14 Juli 2019

14. Jul, 2019


Die Free Agency 2019 ist beinahe gelaufen, doch das Sommerloch hat die NBA noch nicht übernommen. Denn an der Trade-Front laufen die Maschinen jetzt erst so richtig heiß und machen auch vor den ganz großen Kalibern nicht halt. Wie immer serviert die Chefküche die wichtigsten Deals mundgerecht.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 14. Jul, 2019


Nicht nur im Internet, auch in der National Basketball Association kann es sehr schnell gehen. Diese Lektion lernte der Bürgermeister von Oklahoma City, David Holt, auf schmerzliche Weise.


Holts Tweet ist gerade einmal 14 Tage alt. Zum 30. Juni hatten die Oklahoma City Thunder in Paul George und Russell Westbrook zwei Superstars und keine Draft Picks. Heute, zwei Wochen später, stehen weder George noch Westbrook im Aufgebot der Thunder, dafür halten sie gefühlt sämtliche Picks des nächsten Jahrzehnts.

Der Wahnsinn des NBA-Sommers hat OKC eingeholt wie sonst kein Team. Waren sie vor zwei Wochen noch ein Playoff-Team mit Ambitionen auf einen der obersten vier Plätze der Western Conference, steht die Mannschaft nun nicht nur vor dem Rebuild, sondern auch vor dem Ende einer Ära – der ersten Ära der noch jungen Franchise-Geschichte.

Im Jahr 2008 zogen die Seattle SuperSonics nach Oklahoma City, wurden in Thunder umbenannt und bildeten bald schon die aufregendste junge Mannschaft der Liga um die späteren MVPs Kevin Durant, Russell Westbrook und James Harden. Die Jungen Wilden zogen 2011 in die Conference Finals ein, 2012 gar in die NBA Finals. Dann wurde Oklahoma City zu klein, zunächst für James Harden, dann für Kevin Durant.

Übrig blieb Westbrook, der sich die Thunder zu eigen machte und sie als Triple Double Maschine in den drei Jahren ohne Durant stets zu knapp 50 Siege und damit in die Playoffs führte. Bis vor zwei Wochen, als Bürgermeister Holt seinen Tweet absetzte, galt der achtfache All-Star als sicherer Kandidat für eine Karriere wie die Dirk Nowitzkis – der nie ein Spiel für ein anderes Team als seine Dallas Mavericks absolvierte. Nach Dirks Karriereende war Russ für eine kurze Zeit der Spieler, der am längsten bei seinem aktuellen Team unter Vertrag steht.


Die Schnelllebigkeit des professionellen Sports hat Westbrook und seine große Loyalität zu OKC übermannt, denn Paul Georges nachdrücklicher Wunsch, mit Kawhi Leonard zusammen für die LA Clippers zu spielen, wirft sämtliche Ambitionen der Thunder über den Haufen. Ohne George sind sie kein Anwärter für einen tiefen Playoff-Run, in der umkämpften Western Conference nicht einmal mehr ein sicherer Kandidat für einen Platz unter den besten Acht. Der Fokus der Thunder liegt daher ab sofort auf der Zukunft, nicht auf der Gegenwart.

Konsequenz der Dinge: Westbrook, der elf Spielzeiten lang blau-orange blutete, der den Thunder in ihrer schwersten Stunde, dem Abgang Durants 2016 treu geblieben war, läuft fortan nicht mehr im Trikot der Thunder auf. Sie schicken ihn zu den Houston Rockets, für die ganz im Gegenteil die Gegenwart zählt und nicht die Zukunft. Dass OKC ihm Houston als Wunschdestination erfüllt, spricht für die innige Verbindung zwischen Franchise und Spieler. Eine schmerzvolle, aber notwendige Trennung.


Der Trade 

HOU: Russell Westbrook
OKC: Chris Paul, 2024 1st Rd. Pick (HOU, Top-4 protected), 2026 1st Rd. Pick (HOU, Top-4 protected), 2021 Pick Swap (HOU, Top-4 protected), 2025 Pick Swap (HOU, Top-10 protected)



Rockets 

Der Deal unterstreicht auch auf der anderen Seite die Brutalität des Geschäfts NBA. Chris Paul kam erst vor zwei Jahren nach Houston, mit ihm an der Spitze neben James Harden legten die Raketen die erfolgreichste Regular Season der Franchise-Geschichte aufs Parkett und waren einen Sieg davon entfernt, die Durant-Warriors zu entthronen und damit nach über 20 Jahren den Titel zurück nach Houston zu bringen.

Insbesondere in den Playoffs, in der Serie gegen die Golden State Warriors, war Paul Houstons bester Mann. Nicht wenige glauben, dass Pauls Oberschenkelverletzung in Spiel 5 die damals in der Serie 3-2 hinten liegenden späteren Champions rettete.

CP3 verzichtete zunächst auf sicheres Geld in der Free Agency 2017, um via Opt-In und Trade von den LA Clippers zu den Rockets zu wechseln, die sich lange und intensiv um ihn bemüht hatten. Harden persönlich rekrutierte den Point Guard monatelang, um Last von den eigenen Schultern zu nehmen. In beiden Spielzeiten war Paul auf und abseits des Feldes ein Vorbild, rieb sich für Team und Kameraden auf. Erst kürzlich bestätigte Daryl Morey, dass Houston mit Paul und Harden in die neue Saison gehen wird.

Stattdessen nun der Blockbuster Trade, in dem die Texaner Paul als Teil eines dicken Pakets zu einem Team entsendet, das ihn direkt weitertraden wird, zu einer Mannschaft, mit der sich sein Traum von einer NBA Championship womöglich nicht realisieren lässt. Dankbarkeit sieht anders aus. Paul hat allen Grund, verärgert und enttäuscht aus Houston abzureisen.

Dabei ist der Deal aus sportlicher und wirtschaftlicher Sicht von Houstons Seite aus nachvollziehbar: Paul wird im Mai 2020 35 Jahre alt, in der abgelaufenen Saison spielte er die numerisch schlechteste Runde seit dem Rookie-Jahr. Schon zu Zeiten bei den Clippers kämpfte er immer wieder mit Verletzungen. Angesichts dieser Umstände sowie seines voluminösen, knapp 125 Mio. $ schweren Vertrags für die nächsten drei Jahre stieg für Houston das Risiko, das infolge des Niedergangs der Golden State Warriors wieder etwas geöffnete Championship-Fenster vollends zu verlieren.

Ihn gegen den vier Jahre jüngeren Westbrook zu tauschen lässt sich aus pragmatischer Sicht also rechtfertigen, zumal Russ und James Harden nicht erst bei den Thunder in der Association zusammen groß wurden, sondern schon als Kinder in South Central Los Angeles gemeinsam auf dem Court standen. Die Chemie der MVPs 2017 und 2018 wird stimmen, was zwischen Harden und Paul zuletzt nicht der Fall gewesen sein soll.


Davon ab erhalten die Rockets in Westbrook einen geborenen Wettkämpfer, der jedes Spiel mit voller Leidenschaft angeht und über den ehemalige Mitspieler nie ein böses Wort verlieren. Die Schwächen des 30-Jährigen vor allem im Wurf und in der Entscheidungsfindung sind ligaweit bekannt. Ihm zugute zu halten bleibt aber der Fakt, dass Westbrook in seiner gesamten Karriere vor allem hinsichtlich der offensiven Kreativität nie unter einem Coach vom Format Mike D'Antonis spielten durfte.

Auch die Vorbehalte, ob zwei so balldominante Spieler wie Westbrook und Harden koexistieren können, erübrigt sich. Dieselben Vorbehalte wurden nach der Addition Chris Pauls laut, nach Saisonstart aber ziemlich schnell wieder leise. Die Vermutung liegt nahe, dass D'Antoni wie zuvor CP3 Westbrook früher auf die Bank holt, um ihn dann als Anführer der zweiten Garde wieder aufs Feld zu schicken, sobald sein bärtiger Teamkollege eine Verschnaufpause erhält. Westbrook zeigte sich in beiden Jahren an der Seite von Paul George durchaus in der Lage, gegebenenfalls dem anderen Superstar das Scheinwerferlicht zu überlassen.


In Houston wird Westbrook auf exzellente Schützen wie Eric Gordon, P.J. Tucker, Gerald Green und Harden selbst treffen, auch das fand er in Oklahoma City vor allem in den letzten Spielzeiten so nicht vor. Die pure Präsenz dieser Shooter wird ihm Räume verschaffen, die er zuletzt in seiner sportlichen Heimat nicht hatte, sodass Westbrook seine große Stärke, den Zug zum Korb, in Houston effektiver ausspielen kann, anstatt wie zuletzt häufiger auf Notwürfe zurückgreifen zu müssen.

Darüber hinaus ist Westbrook ein exzellenter Rebounder, prozentual der beste Rebounder unter den Guards der Liga, was den Rockets (28. in Rebound Percentage, 29. am eigenen Korb) zugute kommen wird. Das zuletzt gegen Harden praktizierte Full Court Pressing respektive ein Doppeln Hardens ist mit Westbrook auf dem Parkett ebenfalls nicht mehr klug, denn gegen die explosiven Drives der Rückennummer 0 geht ein 4-gegen-4 oder gar eine Unterzahlsituation nicht lange gut.

Kurzum: Houston erhält eine Triple Double Maschine in seiner Prime, erfüllt dem eigenen Superstar James Harden einen sehnlichen Wunsch und erhöht damit die eigenen Chancen auf den Titelgewinn 2020.


Doch an dieser Stelle endet die Analyse nicht, zu Ungunsten Houstons: Denn der Deal birgt tiefe Schattenseiten. Zunächst die wirtschaftliche: Westbrooks Vertrag ist nicht sonderlich angenehmer strukturiert als der Pauls. Voll garantierte 168 Mio. $ stehen dem Aufbauspieler in den nächsten vier Jahren zu, alleine im letzten Vertragsjahr 2022/23 eine Player Option über 47 Mio. $: Eine Menge Geld für einen dann 35-Jährigen, der auf dem Parkett von seiner Athletik und Durchschlagskraft lebt.

Westbrook ist, wie bereits angedeutet, kein besonders guter Werfer, die Dreierquote von 29%(!) in der letzten Saison stellt ein dickes Fragezeichen hinter seine Eignung in Houstons „Moreyball“-System. Auch der hier unerwünschte Mitteldistanzwurf ist fest in Westbrooks Repertoire verankert, obwohl er auch jenen nicht sonderlich effektiv trifft.


Davon abgesehen tendiert Russ vor allem in entscheidenden Situation zu überhasteten Würfen und schlechten Entscheidungen – was einem Anlytics Guru wie Rockets GM Daryl Morey die Haare schlagartig ergrauen lässt. Houston pokert also und setzt darauf, dass Westbrook sich im hohen Basketballer-Alter noch ändert, von D'Antoni umerziehen lässt und in den wichtigen Phasen James Harden den Ball überlässt.

Dieses Risiko alleine würde einen direkten Tausch Westbrook für Paul rechtfertigen. Das Paket mit den zwei Draft Picks und zwei Pick Swaps macht ebendies aber umso schwieriger. 2024 und 2026 werden Harden und Westbrook in der NBA keine signifikante Rolle mehr spielen, die Chancen stehen gut, dass sich Houston selbst im Rebuild befindet und dann nicht über die hierfür so wichtigen Draft Picks verfügen darf.

Der Pick Swap 2021 ist zu vernachlässigen, in zwei Jahren wird OKC selbst noch tief in der Findungsphase stecken und keinesfalls eine bessere Mannschaft als Houston stellen. Der Swap 2025 jedoch, zwischen den beiden definitiv verpfändeten Picks, könnte umso schmerzhafter werden. Die Rockets bezahlen somit einen sehr hohen Preis für einen Spieler, der mit diesem Vertrag keinen großen Markt gehabt hat.

Daryl Morey ist bekannt dafür, derart große Risiken nicht einzugehen, die so weit entfernte Zukunft nicht zu opfern. Daher überraschen die Gerüchte aus inneren Kreisen der Organisation wenig, dass nicht Morey sondern Teambesitzer Tilman Fertitta die treibende Kraft hinter diesem Trade war. Fertitta ist entschlossen, sein Versprechen wahr zu machen, mit Harden eine Championship zu gewinnen – koste es, was es wolle.


Thunder

Aus Sicht Oklahoma Citys lässt sich der Trade kurz und kompakt zusammenfassen, denn er vergoldet die durch den Paul George-Trade geschaffene Perspektive in den bevorstehenden Zwanzigerjahren noch ein gutes Stück mehr.

Westbrook hätte den Rest seiner besten Jahre verschwendet und damit seiner ehrgeizigen Natur widersprochen, zudem den Thunder einige Prozente in der Draft Lottery gekostet. Der stattdessen erzielte Preis für George und Westbrook sucht seinesgleichen und unterstreicht, dass die Stärke von Thunder GM Sam Presti im Aufbau einer jungen Mannschaft liegt. Sollte Presti für Chris Paul nun noch ebenfalls wertvolle Draft Picks oder einen aussichtsreichen jungen Spieler herausschlagen, muss zwangsläufig über ihn als Executive of the Year diskutiert werden.


Für Prestis Thunder kann die Zukunft nicht früh genug kommen. Mit dem von den Clippers akquirierten Shai Gilgeous-Alexander steht ein potentieller neuer Franchise Player auf Westbrooks Position schon bereit. Dank weiterer Trades um Danilo Gallinari, Steven Adams, Dennis Schröder und Andre Roberson wird Presti die gigantische Payroll mindestens unter die Luxussteuergrenze senken und der kleinen Franchise aus dem Mittleren Westen damit neue Luft verschaffen.

Nach neun Playoff-Teilnahmen in den letzten zehn Jahren (die eine verpasste Postseason hauptsächlich wegen Verletzungen) werden die Thunder zumindest in der Spielzeit 2019/20 sportlich keine Rolle spielen und alle Blicke auf die Draft Lottery richten – dies jedoch mit Genugtuung, denn die nächste Ära, der nächste Kevin Durant, der nächste Russell Westbrook, der nächste James Harden lässt sich mit dieser Vielzahl an Picks nicht verfehlen.



Fazit 

Die Rockets stehen kurzfristig besser da, müssen jedoch in fünf bis sechs Jahren eine Billy King/Brooklyn Nets-Wanderung durch die Wüste der Irrelevanz befürchten. Sollte am Ende der Gewinn einer Championship herausspringen, wird dieser Einkaufspreis analog zu Kawhi Leonard und den Toronto Raptors herzlich egal sein. Bis es jedoch soweit ist, schwebt das Damoklesschwert von Westbrooks dickem Vertrag und der verpfändeten Picks über Ost-Texas.

Oklahoma City hat aus einer schwierigen Situation das über alle Spekulationen hinaus absolute Maximum herausgeholt und wird nach drei sang- und klanglosen First Round Exits sowie absurd hoher Luxussteuer-Zahlungen zum eigenen Glück gezwungen.

Vorteil: Thunder