07 Oktober 2019

7. Okt, 2019


Kevin Durant und Kyrie Irving in Brooklyn, Russell Westbrook in Houston, Jimmy Butler in Miami und in Los Angeles und New York regiert das 'kleine' Team... Willkommen zur NBA-Saison 2019/20! Als ersten Gang der 73. Spielzeit der Association serviert die Chefküche auch dieses Jahr Vorausschauen auf alle 30 NBA Teams, streng umgekehrt chronologisch nach Qualität und wie immer garniert mit unerschütterlichen Prognosen. Heute: Die Cleveland Cavaliers...

von JAN WIESINGER @WiesiG | 7. Okt, 2019

Flashback
19-63, keine Playoffs

Plus
Darius Garland
Dylan Windler
Kevin Porter Jr.
Jarell Martin
Daniel Hamilton
Sindarius Thornwell
Alex Robinson

Minus
J.R. Smith
Channing Frye
David Nwaba
Nik Stauskas
Jaron Blossomgame
Marquese Chriss
Deng Adel

Was ist Neu?
Die Cleveland Cavaliers finden sich nach dem schmerzhaften Absturz der letzten Saison, in der sie mit nur noch 19 Siegen ganze 31 Spiele weniger gewannen als noch in der vorhergegangen Saison mit LeBron James, inmitten eines klassischen Neuaufbaus wieder. Die Cavs stellten das Team mit dem ligaweit schlechtesten Defensivrating und landeten mit ihrem Record auf dem geteilten zweitletzten Rang der Saison – die letzten zehn Saisonspiele gingen dabei allesamt verloren.

Wie es scheint ein sinnvoller Zeitpunkt, um die ein oder andere Stellschraube zu verändern. Das wurde bereits im Mai Larry Drew zum Verhängnis, der seinen Platz als Cheftrainer an der Seitenlinie räumen musste. Drew hatte seinerseits nach nur wenigen Wochen und sechs Niederlagen zum Auftakt den ehemaligen Meister-Trainer Tyronn Lue ersetzt.

Neuer Headcoach wird nun John Beilein. Der 66-Jährige bringt über 44 Jahre Coaching-Erfahrung mit. Dennoch wird es sein erstes Jahr in der NBA. Die letzten zwölf Jahre trainierte Beilein die Michigan Wolverines im College Basketball.


Als NBA-erfahrenen Assistenten stellen ihm die Cavaliers J.B. Bickerstaff an die Seite, dessen zweijährige Bilanz als Head Coach der Memphis Grizzlies eher mäßig erscheint.

In der Offseason wurden insbesondere junge Spieler wie die drei Erstrunden-Picks Darius Garland, Dylan Windler und Kevin Porter Jr. addiert. Untätig im Neuaufbau war das Front Office um General Manager Koby Altman aber bereits in der zweiten Hälfte der Vorsaison nicht: Durch verschiedene Trades kamen gestandene NBA-Profis wie John Henson, Brandon Knight und Fan-Liebling Matthew Dellavedova nach Cleveland, die alle drei jeweils in ihr letztes Vertragsjahr gehen.

Beste Addition
Darius Garland ... Mit dem fünften Pick des 2019er-Drafts entschieden sich die Cavaliers für den 19-Jährigen, der ein Jahr College-Basketball-Luft bei den Vanderbilt Commodores schnuppern durfte.

Der 1,88 Meter große Point Guard baute auf seinem Weg in die NBA auf familiäre Unterstützung: Garlands' Vater Winston war selbst sieben Jahre Profi in der Liga und lief dabei von 1987 bis 1995 für fünf verschiedene Teams auf. Gelingt es seinem Sohn, die bereits angedeuteten Potenziale auszuschöpfen, könnte das eine deutlich erfolgreichere Karriere für Darius bedeuten.

Dessen Stärken finden sich am offensiven Ende insbesondere als Scorer. Garland weist ein gutes Ballgefühl und überdurchschnittliche, wenn auch nicht überragende Passfähigkeiten auf. Trotz seiner für einen Point Guard leicht unterdurchschnittlichen Körpergröße ist Garland schnell und mit guter Beinarbeit und Mentalität ausgestattet.

Alleinstellungsmerkmal ist jedoch sein sicherer Jumpshot, der eine beeindruckende Reichweite einschließt. Spannend wird zu sehen, ob Garland sein nur wenig gezeigtes College-Spiel in die Liga überführen kann und wie er in die Guard-Rotation der Cavs hineinpasst.

The Planet
Kevin Love ... Infolge der Entlassung von J.R. Smith sind aus der Meistermannschaft von 2016 nur noch Tristan Thompson und Kevin Love als dauerhafter Teil des aktuellen Cavs-Rosters verblieben (Dellavedova war zwischenzeitig ein Buck). Love ist dabei zweifelsfrei der uneingeschränkte Führungsspieler der Cavaliers und das zentrale Element, von dem die Planung der Franchise für die nächsten Jahre abhängig ist.







Ein Beitrag geteilt von Kevin Love (@kevinlove) am

Nach seiner Vertragsverlängerung über vier Jahre und 120 Mio. $ im letzten Sommer erlebte der reboundstarke Power Forward eine mit Verletzungen gespickte Pleitensaison und verpasste 60 der 82 Spiele seiner Cavaliers. Auch sein Auftritt in den verbliebenen Spielen kann keinesfalls als aussagekräftig betrachtet werden. Love entschied sich wie viele andere Stars im Sommer gegen eine Teilnahme an der FIBA WM in China.

Während Love in seiner vorletzten Saison als dritte Option noch fast die Hälfte seiner Feldwurfversuche hinter der Dreierlinie versuchte, von denen er bemerkenswerte 41,5 % erfolgreich verwertete, wird sich seine Offensivrolle verändern und wahrscheinlich auf mehr Minuten hinauslaufen. Der wahre Wert des 30-jährigen Kaliforniers generiert sich aber aus seinem möglichen Marktwert. Love könnte eine passende Ergänzung für ein Team mit Titelambitionen sein, ohne dabei noch zur Kaste der absoluten Superstars zu gehören.

Insbesondere seine Schwächen am defensiven Ende des Feldes und seine Verletzungsanfälligkeit dürften Fragezeichen in die Augen der aktionsfreudigen GMs treiben. Die verbleibenden 91,5 Millionen über die nächsten drei Jahre tun ihr Übriges. Sollte sich dennoch ein Team entscheiden, für Love zu traden, könnte das den Neuaufbau der Cavaliers weiter vorantreiben und den Kader mit jungem Potenzial auffrischen.

Rising Star
Collin Sexton ... Der achte Pick des letztjährigen Drafts fand in seiner ersten NBA-Saison bei den Cavaliers Idealbedingungen vor. Das brachte ihm immerhin den, wenn auch deutlich abgeschlagenen, fünften Platz beim Rookie of the Year-Voting ein. Sexton bekam mit 32 Minuten pro Abend ausreichend Spielzeit, um 16,7 Punkte aufzulegen. Dabei traf der ähnlich wie Neu-Rookie Garland veranlagte Guard dank eines statistisch starken Saisonendspurts über 40% seiner Versuche von Downtown, was nach Landry Shamet einen ligaweiten Bestwert für einen Rookie mit mehr als 20 Minuten Spielzeit bedeutete.


Auch wenn Garland und Sexton auf den ersten Blick als kleinere Scoring-Guards redundant erscheinen mögen, steckt dahinter klares Kalkül. Coach Beilein wünscht sich den positionslosen Basketball, was in der NBA eine Menge Lehrgeld kosten dürfte. Insbesondere defensiv ist bei Sexton wenig Glänzendes auch Gold. Das Real Plus-Minus des erst 20-jährigen Guards war der zweitschlechteste Wert hinter Atlantas Trae Young. An FiveThirtyEights Defensivkennzahl DRAYMOND gemessen ist Sexton gar der schlechteste Verteidiger der Liga. Hier gibt es eine Menge Aufwärtspotenzial.

Don’t Sleep! 
Cedi Osman ... Die Liste der auslaufenden Verträge bei den Cavaliers ist lang. Tristan Thompson (18,5 Mio. $), Brandon Knight (15,6 Mio. $), Jordan Clarkson (13,4 Mio. $), John Henson (9,7 Mio. $), Matthew Dellavedova (9,6 Mio. $) sowie Cedi Osman (2,9 Mio. $) brauchen spätestens nach der Saison ein neues Arbeitspapier. Alle sind noch im fähigen Basketballalter, sodass es statistische Ausreißer nach oben geben dürfte.

Der 24 Jahre alte Flügelspieler Osman wird nach der Saison Restricted Free Agent und dürfte auf eine deutliche Gehaltssteigerung hoffen. Im letzten Jahr bekam der Türke mit 32 Minuten pro Spiel ausreichend Spielzeit, die er aber nur bedingt nutzte. Zwar waren seine Zahlen solide, für höhere Aufgaben empfahl sich der Small Forward aber noch nicht. Osman muss daher den nächsten Schritt machen, um sich auch unter dem neuen Trainer für eine konstante Möglichkeit zur eigenen Weiterentwicklung zu empfehlen.


Beste Fünf
Garland – Sexton – Osman – Love – Thompson

Good News
+ Neu-Coach Beilein hat jahrzehntelange Erfahrung in der Spielerentwicklung, das macht ihn zum richtigen Trainer zur richtigen Zeit
+ Die Erwartungshaltung ist überschaubar, der Kader jung, der Trainer neu und ein langfristiger Plan ist durchaus erkennbar
+ Love blieb seit seinem Comeback im Februar verletzungsfrei und nimmt die schwierige Situation in Cleveland positiv auf
+ Die Cavs sind ein Team im absoluten Umbruch, das lässt die Entwicklungen und den Einfluss des neuen Coaching Staffs noch interessanter erscheinen

Bad News
- Defensiv dürften die unerfahrenen und mit wenig Plus-Verteidigern ausgestatteten Cavs einige Spiele von guten Teams vermöbelt werden
- Dem neuen Trainer wird der Übergang an die weniger strukturierten Spielsysteme und Abläufe der NBA zunächst schwerfallen
- Einen Abnehmer für Love und seinen voll bezahlten Teilzeit-Vertrag zu finden wird für GM Koby Altman keine einfache Aufgabe
- 129 Mio. $ Gehälter und damit Luxussteuer... für einen der schlechtesten Kader der Liga

Was fehlt?
Defensive, Erfahrung, Struktur. Ehrlich gesagt fehlt hier weiterhin eine ganze Menge. Beilein selbst muss den Übergang vom gänzlich anders akzentuierten College-Basketball schaffen, dabei einen weitestgehend aus unerfahrenen bzw. anderorts abgeschobenen Mix aus Spielern strukturieren und zusammenhalten, die ihrerseits jeweils alle auf neue Verträge bzw. erfolgreichere Arbeitgeber hoffen dürften.

Beilein ist als offener Kommunikator bekannt und suchte bereits im Vorfeld seines Engagements das Gespräch mit vielen Spielern der Cavaliers, aber auch anderen ehemaligen Michigan-Athleten. Der Coach gilt als detailversessener Basketball-Fanatiker, der viel Wert auf die Weiterentwicklung der individuellen Fähigkeiten seiner Spieler und den kulturellen Zusammenhalt des Teams legt. In Cleveland bekommt er die Möglichkeit, eine neue Ära einzuleiten. Was am Ende wirklich fehlt, sind also weitere Picks, die diesen Umbruch auch mitbegleiten können.

Check 1,2
Die neue Saison ist Ergebnis eines konsequenten Umbau-Prozesses, dessen Bausteine insbesondere durch die Trades in der letzten Saison gelegt wurden. Die Cavs gewannen hier einige Spieler mit kurzen Vertragslaufzeiten, von denen keiner für eine langfristige und teure Verpflichtung interessant sein dürfte.

Ebenfalls auslaufende Arbeitsverträge finden sich bei den Mittelgroß- bis Großverdienern Jordan Clarkson und Tristan Thompson. Für die nächste Saison stehen damit nur noch garantierte 55 Millionen in den Büchern, was eine Menge Gestaltungsspielraum bedeutet. Spielzeit ist bei den Cavs ein wertvolles Gut. Der nächste Trade scheint deswegen nicht allzu weit.

Fast jeder der Cavs-Spieler außerhalb der Rookie-Deals könnte dabei Ziel von Teams sein, die mit realistischen Playoff-Hoffnungen ausgestattet sind. Das Team ist weiterhin im scharfen Umbruch, dürfte aber die Talsohle der letzten Saison bereits durchschritten haben.

Die Rechnung, bitte