Unterschrift befindet, ist der Vertrag von Kawhi Leonard, der selbst mit einem Maximalvertrag über nur drei Jahre, statt wie zuerst erwartet vier, der positivste, wichtigste und am Ende auch teamfreundlichste Vertrag dieses Sommers.

Dupick: KD und Kyrie verzichten in Brooklyn auf den Max um einen weiteren Spieler mitzubringen! Das ist wahrlich teamfreundlich, wenn der dritte „Star“ dann jedoch DeAndre Jordan heißt, geht die Teamfreundlichkeit wieder verloren.




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Röhrig: Kevon Looney unterschrieb für 15 Mio. $, um für drei weitere Jahre bei den Warriors zu spielen. Der Center verzichtete allerdings auf Geld, um Golden State mehr Flexibilität unter dem Salary Cap zu geben. Looney überzeugte in den Playoffs, auch gegen kleinere Gegenspieler war er defensiv sehr beweglich und offensiv nutzte er sehr effektiv die Lücken, die von Curry und Thompson gerissen wurden. Vergleichbare Center (die nicht in den Playoffs spielten) wie zum Beispiel Thomas Bryant oder Dewayne Dedmon unterschrieben 3-Jahresverträge über 25 und 40 Millionen.

Lange: DeMarcus Cousins. 3,5 Mio. $ für ein Jahr? Ja, der Center hatte in den vergangenen zwei Jahren mit Verletzungen zu kämpfen und eine Verpflichtung trägt daher ein gewisses Risiko mit sich. Aber ein fitter Cousins ist ohne Frage einer der besten Big Man in der NBA und macht durch sein Skillset jedes Team besser. Hinzu kommt, dass er sein „Wiedereinfindungsjahr“ nach der schlimmen Achillessehnenverletzung bereits hinter sich hat und bei den Lakers schneller wieder Anschluss finden sollte. Für mich ist sein Vertrag also eine klassische Low Risk, (very) High Reward-Geschichte.

Schlechtriem: Austin Rivers und James Ennis haben auf Geld verzichtet, um für ihre bisherigen Teams auf Ringjagd zu gehen, das macht sie zu Kandidaten auf diesen Award. Allerdings steht ihr Einfluss nicht im Verhältnis zu dem, den DeMarcus Cousins bei den Lakers haben wird, zumindest auf dem Papier. Zur Erinnerung: Am 30. Juni 2018 waren Cousins die 40 Mio. $ in zwei Jahren bei den New Orleans Pelicans nicht genug. Jetzt muss er sich das zweite Jahr in Folge einen niedrigen Kurzzeitdeal begnügen, der sich eher in seinem schlechten Ruf und seiner Verletzungsanfälligkeit als in seiner Qualität und seinem Potential begründet. Die Lakers haben wenig zu verlieren: Wenn er sich wieder verletzt oder nicht mehr alte Leistungen zeigt, haben sie wenig investiert und immer noch JaVale McGee in der Hinterhand. Davon ab: Cousins in einem Locker Room mit eben McGee, Rondo, LeBron, KCP und vielleicht sogar noch J.R. und Melo?! Wer möchte das nicht sehen... ?


Der Miles-Plumlee-Award für den miesesten Vertrag

Lenz: Die Teams werden schlauer und vorsichtiger was das Herausgeben von hochdotierten Verträgen angeht. Es bedarf keiner allzu großen Verrenkungen um eine Argumentation dafür zu stricken, dass in diesem Sommer kein Vertrag im Kontext des jeweiligen Teams, dessen Standort und/oder Roster-Konstruktion, definitiv „mies“ ist. Nichtsdestotrotz ist im Vakuum und im Verhältnis zum Rest der Liga am ehesten der Vertrag von Tobias Harris in diese Kategorie einzuordnen. 180 Millionen für fünf Jahre sind für einen Spieler von Harris' Format sicher zu viel. Wie gesagt im Gesamtkontext der Sixers nicht per se „mies“, aber dennoch „der mieseste“ Vertrag der Offseason 2019.


Dupick: Der mieseste Vertrag des Sommers ist der 40 Mio. $ Deal für vier Jahre für DeAndre Jordan. DJ hat in den letzten beiden Jahren kaum Leistung gebracht und zudem haben die Nets in Jarrett Allen den Center der Zukunft bereits im Kader. Ein absolut unnötiger Deal, wenn auch nicht absurd teuer.

Röhrig: Bisher muss man feststellen, dass die Anzahl richtig schlechter Deals in diesem Sommer (Stand jetzt) nicht besonders hoch ist. Doch warum die Hornets Terry Rozier in den nächsten drei Jahren knapp 60 Mio. $ zahlen, werden wohl nie erfahren. Nach starken Playoffs 2018 enttäuschte er letzte Saison mit schwachen Quoten (42% FG / 35% 3FG) und fragwürdiger Einstellung. Die Hornets waren nach dem Abgang von Kemba Walker panisch auf der Suche nach einem neuen Point Guard und haben in den Vertragsverhandlungen wohl nur gegen sich selbst geboten.

Lange: Terry Rozier. Die Hornets zahlen in den nächsten drei Jahren 58 Mio. $ für Rozier, der damit genauso viel Geld verdient, wie Kemba Walker in den letzten acht Jahren. Wahrscheinlich erinnerte sich das komplette Front Office der Hornets an die guten Leistungen von „Scary Terry“ in den Playoffs 2018, als ihm dieser Vertrag ausgehändigt wurde. Anders kann diese Summe nicht zu erklären sein. Rozier ist kein schlechter Spieler, allerdings bei weitem nicht auf dem Niveau von Walker. Der ehemalige Celtic agierte bislang nur als Back-Up, ist extrem abhängig von dem gesamten Flow der Offensive um ihn herum und dass er in seiner Karriere noch nie 40 Prozent von Downtown geworfen hat, ist definitiv auch kein Argument für die rund 20 Millionen, die er in den kommenden drei Spielzeiten jährlich verdienen wird.

Schlechtriem: Mit Rozier gehe ich mit. Ursprünglich dachte ich, er müsse aufgrund der Tiefe auf seiner Position einen kurzen Vertrag zu geringen Bezügen oder gar eine Rolle als Back-Up akzeptieren. Das völlig überzogene Angebot der Hornets unterstreicht stattdessen einmal mehr deren Schwäche in der Führungsetage sowie die Planlosigkeit Michael Jordans. Dass dieses Fiasko auf dem Mist von Mitch Kupchak gewachsen ist, kann ich mir nicht vorstellen. Ebenfalls deutlich überbezahlt: Seth Curry bei den Mavericks. Und was sich die Suns beim Vertrag für Ricky Rubio gedacht haben, mag ich mir gar nicht erst ausmalen.