25 Dezember 2019

25. Dez, 2019


Es ist angerichtet! Die NBA bittet zu Tisch und hat auch dieses Jahr wieder ein spektakuläres Weihnachtsmenü zusammengestellt. Fünf Spiele am Stück, Basketball von 18 Uhr deutscher Zeit bis tief in die Morgenstunden. Willkommen zum – nach Playoffs und Finals – 'Next Biggest Day for Basketball' (Paul George).

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 25. Dez, 2019


18 Uhr: Boston Celtics (20-7) @ Toronto Raptors (21-9)



Den Anfang machen traditionell zwei Schwergewichte der Eastern Conference. Der amtierende Champion aus dem hohen Norden empfängt den Rekordmeister aus Boston. Beide Mannschaften sind – Verletzungen zum Trotz – stark in die Saison gestartet, was angesichts der Abgänge der jeweils besten Spieler Kyrie Irving und Kawhi Leonard keine Selbstverständlichkeit war.

Vor allem die Raptors spielen über den Erwartungen, da sich Most Improved Player Pascal Siakam mit 25,1 Punkten und 8,0 Rebounds im Schnitt direkt für eine weitere Auszeichnung zum meistverbesserten Spieler empfiehlt. Die Celtics scheinen derweil die tiefen inneren Graben des Vorjahres überwunden zu haben respektive nach Brooklyn (und New York) ziehen lassen.

Beide Mannschaften treten ersatzgeschwächt an. Die Raptors müssen kurzfristig auf Siakam sowie Marc Gasol und Norman Powell verzichten. Bei den Celtics wird der geplagte Gordon Hayward in Toronto auf dem Feld zurück erwartet, für Energizer Marcus Smart kommt das Spiel dagegen zu früh. Smart wäre als Kettenhund von Torontos Kyle Lowry ein signifikanter Faktor gewesen.


Obwohl Boston und Toronto seit Jahren um die Krone des Ostens mitspielen und auch dieses Jahr Kandidaten für die Conference Finals sind, trafen sie noch nie in den Playoffs aufeinander. Die bisher einzige Partie der Saison entschieden die Celtics am 26. Oktober mit 112-106 im heimischen Garden für sich. Schon am kommenden Sonntag, dem 29. Dezember, wird es zur erneuten Revanche kommen, dann wieder in Boston.

X-Faktor: „Next Man Up“ wird in Toronto groß geschrieben. Beim 30 Punkte-Comeback gegen die Dallas Mavericks am vergangenen Sonntag, dem größten der Franchise-Geschichte, wurde der ungedraftete und bislang weitgehend unbekannte Chris Boucher mit 21 Punkten zu einem der Sieggaranten. In Abwesenheit Siakams, Gasols und Powells (bzw. in Anwesenheit im Anzug) wird die Bühne frei für Boucher und weitere Nobodys wie Terence Davis und Malcolm Miller.

Marquee Matchup: Kemba Walker gegen Kyle Lowry. Die beiden Point Guards sind das Herzstück ihrer Mannschaften und jeweils der Topscorer unter den aktiven Spielern. Lowry wird wohl zusammen mit Fred VanVleet Kemba direkt verteidigen, bei den Celtics bleibt abzuwarten, was sich Coach Brad Stevens für Kyle Lowry einfallen lässt, wer sich in Abwesenheit Smarts des gegnerischen Aufbaus annehmen soll.

Orakelei: Die Kelten stellen selbst gegen Toronto in Bestbesetzung auf dem Papier die bessere Mannschaft. Ohne Gasol und Siakam lassen sich Bostons Schwächen in der Zone kaum gewinnbringend nutzen, daher spricht eigentlich alles für die Gäste. Dennoch wird sich der Champion an diesem besonderen Abend am Heimvorteil (13-3 auf heimischem Parkett) sowie den noch wachen Erinnerungen an den vergangenen Juni beflügeln.

Letztes Jahr an Weihnachten gewann Boston gegen die Philadelphia 76ers in Overtime, ein weiteres Drama ist den Raptors in dieser Verfassung allemal zuzutrauen. Mehr aber nicht: Die Celtics entscheiden das Weihnachtsduell knapp für sich, allerdings erst in den letzten beiden Minuten oder in der Verlängerung.


20.30 Uhr: Milwaukee Bucks (27-4) @ Philadelphia 76ers (22-10)



Mit zwei weiteren heißen Kandidaten auf die Eastern Conference Finals geht es zur besten deutschen Sendezeit weiter. Die Bucks stehen als Primus des Ostens unangefochten an der Spitze, haben 21 der letzten 22 Partien gewonnen und werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mindestens bis in besagte Conference Finals Heimvorteil haben.

Beim Weihnachtsspezial treten sie allerdings auswärts an – und das ändert einiges, zumindest für ihren Gegner. Denn die Sixers sind auf fremdem Parkett nicht wiederzuerkennen (7-8 Siege), in heimischen Gefilden dafür bisher bei 17 Anläufen erst zwei Mal besiegt worden.

In Philadelphia muss Milwaukee ohne seinen etatmäßigen Point Guard Eric Bledsoe antreten, für ihn wird mutmaßlich Routinier George Hill starten und den primären Ballhandler der 76ers, Ben Simmons, verteidigen. Bledsoe wurde beim letzten Treffen beider Teams im vergangenen April nach einer Auseinandersetzung mit (Überraschung!) Joel Embiid frühzeitig zum Duschen geschickt. Doch auch ohne Bledsoe sind Schlagabtausche mindestens verbaler Natur vorprogrammiert.


Der Showdown an Weihnachten ist die erste von vier Begegnungen der Regular Season und somit auch eine frühe Standortbestimmung für ein mögliches Wiedersehen in den Playoffs.

X-Faktor: Die jeweiligen Dreierschützen. Giannis und die Lopez-Brüder auf der einen Seite, Embiid und Horford auf der anderen: In der Zone wird nicht viel zu holen sein, das macht das Händchen der Distanzwerfer noch wichtiger als im modernen Basketball ohnehin schon.

Bei Milwaukees einziger Niederlage seit Anfang November, am 17.12. gegen die Dallas Mavericks, trafen sie karge 27% (11-41) von Downtown. Ähnlich erging es den Sixers bei ihrer kleinen Niederlagenserie vergangene Woche: 19,2% (5-26) gegen die Brooklyn Nets, 30,8% (12-39) gegen die Miami Heat, 29,4% (10-34) ebenfalls gegen die Mavericks.

Tobias Harris auf Seiten der 76ers sowie Khris Middleton auf Seiten der Bucks werden als beste Schützen daher besonders im Fokus stehen.

Marquee Matchup: Philadelphia gegen Milwaukee lässt sich ohne weiteres mit Antetokounmpo gegen Embiid zusammenfassen. Die beiden Franchise Player sind auch die besten Spieler der Eastern Conference. Die Bucks tun gut daran, ihren MVP am eigenen Korb nicht im direkten Duell gegen Embiid zu verheizen, umgekehrt ist der Kameruner einer der wenigen in der Liga, der Antetokounmpo körperlich Paroli bieten kann.

Zudem bringt Philadelphias Center gesundes Selbstvertrauen mit, um Giannis von seiner Komfortzone fern zu halten. Sollte der „Greek Freak“ allerdings sogar gegen Embiid und Horford dominieren, wird sich der Osten zurecht fragen, ob überhaupt ein Weg existiert, die Bucks von ihren ersten Finals seit 1974 fern zu halten.

Orakelei: Milwaukee geht als Favorit ins Spiel – die Hochform, Tiefe des Kaders sowie die neugewonnene Treffsicherheit Antetokounmpos von Downtown (44,4% im Dezember) spricht für den Tabellenführer. Weil jedoch am Weihnachtsabend viel passieren kann, weil sich Bledsoes Fehlen vor allem in einem Spitzenspiel wie diesem bemerkbar macht, weil das hitzige Publikum Philadelphias ihre Mannschaft nach vorne peitschen wird und weil die 76ers ein Statement dringender brauchen als die Bucks, gelingt ihnen die Überraschung.


23 Uhr: Houston Rockets (21-9) @ Golden State Warriors (7-24)



Die wahren Finals 2018 und die wahren Western Conference Finals 2019. Eine sportliche Rivalität, einseitig, doch definitiv publikumswirksam. Die letzten beiden Serien zwischen Houston und Golden State erreichten die höchsten Einschaltquoten einer Playoff-Runde zum jeweiligen Zeitpunkt der Post Season.

Ein Wiedersehen an Weihnachten ist daher nur folgerichtig, wenn auch dieses Jahr die sportliche Brisanz fehlt. Die Dubs ohne Kevin Durant, Stephen Curry, Klay Thompson, Andre Iguodala und Shaun Livingston sind nur noch ein Schatten des Schreckens, der die Liga seit Mitte des Jahrzehnts nach Belieben heimgesucht hatte. Nach fünf Mal Finals in den letzten fünf Jahren steht Golden State auf dem letzten Platz im Westen und hat in dieser Spielzeit außer von der Draft Lottery im Frühjahr nichts mehr zu erwarten.

Die Rockets um ihr MVP-Duo James Harden und Russell Westbrook befinden sich derweil weiterhin miten im Titelrennen und haben acht ihrer letzten zehn Spiele gewonnen. Insbesondere Neuzugang Westbrook agiert nach einem eher durchwachsenen Start mit 29,1 Punkten sowie respektablen 36,4% von der Dreierlinie in den letzten acht Spielen deutlich verbessert.


Bei umgekehrten Machtverhältnissen im Vergleich zu den letzten Aufeinandertreffen steht die Favoritenrolle außer Frage. Houston entschied das bisher einzige Duell in dieser Saison am 7. November mit 129-112 klar für sich. Golden State geht als krasser Außenseiter in dieses Heimspiel, immerhin aber mit dem Rückenwind von zwei Siegen in Folge. Für sie eine Seltenheit in der Saison 2019/20.

X-Faktor: D'Angelo Russell als einziger zuverlässiger Scorer der Warriors wird Hilfe benötigen, um Antworten auf die feuerkräftigen Texanern zu finden. Seine beste Option heißt Alec Burks, der im Dezember immerhin knapp über 17 Punkte pro Spiel auflegt. Bei der Generalprobe gegen die Minnesota Timberwolves steuerte Burks 25 Zähler und somit einen maßgeblichen Anteil am Sieg bei.

Marquee Matchup: James Harden gegen ganz San Francisco. Mit knapp 40 Punkten im Schnitt ist „The Beard“ der Scoring-Titel bereits sicher, allein im Dezember erzielte er drei Mal über 50. Im Scheinwerferlicht der Weihnachtsspiele wird Harden ein weiteres Ausrufezeichen für das MVP-Rennen setzen wollen, die schwer dezimierten Warriors (24. im Defensiv-Rating) entsprechend nur vereint eine Antwort auf Harden finden, was wiederum Grundvoraussetzung ist, um das Spiel so lange wie möglich offen zu gestalten.

Orakelei: Dieser besondere Abend ist für die verbliebenen All-Stars Draymond Green und D'Angelo Russell eine der wenigen Gelegenheiten, die derzeitige Situation erträglich zu gestalten und dem verlorenen Jahr ein klein wenig Süße zu geben. Deshalb halten sie ihre Krieger bis ins vierte Viertel im Spiel, müssen sich aber letztlich doch der qualitativen Überlegenheit der Rockets geschlagen geben.


2 Uhr: LA Clippers (22-10) @ Los Angeles Lakers (24-6)



Der Kampf um Los Angeles ist fraglos der Main Event des Abends, mit Kawhi Leonard und Paul George gegen LeBron James und Anthony Davis der Gabentisch reich gedeckt – erst recht unter dem Vorzeichen der Stadtrivalität.

Die Franchise mit der glorreichen Vergangenheit und 16 Meisterschaften auf der einen Seite, der kleine Bruder ohne Titel, gar ohne Einzug in die Conference Finals, dafür ausgestattet mit dem Image des ewigen Verlierers auf der anderen. In den letzten zehn Jahren waren die Umstände freilich umgekehrt – die Lakers chaotisch, die Clippers gut organisiert und spektakulär (jedoch ohne den ganz großen Erfolg).

Nach dem ereignisreichen letzten Sommer sind nun zum ersten Mal in der langen Geschichte der Association beide Mannschaften aus Los Angeles zur gleichen Zeit hochprominent bestückt und ernste Anwärter auf den Thron. Sie stellen jeweils eine Top-8 Defensive und Offensive sowie zwei sichere All-Stars. Das macht den direkten Showdown zu Weihnachten unumgänglich.

In Bestform geht aber weder Lila-Gold noch Rot-Blau in dieses Highlight-Spiel. Die Lakers verloren zuletzt drei in Folge, die Clippers zwei von drei – wobei hier Verletzungen von LeBron James und Anthony Davis respektive das berühmt-berüchtigte Load Management von Kawhi Leonard eine Rolle gespielt haben.







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2016 standen sich die Lakers und Clippers schon einmal an Weihnachten zum 'Battle of Los Angeles' gegenüber. Damals gewannen die Lakers 111-102, von den Protagonisten auf beiden Seiten steht heute jedoch kein Spieler mehr im Aufgebot. Die bisher einzige von insgesamt vier zu spielenden Partien entschieden die Clippers zum Saisonauftakt mit 112-102 für sich. Am 29. Januar und 8. März 2020 kommt es zum erneuten Aufeinandertreffen.

X-Faktor: Schon im Spitzenspiel gegen die Milwaukee Bucks am vergangenen Freitag hatten die Lakers mit der gegnerischen Bank erhebliche Schwierigkeiten. Die Clippers können sich derweil auf den seit Jahren ligaweit besten sechsten Mann, Lou Williams, verlassen, der im Verbund mit Big Man Montrezl Harrell der zweiten Garde der Lakers schon vor dem Tip-Off Kopfzerbrechen bereitet.

Umso dringender braucht Coach Frank Vogel nicht nur eine Antwort auf das schlagkräftige Bank-Duo der Clippers, sondern einen echten Sahnetag seiner zweiten Reihe, etwa von Kyle Kuzma, Kentavious Caldwell-Pope oder Alex Caruso.

Marquee Matchup: Kawhi Leonard gegen LeBron James. Beide brauchen keine weitere Vorstellung.

Orakelei: Das Star-Duo der Lakers hatte zuletzt mit Verletzungen zu kämpfen, wird sich das prestigeträchtigte Duell mit dem Stadtrivalen jedoch nicht entgehen lassen. Ihre Präsenz wird auch nötig sein, denn einer alleine genügt nicht, dieser schieren Übermacht der Clippers beizukommen. Selbst mit LeBron und AD in Bestform wäre es – vorsichtig ausgedrückt – ein kompliziertes Matchup.

Gegen strauchelnde und angeschlagene Lakers wird der kleine Bruder keine Gefangenen machen, Williams und Harrell je über 20 Punkte auflegen. Die Clippers gewinnen auch das zweite Stadtduell.


4.30 Uhr: New Orleans Pelicans (8-23) @ Denver Nuggets (21-8)



Den Abschluss macht eine Partie, die im Sommer bei Ansetzung des Spielplans interessant aussah, inzwischen aber von der Realität eingeholt wurde. Die Pelicans mit dem nächsten großen Namen der NBA, Zion Williamson, gegen die ebenso jungen und hungrigen Nuggets um Nikola Jokić.

Nun hat Zions Knie der ganzen Saison der Pelikane einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der erste Pick des Drafts 2019 wird erst im neuen Jahr sein NBA-Debüt feiern. Unabhängig davon spielt New Orleans eine enttäuschende Runde, bei ihrer Vielzahl an guten Spielern waren sie zumindest im Rennen um die Playoffs erwartet worden. Stattdessen steht fast der gesamte Kader in Gerüchteküche zur Trade Deadline im Februar, was immer dem Handtuchwurf für die laufende Saison gleicht.

Die Nuggets haben sich derweil von ihrem mäßigen Start in die Spielzeit 2019/20 erholt und zuletzt sieben Spiele in Folge gewonnen. Angeführt von ihrem serbischen Triple-Double-Kleiderschrank ist mit Denver im Rennen um die vorderen Ränge der Western Conference zu rechnen.


Daher ist die Geschichte um dieses finale Weihnachtsspiel auch schnell erzählt. Die Pelicans reisen als krasser Außenseiter in die Mile High City (Denver steht zu Hause bei 13-3 Siegen), für die Gastgeber ist dieses Spiel nicht mehr als eine Pflichtübung.

X-Faktor: Brandon Ingram gehört offenbar nicht zu den Spielern, die von der Führungsriege der Pelicans für den Trade-Markt verfügbar gemacht worden ist. Ohne Williamson läuft das Spiel von Coach Alvin Gentry primär über den schlacksigen 22-Jährigen (im Schnitt 25,0 Punkte, 7,1 Rebounds und 3,8 Assists). Für ein Szenario, in dem New Orleans die Partie weitgehend offen hält, braucht es Ingram in Bestform.

Marquee Matchup: Derrick Favors gegen Nikola Jokić. Neben Williamson fehlte den Pelikanen auch Favors im frühen Saisonverlauf. Mit dem Ex-Jazz als Zonenpräsenz wäre ihr Sturz eventuell nicht so tief ausgefallen. Jedenfalls ist Favors New Orleans' einzige Antwort auf Denvers Topscorer (stimmt aktuell nicht ganz), Toprebounder und Topvorlagengeber in Personalunion.

Orakelei: Neben den Rockets und Warriors die deutlichste Angelegenheit des Abends. Alles spricht für Denver, ein zweites Mal wird sich die Truppe von Coach Mike Malone nicht die Butter vom Brot nehmen lassen: Zu Saisonbeginn am 1. November waren die Pels beim ersten Aufeinandertreffen noch siegreich, in diesem Fall wiederholt sich die Geschichte nicht. Die Nuggets siegen klar.