15 Dezember 2019

15. Dez, 2019


'Tis the Trade Season! Seit dem heutigen 15. Dezember dürfen die allermeisten Spieler, die im Sommer einen neuen Vertrag unterzeichnet haben, für Trades verfügbar gemacht werden. Dieser Stichtag eröffnet den 30 General Managern der Association zahlreiche neue Möglichkeiten und somit auch traditionell die Jagdsaison. Auf dem Weg zur Deadline am 6. Februar 2020 kredenzt die #NBACHEF-Redaktion wie immer die wichtigsten Trade Chips. Heute: DeMar DeRozan.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 15. Dez, 2019


Als sich die San Antonio Spurs im Sommer 2018 gezwungen sahen, ihren Superstar und Franchise Player Kawhi Leonard zu traden, hatten sie eine fixe Idee: Anstatt Draft Picks und junge Spieler zu fordern, wie es in einer solchen Situation eigentlich üblich ist, um einen Rebuild voran zu treiben, bestand die Franchise um GM R.C. Buford (inzwischen CEO) und Coach Gregg Popovich auf Wettbewerbsfähigkeit.

Gegenwart statt Zukunft, gestandene All-Star Qualität statt Perspektive. Daher einigten sie sich mit den Toronto Raptors auf ein Paket um den vierfachen All-Star DeMar DeRozan, der zusammen mit dem siebenfachen All-Star LaMarcus Aldridge die Wettbewerbsfähigkeit garantieren und eine neue Generation Spurs als Vorbild anführen sollte.


Eineinhalb Jahre später ist dieser Plan, zumindest der erste Teil, gescheitert. Die Spurs erreichten zwar die Playoffs 2019 und rangen den zweitplatzierten Denver Nuggets sieben Spiele und damit beinahe den Einzug in die Conference Semi-Finals ab. Dem folgte aber ein durchwachsener Sommer, der seinen Negativhöhepunkt fand im DeAndre'schen Rückzieher Marcus Morris' sowie dem gegenwertslosen Trade Davis Bertans' zu den Washington Wizards, welcher nur ausgeführt worden war, um Platz für Morris zu schaffen.

Weil der inzwischen 34 Jahre alte Aldridge langsam vom Zahn der Zeit eingeholt wird (Net Rating: -8,0), weil von den vielen jungen Spielern einzig der Österreicher Jakob Pöltl einen merklichen Sprung gemacht hat und weil die Spurs mit 10-15 Siegen nur auf dem elften Platz der Western Conference stehen, droht den Texanern zum ersten Mal seit 1997 die Zuschauerrolle in den Playoffs.

Das schiebt DeRozan in die Gerüchteküche, denn der Vertrag des Ex-Dinos sieht eine Player Option in Höhe von 27,7 Mio. $ für den kommenden Sommer vor – eine Option, die er mutmaßlich verstreichen lassen wird. Auf eine vorzeitige Vertragsverlängerung einigten sich beide Partien trotz Gespräche vor der laufenden Saison nicht.

DeMar hat die besseren Karten, in der besonders schwachen Free Agency-Klasse 2020 wird er wenigstens den Preis seiner Player Option auf dem freien Markt erneut erzielen und mit seinen dann fast 31 Jahren einen letzten langfristigen Vertrag unterschreiben können, der ihm in der Form im Folgesommer mit dann 32 Jahren womöglich nicht mehr vorgelegt werden würde.

San Antonio droht also der erneute Abgang ihres besten Spielers, was die Trade Deadline am 6. Februar zur letzten Chance macht, aus dem wichtigsten Puzzlestück des Kawhi-Deals einen nachhaltigeren Erlös zu generieren. DeRozans Wechsel in der Free Agency wäre für die Spurs nicht zu kompensieren, weder personell (der Jahrgang 2020 bietet wie erwähnt kaum Möglichkeiten) noch finanziell (die Spurs hätten selbst in diesem Fall keinen Cap Space, sofern sie nicht von Aldridges ungarantiertem 24 Mio. $ schweren Vertrag für 2020/21 trennen).


Trotz all dieser Gründe stehen die Hürden für einen Trade DeRozans hoch: Zum einen halten die Spurs zur Deadline traditionell die Füße still – der letzte Deal während der laufenden Saison geht auf den Februar 2014 zurück (Nando DeColo für Austin Daye, ausgerechnet mit den Raptors). Zum anderen bleibt es weiter schwer vorstellbar, dass die Popovich-Spurs den Win-Now Modus verlassen und für DeRozan junge Spieler und Picks fordern, wie es in ihre derzeitige Situation eigentlich verlangt.

Einen anderen Akteur von All-Star Qualität für den 30-Jährigen zu erhalten ist praktisch unmöglich, erst recht da DeRozans Player Option den Marktwert erheblich senkt. Ohne Commitment zu einer Vertragsverlängerung werden die wenigen Interessen kaum die Schatulle öffnen.

Ob die Spurs DeRozan überhaupt verfügbar machen, entscheiden die kommenden Wochen. Bei einem positiven Verlauf und reeller Aussicht auf einen der unteren Playoff-Ränge wird San Antonio sein Ziel der 23. Post Season in Serie mit aller Macht verfolgen, den besten Spieler also keinesfalls opfern, stattdessen das Risiko eines Abgangs im Sommer bedenkenlos tragen.

Sollte sich jedoch keine Trendwende einstellen und im Falle einer Negativserie Rang acht sogar frühzeitig außer Reichweite geraten, werden zumindest intensivere Verhandlungen um die Rückennummer 10 wahrscheinlicher. Die denkbaren Gesprächspartner sind...


Orlando Magic

Die Magic stehen nach einem verhaltenen Start bei nur 11-14 Siege. Das reicht zwar derzeit für den letzten Playoff-Platz der Eastern Conference, jedoch nur knapp. Der drohende Absturz aus dem Playoff Picture bleibt ein stetiger Begleiter, solange Orlando seine grundsätzlichen Probleme nicht löst: Die Magic sind 26. im Offensiv-Rating, 29. in der True Shooting Percentage und 28. in der Effective Field Goal Percentage.

Es bedarf keines professionellen Analysten um zu erkennen: Coach Steve Cliffords Kader fehlt es an Feuerkraft, er ist zu ausrechenbar. Und hier kommt DeRozan ins Spiel: Der ehemalige Raptor verfügt zwar über keinen stabilen Distanzwurf, würde jedoch an der Seite von Evan Fournier – Orlandos Topscorer mit gerade mal 20,2 Punkten – das Spektrum deutlich erweitern, zumal er auch als (sekundärer) Ballhandler die größte Schwachstelle in Orlandos Spiel, ein fehlender Point Guard von Format, zumindest kaschieren könnte. DeRozans defensive Unzulänglichkeiten würden wiederum von Cliffords defensivorientiertem System aufgefangen werden.


Orlando wäre einer der ersten Ansprechpartner, weil sie vor allem auf den großen Positionen ein Überangebot an begabten Youngstern aufweisen, namentlich Aaron Gordon, Jonathan Isaac und Mo Bamba. Gerade Ersterem sind die Schuhe eines Franchise Players weiterhin zu groß, der teamorientierte Spurs-Basketball würde ihm womöglich besser stehen, diese wiederum müssten keine Entwicklungsarbeit leisten, sondern erhielten einen 24-Jährigen, der derzeit durchschnittlich 14 Punkte und sieben Rebounds auflegt.

Für einen Trade dieser Größenordnung müsste jedoch die erwähnte Verpflichtung DeRozans notwendig werden, über den Sommer hinaus zu bleiben.


Detroit Pistons

Zwar haben die Pistons nicht die Schwierigkeiten der Magic (9. im Offensiv-Rating), laufen jedoch ebenso den eigenen Erwartungen hinterher (11-15 Siege, Rang zehn) und suchen schon seit Jahren gehobene Qualität auf dem Flügel.


Weil ihr Franchise Player Blake Griffin mit sich selbst und der eigenen Verletzungsanfälligkeit zu kämpfen hat, brauchen die Pistons umso dringender Beständigkeit, einen offensiven Fixpunkt, um die Chancen auf die Playoffs zu konservieren. DeRozan ist Detroits wohl beste halbwegs realistische Option, im Idealfall würde er zusammen mit Griffin zu dem Duo wachsen, das DeMar mit Aldridge sein sollte, jedoch nie wurde.

Ein Trade mit den Spurs wird sich für die Pistons aber noch schwieriger gestalten als für Orlando, denn damit er überhaupt rechnerisch funktioniert, muss Detroit Reggie Jacksons auslaufenden Vertrag oder aber Andre Drummond involvieren. Ersterer ist für San Antonio (und den Rest der Liga) gänzlich uninteressant, Zweiterer aufgrund San Antonios bestehendem Personal auf Drummonds Position nur mit einem zusätzlichen Tauschpartner realisierbar, der für den Center etwas von Wert anbietet. Diesen zu finden wird kompliziert, noch komplizierter als sich Verhandlungen mit den Spurs ohnehin gestalten.


Los Angeles Lakers

Die Lakers um ihr Star-Duo LeBron James und Anthony Davis pflügen durch die Liga, stehen mit 23-3 Siegen auf dem ersten Rang der Western Conference und haben somit eigentlich keinen Grund, irgendetwas zu verändern.

Eigentlich – doch dass Los Angeles zu LeBron und der Monobraue einen dritten Star akquirieren wollte, ist hinlänglich bekannt. Ebenso, dass besagter Star im Sommer in der Free Agency nicht zu haben sein wird, erstens wegen bereits erwähnter kaum frei werdender Qualität, zweitens wegen des nicht vorhandenen Cap Spaces, sobald Davis wie erhofft seine Unterschrift unter einen Maximalvertrag setzt.

Um der (vor allem stadtinternen) Konkurrenz nicht nur in der Regular sondern auch in der Post Season gewachsen zu sein, brauchen die Lakers einen dritten Topspieler – DeRozan könnte die Antwort sein. Denn er ist „Straight Outta Compton“ und hätte seine Raptors freiwillig höchstens für die lila-goldene Jugendliebe verlassen. An Motivation bis in die Haarspitzen würde es nicht mangeln. Zur James'schen Erfolgsformel der Meisterschaftsjahre bei den Miami Heat und Cleveland Cavaliers fehlt neben dem vorhandenen dominanten Big noch ein spielstarker Guard. Auftritt DeRozan?

Los Angeles müsste sich für eine Addition dieses Kalibers sicherlich von Kyle Kuzma trennen, der im Sommer bei den zähen Verhandlungen um Davis nie zur Debatte stand. In der laufenden Saison allerdings passt der 24-Jährige nicht so recht ins Gefüge und rennt – auch aus Verletzungsgründen – eher hinterher, als dass er seinen Beitrag zur sehr guten Zwischenbilanz leistet. Das macht ihn womöglich entbehrlich (sofern LeBron dies wünscht, versteht sich).

Fraglich bleibt ohnehin, ob die Spurs überhaupt Geschäfte mit ihrem historischen Rivalen machen respektive bereit sind, den Lakers bei der Formierung eines neuen All-Star Trios behilflich zu sein.


Miami Heat

Auch die Heat sind gut in Fahrt, mischen oben in der Eastern Conference mit und stellen in Tyler Herro, Kendrick Nunn, Duncan Robinson gleich drei aufregende Newcomer. Wer allerdings Miamis Paten Pat Riley nur ein klein wenig kennt, der weiß, dass in South Beach größer gedacht wird, zumal die Frage nach den Problemspielern Dion Waiters (zum dritten Mal im Laufe der Saison suspendiert) und James Johnson (wurde wegen Übergewichts vom Trainingscamp heimgeschickt) ungeklärt bleibt.

Beide sitzen auf relativ hoch dotierten Verträgen (zusammengerechnet fast exakt DeRozans Salär), die gemeinsam mit Draft Picks und gestandener Qualität wie der von Justise Winslow oder Goran Dragić sowie einem der genannten Talente ein Paket schnüren, das den Spurs zumindest mittelfristig mehr verspricht als ihr gescheitertes Duo DeRozan/Aldridge.




Toronto Raptors

Auf den ersten Blick absurd, auf den zweiten auch, auf den dritten immer noch bloß ein Szenario für hoffnungslose Basketballromantiker. Die Rückkehr des verlorenen Sohns wäre sicherlich die Feelgood-Story der Saison und würde den Raptors helfen, die Kluft zur Spitze des Ostens zu verringern. Eine Rückkehr zumindest in die Eastern Conference Finals hätte neuen Treibstoff gewonnen.


Um ein solches Gedankenspiel überhaupt theoretisch möglich zu machen, müsste Toronto jedoch einen der auslaufenden Verträge von Marc Gasol oder Serge Ibaka in den Topf werfen, für die sie in San Antonio keine Gegenliebe erwarten dürfen und für die es auch ligaweit nichts zu holen gibt.

So bleibt die Rückholaktion eher ein Wunschtraum, wenngleich Torontos starkem Mann Masai Ujiri ein derartiger Coup trotz allem zuzutrauen ist.


Fazit

Sehr viel spricht für, allerdings auch sehr viel gegen einen Trade. Weil sich nach aktuellem Stand kein großer Markt für den 30-Jährigen auftun wird und die Spurs ihren Fokus auf die Playoffs respektive den Win-Now Mode nicht so schnell aufgeben, erscheint ein weiterer DeRozan-Deal eher unwahrscheinlich. Im schnelllebigen NBA-Geschäft kann sich das bis zum 6. Februar aber kurzfristig ändern.