29 Januar 2020

29. Jan, 2020



von ANNO HAAK @kemperboyd | 29. Jan, 2020

23+1

Er war der Michael Jordan meiner Generation.

Was meine Altersgenossen und mich segnet. Ob man ihn für vergleichbar mit dem Größten hält oder nicht. Die Generationen vor der des originalen MJ und die Generationen nach mir haben keinen Michael Jordan.

LeBron kann das nicht sein. Er ist zu wenig Egozocker, er ist zu wenig manisch. Von dem ersten Heat-Jahr abgesehen war er stets und immer zu sympathisch. Zu sehr Student des Spiels. Zu sehr Gelehrter mit dem Willen zur Mentorenschaft. Mehr Robertson als MJ. Mehr LeBron als alles andere.

Steph Curry will das gar nicht sein. Das liegt an der wenig gravitätischen Spielweise so sehr wie an der bisweilen fast kindischen Persona. Wenn die Kohle auf dem Tisch liegt und er es grinsend, Dreier netzend von der Tischkante sammelt, wirkt er wie ein hochbegabtes Kind unter Männern, nicht wie ein streibarer Egomane.

Er war die Zwischengeneration, haben manche gegreint. Jordan noch (erst noch ganz, ab 2001 dann halb) da, James auf dem Weg, aber noch nicht überlebensgroß. Er war ein halber Held, Shaq Diesels Oktan, kein Truckloader aus eigener Vollkommenheit. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Kobe.

Und überhaupt: There is no such thing as generation in NBA. A legend in his own right. Or a nobody. Kobe ist das Letztere, meinen viele. Die Rekordzahl an Fehlwürfen und das egoistische Gebricke am Ende der einzigartigen zwei Jahrzehnte liefern das Futter.


Unordnung

Seit er 17 ist, hat jeder eine Meinung. Vielleicht hat er nur Glück gehabt, dass er schon zehn  Jahre in der Liga und dreifach beringt ist, als ihm die jeder via soziale Medien entgegenrotzen kann. Spätestens da steht er im Grunde schon über den Dingen. Wie Jordan zu einer Zeit, als die Frage nur noch war, ob er mehr Ringe als Magic sammelt.


Wer sich für Sport interessiert, und ja, begeistert, der wächst mit Legenden wie ihm auf. Als er gedraftet wurde, kindlich wie er war, schaute ich versonnen auf das wenige Tage alte Zeugnis, das mir die mittlere Reife bescheinigte. Als er ging, dauerte meine berufliche Karriere bereits fast zehn Jahre an.

Die jetzt viel beschriebenen Momente sind mir nicht geblieben. Spiele, an die ich mich erinnere, hat er mir nicht hinterlassen. Ja die Irrsinswürfe gegen Phoenix, ja die Übernahme einer ganzen Halle gegen Utah, ja die 81 Punkte. Aber mitgefiebert habe ich fast nie. Bindungen an einzelne Abende waren selten.

Reiben aber konnte man sich immer. Dieser manische Wille, alles dem sportlichen Vermächtnis unterzuordnen, musste einem nie gefallen. Zum Knuddeln wie LeBron 2012 oder Jordan am Vatertag wurde er nicht ein einziges Mal. Er war fast zu groß, zu unbegreiflich im buchstäblichen Sinne.

Wer könnte sich selbst den Spitznamen "black Mamba" geben, nachdem er einen Vergewaltigungsprozess überstanden hatte, und nicht einen Sturm aus Peniswitzen, Lachhaftigkeit und Scheiße auslösen? Nur er, nur Kobe. Man brauchte keine Identifikation mit ihm. Er war immer da. Solange er spielte, waren die Lakers relevant, lugte man stets mit einem Auge nach Tinseltown. Wie Washington, als Jordan den Spieler-GM gab.

Abu El Banat / mein Connex

Was ihn zur Ikone meiner Generation machte, war der Wille, sich stets neu zu erfinden, ja zu häuten. Vom überambitionierten Wunderkind zum Intriganten, der Shaq verjagte und Trades zu Jordans Fanchise forderte, zum Anführer der eigenen Dynastie zum Mentoren der Generation nach ihm.


Zum Vater. Das fasste mich persönlich an dieser Tragödie so an, trotz aller larger than life-Persönlichkeit und jenseits der natürlichen Traurigkeit, die einen erfasst, wenn jemand, der fast genauso jung wie man selbst ist, viel zu früh stirbt.

Die Attitüde, zu der er als Rentner fand, und von der er sprach, ließ mich plötzlich mit ihm fühlen, mich in ihn versetzen. Dass nach Hause kommen und zu hause zu bleiben wichtiger ist als ein Lakers-Spiel zu analysieren, seine Töchter höhere Priorität haben als die Neuerfindung der Medien oder Kurzfilm-Oscars. Dass nichts werthaltiger ist als ein emotionales Zuhause gefunden zu haben. Es rührte mich, dass ihm das wichtiger zu sein schien als alle Ringe und alle grünen Scheine und aller Basketball.


Ja, es fasst mich auch an, zu überlegen, wie unvollendet sein Dasein bleiben wird. Wie viel er mit seinem Drive, seinem Willen zur Perfektion hätte bewegen können in der zweiten Lebenshälfte, die das Schicksal ihm nahm. Ich hätte ihn gerne begleitet, bis wir beide alt und grau sind und als (Stief-) Väter von längst erwachsenen Töchtern mit schlechten Prothesen vom Krieg erzählen, damals als Vlade Divac der Geburtshelfer der Lakers-Dynastie war.

Dear Kobe

Und doch: ich war gesegnet, einen der Größten groß werden zu sehen. Einen der Größten aller Zeiten. Es wird keinen mehr geben wie ihn. Der letzte Maniker, der größte Zocker, der komplexeste Mensch unter den Großen des Basketballs meines Lebens, eben der Michael Jordan meiner Generation. Es ist gut, wie es war. Es war perfekt, so lange es währte.

Und deshalb wage ich, seine Ode an das orangene Leder zu zitieren und auf ihn und seinen plötzlichen, viel zu frühen Tod zu münzen:

"My heart can take the pounding
My mind can handle the grind
But my body knows it’s time to say goodbye.
And that’s OK.
I’m ready to let you go.
I want you to know now"

Adieu, Michael Jordan meiner Generation.